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Die Wahrheit · 1935-02-15 · Heft 7 (15.2.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 7 (15.2.1935)
Date
1935-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden* Erscheint »eden Freitag Redaktion urd Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon P 46-2-16 — Postsparkasser konto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 15. Februar 1935 Nummer 7 Max Liebermann. Unter dem frischen Eindruck der Todesnachricht seien dem großen Toten an dieser Stelle einige Worte gewidmet, Worte des Gedenkens und zugleich jüdischer Selbstbesinnung. Er war echter Berliner. Er gab sich nicht etwa nur so.- Es war ihm Natur. Und dieser hundertprozentige Berliner fällt doch zu einem Teil in den Wiener Kulturkreis. Seine Vorfahren wohnten nicht am Ufer der Spree, sondern auf der Donauinsel, die Leopoldstadt heißt, nachdem Wien sie, die Vorfahren Liebermanns, der Rathenaus, eines Meyerbeer und anderer Berliner Patrizierfamilien, vertrieben und Berlin sie mit offenen Armen aufgenommen hat. Viel zu wenig bekannt ist es, wie viele solcher genealogischer und geistiger Fäden sich zwischen Norddeutschland und Wien gesponnen haben. Der Direktor der Düsseldorfer Malerakademie, damals der angesehensten Deutschlands, Schadow, war Enkel eines Wiener Juden. Sein Vater hatte im Kunstleben Berlins eine Stellung eingenommen, wie sie Liebermann in den letzten Jahrzehnten innehatte. Dem alten Schadow verdankt Preußen seine bedeutendsten Heldendenkmäler, vor allem das Wahrzeichen Berlins, die Quadriga auf dem Brandenburger Tor. — Der von Friedrich 11. verfolgte romantisch verklärte Friedrich von der Trenck endete auf der Guillotine. Ein Lädensgenosse war der von ihm der Spionage für Oesterreich verdächtigte deutsche Freiheitsdichter F rey, der Sohn einer in Wien beerdigten Jüdin, der, verschwägert mit dem mächtigsten Manne nächst Robespierre, zum Ehrenbürger der Republik Frankreich in Aussicht genommen war. dann durch Friedrich Schiller versetzt wurde. — Die führenden Geister Deutschlands, dessen Konsulate in Wien fast durchsehends von Juden bekleidet wurden, standen mit Wiener Juden in freundschaftlichem Verkehr. So Goethe, die Humboldts. Körner, Rückert, Unland. Beethoven, Hebbel, Wagner. Freytag u. a. Nicht zu reden von Moses Mendelssohns Beziehungen zu Sonneniels, den die jüdische Herkunft in seiner Karriere ebensowenig behinderte, wie später die sechs österreichischen Minister jüdischen Geblütes oder die Schöpfer des österreichischen Tabakmonopols, der Wiener Wasserleitung usw. Waren doch auch der Sieger von Trautenau, des einzigen für Oesterreich erfolgreichen Treffens von 1866, auch Wiener Bürgermeister, österreichische Ministerpräsidenten, ja Würdenträger noch höheren Ranges mit Juden versippt und selbst antisemitische Hauptagitatoren nur lebende Bestätigungen der alten Erfahrung, daß uns unsere ersten Feinde aus unserer eigenen Mitte erstehen. Nun lag freilich Liebermann nichts ferner ais der Gedanke an innere Beziehungen zwischen Oesterreich und dem deutschen Judentum, dessen erste Zusammenfassung in einem üemeindebunde übrigens durch einen österreichischen Juden angeregt und durchgeführt wurde. Oder gar die Betrachtung irgend eines deutschen Kulturgebietes als Provinz österreichischer Geistigkeit. Noch in einem seiner letzten Interviews sprach er nicht gerade anerkennend von der Originalität österreichischer Künstler. Zwischen ihm und Wien war lange Zeit hindurch auch eine persönliche Spannung wahrzunehmen. Vor Jahren sandte ich aus Anlaß eines seiner Jubiläen einen Aufsatz über ihn an eine den Wiener Juden nicht ganz unbekannte Tageszeitung. Das Blatt hatte mir bis dahin jedesmal bereitwillig seine Spalten geöffnet, diesen Liebermann-Artikel erhielt ich aber mit einem ausführlichen Brief des Kunstreferenten zurück, der die Ablehnung mit sachlichen Erwägungen zu begründen suchte. Sein künstlerischer Standpunkt lehne die Art Liebermanns ab. Sein Blatt könne sich nicht zu einer anerkennenden Würdigung dieser Kunstrichtung verstehen. Also ganz eins mit dem deutschen Kaiser, dem ja auch „diese janze Richtung nicht gefallen" wollte. Gelegentlich erhielt ich dann allerdings von Liebermann eine Erklärung dieser Mißstimmung gegen ihn in Wien aus persönlichen Motiven. Einem Berliner Kunstreferenten der bewußten, von den Wiener Juden mit Vorliebe gelesenen Zeitung hatte er in seiner gerade