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Die Wahrheit · 1935-02-08 · Heft 6 (8.2.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 6 (8.2.1935)
Date
1935-02-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 6 — g^Februar 1935 DIE WAHRHEIT wiederholen, ist eine geläufige Redewendung der hebräischen Sprache. Von dieser Prophezeiung waren auch die jüdischen Häuser im gelobten Lande betroffen. Mit der Selbständigkeit gingen in dem zweimal bestandenen Judenstaat leider auch die Heime verloren. Der Jude verläßt nicht sein Heim, um in die Ferne zu ziehen, Geld zu verdienen und dann heimzukehren. Der Jude fühlt sich zu stark mit seinem Heime und im weiteren Sinn mit seinem Heimatlande, in welchem er lebt, verbunden, als daß er zu einem Wanderer in der üblichen Bedeutung des Wortes wird. Der Jude greift nur dann zum Wanderstabe, wenn er dazu gezwungen wird. In diesem Falle begibt er sich nicht auf eine Wanderung, sondern auf die Auswanderung. Unter diesen Umständen muß er alles, auch das Heim in der obenerwähnten Weise zerstören und zieht weg. Eine Rückkehr in ein auf diese Weise verlassenes Haus ist schon deshalb unmöglich, weil es beim Auszuge aufgehört hat zu existieren. Die Prophezeiung von Bileam bezieht sich nicht nur auf die leichte Demolierbarkeit, sondern auch auf den raschen Aufbau des jüdischen Heimes. In der Zeit, in der ein Zelt aufgeschlagen, wird ein jüdisches Haus auf neuer Erde errichtet. In einem Zelte lehrte Moses. Ein Zelt war das Palais von David und Salomo. In jüngster Zeit haben sich die Villen von Albert Einstein und Max Liebermann als Zelte erwiesen. Mag ein jüdisches Haus aus Granit gebaut sein, es ist nur ein Zelt und wie eine feste Burg wird ewig bestehen das jüdische Zelt. —n. Aus der braunen Hölle. Nach den „Mitteilungen der deutschen Dozentenschaft'* hat der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehimg und Volksbildung, von Rust, einen Erlaß herausgebracht, wonach die nichtarischen Hochschullehrer aus den Prüfungskommissionen zu entfernen sind. Die deutsche Dozentenschaft spricht dem Minister hiefür ihren Dank aus. * Ueber die letzten Ausbürgerungen in Berlin, von denen 323 Personen — wie das Deutsche Nachrichtenbüro bemerkt: hauptsächlich Ostjuden — betroffen wurden und unter denen sich mehrere hervorragende Filmkünstler und Gelehrte sowie eine auffallend große Zahl von Aerzten befinden, schreibt eine informierte Persönlichkeit dem „Pariser Tageblatt" u. a.: Die Nachprüfung der Naturalisation geschieht in Deutschland jetzt ganz systematisch. Diese Aktion gegen die in späterem Lebensalter Eingebürgerten ist ja eine der Großtaten der Nationalsozialisten, die sie bereits aJs einen ihrer Programmpunkte lange vor der Machtergreifung ankündigten. Sie haben von ihren Versprechungen nicht allzuviel gehalten. Nur den .Rasse nantisemitismus fü'hren sie mit ajlen Konsequenzen, du r.eh.. In der nationalsozialistischen Agitation "ist nun immer behauptet worden, die Weimarer Republik habe in der Hauptsache Ostjuden eingebürgert Und besonders sind derartige „Vorwürfe" gegen die preußische Regierung für die letzten Jahre der preußischen Parlamentswirtschaft erhoben worden. Ich bin nun im Besitze der amtlichen Ziffern für die Jahre 1927 bis 1929. In diesen Jahren sind in Preußen insgesamt 30.870 Personen eingebürgert vworden, darunter befanden sich 3350 Juden. Die ganz überwiegende Zahl der Einbürgerungen umfaßt also — und das Verhältnis ist in der ganzen Weimarer Zeit gleich gewesen — deutschblütige Persönlichkeiten aus dem A u s 1 a n d e. darunter teilweise eine besonders große Zahl von Deutsch-Balten, besonders von baltischen Baronen. * Die von Dr. Ley geführte Deutsche Arbeitsfront hat sich an die Spitze der in ganz Deutschland eingeleiteten neuen Aktion zum Boykott der Juden gestellt. In Großbetrieben wurden folgende Aufrufe verteilt: „Entsprechend den Bestimmungen der Reichsleitung ist dafür zu sorgen, daß unsere Mitglieder nicht in jüdischen Geschäften kaufen. Es wurde wiederholt festgestellt daß diese Verordnung von den Angehörigen der Formationen und Gliederungen nicht beachtet wurde. Nachstehend ein Verzeichnis der jüdischen Geschäfte und Aerzte im Ortsgruppenbereich!" Im Lehrplan für die Volksschulen voii Leipzig wurde u. a. folgende