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Die Wahrheit · 1935-02-22 · Heft 8 (22.2.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 8 (22.2.1935)
Date
1935-02-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Erscheint *eden Freitag Redaktion und Administration: Wien II.. Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparfcasserhonto Wient A 100.918 51. Jahrgang Wien, 22. Februar 1935 Nummer 8 Das Schicksal des deutschen Judentums in Briefen, Von Ernst Lissauer (Wien). Ein bedeutsames Werk über Geschichte und Schicksal des deutschen Judentums ist — im Saturn-Verlag zu Wien — erschienen: „Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten", herausgegeben und erläutert von Franz Kobler. Eine wichtige Sammlung Wilhelm Bodes heißt: „Goethe in vertrauten Briefen der Zeitgenossen", und so könnte man Koblers Buch nennen: Das Schicksal der Juden in vertrauten Briefen. Er bringt Briefe, die Juden untereinander, die Juden mit Nichtjuden, die Nichtjuden untereinander gewechselt haben. Und es ist offensichtlich, warum Kobler gerade diese Form bevorzugt: Menschen wollen aufeinander wirken, und sie sprechen unbefangener, als wenn sie sich auf die Akustik der Oefientlichkeit einstellen; sie treten aus ihrem Ich heraus, sie geben Urkunden, aber diese sind nicht völlig von ihnen gelöst. Kobler hat eine Fülle oft entlegenen Stoffes zusammengetragen; aber dies ist nicht etwa eine unpersönliche Arbeit, die ein anderer ebenso gut hätte leisten können, vielmehr ist die Art, wie diese Briefe gesichtet, geordnet, aufgebaut wurden, durchaus persönlichste Leistung und Bekenntnis. Mehr: die Erregung, mit der Kobler den Stoff ergriff, atmet und pulst durch das ganze Buch, und der Tumult dieser Seele teilt sich dem Leser mit. Es ist ein aufwühlendes Buch. Kobler stellt in einzelnen Abschnitten größere und kleinere Charakteriken voran, die ausgezeichnete Bemerkungen enthalten, und er verbindet die Schreiben durch einen fortlaufenden Text, so daß sich das ganze wie ein geschlossener Abriß liest. Immer ist hinter den einzelnen Briefen und Briefstücken der weite Hintergrund des Zeitalters und die gesamte Problematik aufgetan. Kobler gehört der zionistischen Richtung an. Indes bemüht er sich, die Entwicklung mit voller Objektivität darzustellen, es gelingt ihm; dennoch, selbstverständlich, durchleuchtet seine Grundhaltung das ganze Werk. Wir anders Gesinnten werden den Zeitraum, den er schildert, zum Teil anders sehen. Davon später. Es sei ausdrücklich hervorgehoben, daß auch dieser Gegensatz die Hochschätzung des Buches nicht vermindern kann. Zwischen 1648 und 1750 geht „das jüdische Mittelalter" zu Ende. Das Ghetto besteht noch fort, aber es löst sich langsam auf. Dieser Zeitraum wird im ersten Teil behandelt. Hier stehen zumeist hebräische oder jüdisch-deutsche, noch nicht deutschsprachige Briefe. Sie sind oft in einem seltsam blumigen und pathetischen, mit biblischen Anspielungen durchsetzten Stil abgefaßt. So schreibt Salomo, der Sohn des Nikolsburger Oberrabbiners Chajim, an seine Eltern: „Wegen dunkler Nacht kürze ich die Rede. Nur Freude und Frohsinn meinem geliebten Vater, Lehrer und Meister, der Krone meines Hauptes, dem hochgeehrten und gerühmten Manne, kundig der Sprache der Weisen, des Deutens dunkler Worte, Meister der Gelehrsamkeit, unserem Lehrer, dem Herrn Rabbi Chaiim, es behüte ihn sein Fels und Erlöser, im friedlichen Verein mit seiner Gattin, meiner Mutter, der züchtigen und holdseligen Frau ohne Schuld und Fehl, der Rabbinerin Marka, soll leben, mit Euren Kindern, gesegnet seien sie von Gott dem