Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 8 (22.2.1935)
- Date
- 1935-02-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Mühe nimmt, die Bibelübersetzung von Martin Luther aufzuschlagen, findet er im Dritten Buche Moses, Kap. 19, V. 18 das Gebot der Nächstenliebe. Verlrote von Betrug und Haß durchziehen leitmotivartig die ganze Judenbibel. Der angebliche Jude aus Tarnopol ist daher ein sonderbarer Schwärmer, wenn er fortfährt: „Wir leben vom Geschäftemachen, darin liest unsere Stärke. Ob diese Geschäfte moralisch oder unmoralisch sind, ob sie auf Anständigkeit oder auf Betrug basieren, das kann uns wirklich ganz gleich sein, denn warum läßt sich der andere betrügen?" Ja, warum läßt sich der Arier betrügen? Warum läßt er sich die gerichtlich als Fälschung erwiesenen „Protokolle der Weisen von Zion'- noch immer als echt aufdisputieren und ermutigt dadurch noch plumpere Betrüger zu immer neuen, immer dümmeren Fälschungen wie z. B. diese ,yJudenbeichte", die noch folgende Herzensergüsse zeitigt: „Es war doch immer so: kein Volk konnte uns leiden, aber sie brauchen uns . . . aber wenn ich über alles so nachdenke — brauchen sie uns denn wirklich? Im verkehrten Falle hätten wir Juden es wohl anders gemacht; die Christen dürfen aber nicht anders, ihr Gott hat ihnen doch gesagt: .Liebet eure Nächsten, wie euch selbst' und das ist unser Glück! Ganz eigentümliche Menschen, diese Christen, sie sind stolz darauf, wenn wir sie untereinander authetzen, betrügen und zu Bettlern machen . . . Meine Tage sind gezählt Ich habe mich gegen mein Volk nicht versündigt denn ich handelte immer im Sinne meines Blutes und meines Gottes . . . Die Christen haben Künstler, Heerführer und große Volksführer. die ihren letzten Blutstropfen bereit sind, ihrem Volke zu opfern . . . Das haben wir nicht nötig, denn wir leben nicht vom Geben, sondern vom Nehmen." Das soll der rassen- und religionsbewußte Abkömmling einer Glaubensgemeinschaft geschrieben haben, die die furchtbarsten Opfer an Gut und Blut freudig hingegeben hat, um die rein ideellen Güter ihrer Religion in nie wankender Treue an Kind und Kindeskinder zu vererben, während im Dritten Reiche eben jetzt ein nationalsozialistische Witukind-Drama auf der Bühne anschaulich macht, wie sich die edelrassigen Sachsen durch Gewaltandrohung, denen sich sich die Juden niemals gebeugt haben, den Abfall vom Väterglauben und die Taufe erpressen ließen . . . Würdig dieser Verdrehung geschichtlicher Tatsachen schließt der angeblich jüdische „Patientenbrief": „Als Christ, ja, da könnte ich mich wohl als Schuft und Verbrecher bezeichnen, aber als Jude? Vor jedem Betrug wird uns bereits verziehen und deshalb können wir ruhig auf Gewissensbisse verzichten, die überlassen wir den andern, den Christen . . ." T. Es ist immerhin tröstlich, zu erfahren, daß der Christ, der den Betrug dieser „Judenbeichte" ersonnen hat, wenigstens von Gewissensbissen geplagt wird . . . Wer hat es ihm geschafft? Er ist offenbar ein Opfer jener aus edlerem Blute quellenden Moral, die es verschmäht, im Sommer mit Schuhbändern und im Winter mit Wollsocken zu handeln, sondern lieber zu jeder Jahreszeit den Stiefel verschleißt, der das Geistesprodukt antisemitischer Phantasie ist. Weil diese Fabriksmarke nicht mehr recht zieht, täuscht man ihre jüdische Herkunft vor. Der Trick ist nicht gerade neu. Im Mittelalter haben sich, wie Heine im „Rabbi von Bacharach" schildert, oft