Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 6 (8.2.1935)
- Date
- 1935-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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niF. WAHRHEIT Nr. 6 — 13. Februar 1935 Seite 5 biegenden Krisis, die dadurch entstand, daß der neue Bürgermeister, Dr. Hussein Khaldi, den Tätigkeitsbereich des ersten Vizebürgermeisters, des jüdischen Advokaten Daniel Auster, allzu scharf abgrenzte und ihm keinen bedeutenden Anteil an der Leitung der Stadtgeschäfte überlassen wilL Die jüdischen Stadträte gaben hierüber ihrer Empörung Ausdruck, sie werfen dem neuen Bürgermeister vor, daß er sich, ebenso wie der unterlegene Bürgermeister Nashashibi, usurpatorischer Mittel bedient. Aus gut unterrichteter Quelle erfährt nun die JTA, daß der Bürgermeister von Jerusalem, Dr. Khaldi, sich bereit erklärt hat, sich mit dem jüdischen .Vizebürgermeister Daniel Auster in die Führung der Verwaltung der Stadt zu teilen, falls die Regierung eine entsprechende Disposition trifft. Somit hängt die Lösung der Krise von der Regierung eine entsprechende Disposi- Mitarbeit der Juden an der Stadtverwaltung im Sinne der von den jüdischen repräsentativen Organisationen aufgestellten Richtlinien ermöglichen wird. Auf dem Boden des Keren Kajemeth in Harthia kam es zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen Polizisten und Arabern. Es handelt sich um einen Boden, den Beduinen seinerzeit für sich in Anspruch nahmen, der aber durch das Gericht dem Keren Kajemeth zugesprochen wurde. Als nun der Boden von Juden übernommen wurde, wobei englische Polizisten assistierten, bewarfen die Beduinen die Polizisten mit Steinen, wodurch drei Polizisten verletzt wurden. Die Polizei eröffnete auf die Angreifer das Feuer, wobei ein Araber getötet wurde und die übrigen flüchteten. * In ganz Palästina sieht man der am 24. Februar unter den der Histadruth Hapoalim angeschlossenen palästinensisch-jüdischen Arbeitergruppen stattfindenden Abstimmung betreffend Ratifizierung des Abkommens zwischen dem Führer der Histadruth Davon Ben Gurion und dem Führer der Zionisten-Revisionisten Wladimir Jabotinsky mit Spannung entgegen. LTeber den Ausgang der Abstimmung bestehen hier verschiedene Vermutungen. In einer scharfen Opposition zum Abkommen steht der linke Flügel der palästinensischen Arbeiterpartei (Miflagat Poale Erez Israel). Der neue Repräsentant der Jewish Agency beim Völkerbund. Die Jewish Agency for Palestine teilt mit, daß sie Dr. Julius Becker in Genf zu ihrem Vertreter beim Völkerbund als Nachfolger des verstorbenen Dr. Victor Jacobson, ernannt hat. Dr. Julius Becker war in der zionistischen Bewegung in Deutschland in den Jahren vor dem Kriege führend tätig; mehrere Jahre hindurch war er auch Redakteur der „Jüdischen Rundschau" in Berlin. Seit. der Begründung des Völkerbundes im Jahre 1920. war Dr. Becker bei demselben als Journalist beglaubigt, „vertrat in, Genf, führendeeuropäische Zeitungen und wohnte fast allen Sitzungen der Versammlung und des Rates des Völkerbundes in Genf, Paris, London, Rom usw. bei. Mit dem verstorbenen Dr. Victor Jacobson verband ihn eine langjährige Freundschaft; Dr. Jacobson unterhielt in gewissen Aspekten seiner Arbeit in Genf einen engen Kontakt mit Dr. Becker. Maß halten 1 Die Reichsvertretung der deutscheu Juden hat sich an die Schriftleitungen