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Die Wahrheit · 1935-02-08 · Heft 6 (8.2.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 6 (8.2.1935)
Date
1935-02-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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nre WAHRHEIT Nr. 6 — 8. Februar 1935 Seite % [■■■■■■■■■»■■■■■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■I |B||||IIUIinH! fcfion jetzt uormerfeen . . . cta/J S/c /Aren Bedarf an Mazzoth, Grieß und Farwel auch heuer wieder einzudecken haben bei Jlattkan (ßrodetzky £tn Versudk ntixd Sic tUfceraeutf cnf Erzeugt aus feinstem Mehl unter streng orthodoxer Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad Zmtxafc: Wien, 2. (Bezirk, Xeopofdsgosse 43 Telephone: A 46-1-90, A 48-4-48, A 60-2-63 DU SffimiAl-3Ua%*otfi und das Fabrikat „OTorfte SttkmtMJt. 38." (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 empfiehlt seine feine Maßwerkstätte. Spezialist In alten Sorten eleganter Gesellschaftskleidung, insbesondere für Teeanzüge, Frack- und Smokingarbeiten. Billigste Preisanstellung and aufmerksamste Ausführung. die Pflichten eines Gemeinwesens empfinden, wenn er sich demselben innerlich nicht verbunden fühlt! Sollte dieser Grundsatz falsch sein, so müßte man die ihrem Staatswesen bis zur Verschmelzung anhängenden Engländer, Franzosen, Italiener, soweit sie Juden sind, als Heuchler ansehen. Ein kluger Richter äußerte sich einmal anläßlich einer Ehescheidung eines jüdischen Ehepaares: Merkwürdig, das Bewußtsein, ich kann gehen, macht in vielen Fällen, daß man bleibt. Aehnliches gilt auch von vielen Juden, die dem Glauben» welchem sie angehören, die Treue halten, obwohl sie vielleicht in mancherlei Richtungen das Band gelockert haben. Ein Gang durch die Alleen des jüdischen Friedhofes kann hier lehrreich wirken, Allen ehrenden Lockrufen zum Trotz, aber auch aller schlimmen und unerträglich scheinenden Anfeindungen ungeachtet sind Männer der Feder, der Kunst, der Forschung unentwegt aufrecht zu ihrer Herkunft und Konfession gestanden. Und wenn kein anderes Moment, von den- Schöpfungen aller Art abgesehen, die jüdischer Provenienz sind, eine bevorzugte Stellung gewährleistet, so bleibt für alle Zeiten jenes in. den Tiefen der Denkungsart unversiegbar, .vorhandene Fluidum dauernd:: ber stehen:' die Humanität, das .Erbarmen,'das .Mitleid. Von-den sprichwörtlich gewordenen überdimensionalen Stiftungen der in aller Welt gerühmten schnittstyp vor* dessen Aufgabe es ist. kraft der ihm vorgeschriebenen Rolle und der ihm eigenen mimischen Fähigkeiten das Publikum erheitern. Das aber ist viel zu wenig. Der Komiker, von dem hier die Rede ist, tut mehr, kann mehr, ist mehr. Er ist das Volksgewissen eines solchen Stückes. Er tritt für gewöhnlich in der Rolle eines Schadchens oder eines Schnorrers auf. Aber was macht er nicht alles daraus?! Einen Menschen beinahe, und das will in diesem Rahmen schon viel heißen. Diesen Typ gab es schon immer und zu allen Zeiten. Es ist der Narr, der zwischen zehn Dummheiten zwanzig Weisheiten verrät, der Harlekin, der allen die Wahrheit sagen darf, weil keiner sie ernst nimmt, obwohl jeder sie als solche erkennt. In unserem Falle ist er Komiker und Philosoph dazu, ein komischer Philosoph, ein philosophischer