Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 8 (22.2.1935)
- Date
- 1935-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 8 — 22. Februar 1935 DIE WAHRHEIT Vorfahren in der Zeit nach dem babylonischen Exil überhaupt in Palästina gelebt haben. Und diese Vielspältigkeit durchwirkt die gesamte Geschichte des Judentums. Sie ist auf einige wenige Grundspältigkeiten zurückzuführen; an eine rührt Kobler: „Dem Glauben an die Auserwähltheit Israels entspricht und von ihm nicht zu trennen ist jene an die Echtheit des Menschengeschlechtes, die sich ebenso in den für alle Menschen verbindlichen, im Bunde Gottes mit Noah besiegelten Gesetzen wie in den Weissagungen der Propheten von der Herankunft eines messianischen Friedensreiches kundgibt. Diese Polarität waltet in jüdischem Wesen, in jüdischer Geschichte. Kanaan und Aegypten, gelobtes Land und Zerstreuung, Wanderung und Heimkehr sind die Urformen, in welchen sich das jüdische Geschichtsschicksal vollzieht" Diese Polarität waltet aber nur in der Gesamtheit des Judentums, sie waltet nicht in den einzelnen Judenschaften oder gar den einzelnen Juden. Hier steht es nicht anders als um die Polaritäten anderer Völker. Der Potsdam-Deutsche und der Weimar-Deutsche können sich wohl bisweilen in bedeutenden Persönlichkeiten vereinigen, doch zumeist wird der Einzelne dem einen oder andern Typus angehören. Aber Koblers Antithese trifft gar nicht das Wesentliche. Denn es handelt sich ja nicht um den Gegensatz von Auserwähltheit und Hingabe an die Menschheit, sondern um den von Auserwähltheit und Hingabe an das Volk, in dem die Juden, oft jahrtausendelang, siedeln. Und weiter: Millionen Juden erkennen heute, gerade aus Religion, den Gedanken der Auserwähltheit gar nicht an. Und abermals: Religion und Volkstum waren im Judentum eins, für Millionen Juden sind sie es noch, aber für andere Millionen nicht mehr; und dieser Unterschied schafft nun zahllose Abstufungen und Ueberschneidungen. Aus solchen Gegensätzen und Widersprüchen erwächst die unendlichfaltige Problematik, die man „die Judenfrage" nennt; aus ihr auch der Gegensatz zwischen Zionisten und Nichtzionisten, aus ihr aber auch wenigstens, zum Teil, die bekannte Uneinigkeit der Juden. Sie erzeugt die starken Gegensätze im zionistischen Lager, sie macht, daß die kleine jüdische Bevölkerung von Palästina in etwa ein Dutzend Parteien gespalten ist. Kobler weiß um diese Gegensätze, sein Werk spiegelt sie, und er formuliert: „Der Kampf dieser Gegensätze spielte sich vielfach im Leben des Einzelnen in einer und derselben Brust ab." Diesen Kampf verspüren wir auch ün Wesen Koblers selbst; denn er hat vor Jahren ein anderes bedeutendes Sammelwerk herausgegeben, das die Probleme von Gewalt und Gewaltlosigkeit behandelte und von jeglicher wie immer gearteten nationalen Verkündigung weit entfernt war. Am Schluß druckt Kobler einen bedeutenden Brief Martin Bubers ab, in dem zwischen dem Ur-Bezirk, dem jüdischen, und dem Um¬ Bezirk unterschieden wird. Aber eben diese Formulierung führt zur Erkenntnis neuer Unterschiede und Gegensätze, die innerhalb der einzelnen Judenschaften und, darüber hinaus, im Wesen des einzelnen Juden leben. Nur wer die Lehre von Blut und Rasse bedingungslos übernimmt, kann das Judentum als Urbezirk schlechthin, den anderen Bereich als Um¬ Bezirk anerkennen. Solche Betrachtung vernachlässigt aber wesentlich andere Faktoren. Schon der Begriff des Bodens, der doch für die völkische Lehre überaus wichtig ist, wird hier nicht oder nicht genügend ausgewertet. Zahlreiche Juden sitzen seit Jahrtausenden oder Jahrhunderten auf ihrem Boden innerhalb des Um-Volkes. Seit einem Jahrhundert teilen hunderttausende Juden das Schicksal des Volkes, in dem sie wohnen. Wohl müssen wir sagen: nur seit einem Jahrhundert; und trotzdem ist die geschichtliche Frage verstattet: welche Ahnen sind für einen Menschen wichtiger, die ihm nächsten Generationen, die schon