Herrn, Amen!" Das Thorastudium steht im Mittel- Rasiere Dich gilt und billig punkt des geistigen Lebens. Der Kauimann Chanoch, Sohn des Israel Hamerschlag, macht seinem Sohn Aron Vorwürfe, daß er über seinem Geschäft das Studium der Thora vernachlässigt: „Statt dessen hast du gelernt, Tag und Nacht Geschäftl zu machen (ich habe dich zum Geschäftlmachen nicht erzogen) und ich fürchte, daß dich Gott, gelobt sei er, nicht strafen möge wegen Vernachlässigung des Thorastudiums." Diese umschlossene Welt öffnet sich. Der zweite Teil schildert die Aufklälung, die Zeit zwischen 1750 und 1790. Außer jüdische Mächte dringen ein: Rationalismus und Humanismus setzen sich durch, der dritte Staüd steigt empor. Mit Recht betont Kobler, daß das Judentum nicht schlechthin durch fremde Einflüsse überwältigt wird: jüdischer und abendländischer Geist ziehen sich wechselseitig an. Er vergleicht den Vorgang mit früheren Geschehnissen der jüdischen Geistesgeschichte — Philo von Alexandrien, Maimonides, Spinoza; — überhaupt bemüht er sich, die Ereignisse dieser drei Jahrhunderte in die gesamte Geschichte des Judentums einzuordnen. Moses Mendelssohn ist liebevoll gezeichnet, sein Briefwechsel mit Lessing, Nicolai, Lavater, Wieland, Herder, Kant in ausgiebigen Proben gespiegelt. Die Leidenschaft, mit der sich das deutsche Judentum dem deutschen Geist hingab, wird spürbar in dem Verhältnis von Marcus Herz zu Kant, den er als einer seiner ersten Apostel verkündigt. Der dritte Teil, „Geschlossene Tore — offene Salontüren", reicht von 1790 bis 1840; die Emanzipation schreitet fort, ihr Vorkämpfer, von enthusiastischem Elan dahingetragen, ist David Friedländer. Das Edikt von 1812 bringt die Gleichberechtigung der Juden. Aber die Emanzipation bedeutet nicht nur Lösung aus der mittelalterlichen Gebundenheit und Eintritt in die abendländische Welt, viele werden durch die Wucht der Bewegung vom Judentum losgerissen und nehmen die Taufe. In diesen Abschnitt fällt die Freundschaft zwischen Chamisso und Hitzig, Schleiermacher und Henriette Herz, die Ehe Friedrich Schlegels mit Dorothea, der Tochter Moses Mendelssohns, die zum Christentum übertrat. Besonders liebreich ist Rahel Levin dargestellt: mit zahlreichen Briefen, die sie aus. meerhafter Fülle erströmt, und in einer eindringlichen Studie, — der bedeutendsten des Bandes —, die aufzeigt, wie stark trotz der Tauie, trotz ihrer tiefinnerlichen Beziehung zum Christentum und Goetheschen Deutschtum, die jüdische Substanz in ihr fortwirkte. In den späteren Teilen sehen wir, wie das Judentum tausendfältig in das deutsche Leben hineinwächst Innerhalb des Judentums wird vor allem um die Reform der Liturgie gekämpft. Nach 1870 setzen entschiedene Rückschläge ein; im Ganzen aber bildet sich der Typus des jüdischen Deutschen, des Deutschen jüdischer Religion aus. Den vierten Teil führt Kobler von 1840 bis 1897, „Vom Wiener zum Basler Kongreß." Er endigt mit „Theodor Herzls Tat": „Als letzte der nationalen Erhebungen, die im neunzehnten Jahrhundert zu verzeichnen sind, hat sich an seinem Ende die des jüdischen Volkes vollzogen." Den fünften und letzten Teil, von 1897 bis 1922, überschreibt Kobler: „Die Krise der Assimilation" und schließt ihn mit der Ermordung Rathenaus. In den letzten Kapiteln werden die Beziehungen zwischen Deutschen und deutschen Juden immer dichter: Hebbels Jünger und Biograph ist Emil Kuh, Storni ist mit Kuh innig befreundet, mit Löwe, dem später von dem antisemitischen Demagogen Ahlwardt verleumdeten Gewehrfabrikanten, Anastasius Grün mit Ludwig August Frankl, Brahms und Billroth mit Joachim