Richtlinie für den evangelischen Religionsunterricht bekanntgegeben: „. . . Jesus ist der deutschen Jugend nicht als der stille Dulder hinzustellen, sondern als Kämpfer gegen eine ihm feindliche Welt, als Tempelreiniger, als kraftvoller Beseitiger des Muckertums. Es ist zu betonen, daß er Ga 1 i 1 äer war und schon wegen seiner arischen Abstammung als Feind des Judentums angesprochen wurde." * In einem Rundschreiben der Deutschen Arbeitsfront wird sogar den provinziellen und örtlichen Organisationen in ganz Deutschland die Propaganda für den „Stürmer" zur Pflicht gemacht. Es wird verlangt daß jeder Betrieb zumindest ein Exemplar des „Stürmer" abonniert. Diese Forderung wird jetzt auch an ni Ch tarische Betriebe gerichtet, die sich gegen eine solche Zumutung sträuben, während von der Deutschen Arbeitsfront erklärt wird, daß gerade darauf Wert gelegt werden müsse, daß auch in den nich.tarischen Betrieben „Der Stürmer" gelesen werde. Die Beschwerden, die deshalb an die Deutsche Wirtschaftskammer gerichtet wurden, liegen zurzeit dem Reichswirtschaftsminister Dr. Schacht zur Entscheidung vor. Die Verhandlung, gegen den seinerzeit wegen „unsozialen Verhaltens" festgenommenen Inhaber eines Wanderzirkusses namens Hagenbeck endete mit der Aberkennung der Fähigkeit, einen Betrieb zu führen. Der Angeklagte hatte zu seiner Verteidigung einen jüdischen Anwalt gestellt. Dagegen wandte sich in scharfen Worten der Treuhänder der Arbeit Er könne, so erklärte er, das Plädoyer des Verteidigers nicht in der üblichen Weise bewerten, und zwar aus rassischen Gesichtspunkten. Die Wahl eines nichtarischen Anwalts durch den Angeklagten sei eine grobe Instinktlosigkeit und ein bezeichnender Mangel an rassischem und nationalsozialistischem Empfinden des Angeklagten, der das Geld vollkommen in den Mittelpunkt seines Denkens gestellt habe. Wie amtlich mitgeteilt wird, sind auf Befehl des Führers und Reichskanzlers Hitler Beschuldigungen, die gegen die Filmschauspielern! Pola Negri erhoben wurden, geprüft un als grundlos befunden worden; insbesondere hat es sich als unwahr erwiesen, daß Pola Negri jüdischer Abstammung, sei; sie ist Polin, also Arier in. Es liegt somit,"kein Grund vor, gegen ihre künstlerische Betätigung . in Deutschland Stellung zu nehmen. (Von Pola Negri hatten die Nazi-Zeitungen behauptet, sie sei J ü d i n. heiße Schwarz und habe im Kriege gegen Deutschland sehetzt. Daß sie keine Jüdin ist, wurde durch Prüfung ihrer Abstammung festgestellt; daß sie im Kriege in Amerika gegen Deutschland aufgetreten war, wird ihr als „Polin'1 nachgesehen. Pola Negri selbst erklärt, sie sei die Tochter eines ungarischen Zigeuners und einer polnischen Mutter. Reinhardt hat sie für die Bühne. Lubitsch für den Film entdeckt.) Z. T A. Wiederum schwere antisemitische Ausschreitungen in Algerien. Javas" meldet aus Setief (Algerien): In der Nacht zum Samstag kam es hier zu blutigen Ausschreitungen, die vielfach antijüdischen C ha ja k t e r trugen. Bei diesen Ausschreitungen wurden zwei Personen getötet, fünf verletzt, darunter auch Polizisten. Die Menge griff fünf Kaffeehäuser an, von denen zwei vollständig verwüstet wurden. Aus anderer Quelle wird gemeldet: Die Kämpfe begannen, als ein eingeborener Scharfschütze namens Saoula in einem Cafe von einem Polizisten -tödlich verwundet wiirde. ^E$ entstand 1 dasr f'ä l 's r?h ^"ö'eTu*. h t, daß esre i-n -j'tfd'fi" scher Polizist gewesen sei, der den Scharfschützen getötet hatte. Auf dieses Gerücht hin zog ein Teil der Menge ins Judenviertel, schlug an mehreren jüdischen Geschäften die Schaufenster ein, plünderte die Läden und griff die Bevölkerung an. Ein Polizist wurde zu Tode gesteinigt, ein eingeborener Soldat getötet. Erst als vom nächsten Polizeihauptquartier Verstärkungen eintrafen, konnte die Ruhe einigermaßen wiederhergestellt werden. Die Juden flüchten aus Setief. Entgegen den offiziellen Mitteilungen, wonach die Ruhe in Setief vollkommen wiederhergestellt sei, treffen aus privaten vertrauenswürdigen Quellen Nachrichten ein, daß die Stimmung in dem ganzen Kreise von Setief noch unruhig sei und daß die Juden nicht nur aus Setief. sondern auch aus den umliegenden Städten flüchten. Sechs Jahre Gefängnis für einen Antisemiten! Der Präsident des Board of Deputles