zufahrenden Art etwas gesagt, was sich schwerlich als Kompliment deuten ließ. Doch eben diese unerbittliche Wahrheitsliebe, die weder als Wiener Erbgut zu deuten ist, noch ihm seinen Weg im wilhelminischen Berlin erleichtert hat, möchte ich als Ingredienz dessen aussprechen, was ihm an dieser Stelle besonders hoch anzurechnen ist, das ist seine im Kerne und Grunde jüdische Art. Diese Wahrheitsliebe, die bei Morgen Samstag, V»9 Uhr abends, Unterhaltungsabend der „Jugend-Union" Cafe „Altes Rathaus", L, Wipplingerstraße 24/26 Liebermann an gebührendem Orte auch recht rücksichtslos werden konnte, mitunter gepfeffert mit der Kaustik einer nicht allgemein beliebten Berliner Schnoddrigkeit und einem Zynismus, den man im Druck nur mit Gedankenstrichen andeuten darf, sie ist das untrügliche Wahrzeichen des aufrechten unbeugsamen Charakters, der uns zwingt, diesen großen Künstler auch als großen Menschen zu bewundern. Eine Charakterstärke, deren Spuren in jüdischen Opfern sonder Zahl unseren Weg durch die Geschichte bezeichnen. Auf eine Verwandtschaft Liebermanns mit einem der berühmtesten unseres Stammes in der Vergangenheit, mit Spinoza, habe ich einst in einem Vortrage hingewiesen. „Das Einmalige gilt nichts, nur das Ewige". Das erschien mir die Wurzel der Kunst Liebermanns, diese Art Spinozas. Natur und Menschenwelt zu betrachten. Zu meiner Genugtuung fand ich diese Kombination durch einen Ausspruch Liebermanns selbst bestätigt. Anders aber als Spinoza hat sich unser Künstler, und das hebt ihn in unseren Augen noch über alles, was andere an ihm preisen, Dosiere Didi gnf und billig Oesterrelchlsches Qualität s T aDrihot Ueberau erhältlich Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal R. Taubmann, Wien iL, Nordpolstraße 2/3. Tel. A4&-9-22 jederzeitoffenundrreizumJudent u m bekannt. Er, den sein Jugendfreund und treuer Helfer Bode den „deutschest e n Künstler" nannte, wird mit mindestens dem gleichen Rechte von D e h m e 1 als „der V o 11 b 1 u t j u d e Liebermann" bezeichnet. Ein Alter, wie es die allerwenigsten erreichten, war ihm beschieden. Wie schmerzlich aber, ein Leben, so reich an Kämpfen, aber auch an Erfolgen, verglimmen zu sehen in einem Brande, der alles, was er in einem langen Leben aufgebaut, mit einem Schlage zunichte machte. Er hatte für diese neue Zeit eine Bezeichnung, die, echter Liebermann, haarscharf ins Schwarze traf und den Leser lachen machte, an ihm selbst aber haben die Betroffenen Rache geübt, die doch dem Deutschen in ihm den Rest des Daseins vergällt haben muß. Traurig, so enden zu müssen. Wie der Held, der in vielen Schlachten siegreich, das Auge für immer schließen muß ohne den Schimmer einer Hoffnung auf bessere Tage für sein unglückliches Volk. Wir aber wissen: Trotz allem wird Liebermann Liebermann bleiben. Mit dem zähen Hoffenswillen, mit dem er sich durchgesetzt hat, halten wir fest am Glauben an eine Wendung der Dinge, an eine neue Zeit, in der Männer wie er wieder ihr Echo finden werden. Ehre seinem Andenken! Es führe uns Juden stets zur Selbstbesinnung, Selbstachtung und Selbstbehauptung. -d. Die nationalsozialistische Presse nahm von dem Ableben des größten deutschen bildenden Künstlers Max Liebermann keinerlei Notiz. Einige Zeitungen bürgerlicher Schattierung gedachten des toten Künstlers in ehrenden Worten, andere, wie die „Berliner Börsen- Zeitung", schrieben, er habe seine Erfolge einer kulturpolitischen Strömung verdankt, die 1033 ausgeschaltet wurde. Der ..große alte Mann" der deutschen bildenden Kunst Professor Max Liebermann wurde am Montag auf dem israelitischen rriedliot in der Schönhauser Allee in der Familiengruft im engsten Kreise der Familienangehörigen und Freunde beigesetzt. Die Akademie, leren Präsident und späterer Ehrenpräsident Liebermann mehr als ein Jahrzehnt lang war. ließ sich nicht v er trete n. Auch sonst waren von den offiziellen Behörden keine Vertreter anwesend. Eingefunden hatten sich Proi. Sauer bruch, der frühere Direktor der National- Galerie F r i e d 1 ä n d e r, der Präsident der Jüdischen Gemeinde Heinrich Stahl und Vizepräsident Dr. Alfred Klee, der Präsident des Preußischen Landesverbandes Leo VVolff u. a. m. Am offenen Grabe sprachen Rabbiner Warschauer und der Kunstkritiker Karl S c h c f f I e r. der sagte, es sei ein Künstlername erloschen, dessen Leuchtfeuer den Kurs der deutsche!! Kunst bestimmt hat.

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