und so weiter. Man könnte ein dickes Buch der Freundschaft zwischen hervorragenden Deutschen und Juden füllen, wenn man stets auch nur wenige Briefe von beiden Seiten mitteilte. Und vollends, wenn man über den Bereich des Briefes hinaus griffe. Da ist die Rede, die Friedrich Theodor Vischer bei Auerbachs Begräbnis hielt; er erwähnt seinen „Stamm" und grüßt ihn gleichwohl und zugleich als Landsmann. Oder wir gedenken jenes Gesprächs, in dem Bismarck Eduard Oesfcrrefchisdies QaaWäls rabrtfcal Ueberau erhältlich von Simson. dem getauften Juden, dringend zuredet, trotz seinem hohen After die Präsidentschaft des Reichsgerichts nicht abzulehnen; er fragt ihn: „Was sind Sie eigentlich für ein Landsmann?", er denkt gar nicht daran, ihn als „Fremden" zu empfinden. * * Eine unabsehbare Fülle von Problemen wird in die^ sen Briefen erörtert oder doch berührt. Kobler versteht es, die Stimmen polyphon, symphonisch, neben-, über-, vor allem auch gegeneinander zu ordnen. Jedoch, wir ziehen gerade aus der Vielfalt des von ihm ausgebreiteten Stoffes, der von Juden und Nichtjuden geäußerten Meinungen und Gesinnungen andere Schlüsse als er. Kobler sagt, das Judentum dürfe sich künftig nicht mehr mit Halb- und Zwischenlösungen begnügen; wir aber sind überzeugt, daß es eine allgemein gültige Lösung nicht gibt, und daß dies durch die Geschichte des Judentums bewiesen wird. Das Judentum ist nicht einhellig, sondern unendlich vielfältig getönt, und das ist nach dem gesamten Verlauf seiner jahrtausendelangen Geschichte nicht anders möglich. Wassermann empfand das Judentum der österreichisch-ungarischen Monarchie als von dem reichsdeutschen durchaus verschieden: selbstverständlich, denn in den östlichen Ländern lebten sie unter ganz anderen Bedingungen, oit in fast geschlossenen Siedlungen. Vollends würde ein Seitenstück zu Koblers Werk, das die polnischen, russischen, rumänischen Juden behandelte, wesentlich anders aussehen. Und es wäre irrig, schlechthin anzunehmen, daß die Geschichte die Völker modelt; nein, die Völker machen sich in gleichem Maße ihre Geschichte. Man sagt zum Beispiel, die Engländer seien politisch reif, weil sie seit dem 12. Jahrhundert die Magna Charta besitzen; aber es ist umgekehrt ebenso wahr: das englische Volk schuf sie sich, weil es politisch hoch steht. Es gibt Völker, denen staatsschüpferische Kraft eignet, wie die Preußen oder mindestens ihre Oberschicht, und andere, denen sie im geringeren Maße gegeben scheint, wie die Polen, deren Land viermal aufgeteilt wurde. Zehn Stämme der Juden gingen unter, nur zwei erhielten sich, zu einem großen Teil außerhalb Palästinas. Der jüdische Staat, der nach der Rückkehr aus Babylon geschaffen wurde, dünkt uns ein künstliches Gebilde, das unter dem — wie wir heute sagen würden — Protektorat des Cyrus erwuchs und auch später, verhältnismäßig kurze Zeit ausgenommen, immer unter fremden Oberherren stand. Viele Juden blieben in Babylon. Neben dem palästinensischen gibt es den nicht minder wichtigen babylonischen Talmud. Wir einzelnen Juden wissen nur in den seltensten Fällen, ob unsere fernen Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Rt-paraturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal ■ R. Taubmann, Wien IL, Nordpolstraße 2/3, Tel. A 48-9-22 Wichtig! 1 Wir bitten höflichst um pünktliche Ueberweisung der Abonnementsgebühr für die laufende Bezugszeit, damit keine Unterbrechung in der Zusendung eintrete. Die wiederholte Uebersendung von Erlagscheinen verursacht Mühe und-Kosten. Die Verwaltung „DIE WAHRHEIT".

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