unter ähnlichen Bedingungen gelebt haben wie er, in verwandten Zeiten, oder die fernen, die in völlig anderen Epochen, unter völlig anderen Verhältnissen existierten? Und wer waren diese Ahnen der einzelnen Juden? Lebten sie in Palästina, in Babylon oder in den großen Städten des Mittelmeers? Auch diese Unterfragen, und weitere, sind von höchster Wichtigkeit. Und eine dritte Macht wird bei weitem unterschätzt: die Sprache, die „Muttersprache". Ina Seidel, die hohe deutsche Dichterin, sagt in ihrem Vortrag „Dichter, Volkstum und Sprache", nach dem ihr soeben erschienener reicher Essay- Band benannt ist: „Aber nicht nur die Elemente der Blutsverbundenheit und der gemeinsamen Bedingtheit des äußeren Lebens sind es, durch die der Dichter dem Volk seiner Herkunft verhaftet ist: zauberischer und mächtiger waltet ein anderes, das er mit dem ärmsten Bruder von der Landstraße wie mit den Gewaltigen der Nation teilt gleich der Lebensluft und dem Lebensraum: die Sprache ist es — die Mutter Sprache! Und ich bitte Sie, dies so zu verstehen, wie ich es meine, nämlich, daß die Sprache Mutter ist — die uralte Mutter aller Kultur eines Volkes! Haben wir es jemals ganz erfaßt, daß wir mit unserer unendlich vielfältig " abgestuften und gegliederten Sprache, deren Urlaute wir mühelos und naturhaft wie die ersten Schritte erlernen, in vorläufig noch unerschlossenen Formeln den gesamten Erfahrungs- und Vorstellungsschatz unserer Vorväter bis in die grauen Zeiten des Mythos zurück übernehmen? Ist uns dies wobl bewußt, daß jedes Wort, das wir achtlos aussprechen, prall von Erinnerung ist, wie eine Frucht von den Säften der unzähligen Bäume, die zu ihrem Zustandekommen gekreuzt wurden?" Ganz ähnlich arbeitet Wilhelm von Scholz, einer der bedeutendsten Dichter, die Deutschland im letzten halben Jahrhundert hervorgebracht hat, in seinen Jugenderinnerungen die volkschaffende Macht der Sprache heraus. Durch die Sprache werden die einzelnen Judenschaften unterschieden. Ja, es ist durchaus wesentlich, ob jemand einsprachig aufwächst wie die deutschen und deutschösterreichischen Juden, oder zweisprachig, wie zum Beispiel Kobler, der im gemischten böhmischen Gebiet geboren ward. Diese Gedankenreihen können hier nur angeschlagen werden; ihre Bedeutung für die Judenfrage zu erschöpfen, würde ein Buch erfordern. Ganz kurz gedenken wir nur des höchst wesentlichen Werkes von Georg Schmidt-Rohr: „Mutter Sprache", dessen Untertitel heißt: „Vom Amt der Sprache bei der Volkswerdung", in dem auch von den deutschen Juden die Rede ist. (Als Nummer 12 der „Schriften der deutschen Akademie" 1933 bei Diederichs in Jena erschienen.) Es ist wahrlich ein Gewaltiges, daß das Hebräische, das für eine tote Sprache galt, sich als lebendig erweist. Ueberhaupt kann es heute keinen Juden geben, der nicht mit allerhöchster Achtung einen konsequenten Zionismus anerkennt, will sagen: einen, der in jeder Hinsicht die letzten Folgerungen zu ziehen bereit ist. Von der vielfältigen Problematik des zionistischen Staates kann hierbei durchaus abgesehen werden. Ueber alle Bedenken hinfort erkennen und bekennen wir: tutt Pension Echstcin Semmering Großes begibt sich dort. Jedoch, nur wer Bürger des palästinensischen Staates wird, nur der wird völlig, ohne Rest und Abzug, zum Juden im Sinne eines Volkes; für die außerhalb lebenden Judenschaften müssen, es sei ihnen lieb oder leid, unter allen Umständen, unter allen Staatsformen, unter allen Verfassungen jene geschichtlichen Gesetze fortwähren, die nun einmal über uns stehen. Dem Gesetz, wonach das Judentum angetreten ist, kann es nicht entfliehen; mindestens solange, als die Völker, selbst auf dem eng gewordenen Räume Europas, sich scheiden. Das Schicksal aller nichtpalästinensischen Juden ist tragisch; auszuweichen ist nicht möglich. Es vollzieht sich auf einer Ebene, für welche Begriffe wie „Halb- und Zwischenlösung" nicht mehr zureichen. Und eben diese Vielfältigkeit