Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 8 (22.2.1935)
- Date
- 1935-02-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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; »IE WAHRHEIT .Nr. Ü Zl. Februar 1935 beite a Vom ung. Landeskongreß 1868 zur Landesversammlung I93ö. Von Dr. A. Fürst, Budapest Am 30. Juli 1868 unterschrieb Franz Josef I. die allerhöchste Entschließung, kraft welcher Kultusminister Baron Josef von E ö t v ö s die 220 Delegierten der erst jüngst emanzipierten Juden Ungarns für den 10. Dezember desselben Jahres zu einem „Allgemeinen israelitischen'Landeskongreß" einberief. Jahrzehntelange Bemühungen der Besten der Nation waren diesem Akte der Judenbefreiung vorangegangen, die in der geraden Entwicklungslinie der ideal-liberalen politischen Tradition von 1848 gelegen war. In seiner Eröffnungsrede sagte der Minister u. a.: „Der Qesetzartikel XVIl-1867 hat die Israeliten des Landes in der Ausübung ihrer bürgerlichen und politischen Rechte mit ihren christlichen Mitmenschen zu gleichberechtigten Bürgern gemacht. Die Aufgabe des Kongresses soll es sein, zu bewerkstelligen, daß die in diesem Vaterlande lebende israelitische Konfession auch als Religionsgenossenschaft eine ebenso freie, unabhängige, autonome Körperschaft bilde wie die autonomen christlichen Kirchen" — nämlich die evangelischer, reformierten und Unitarier. Schon bei dieser Gelegenheit betonte Eötvös. der Kongreß werde bloß die äußere Organisation der Verwaltung festzustellen haben, sowie die Regelung des konfessionellen Unterrichtswesens, daß ihm aber jeder Einspruch und Eingriff in die Fragen von Religion und Ritus versagt sei. So sollte sich also das ungarische Judentum aus eigener Kraft- und Machtvollkommenheit eine „Kirchenveriassung" geben, aus welcher die Fragen der Kirche selbst ausgeschaltet sein sollten. Dies schien unter den obwaltenden Umständen, da sich das konservative Kulturzentrum Preßburg mit seinen westlichen und östlichen Ausläufern schon längst dem Reformgeist der ..Pester Kreise" entgegengestellt hatte, da d'e unbedeutendsten Anlässe: ein schwarzer TemDel Vorhang am Tischo-beav. Talar und Mütze des Rabbiners, Ort des Almemors. Zeit der Gebete. Formalitäten im Scheidebriefen, zu tiefgehenden Konflikten und Zerklüftungen in einzelnen Gemeinden geführt hatten, fast ausgeschlossen. Die religiöse Mentalität sm'elte denn während des Knnsrresces auch in die Probleme der Organisation hinein. Wollten die „Modernen", den Prinzipien des ungarischen Staatswesens entsprechend, eine starke, zentrplistische Verfassung mit kirchlichen Behörden und Oberbehörden ins Leben rufen, so waren die Konservativen, eifersüchtig über die Selbständigkeit der Ein- /.elgemeinden wachend, jeder Kontrolle von oben ab- ''.-meief. von der sie die Möglichkeit einer ..fortschrittlichen" Ueberstimrnimg befürchten ("»ßten. F.bmsnwenie wollten die ..Gesetzeswächter" (Schonire hadath) vnti inrendeiner Form der Hierarchie wissen, d<e sie "'s uniüd'sch verpönten, worauf die Liberalen mit der völligen Ausschaltung jedes geistlichen Elementes aus der Verwaltung antworteten. Der Rabbiner als ..Angestellter der Oeme-nde" könne in deren Führung keine Rolle und Stille haben. Infolge dieser inneren Gegensätze und eines schon vor dem Kongreß einsetzenden, ganz beispiellos