Antisemiten als Juden verkleidet, um tote Kinder in jüdische Häuser einzuschmuggeln und Ritualmordhetzen zu inszenieren. Indem Dr. Riehl als jüdischer T. — dem Leser steht es frei, sich für Tepp oder Trottel zu entscheiden — verkleidet vor seine Leser tritt, wandelt er also auf den Spuren ehrwürdiger Tradition .... Das Papsttum gegen das Ritualmordmärchen. *Vou besonderer Wichtigkeit ist das soeben erschienene Buch von Cecil Roth „The Ritual Murder Libel and the Jew. The Report by Cardinal Lorenzo Ganganelli (Pope Clement XIV)", The Woburn Press, London. Wir geben hiemit eine Inhaltsübersicht dieser bedeutungsvollen Neuerscheinung, deren Uebersetzung ins Deutsche der apologetischen Sache dienen würde. Das 1. Kapitel des Buches „The ritual murder libel and the Jew" bringt einen gedrängten Ueberblick über die Geschichte des Ritualmordmärchens, das zuerst in England 1144 auftauchte und in jüngster Zeit durch die bekannte „Ritualmordnummer" des Nürnberger „Stürmer" verbreitet wurde. Im 2. Kapitel wird die Stellung der katholischen Kirche zum Ritualmordwahn im Ablauf der Geschichte dargetan. Das folgende Kapitel berichtet, daß die polnischen Juden 1758 einen gewissen Jakob Selig nach Rom schickten, der beim Heiligen Stuhl die Juden gegen die sich häufenden Ritualmordbeschuldigungen verteidigen sollte. Der damals regierende Papst Benedikt XIV. (1746—1758) beauftragte das heilige Officium der Inquisition mit der Untersuchung, die ihrerseits den Kardinal Lorenzo Ganganelli (späteren Papst Clemens XIV. (1769—1774) als Gutachter bestellte. Das 4. Kapitel berichtet kurz den Inhalt des Gutachtens und den Fortgang der Angelegenheit. Sodann wird über die Veröffentlichung des Ganganelligutachtens, das erst mehr als lßO Jahre nach seiner Entstehung bekannt wurde, das Nähere mitgeteilt. Die entscheidende Veröffentlichung erfolgte im Zusammenhang mit dem B e i 1 i s p r o z e ß in Kiew (1913). Nach einem Briefe des Lord Rothschild (7. Oktober 1913) bestätigte der Kardinalstaatssekretär MerrydelVal (Brief vom 18. Oktober 1913) in einer beglaubigten Abschrift die Echtheit des Gutachtens und wünschte, daß seine Erklärung der Absicht Rothschilds dienlich sei. Durch diesen Brief erkennt nicht nur Merry del Val, sondern der Heilige Stuhl die Echtheit des Gutachtens und auch seinen Inhalt an. Eine wesentliche Feststellung! Es folgt sodann das Gutachten Ganganellis in italienischer Sprache und in englischer Uebersetzung. Das Gutachten, voll des interessantesten und wichtigsten Materials, kommt zu einer völligen Abweisung der Ritualmordbeschuldigung. Das Gutachten, das dem regierenden Papste vorgelesen wurde (Clemens XIII., am 10. Jänner 1760) wurde vom heiiigen Officium der Inquisition gebilligt. Aus dem Material der 7,Anhärige" sind der Abdruck der Weltproteste gegen das Ritualmordmärchen (1912), der Aufsatz der ,,Times (11. Mai 1934) gegen die Ritualmordnummer des ..Stürmer" und die Briefe des englischen Chiefrabbi Dr. J. H. Hertz („Times" 11. Mai 1934) und des Erzbischofs von Canterbury („Times" 16. Mai 1934) hervorzuheben. Dieser schreibt — der Schritt des Erzbischofs ist schon an und für sich etwas Besonderes — er und die 40 Vertretet der christlichen öffentlichen Meinung Englands schließen sich mit aller Kraft dem Protest gegen den Ritualmordwahn an. Das Bild des Kardinals Ganganelli und die-Photographien des Briefes, an Lord Rothschid sind dem hervorragend ausgestatteten Buche