des jüdischen Komplexes bewirkt, daß die andern Völker vielspältig zu ihm stehen. Ein österreichischer Politiker hat geschrieben, — und zwar in einem Buche, das er zusammen mit einem Zionisten herausgegeben hat —: die österreichischen Juden müßten mindestens die Hälfte ihrer Vaterlandsliebe für Palästina vorbehalten, eine Aeußerung, die beweist, daß er von den tieferen Zusammenhängen nicht die geringste Vorstellung hat. Mussolini hingegen hat erklärt, daß die italienischen Juden nur ein Vaterland haben dürften, Italien, und daß für ein zweites Vaterland in ihrem Leben kein Raum sei. Das letzte Kapitel Koblersi heißt: „Die Krise der Assimilation." Wir halten das Wort „Assimilation" für ungenau; denn die Nicht-Zionisten zerfallen in mindestens vier Gruppen: solche, die sich völlig dem Um-Volk anähnelten und sich taufen ließen; solche, welche die Taufe nahmen und sich dennoch des Zusammenhanges mit dem Judentum bewußt blieben; solche, die das Judentum nicht verließen und sich dennoch dem Um-Volk bis ins Letzte anähnelten; solche, die sich dem Um-Volk als zugehörig empfinden und die jüdischen Elemente ihres Wesens dennoch zugleich bejahen. Zu dieser letzten Gruppe gehörte zum Beispiel Jakob Löwenberg, der Hamburger Poet und Pädagoge, der seinen autobiographischen Roman betitelte: Ihren Bfh&erftedarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung — Antiquariat MEttPMAWM TBCHMEtt, 10 Wien II-, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! 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Es ist das Verdienst des Koblerschen Buches, daß es die Gesamtheit dieser Gedankenmasse von Neuem aufwühlt, weil es aus Gesamtvorstellung und Gesamtgefühl hervorgegangen ist. Aber Kobler glaubt, mit seinem Buche Antwort und Lehre zu schaffen. Eben dies ist es, das wir, bei aller hohen Achtung vor seinem Werk, nicht anerkennen können. Wir sind der gewissesten Ueberzeugung, daß die Geschichte den Menschen die gewaltigen Mittel der Technik gibt, damit sich die getrennten Menschengruppen vereinigen. Die Einheit Deutschlands wurde, unter anderem, durch die Eisenbahn ermöglicht. Das Luftschiff schafft, zunächst, ein Gesamt-Europa; erst diesem Gesämt-Euröpä werden diese Fragen keine Fragen mehr sein (oder nur unwesentliche). Koblers Buch erregt, besonders in Wien, ungemeines Aufsehen. In den katholischen „Berichten zur Kultur- und Zeitgeschichte" wird hervorgehoben, daß man hier erst erkennt, mit welcher Wärme das deutsche Judentum am deutschen Leben Teil genommen hat. Es ist charakteristisch, daß man dies selbst in Wien nicht allgemein weiß. Von unserem Standpunkt aus müssen wir eben dies als ein besonderes Verdienst Koblers einschätzen, daß er in Urkunden zeigt: das deutsche Judentum als solches war nicht Schmarotzer am Deutschtum, und zahlreiche wertvollste Deutsche haben dies gefühlt und mit Juden in Selbstverständlichkeit als mit Volks- und Lands- und Sprachgenossen gelebt. Es war notwendig, auszusprechen, inwieweit wir die Grundlagen und Grundlehren des Koblerschen Buches nicht übernehmen können. Ueber diese Scheidung hinweg haben wir Franz Kobler für eine Leistung von großartiger geistiger Energie zu danken. Vielen ist jetzt erst die wahre Bedeutung dieses Mannes aufgegangen, den ein kleiner Kreis von Freunden seit langem hoch schätzt. Er erwartet selbst nicht daß man sein Buch ohne Kritik hinnehme; man muß sich mit ihm auseinandersetzen. Es ist eines der wichtigsten Bücher dieser Zeit. Es gehört in das Haus jedes deutschen Juden, jedes gebildeten Europäers überhaupt. Jüdischer Jugend-Klub der „Union" \ Samstag, den 23. rebruar, o utir abends j \ im Goldsaal des Cale silier : I., Schwedenpiatz Ahademle mit Tanz Unter Mitwirkung der Damen Mia Handel (Schule-Funk- :! freund), Alice Fischer, N. Stukart, E. Goldschmidt, der : ■ Ilerren Karl-Gerdo, Kurt Karsten, Egon Winterberg nnd ■ ■ des Klubs-Ensemble«. I j Beginn der Vorfrage 7,9l!hr Elnfrittsi.50 j