leidenschaftlichen KamDfes zwischen den Parteien, der in einer in die Hunderte gehenden Anzahl von Broschüren, bald geistlosen Schmähschriften, bald tiefgefühlten Mahnrufen, seinen literarischen Ausdruck fand, war dein Kongreß von Anfang an kein rechter Erfolg zu nroohezeien. Am bekanntesten im Auslände wurde die historisch-polemische Streitschrift des großen Leopold L ö w: Die jüdischen Wirren in Ungarn, von Leon da Modena redivivus, der vom Standpunkt des tatsächlich vorhandenen zweierlei Judentums den ganzen KonirreR mied und perhorreszierte. Wiewohl es an Persönlichkeiten großen Kalibers in keinem der beiden Lager mangelte, bestanden die Verhandlungen der 3S Sitzungen, die vom 10. Dezember 1868 b;s zum 1° Februar 1869 im Sitzungssaal des Pester Komitatssrebäudes tagten, zum srroßen Teil aus Taeesordnuncsdebatten und prinzipiellen Erklärungen des mosaico-rabbinico oder Schulchan-Aruch-Standpunktes, bis sich d'e Minorität der Konservativen gezwungen sah. unter Führung des ..deutschen Doktors" Israel Hildesheimer, der damals eine Rnbb'nerscb'ile in Eisenstadt 'leitete, den Exodus vorzunehmen. Der Kongreß tagte wohl weiter, schuf seine Kongreßstädten, d'e von Sr. Maiestät am 14. Juni 1869 in feierlicher Form bestätigt und bekräftigt wurden, doch d'e sich nunmehr als ..slaub^nstreue Vereinigung" organisierende konservative Fraktion mißte es durchzusetzen, daß das ungarische Abgeordnetenhaus — mit der Begründung, die Gewissensfreiheit Vernes Einzelnen antasten zu wollen — d>e Geltunsr der Kongreßstatnten für sie aufhob, der Orthodoc'e snear am 22. Oktober 1871 eme eigene, könieüch bestätigte Autonomie verschaffte. Damit «'ar d>'e Zweiteilung des imirarischen Judentums zur Wirklichkeit geworden: eme Tatsache, d'e aueh auf d;e Entwir-Hunc der westeuropäischen Judenheit nicht ohne Einfluß blieb. Das Prinzip der einheitlichen Autonomie, von dem noch Eötvös ausgegangen war. schien hiedurch hinfällig geworden. Im Lager der „Neologen" — so hießen sie fortan im Volksmunde — war die Enttäuschung groß, um so mehr, als die konsequente Erfüllung der Judenemanzipation, nämlich die staatliche Anerkennung und Gleichberechtigung der jüdischen Konfession als solcher, immer länger auf sich warten ließ. Erst das Jahr 1R95 brachte im Rahmen der damals viel umfochtenen kirchenpolitischen Reformen auch die Rektion des Judentums, was in der tatsächlichen Durchführung der konfessionellen Selbstregierung eigentlich kaum eine Aeuderung bedeutete. In Ermangelung eines gesetzlich ausgebauten Verwaltungsapparates, der die Zwistigkeiten innerhalb der sich zersolitternden und miteinander in Konkurrenzfehde liegenden Gemeinden zu schlichten berufen gewesen wäre, übernahm die Staatsgewalt diese Rolle, schuf durch Erlässe jüdische Matrikelkreise, regelte eigenmächtig das Besteuerungswesen der Gemeinden, untergrub sogar d'e Autorität der konfessionellen Schiedsgerichte, so daß von der sogenannten Autonomie kaum der Schein übrigblieb. Ein ewiger circulus vitiosus galt als Erklärung: ohne einheitliche Verwaltung keine Autonomie, ohne Autonomie keine Gesetzgebung. Zuerst ermannte sich wieder die Orthodoxie und gab sich 1905 eine verbesserte, straffe Zentralorganisation: die aus 100 Mitgliedern bestehende Landesrepräsentanz — darunter 40 Rabbiner —. die ihrerseits eine 15er-Zentralkommission