Komiker, der immer gerade dann einzuspringen hat, wenn vorher die Tränendrüsen des Publikums reichlich in Anspruch genommen wurden. Er^ bewegt sich an der Peripherie des Lebens und. des Stückes, raunzend, wichtigtuerisch, alles viel zu ernst nehmend und selbst von niemandem ernst genommen. Er redet, sobald er auf der Bühne erscheint, und scheut auch "nicht davor zurück, gegen die modernen szenischen Gesetze zu verstoßen und Monologe zu halten, wenn gerade kein Gegenspieler da ist, der ihn anhört Er redet dann eben zum Publikum, leider, er muß doch, wer will denn etwas von ihm wissen, dem Outsider in allen Dingen?! Er redet sich die Nöte von seiner Seele und von der Seele aller, die ihm zuhören. Er spielt als einziger das Leben des durchschnittlichen kleinen Juden, der dauernd herumgestoßen, belächelt verlacht wird. Die Liebesschmerzen der Jungen, die Prestigesorgen und Wutausbrüche der Alten tangieren ihn nicht, er geht mitten durch dies alles hindurch, redet zu jedem, was man gerade hören will, besänftigt tröstet hetzt, stiftet Zank und Segen. Er ist der geborene Schlemihl, keiner ist sicher vor ihm, und keiner möchte ihn missen. Er ist aus lauter heterogenen Eigenschaften zusammengesetzt die für drei verschiedene Menschen verschiedenen Charakters genügen würden. Er erlebt alles mit, was im-Leben und im Stück vorgeht, und wie es auch immer ausgeht hier und dort, ob die Jungen sich endlich ■Kriegen" oder nicht, ob die Alten an ihren cholerischen Anwandlungen zugrundegehen oder einen rechtzeitig verscheidenden amerikanischen Vetter beerben, er, der Komiker, steht abseits, niemand braucht ihn mehr, für ihn .ist das Spiel zu Ende. Er sieht ein wenig hilflos um sich, .krault, nachdenklich seinen vom Zigarettenrauch gelblich, gewordenen Bart, lächelt gezwungen bei freudigen Aktschlüssen und schneuzt sich bei traurigen mit unechter Sentimentalität in seinen Kaftan. Eine periphere Erscheinung, ein Tragikomiker. Umseinetwillen gehe man ins jiddische Theater. Sid Hochberger. Reichen abgesehen, steht und fällt ein großer Teil der Philanthropie mit den Angehörigen dieses nun in vielen Kreisen diskriminierten Volkes. Man beliebt die Schattenseiten und sicher nicht zu leugnenden mannigfachen Fehler der Einzelnen zu generalisieren, man vergißt an Helden der Waffen, an Spitzenleistungen der Wissenschaft und Kunst, an Wohltäter der leidenden Menschheit, man tötet die Liebe und läßt das Vorurteil leben. Da versagen alle Hilfsmittel der Erziehung, der Freundschaft, des Taktes. Gegen Voreingenommenheit Restaurant Hotel Stefanie vormals Opeier II., Toborsiraöe 12, Tel. D 46 5 51 taMtte Ausgiebige Braten-Menüs S 1.60 'S*-' „ Geflügel- „ S 2.M iE'W Vorzügliche Zubereitung — Scnwecbater Biere — Naturweine versagt auch jedes Argument. Vergeblich würde man sich Mühe geben, Moral und Vernunft ins Treffen zu führen. Die Wogen des Hasses sind mit Sittensprüchen nicht zu besänftigen. In Zeiten der erniedrigenden Verfolgung, der verletzenden Zurücksetzung und; kränkenden Mißachtung holej der, Jude.aus. dejrn, tiefen Brunnen, der seelischen Kräfte jene oft erprobten Energien, welche das wertvollste Gut der historischen Vergangenheit bedeuten und über qualvolle Epochen hinweggeholfen haben. Das Bewußtsein der Schuldlosigkeit verleiht