und Verlage der jüdischen Zeitungen, Zeitschriften und Gemeindeblätter Deutschlands gewendet und hat ihnen eine Reihe von Vorschlägen betreffend die Ankündigung und Berichterstattung über Veranstaltungen gemacht. Es soll in Zukunft nur noch über künstlerisch, geistig oder organisatorisch bedeutsame Veranstaltungen berichtet werden. Gleichzeitig ist die Reichsvertretung an die Vorstände der Organisationen sowie an die Verwaltungen der Gemeinden herangetreten und hat sie ersucht, sich in der Planung eigener Veranstaltungen größtmögliche Zurückhaltung aufzuerlegen. Zahl, Form und Inhalt der jüdischen Veranstaltungen muß durch die Rücksicht auf die Gesamtheit des deutschen Judentums bestimmt werden. Die jüdischen Veranstaltungen müssen ein Spiegelbild der Lage und Haltung der deutschen Juden sein. Diese Aufforderung der repräsentativen Spitzenorganisation des deutschen Judentums hat auch für die österreichische Judenschaft Interesse und Bedeutung. Maßhalten in Form und Zahl der Veranstaltungen wird in dieser ernsten Zeit auch bei uns ebenso am Platze sein wie Zurückhaltung beim überschwänglichen Lobe über alles, was auf dem Gebiet der Kunst und Bühne jüdische Marke trägt. Aller Mittel entblößt, bittet jüdische Studentin der Staatswissenschatt edle Wohltäter, ihr zum rückständigen Zins zu verbellen, tun sie vor der ihr drohenden Obdachlosigkeit zu beschützen. Gütige Spenden übernimmt die Redaktion „Die Wahrheit". Für die Hungernden in der Sowjetunion! Die endesunterzeichneten Hilfsorganisationen, die in ihrer Arbeit für die in der Sowjetunion hungernden Menschen die verschiedenen Kirchen und Konfessionen umfassen, halten es für ihre Pflicht, mit folgender Kundgebung an die OeffentHchkeit zu treten: Es ist unsere feste Ueberzeugung, die durch gegenteilige Berichte nicht erschüttert wird, daß große Teile des russischen Volkes vor einem neuen Höhepunkt der furchtbaren Hungerkatastrophe stehen. Zahllose direkte Nachrichten, unzweifelhaft Zeugnisse von, Augenzeugen, haben seit zwei Jahren die große Not der Bevölkerung in bestimmten Gegenden der Sowjetunion sowie in gewissen Schichten des russischen Volkes dargetan. Heute läßt sich selbst aus sowjetrussischen Aeußerungen feststellen, daß ein großer Teil der Bevölkerung in den Notgebieten, von allen Vorräten entblößt, unrettbar dem Hunger ausgeliefert ist. In den von der Dürre heimgesuchten Gebieten war nach dem Zeugnis von Ausländern, deren wohlwollende Einstellung zur Sowjetunion bekannt ist, die Ernte schwer beeinträchtigt und der Ertrag ist zum Teil auf Null gesunken. Die Ernte selbst wurde, wie ein amerikanischer Augenzeuge berichtet, mit „nie dagewesener Härte" eingetrieben. Nur dadurch wurde es möglich, die Abschaffung der Brotkarten in den Städten vorzunehmen. Der Ernteertrag kommt vor allem dem Heer, der Industriebevölkerung und den anderen priviligierten Gruppen in den Städten zugute, während das Leben der Bevölkerung in den Agrargebieten. namentlich das der Einzelbauern, erneut schwer gefährdet ist. Wie ernst der Notstand ist, wird in einem Dekret der Sowjetregierung vom 26. Dezember 1934 eingestanden. In diesem Dekret über die Saathilfe an die Kolchosen wird erstmalig von der „elementaren Not", die infolge der Dürre in einer größeren Zahl der sowjetrussischen Agrargebiete ausgebrochen ist, gesprochen. Sollen sich ähnliche