und einen auf Lebensdauer betrauten Präsidenten der Landeskanzlei wählt. Trotz dieser überdeutlich gezeigten Geste hörten die Unifikationsbestrebungen in der ungarischen Judenheit nicht aui, man lief den „Separatisten" förmlich nach, doch diese zogen sich in ihre splendid isolation zurück und waren selbst während des Weltkrieges höchstens zur alten Strategie des „Getrennt marschieren, vereint schlagen" geneigt, wenngleich der zweite Satz der Parole nur zu oft in leidender Form in Erscheinung trat. Erst die im Jahre 1926 eriolgte Umbildung des ungarischen Oberhauses, in dem nunmehr zwei staatsrechtliche Vertreter der zwei separat organisierten Lager der jüdischen Konfession Sitz und Stimme erhielten, machte diesen Vereinheitlichungsbestrebungen ein Ende, worauf sich die dritte Fraktion der Status-quoante-Gemeinden beeilten, ebenfalls eine eigene Organisation auszubauen. Nun war der psychologische Moment gekommen, daß auch die „Kongreßjudenschaft" ihre veralteten und zum großen Teil wirkungslos gewordenen Statuten vom Jahre 1869 reformierte und ergänzte und sie den veränderten Verhältnissen anpaßte. Eine von den Vorstehern der Gemeindedistrikte ad hoc ernannte Kodifizierungskommission begann 1928 diese Tätigkeit, die dann seit dem Amtsantritt des Hofrates Samuel Stern, der als Präsident der Pester Israelitischen Kultusgemeinde auch zum Vorsitzenden der Landeskanzlei gewählt wurde, in regerem Tempo und in stetiger Fühlungnahme und Heranziehung der ersten juridischen Kapazitäten des Landes fortgesetzt und beendet wurde. Das mächtige Elaborat der „Ergänzenden Statuten" liegt nun im Druck vor, ebenso der 12 Bogen umfassende „Motivenbericht'* des Oberanwaltes der Pester Israelitischen Gemeinde, Dr. Emst Munkäcsi, der dessen tiefe staatswissenschaftliche Erudition erkennen läßt. Grundlage der Autonomie bilden die Einzelgemeinden, die in ihrer Gebarung selbständig, doch von ihrer unmittelbaren Oberbehörde, den Gemeindedistrikten, überwacht werden. Solche gab es im alten Ungarn 26 (ins Leben getreten 18), jetzt sind 10 vorgesehen, die wieder im Landessenat ihre höchste exekutive Behörde finden. Neben denselben soll eine aus 200 Mitgliedern bestehende Landesvertretung die dem Kongreß zuständigen Angelegenheiten erledigen, als Korporation die allgemeinen Interessen des ungarischen Judentums nach außen vertreten, mit Ausnahme aller rituellen, halachischen Fragen, die einem Landesrabbinersenat vorbehalten sind. Im Gegensatz zu den alten Statuten wird dem Rabbinerstand eine vielbetonte Rolle zugeteilt: in jeder der vielen, fast allzuvielen Behörden. Organe, Gerichte müssen Seelsorger in gewissem Prozentsatz vertreten sein. Wichtige Bestimmungen des Gesetzentwurfes befassen sich mit dem konfessionellen Schulwesen, das heute in Ungarn ja auch drei vollentwickelte Gymnasien umfaßt, mit den Rechten, Pflichten, Disziplinarangelegenheiten der Lehrer und sonstigen Beamten, von denen erstere zum fiwhTltw 10. bis 16. März 1935 (Rotunde bis 17. März) Luxus- und Gebrauchsartikel / Möbel / Sonderschau „Kunst im Handwerk" / „Elektrizität im Haushalt" / Neuzeitliche Gasgeräte" ' Reklamemesse ' Gewerbliche Kollektiv-Ausstellungen Sonderausstellung „Kampf dem Unfall" FRANZÖS. KOLONIAL - AUSSTELLUNG Textil- und Bekleidungsmesse ' Strickwaren ' Pelzmode Sonderausstellung WIRTSCHAFT IM AUFBAU „Oesterreich über alles — wenn es nur will" Technische Messe < Bau- und Straßenbaumesse '' Bürobedarf / „Der Realitäten-Vermittler und Verwalter" / Erfindermesse INTERN. AUTOMOBIL- UND MOTORRAD¬ AUSSTELLUNG .lagdausstellung / Schützen-Ausstellung LEBENSM ITTEL -AUSSTELLUNG Land- und forstwirtschaftliche Musterschau Bundesweinkost Mastviehschau: 15. bis 17. März BEDEUTENDE FAHRPREIS-ERMÄSSIGUNGEN! Messeausweise i S 6.