dem sich Wehrenden eine ungeahnte Stärke. Nicht in überlauter Verteidigung oder gar in zwecklosen Gegenangriffen soll die Abwehr geschehen. Zur rechten Zeit zu schweigen, an geeignetem Ort sich zu mäßigen, im erforderlichen Falle Ruhe zu bewahren, beweist oft mehr Mut als ein anderes Vorgehen. Kein Volk der Erde hat so viele Beweise der weisen Ueberlegung und des Wartenkönnens geliefert, so beispielgebende Zurückhaltung geübt, Geduld in der höchsten Potenz — ich habe mich in einer der vielen Kolonien Palästinas, die wiederholt von Arabern angegriffen wurde, von dieser Selbstbeherrschung überzeugt — und die Philosophie des Unbewußten in Wirklichkeit umgesetzt, weil den Juden die spirituellen Energien der Zuversicht eignet. Allen gegenteiligen Meinungen zum Trotz hat sich in unzähligen Fällen die Richtigkeit dieser These herausgestellt, die keineswegs der Empfindung einer psychischen Feigheit oder physischen Unterlegenheit entspringt, vielmehr dem Gefühl taktvoller Gesinnung, ruhiger Ausdauer und, Charakterstärke Ausdruck leiht. Die Pöbelgesinnung ist niemals von langer1 Dauer. Aber der gute Geschmack, die Vornehmheit, das Wissen um die höchsten Dinge und die Hoffnung sind ewig. Dr. Her bat sehe k. Das jüdische Zelt. ma tobu ohalejcha Jakob mischkewosejeha jisrael. (Moses IV, 24, 5.) Was ist das, ein jüdisches Haus, und wodurch unterscheidet es sich von anderen Häusern? Warum bedeutet einerseits das Heim dem Juden viel mehr als jedem anderen Bewohner der Erde und warum kehrt er anderseits fast nie in das von ihm einmal verlassene Haus zurück? Diese Fragen sollen hier behandelt werden. Während jeder Mensch in der Wohnung nur sein Obdach erblickt, dient das jüdische Heim überdies noch vielen anderen Zwecken. Die jüdische Wohnung verwandelt sich zum Beispiel in einen Tempel, wenn in ihr ein religiöses Gebet verrichtet wird, wenn die Hausfrau am Sabbatheingang die Kerzen anzündet oder der Sederabend gefeiert wird. Beim Bibelunterricht ist die Wohnung die jüdische S c h u le. Zur Zeit der spanischen Inquisition stand auf das Talmudstudium der Scheiterhaufen. Trotzdem lernten unsere Väter in den Kellerräumen ihrer Heime den Talmud und schufen einen bedeutenden Kommentar (tosafoth) zu demselben. In einer solchen Situation wird der Kellerraum eines jüdischen Hauses zur jüdischen Hoch sehnte. Diese Tatsachen sowie der ausgeprägte Familiensinn des Juden schaffen das enge Verhältnis zwischen demjüdischen- Menschen und seinem Heime. Die vornehme Abgeschlossenheit desam Eingang gekennzeichneten jüdischen. Hauses ist bekannt Hier gibt es kein Herein, ohne zuerst anzuklopfen. Trete nicht unverhofft in dein Haus, um so weniger in das deines Freundes, ermahntder Talmud. — Ein nordischer Edelmensch war diesbezüglich anderer Meinung. Wes Herd dies auch sei, hier mu.