Neville Lask 1 teilte der JTA mit, er habe aus Johannisburg soeben die Nachricht erhalten, daß Henry Inch, ein „Schü 1 er" JuIius Streichers, einer der Angeklagten im südafrikanischen Prozeß um die „Protokolle d e r W e isen von Zion", zu sechs Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Zum erstenmal Juden im türkischen Parlament. „Daily Telegraph" berichtet aus Ankara, daß der Chef der türkischen Regierung Kemal Pascha angeordnet hat, daß im künftigen türkischen Parlament einige Sitze auch für den jüdischen Bevölkerungsteil reserviert werden sollen. Es wird dies der erste Fall in der neuen Türkei sein, daß Juden bei Parlamentswahlen als Kandidaten auftreten und gewählt werden. Selbständige koschere Köchin für privat oder Pension, mit erstklassigen Zeugnissen und besten Referenzen, sucht Posten. Adresse: Regine Kluger, IL, Blumauergasse 7/8. Wiederum Unwetter-Katastrophen in Palästina. Seit einigen Tagen wütet wiederum ein verheerender Sturm im palästinensischen Küstengebiet. Die Eisenbahnstrecke und die Landstraße zwischen Haifa, Jaffa—Tel Aviv und Jerusalem wurden streckenweise so stark beschädigt, daß augenblicklich der Verkehr zwischen Nord- und Südpalästina unterbrochen ist. Die Unwetterkatastrophe hat in ganz Palästina schweren Schaden angerichtet. Durch die anhaltenden Wolkenbrüche ist die Sarona- Ebene vollständig überschwemmt. ' Insbesondere sind die deutschen Kolonien Sarona und Jerusalem in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Häuser wurden abgedeckt und die Dachziegel vom Sturm kilometerweit geschleudert. In Nablus sind auch die Moscheen und die Seifenfabrik vernichtet. Die Zahl der Toten beläuft sich bis zum Eintreffen der letzten Nachrichten auf 22. Die Bergströme führen sämtlich Hochwasser, das zum Teil bis zu fünf Metern gestiegen ist. Sie reißen in ihren Fluten Leichen von Menschen und Tieren zu Tal. Auch der Jordan ist über die Ufer getreten. Aufbau? — Nein Niedergang! In der letzten Sonntagsnummer des „Neuen W i e n e r T a g b 1 a 11 es" findet sich ein sehr interessanter Artikel „S i e d 1 e r i n P a 1 ä s t i n ä" voni Gisfeht Seid e;n - Gb t h.1 Die Verfasserin schildert ihre Eindrücke von den jüdischen Siedlungen, lobt den Arbeitseifer ihrer Bewohner, kann aber einen gewissen Skeptizismus in bezug auf die Rentabilität dieser Unternehmungen, namentlich hinsichtlich der Bodenverhältnisse, nicht unterdrücken. Sehr bezeichnend für die Mentalität der Leute in den „Kwazoth" ist folgendes Gespräch der Autorin: Einer der leitenden Männer, ein vor zwanzig Jahren eingewanderter, tadellos englisch und deutsch sprechender Russe, führte mich stolz durch die wundervoll gepflegten Orangengärten, die reiche Bibliothek, den in allen bunten Farben lachenden, herzerfreuenden Kindergarten. „WoistdieSynagog e?" fragte ich zum Schluß des Rundganges. Er lächelte über das ganze hagere, fanatische Gesicht. „Das gibt es bei uns nicht. Wir sind eine Nation, keine Konfession; unser-Gott ist die Erde, der Boden Israels." Diese Antwort spricht Bände. Sie enthüllt jüdischnationale Ideologie in schönster palästinensischer Reinkultur. Die Jüdischnationalen, die aus allen Blättern der Welt, und seien es die unbedeutendsten, Aeußerungen über den Aufbau Palästinas zusammentragen, werden dieses Wort eines jüdischnationalen Siedlers, das nicht Aufbau, sondern Niedergang beweist, wohlweislich ihren Anhängern verschweigen. Palästina-Nachrichten. Der Waad Leumi beriet mit den Leitern von elf jüdischen Institutionen über die Organisierung der Rambam-Feiern anläßlich des 800. Geburtstages des großen jüdischen Denkers und Kodifikators, die Ende März stattfinden sollen. Man erwägt die Entsendung einer Abordnung des palästinensischen Judentums zu der Rambam-Feier in Cordova, der Geburtsstadt des Maimonides. Bekanntlich findet die Feier in Cordova unter dem Protektorat der spanischen Regierung statt. Beschlossen wurde die Herausgabe einer Anthologie aus den Werken des Rambam zum Schulgebrauch. Die Hauptfeier wird in Palästina in den Pessach-Tagen stattfinden; ein jüdischer Massenzug zum Rambam-Grab in Tiberias wird arrangiert werden. s Gleich zu Beginn der Amtstätigkeit des neuen Jerusalemer Stadtrates kam es zu einer schwer-

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