beigegeben. Synagogen-Schänder und Mörder. Vor dem Wilnaer Gericht hatten sich fünf Studenten der Universität wegen Teilnahme am Attentat auf die Synagoge in der Poplowskastraße und zwei Huligans außerdem noch wegen Raubmordes an einer Greisin zu verantworten. Als die letzteren nach dem Raubmord verhaftet wurden, fand man bei ihnen Aufrufe des „All-Polnischen Lagers", woraufhin sie gestanden, sie hätten mit den fünf Studenten das* Attentat auf die Synagoge ausgeführt und eine Reihe Attentate auf andere Synagogen, u. a. auch auf die Chor- Synagoge „Taharat-kodesch", geplant. Bei dem Attentat auf die Synagoge in der Poplowskastraße wurde das Innere des Gotteshauses vollkommen zerstört und ein betender Jude schwer verletzt. Fünf von diesen „Blüten der Nation" wurden zu Gefängnisstrafen von ein bis fünf Jahren verurteilt, zwei freigesprochen. Wir beenden hier die Sammlung von Zitierungen aus Aufsätzen und Reden des Mannes, dem Adoli Hitler dieser Tage so herzlich zum 50. Geburtstage gratulierte — wer erinnert sich da nicht an die Geburtstagsgrütulation des Führers an seinen Freund R ö h m? — und dem der Stadtrat von Ausburg aus dem gleichen Anlasse ein passendes Geschenk widmete — eine Reitpeitsche. 1934. Neujahrsartikcl im „Stürmer": Im Jahre 1933 sei es geglückt, die jüdische Oberherrschaft zu brechen; 1934 würde man eine Gesetzgebung schaffen, die die völlige Vernichtung der Juden in Deutschland bewirken werde: man dürfe nicht auf dem halben Wege stehen bleiben. 1935. Neujahrsartikel im „Stürmer" nimmt die Parole des Neujahrsartikels für 1934 auf: „Der Kampf geht weite r." Im Text heißt es: „Würden diese Menschen die Judenfrage als Weltfrage erkannt haben, dann müßten sie begriffen haben, daß mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus erst die Ausgangsstellung erobert wurde, von der aus die Arbeit beginnen kann, die zur endlichen Erschütterung der jüdischen Weltmacht zu führen vermag." _ Die Juden an der Saar werden von Julius Streicher sowohl im „Stürmer" als auch in Reden mehrfach zum Angriffsobjekt seiner Agitation gewählt. Im „Stürmer", Nr. 43 im Oktober 1934 ein als Zuschrift aus dem Saargebiet bezeichneter Artikel „Saargebiet und Juden". Darin heißt es: „Für uns Saarländer sind die Juden zu einer Plage geworden. Um so sehnlicher wünschen wir die Einverleibung mit dem Reiche, damit wir endlich von dem Joch der Juden und der Fremdherrschaft befreit werden." — Nr. 1 im Januar 1935 des „Stürmer", Ueberschrift des Leitartikels: „Die jüdische Pest an der Saar." Darin heißt es: „Das deutsche Volk an der Saar hat den Juden kennengelernt als Lügner, Hetzer. Rassenschänder. Betrüger und Verräter. Es sehnt den Tag herbei, wo es aus seinem Haus den jüdischen Unflat hinauskehren kann." In einer von vielen Tausenden besuchten Massenversammlung in Gelsenkirchen zeigte Julius Streicher unter anderem auch „die Hintergründe de~s verbrecherischen Treibens an der Saar" auf. „Wir glauben", so sagte er. „den Feind zu sehen und sehen ihn nicht. Nicht die Völker, nicht das französische Volk ist unser Feind. Feind ist allein der getarnte Jude, der an der Saar Max Braun heißt..." (Gegen diese bodenlose Verleumdung hat bekanntlich die ReichsvertretuTig der deutschen Juden öffentlich protestiert. D. Red.) Ein internationaler Antisemitenkongreß wird von Julius Streicher am 2. Juni 1934 angekündigt. In Nürnberg sollen Vorbereitungen getroffen werden. Zusagen aus Rumänien und Polen sollen