Vorgänge, wie sie sich im Jahre 1933 ereigneten, als zahllose unschuldige Menschen in der Ukraine, im Wolgagebiet, im Nordkaukasus und anderen Gebieten zugrundegingen, im kommenden Hungerfrühling wiederholen? Die unterzeichneten Organisationen haben schon bisher den Standpunkt vertreten, daß Fragen der Humanität und der Hilfeleistung unabhängig von politischen und sozialen Interessen behandelt werden müssen. Sie betrachten es als eine Pflicht elementarster Menschlichkeit und reinster Nächstenliebe, angesichts dieser Verhältnisse nicht zu Schweigen, sondern erneut die Stimme des Gewissens zu erheben. Sie verlangen zugunsten hungernder und sterbender Menschen und zur Vermeidung einer Katastrophe wie die von 1933 eine volle Klärung der Lage sowie Sicherung der notwendigen Hilfeleistung. Das Interkonfessionelle Das Interkonfessionelle und Internationale russi- und Internationale Hilfssche- Hilfswerk der Euro- * kömiteefür die Hungerpäischen Zentralstelle für gebiete in der Sowjetkirchliche Hilfsaktionen, iraion, unter dem Vorsitz unter der Leitung von Kardinal Dr. Theodor Prof. D. Eugen Choisy Innitzer. Wien, und Prof. D. Adolf Keller. Genf. Die Jüdische RußJandhiie unter Leitung von Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang, ____Wien. Adolf Hitler und die „Weisen von Zion" In dem Berner Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion" hat der Sachverständige Professor Baumgarten aus Basel in seinem Gutachten treffend gesagt, daß die ganze Geschichte der Menschheit umgeschrieben werden müßte, wenn die „Protokolle der Weisen von Zion" auf Wahrheit beruhten. Es hätten dann alle Historiker bisher von Weltgeschichte geredet wie der Blinde von der Farbe. Die bisher geschriebenen Geschichtswerke berichten, so sagte Baumgarten weiter, von mancherlei Geheimverbindungen und ihrem Einfluß auf den Lauf der Dinge, aber von der Geheimverbindung, die nach den Zions-Protokollen das eigentliche geistige Zentrum der gesamten modernen Geschichte bilden würden, schweigen sie. Wenn die Geheimregierung der „Protokolle" wirklich existierte, müßte die ganze moderne Geschichte neu gemacht werden. Diese Worte des Basler Professors haben ihre besondere Aktualität mit Rücksicht auf die Art der Geschichtsschreibung, wie sie im nationalsozialistischen Deutschland für die Erziehung der heranwachsenden Generationen vorbereitet wird. Adolf Hitler hat in seinem Buch „Mein Kampf" die Neuschrift der Geschichtsschreibung schon begonnen. Die Grundlage der Geschichte, so meint er, müsse der Kampf der Rassen sein. Und er gibt gleich einen Grundriß dieser neuen Geschichte. Er beruht auf nichts anderem als eben denselben „Protokollen der Weisen von Zion", über die jetzt endlich bald in Bern das Urteil abgegeben werden soll. Hitler ergänzt und vertieft die „Protokolle", schmückt sie in phantastischer GROSSFLEISCHHAUEREI HEGM. KORNMEHI iMnMMMaaHaaaaMaHHMMB WIEN IX., BERaOASSS NR. 19 «UALIi XVIII., WAHBINOCRSTRASSB »7 TOepboa Nr. A 17*99 aud A 1S-9-34 Lieferant tUr MellaMtalta» AbtellungeitfflrKoscherfieisch unter Aufsieht «e« ahrw. Rabalnatea dar lav. KoltiMaamaiada Vftan. Sämtliche Fleischsorten von ausschlftfiUdi PrfaM-Qualitat u den billigsten Marktpreis» Weise aus und führt sie zurück bis auf die Urzeiten der Menschheit. Der Kampf der Rassen, der die Grundlage allen geschichtlichen Geschehens sei, sei