ß ich rasten, sagt Siegmund, in Hundings Haus eindringend, in der ..Walküre" von Richard Wagner. — Nur dem Armen wird im jüdischen Heime eine Sonderstellung zuteil. Ermahnungen wie „dein Haus soll für Arme weit offen sein", „die Armen sollen bei dir wohnen" finden wir in den Sprüchen der Väter. Hier soll auf den ganz unbegründeten Vorwurf, das jüdische Heim sei ■ ungeräumig und unsauber, zurückgekommen werden. Der Versuch, die Wohnungen in den Häusern der Grenadierstraße als Beispiel von jüdischen Heimen hinzustellen-, muß auf das Entschiedenste zurückgewiesenwerden. Die-Wohnungen des jüdischen Mittelstandes im Berlinen Westen sind zumindest so geräumig und sauber wie die ihrer nichtjüdischen Mitbürger und die armen Juden wohnen in der Grenadierstraße ebenso schlecht wie Nichtjuderi in ähnlichen sozialen Verhältnissen in-einer Straße der Vorstadt Pankow. Ein klassisches-Beispiel für eine geräumige jüdische Wohnung finden-wir-in der Bibel: lieber eine Hausdurchsuchung, die Laban bei Jakob vornahm, wird berichtet: Und es kam-Laban in das Zelt Jakobs und in das Zelt Leas und in das Zelt der zwei Mägde und er fand nichts, und er ging vom Zelte Leas und kam in das Zelt Raheis. Selbst auf der Flucht, auf welcher sich Jakob damals befand, hat er nicht verabsäumt, eine so geräumige Wohnung aufzuschlagen. Und unter drei Dingen, die den Geist des Menschen befriedigen, wird im Talmud die saubere Wohnung genannt. Wurden in den bisherigen Ausführungen die Gründe der besonderen Verbundenheit des Juden mit seinem Heime sowie einige äußere Merkmale des jüdischen Hauses behandelt so soll in den folgenden Zeilen das Symbol der jüdischen Wohnung angeführt werden. Ueber dieses berichtet die Bibel: Als sich ein König von den aus Aegypten nach dem gelobten Lande ziehenden Israeliten bedroht wähnte, ließ er zu sich seinen Bürger Bileam kommen, damit er Israel fluche, da er von ihm wußte, daß wen er segne, sei gesegnet, und wem er fluche, sei verflucht. Doch dieser Nichtjude, die Reinheit im höheren Sinne des jüdischen Heimes bewundernd, sprach „Wie schön sind deine Zelte (Wohnungen) Jakob, deine Hütten (Wohnungen) Israel'" Die in der jüdischen Wohnung herrschende hohe M'o'r'a'l ist das Symbol des jüdischen Hauses. D i e in der Wohnung gepflegten jüdischen Sitten, in familiärer, ethischer und sozialer Hinsicht, machen das jüdische Haus. Im Talmud wird Bileam als Mensch abfällig beurteilt hingegen als Prophet mit Moses verglichen. Vielleicht waren die erwähnten wenigen Worte für diesen Vergleich maßgebend. Charakterisieren doch dieselben nicht nur das Leben im jüdischen Heime, sondern auch das Schicksal des jüdischen Hauses und mit ihm das des Juden bis auf den heutigen Tag. Zelte nannte Bileam die jüdischen Heime, wie Zelte werden jüdische Häuser seit der Wanderung durch die Wüste bis auf den heutigen Tag demoliert. In einem Zeitraum, in dem höchstens ein Zelt zusammengelegt werden könnte, muß der Jude bald da. bald dort sein Heim abreißen. Zuletet erfuhren unsere Brüder im Saarlande, am 15. Jänner, daß sie bis spätestens zum 28. Februar ihre Zelte abzutragen haben. Einige Kommentatoren deuten den ersten Teil des Satzes, „deine Zelte Jakobs" auf die unbeständigen Wohnungen der Wanderer durch die Wüste (wobei die Diaspora ebenfalls als Wüste angesehen wird) und' den anderen, „deine Hütten Israel", auf die stabilen Heime im gelobten Lande. Dieser Auslegung ist entgegenzuhalten, daß sowohl mit dem Worte ..oheP als „mischkan'' die unständige, leicht zerlegbare Wohnunsr bezeichnet wird. „Deine Hütten IsraeF deutet auf dasselbe wie „deine Zelte Jakob", auf die Unbeständigkeit des jüdischen Heimes hin. Einen Spruch in anderen Worten zu

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