Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 7 (15.2.1935)
- Date
- 1935-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 7 — 15. Februar 1935 DIE WAHRHEIT Nicht Worte, sondern Taten. Vor kurzem haben wir unserem Befremden über angebliche Aeußerungen zur Judenfrage, die vom „Neuen Wiener Journal" dem Vizekanzler Starhemberg in den Mund gelegt worden waren, zum Ausdruck gebracht. Jetzt tischte die holländische Zeitung „De Tijd" ihren Lesern ein angebliches Interview mit Bundeskanzler Doktor Schuschnigg auf, dessen Inhalt, wie seitens des Bundeskanzleramtes dem Wiener ITA-Vertreter auf dessen Anfrage hin erklärt wurde, keineswegs mit den Ansichten des Bundeskanzlers übereinstimmt. Das Bundeskanzleramt legt Wert auf die Feststellung, daß Aeußerungen des Bundeskanzlers weder in der von „De Tijd" veröffentlichten noch in einer ähnlichen Form erfolgt sind. Dem österreichischen Regierungschef sind da Bemerkungen unterstellt worden wie die, daß er zwar nicht beabsichtige, etwas gegen die Juden zu unternehmen, daß er sie aber auch nicht gern in diehöchstenPositionenbringe, weil es nur sehr wenig Juden gäbe, die sich nicht vor allem anderen als Juden Statt als Oesterreicher fühlen. Wenn sie sich zuweilen als geistig stärker, schärfer erweisen als die Arier, so gehe ihnen dafür Bodenständigkeit ab. Auf die Frage, ob wirklich vieleiüdischeAngestelltevonder Wiener Stadtverwaltung entlassen wurden, soll Bundeskanzler Dr. Schuschnigg erwidert haben: „Das stimmt, aber diese Personen wurden entlassen, weil sie Sozialisten sind, und die Sozialisten nehmen eine feindliche Einstellung zur Regierung ein. Es ist bloßer Zufall, daß sie auch Juden sind." Da das ganze Interview amtlich dementiert worden ist, könnten wir es uns ersparen, auf einzelne Punkte einzugehen, wenn es sich nicht um altes antisemitisches Propagandamaterial handeln würde, das jetzt bald dem einen, bald dem anderen österreichischen Würdenträger in den Mund gelegt wird. Die Erklärung, daß die Entlassung aus den städtischen Diensten nur Sozialisten betroffen habe, soll vor kurzem auch Bürgermeister Schmitz abgegeben haben, um den Abbau der jüdischen — Aerzte zu rechtfertigen. In Wirklichkeit handelt es sich bei der Erfindung solcher Interviews um antisemitische Versuche, die österreichischen Juden dem ausländischen Lesepublikum als staatsfeindliche, ordnungszersetzende Radikalinskis zu vernadern. Wie verleumderisch diese Taktik ist, geht sehr drastisch aus einem Artikel „Februargedanken" des ehemaligen Ministers Dr. Mataja hervor, den die „Reichspost" an leitender Stelle am Jahrestag des Februarputsches brachte. Der einst in der christlichsozialen Partei führende Staatsmann schildert dort den Umsturz des Novembers 1918 und bedauert: „Gerade der Mann, der in diesem Augenblick Besonnenheit und Vernunft hätte predigen können, Viktor Adler, den raffte das Verhängnis an der Schwelle der neuen Aera hinweg." Wie man aus dieser schmerzlichen Erklärung eines AntiSozialisten ersieht, ist das Wirken jüdischer Sozialistenführer auch von den Gegnern durchaus nicht immer als „staatsfeindlich" gewertet worden. Und wenn dies von führenden Persönlichkeiten gilt, um wieviel mehr muß es erst jenen vielen zugute gehalten werden, die bloß deshalb zur sozialistischen Partei stießen, weil sie als Juden bei keiner anderen Partei Anschluß finden konnten. Daran zu erinnern ist gerade jetzt anläßlich der ersten Jährung der bedauerlichen Ereignisse, die zur Auflösung der österreichischen Märxistenpartei führten, nicht unzeitgemäß. Man darf bei Beurteilung der jüdischen Einstellung den parlamentarischen Parteien gegenüber ja nicht vergessen, daß alle nichtsozialistischen Fraktionen damals irgend eine antisemitische Spitze im Programm festhielten. Und als sich einmal der Gedanke einer bürgerlichen Einheitsfront siegreich Bahn