wiederum zurückzuführen auf den Kampf einer Rasse, des Judentums, um die Weltherrschaft. Nach Hitler hat die Verschwörung der Juden gegen alle anderen Rassen nicht erst auf dem Basler Zionistenkongreß des Jahres 1897 stattgefunden, sonder« die Juden sind zu diesem Kampf bereits in graue» Vorzeiten, „beim Entstehen der ersten festen Siedlungen", angetreten. Man faßt sich an den Kopf, wenn man die Kapitel in Hitlers Buch liest, die diesen Phantasien gewidmet sind. Glaubt er das wirklich? Der Jude korrumpiert die Fürstenlierrschaft, dann das Bürgertum, vergiftet systematisch das Blut der anderen Rassen, nimmt ihnen planmäßig ihre Lebenskraft und ihre Kultur und zersetzt ihre Herrschaftsorganisationen. I» teuflischer Arbeitsverteilung besorgen die Juden ihr Werk. Jeder von den sechzehn Millionen Juden d e r W e 11 hat seine g enauen Instruktionen von der geheimen Judenregierung. Daß die Juden zum Beispiel verschiedenen jüdischen Richtungen angehören, daß die einen in religiöser Orthodoxie leben, die anderen zionistisch-national sind und wieder andere sich assimilieren oder sogar taufen lassen, daß eine Anzahl von Juden christliche Mädchen heiraten, das alles geschieht nicht willkürlich oder nach der Laune oder Ueberzeugung des Einzelnen, das wird jedem Juden von den Weisen von Zion vorgeschrieben. Seit Urzeiten! Hitler sorgt dafür, daß seine Leser auch die zur Begeisterung notwendige Portion Gruseln abbekommen. „Der schwarzhaarige Judenjunge", so schreibt er, „lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens Volke raubt." So geht es über Dutzende von Seiten. Hitler bejaht ausdrücklich die „Protokolle der Weisen von Zion" und spottet über die „Frankfurter Zeitung", weil sie das Machwerk für eine Fälschung hält. Er tut so, als ob nur dieses eine Blatt und sonst niemand auf der Welt, als ob nicht alle unabhängigen Sachverständigen derselben Meinung wären. Er fordert vielmehr in allem Ernst das, was Professor Baumgarten vor dem Berner Gericht ironisch gesagt hat: die Umschreibung der Geschichte auf Rassengeschichte mit besonderer Berücksichtigung der jüdischen Weltherrschaftspläne — und fängt gleich damit an. Jiunst und Siieratur. Eine große jüdische Künstlerin. In den Jüdischen Künstlerspielea. II., Nestroyplatz 1 (Praterstraße). gastiert zur Zeit ein ausgezeichnetes jüdisches Ensemble, das in Bukarest beheimatet ist. Man sieht hier überaus abgerundete Leistungen, gleichgültig, ob es sich um ein Stück heiteren Genres oder um eine Tragikomödie handelt. Aus dem Ensemble stechen die schöne Erna S i e g 1 e r. das Elternpaar Siegler, Herr Kosowski, der immer lustige Dolly Nachbar und der ausgezeichnete Muni Pastor hervor, der auch vortreiiliche Regie führt. Man braucht für diese jüdische Truppe an dieser Stelle keine Reklame zu machen, denn was schon lang keinem jüdischen Ensemble gelungen ist. das kleine Theater ist täglich ausverkauft und' der Zuschauerraum bietet ein bei Gastspielen rein jüdischer Truppen bisher nicht gewohntes Bild: den Großteil des Publikums bildet die Jugend. Wie ist dies möglich? Es ist dies einzig und allein der großen Künstlerin Frau Sevilla Pastor zu danken, die im wahrsten Sinne des Wortes das jüdische Theaterpublikum begeistert und damit dem jüdischen Theater neue Lebensberechtigung gegeben hat. Wer Frau Pastor in „Die Schickerte" zu bewundern Gelegen-