- bei der Wiener Mcsse-Alctiengesellsdiaft. Wien VII., Messeplat; 1 - Eintrittskarten (:um einmaligen Besuch der Rotunde o d e r des Messepahstes und der Neuen Burg) a •> 3.50 bei den Kassenschaltern der Messehäuser. Teil staatlichen Behörden unterstehen. Größte Schwierigkeiten hat in der Vergangenheit und dürfte in der Zukunft jener S 180 bereiten, der die geteilte Besteuerung solcher Gemeindemitglieder vorsieht, die auf dein Gebiete einer anderen Gemeinde wohnen, als wo sie ihren Beruf ausüben oder Gut und Unternehmen besitzen. Die diesbezüglichen Verhandlungen haben schon bisher tiefgehende Verstimmungen zwischen den beiden Nachbargemeinden Ofen und Pest zu Tage gefördert und dürften noch aui dem Kongreß ihr Nachspiel haben. Ansonsten versprechen die Beratungen in äußerlicher Ruhe und Friedfertigkeit, in seelischer Gleichmütigkeit, fast Gleichgültigkeit zu verlaufen, — ihre Ergebnisse werden nichtsdestoweniger für die Zukunft des ungarländischen fortschrittlichen Judentums von größter Bedeutung sein. Rom. Die italienische Regierung hat den Oberrabbiner von Alexandrien, Prof. Davide P r a t o, früheren Rabbiner in Florenz, zum Großoffizier des Ordens der Krone 11 a 1 i e n sernannt. Anläßlich dieser hohen Auszeichnung hat der italienische Gesandte in Kairo an Oberrabbiner Prof. Prato ein herzliches Glückwunschschreiben gerichtet. Präsident der spanischen Republik wird der Maimonides-Feier beiwohnen. Das Madrider internationale Verkehrsbüro gibt folgendes Programm für die Maimonides-Feier Ende März in Cordova bekannt: Feierliche Gedenksitzung der Akademie der Wissenschaften und schönen Künste, Vorträge. Einweihung einer Maimonides-Bibliothek, literarische Veranstaltungen in der Sierra von Cordova. musikalische Abendfeste, Serenaden, ein Wettbewerb in andalusischem Gesang, ländliche Feste, ein historischer Stierkampf Der Schlußfeier wird der Präsident der spanischen Republik beiwohnen. Spanische Regierung stiftet drei Preise für Werke über Maimonides. Während der Rambam-Feiern in Cordova wird ein „Rambam-Institut für Wissenschaft des Judentums im Orient" gegründet werden. Die spanische Regierung hat drei Preise für die besten Werke über Maimonides (Rambam) ausgeschrieben. Immer genoß Spanien Bewunderung wegen seiner Beiträge zur Bereicherung universellen Wissens. F.inei seiner groSen Söhne war der berühmte Humanist Moises ben Maimon (Maimonides). Deshalb begeht die Stadt Cordoba (Spanien) die 800-jährige Wiederkehr seiner Geburt mit Feiern vom 23. bis 31. März 1935. Unternehmen Sie daher eine Reise nach Spanien, um ein Land kennen zu lernen, von dem seinerzeit die Kultur des Abendlandes ausging. Auskunft erteilt: Patronato Nacional del Turismo, en Madrid (Medinaceli 2) y Paris (12, Boulevard de la Madeteine). Zwecks Durchführung der Reise nach Spanien wende man sich an die führenden Reisebüros. nansl Blatt! Ii: 19