zu brechen schien, präsentierte man den Leopoldstädter Juden als Kandidaten jenen Dr. Walter Riehl, der noch jetzt, in einer der letzten Nummern der von ihm herausgegebenen „Deutschen Arbeiterpresse" in einer Polemik gegen Frau Irene Harand, die mutige Kämpferin gegen Rassenhetze und Menschennot, verkündigen läßt: „Nehmen Sie zur Kenntnis, daß unser Dr. Riehl heute genau so wie vor zwei Jahren Nationalsozialist ist . . . Merken Sie sich endlich, daß Antisemitismus in Oesterreich natürlich eine erlaubte und keineswegs staatsfeindliche Richtung ist." Ueber die Staatsfeindlichkeit des Nationalsozialismus zu diskutieren, erübrigt sich wohl schon im Hinblick auf die letzten Hochverratsprozesse gegen österreichische Nationalsozialisten. Wenn die Juden der Großzüchtung dieser Partei mit dem Stimmzettel Einhalt geboten, so verdienen sie von Standpunkt der heutigen Vaterländischen Frontführung Anerkennung und nicht Maßregelungen. Zumindest empfiehlt es sich, mit Pauschalverdächtigungen zurückhaltend zu sein. Wenn Dr. Mataja in seinen oben zitierten „Februargedanken" über Rußland spottet, wo „Persönlichkeit und Individualität reaktionäre Begriffe" sind, kann er unmöglich wünschen, daß diese reaktionäre Kollektiveinschätzung just gegenüber den österreichischen Juden, die wahrlich nach Persönlichkeit Cafe Pension Echstcin Semmering und Individualität differenziert genug sind, Platz greife. Als wahrer Maßstab, der im jetzigen Oesterreich nach Geltung ringt, wird im letzten „Sturm über Oesterreich" in einem Aufsatz von Dr. Oswald Peterlunger „Welche Männer, brauchen wir heute?" gefordert: „Gottesglaube! Ja, nur wer an den Schöpfer der Menschheit, an den obersten Führer des Weltgeschehens glaubt, hat Anspruch darauf, Führer des Volkes und Staates zu sein! Es müssen das ganz und gar nicht immer und nur Katholiken sein! Auch andere Konfessionen glauben an den einen Gott." Wie sehr die jüdische Schaffensfreude in Gottesglauben und Religiosität wurzelt, hat Bürgermeister Schmitz bei der Eröffnungsfeier des Zubaues im Jüdischen Versorgungsheim anerkannt. AH diese maßgebenden Aeußerungen eröffnen erfreulichere Ausblicke auf die Gestaltung des jüdischen Schicksals in Oesterreich als Zeitungsinterviews, die, sofern sie nicht ganz erfunden sind, unter diplomatischer Vorsicht und Rücksichtnahme auf tausenderlei Empfindlichkeiten Zustandekommen und daher von Haus aus von den wahren Absichten des Ausgeholten nur ein sehr vages Bild geben können. Das richtigste Kriterium aller Staats- Wichtig! Wir bitten höflichst um pünktliche Ueberweisung der Abonnementsgebühr für die laufende Bezugszeit, damit keine Unterbrechung in der Zusendung eintrete. Die wiederholte Uebersendung von Erlagscheinen verursacht Mühe und Kosten. Die Verwaltung „DIE WAHRHEIT". Ihren Büdierbedarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung - Antiquariat ÜEttM ANN TDCHMER, I« Wien II, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billinsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! 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Der Erfolg, der den Juden auch in den Zeiten schwerster Bedrückung eine gewisse Bedeutung im Staate verlieh, wird ihnen auch weiterhin die Stellung sichern, -die ihnen gebührt — zuerst de facto und schließlich wohl auch de jure. Blicken wir ins Dritte Reich hinüber, so erfaßt uns beinahe Mitleid mit den antisemitischen Boykottpredigern, die fassungslos über die Tatsache zetern, daß die Bevölkerung noch immer, trotz der jahrelangen Warnungen und Repressalien, in jüdischen Geschäften einkauft. Als der famose Julius Streicher jüngst die Forderung erhob, daß von Juden erfundene Medikamente nicht mehr verwendet werden sollen, hat er sich sogar seitens der nationalsozialistischen Aerzteschaft eine empfindliche Abfuhr geholt. Fast scheint es, als ob gerade die ärgsten