vor- Iie£en. (Der internptionale Antisemitenkongreß hat dann später außerhalb Deutschlands und ohne deutsche Beteiligung stattgefunden.) Reuter-Interview vom 4. Juni 1934. Streicher säet zu dem Korresnondenten des endischen Nachrichtenbüros: Die Revolution von 1933 habe nur das politische Uebergewicht der Juden getroffen. Die paar tausend Juden, die Deutschland verließen, hätten dies lediglich weeen ihres schlechten Gewissens getan. — Streicher erwähnt in diesem Interview: Er sei das iüngste von 9 Kindern und seine Mutter habe ihm als Kind oft vorgehalten, er weide einmal ins Gefängnis kommen. Rede von Minister Göring in Nürnberg Ende Juni 1934: Dank und Anerkennung an Streicher; mit den Juden gäbe es keine Versöhnung. — Bericht nur in bayrischen Blättern; die große Presse darf über diese Rede nichts bringen. Zum Attentat in Marseille äußert Julius Streicher in einer Rede auf einer Kundgebung der Arbeitsfront im Oktober: Die Völker wollten den Frieden, aber geheime Mächte wollten den Krieg. Der Mörder in Sarajewo und der in Marseille seien Juden gewesen. (Beide waren keine Juden.) In einer Rede vor leitenden Männern von Industrie, Handel und Gewerbe sagt Streicher: „Wir erleben auch noch eine von Juden reine deutsche Wirtschaft. Daß wir auf dem Wege dazu sind, fühlen Sie alle." (Bericht in der „Frankfurter Zeitung" vom 27. Oktober 1934.) Rede in Gütersloh, November 1934, bei einer Kundgebung der Deutschen Arbeitsfront. Er wendet sich dagegen, daß in Westfalen Nationalsozialisten noch in jüdischen Geschäften kaufen. „Wenn das bei mir in Nürnberg einer wagen würde, so würde er angespuckt." Bei der Weihe eines Gefallenendenkmals: „Adolf Hitler will den Frieden, . . . der ewige Jude aber will den Krieg." 500 deutschstämmige Aerzte in Fürth hören am 3. Dezember eine Rede Julius Streichers und stimmen einer Entschließung zu: Daß die schwersten Strafen, die Unfruchtbarmachung, eingeschlossen, für jede versuchte oder vollendete körperliche Gemeinschaft zwischen deutscher Frau und Judenstämmling gesetzlich eingeführt würden. (Ganzseitige Darstellung in Wort und Bild in der „Fränkischen Tageszeitung" vom 3. ßezember). 3000 Rechtsanwälte und Richter aus Nordbayern hören in München eine Rede Streichers. Die Ehe eines Juden mit einer nichtjüdischen Frau müsse mit dem Tode bestraft werden. Der Jude habe ganz andere Blutkörperchen als der nordische Mensch. (Bericht in der „Fränkischen Tageszeitung" vom 14. Dezember.) Als „Reichskommissar für die Judenfrage" wird Julius Streicher bezeichnet im „Kalender der deutschen Jugend 1935" (Erschienen Januar 1935), der im Auftrag des nationalsozialistischen Lehrerbundes herausgegeben wurde. Das von Streicher für die kindlichen Leser geschriebene Kapitel „Antisemitismus" entspricht dem Inhalt des „Stürmer". Ebenso die den einzelnen Kinderblättern beigegebenen Sprüche. Den Kindern wird hier unter anderem gesagt: „Du mußt der Feind des . . . Juden sein. Du bleibst ihm Feind, solange er lebt Zwischen ihm und Dir gibt es . . . keine Versöhnung." NS-Lehrerbund gegen jüdische Rechtsanwälte. Eine Anordnung der Hauptamtsleitune des Amtes für Erziehung in der Reichsorganisationsleitung der NSDAP bestimmt, daß es den Mitgliedern des NS- Lehrerbundes, gleich, ob sie Mitglieder der Partei sind oder nicht, verboten sei, sich durch jüdische Rechtsanwälte vertreten zu lassen. Wer gegen diese Anordnung wesentlich verstoße, werde aus dem Lehrerbund ausgeschlossen.