Fanatiker des Judenhasses von der Vorsehung dazu auserkoren wären, die Rehabilitierung der verleumdeten Juden und die Rückkehr der verhetzten Nichtjuden zu Vernunft und Gerechtigkeit zu beschleunigen. Daß sich diese gesunde Entwicklung nirgends aufhalten läßt, zeigt sich in Ungarn, wo es vor einem Jahrzehnt ebenfalls sehr böse für die Juden aussah und wo in den letzten Tagen der Sohn des Reichsverwesers H o r t h y persönlich den siegreichen jüdischen Schwimmverein „Vite" im Festsaale der Pester Israelitischen Religionsgemeinde die Siegermedaillen überreichte, wobei er in einer Ansprache betonte, daß im Leben der Sportgemeinde weder konfessionelle noch politische Momente eine Rolle spielen dürfen. Dem nazideutschen Olympia-Komitee ad notam! Wo es auf die L e i s t u n g, und nur auf die Leistung ankommt, braucht uns Juden um die Anerkennung nicht bange zu sein. Mögen die anderen Programme entwerfen und in Theorien schwelgen! Für uns Juden gibt es nur eine Art staatsbürgerlicher Betätigung: die größtmögliche Entfaltung unserer Fähigkeiten im Dienste der Menschheit und Menschlichkeit. Das Martyrium der deutschen Juden. „Die nationalsozialistische Politik gegen die Juden kann zusammengefaßt werden in dem Satz: Es ist ein Versuch, die Juden in die Stellung zurückzudrängen, die sie in Europa vor der französischen Revolution innehatten." So beginnt ein ganz offenbar besonders gut unterrichteter Korrespondent einen ausführlichen Artikel im „Manchester Guardian", in dem die gegenwärtige Lage und die Zukunftsaussichten der Juden in Deutschland in zusammenfassender Darstellung geschildert werden. „Mittelalterliche Bedingungen werden wieder geschaffen, wenn auch mit gewissen Abänderungen. So wird nicht ernsthaft vorgeschlagen, daß die Juden wieder eine sie unterscheidende Kleidung tragen müßten . . . Die Juden sind auch nicht gezwungen, in gewissen Distrikten oder besonderen Stadtteilen zu wohnen, aber man kann auch nicht sagen, daß sie das Recht besitzen, zu wohnen, wo es ihnen beliebt Manche Orte an der See verkünden, daß sie keine jüdischen Gäste wünschen, und an/ manchen Dörfern sind Warnungstafeln zu finden, die besagen, daß Juden das Dorf nur unter eigener Gefahr betreten. Als Ergebnis der Verhältnisse in den kleineren Provinzstädten und Dörfern ist seit einiger Zeit eine ständige Wanderung nach den größeren Städten und besonders nach Berlin festzustellen . . . In anderer Beziehung sind die den Juden auferlegten Beschränkungen sogar noch größer als im Mittelalter. Man kannte jüdische Aerzte in Deutschland schon im 15. Jahrhundert, aber da die medizinischen Hochschulen für Studenten jüdischer Herkunft geschlossen sind, wird in der nächsten Generation kein jüdischer Arzt mehr in Deutschland vorhanden sein . . ." Der Artikel geht dann auf die Haltung der Juden in Deutschland ein, skizziert die seelische Einstellung der verschiedenen Gruppen und stellt dann fest: „Also vermögen unter dem Druck der Umstände Männer und Frauen von weit auseinanderlaufenden Anschauungen doch in praktischer Arbeit zusammenzuwirken. Die ihnen auferlegte Aufgabe besteht darin, durch freiwillige Anstrengungen einen Ersatz zu schaffen, — soweit es der Staat erlaubt — für alle diejenigen Einrichtungen, von denen die Juden jetzt entweder durch die Gesetzgebung ausgeschlossen sind oder an denen sie sich nur auf Kosten ihrer Selbstachtung beteiligen könnten. Diese letztere Erwägung hat zu der Schöpfung des jüdischen Kulturbundes geführt. . . Dann ist hier die Frage der Schaffung vo» Schulen. Bis 1933 besuchte der weitaus größte Teil der jüdischen Kinder die staatliche Elementarschule. stellte sich bald heraus, daß ihre Anwesenheit häufig Anlaß gab zu grausamen Erniedrigungen, denen sie von Seiten der anderen Kinder und der Lehrer ausgesetzt waren. Auch hier liegen die Verhältnisse verschieden.