Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 6 (8.2.1935)
- Date
- 1935-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Dr. K e r b e r ist der Verfasser der Sozialversicherungsreform, die dieser Tage Gesetzeskraft erhalten solL Wie die J. T. A. meldet, sieht sie u. a. vor, daß sämtliche Verträge mit den Krankenkassenärzten automatisch erlöschen und daß die Neubeschäftigung von Aerzten an den Krankenkassen nach dem Prinzip der Auswahl zu geschehen haben werde. Nachdem bisher in großer Zahl jüdische Aerzte aus staatlichen und städtischen Gesundheitsinstitutionen sowie In das kleine mährische Landstädtchen war zu Anfang des Jahres 1895 die Kunde von dem Manifest eines mutigen Schriftstellers gedrungen, welcher es zuwege gebracht hatte, die Welt aufhorchen zu lassen, weil er von Dingen sprach, die bis dahin niemand auch nur in kleinem Kreise laut werden ließ. Ueberallhin drang die Nachricht, die Großen in der Gemeinde steckten die Köpfe zusammen und die>§chuler der oberen Klassen des Gymnasiums debattierten mit Feuer. Nur einer unter ihnen äußerte seine Bedenken. Auch er lobte die edlen Absichten jenes Mannes, der lieber seine Stellung aufs Spiel zu setzen wagte, als noch länger zu zaudern, da es galt, den in aBe Welt verstreuten Glaubensgenossen ins Gewissen zu reden und sie an ihre Pflicht zu gemahnen; allein der bedrückende Zweifel war nicht zu verscheuchen, ob das Wort von der neuen und erlösenden Heimat Zion für alle unterschiedslos gelte und ob es nicht den Rahmen der staatlichen Zugehörigkeit willkürlich sprengen heiße, wenn man den Weckruf einer „nationalen Gemeinschaft" erschallen lasse. Schon war die zündende Wirkung der faszinierenden Schlagworte viel zu stark geworden, als daß der Widerspruch des Einzelnen Erfolg gehabt hätte. Er blieb seiner Ueberzeugung über alle rauschenden Wirkungen der Bewegung hinweg Feuilleton Jiddisches Wandertheater. In einem weniger bekannten Sketch von Scholem Aleichem debattieren zwei alte russische Juden über das jiddische Theater. Sie äußern darin ihre Meinungen, bunt verdreht, überspitzt und primitiv zugleich. Sie unterhalten sich über das Theater und stellen es gleichzeitig auf den Kopf, so daß man am Ende nicht mehr weiß: machen sie sich über das Publikum lustig„ oder über das Theater, oder, da sie in dem Sketch ja ebendieses verkörpern, gar über sich selbst? In dieser Szene wachst das Theater über sich hinaus und verliert zugleich die schwankenden Bretter unter den Füßen, es wird überdimensional und schemenhaiL es erbebt sich zur Persiflage in der dritten Potenz. Im Grunde aber decken sich die darin geäußerten Ansichten haargenau mit denen der Zuschauer, die vor lauter Freude über die naturgetreue und lebenswahre Schilderung ihrer eigenen Empfindungen gar nicht merken, daß sie selbst durch die Gestalten der beiden russischen Juden karikiert werden. Diese Freude am Verspielten kommt im jiddischen Theater überall zum Ausdruck. Darüber vergißt es oft seine praktischen Sorgen, mitunter sogar seine technischen Nöte. Wenn der eine der beiden Juden im Laufe der Diskussion die Frage aufwirft, warum, eigentlich immer der Vorhang so spät aufgezogen werde, dann fragt ganz sicher das Publikum im Geiste mit: „Ja wirklich, warum?" Daraus resultiert einwandfrei die Feststellung, daß es schwer ist, zu einer solchen Theatervorstellung zu spät zu kommen, und das hat natürlich seinen Reiz. Das Hauptkontingent der jiddischen Theater bilden ohne Zweifel die Wandertruppen, die sich zumeist aus russisch- und polnisch-jüdischen Kräften zusammensetzten und ihren armseligen Thespiskarren von Stadt zu Stadt ziehen, um vor den jüdischen Einwohnern zu spielen. Das sieht dann folgendermaßen aus: der Direktor ist zugleich Hauptdarsteller, seine Frau sitzt an der Kasse des rasch gemieteten primitiven Theatersaales, es hat bereits fünfmal geklingelt, die Leute im Zuschauerraum haben sich endlich allesamt begrüßt und beginnen beruhigt ihre Bäckereien auszupacken — das Spiel kann beginnen! Und es beginnt. Der Vorhang geht auf und gibt eine Szene preis, unter der man sich zunächst noch nichts Rechtes vorstellen kann. Halb Zimmer, halb Schloßhof, und gäbe es noch eine dritte Hälfte, so wäre sie für den Dekorationsbegriff „Wald" zu requirieren. Aus dem Dialog der oben agierenden Personen geht unaus jenen der sozialen Fürsorge entlassen worden sind, würde der neue Gesetzentwurf die Gefahr der Existenzvernichtung für etwa tausend jüdische Aerzte heraufbeschwören. Die jüdischen Rechtsanwälte werden, wie unsere Leser schon wissen, von einem Numerus clausus bedroht. Die Arisierung sämtlicher Lehrer- und Schulleiterstellen raubt den jüdischen Pädagogen jede Chance auf Anstellung und Fortkommen. Das Berufsbeamtentum ist bei uns längst arisiert. Nur die im Dritten Reiche erfolgte Einstellung staatlicher Subventionen an jüdische Institutionen kann in Oesterreich nicht nachgeahmt werden, weil die jüdischen Institutionen hierzulande niemals staatliche Subventionen erhalten haben . . . Hitler wird gut daran tun, seine Methoden patentieren zu lassen. Denn nur so kann er sich auch dort, wo man nichts von ihm wissen will, sichern gegen — störende Erfolge . . . »»—..».-«—..„...«,,..........«... treu und glaubte dem , ihm angestammten Judentum nicht weniger zu dienen, wenn er es keineswegs schallend betonte, vielmehr durch Ehrenhaftigkeit, vornehme Gesinnung und Takt die Achtung aller, auch der Andersgläubigen erzwang. Auch als in Böhmen ein beschämender Prozeßfall die niedrigsten Instinkte der Bevölkerung zu häßlichen Auftritten gegen die Judenschaft aufwühlte und erst ein tapferer Hochschullehrer, der später aus ■■»■■■■■■«■!■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■» Cai€ Pension Eckstein Semmering einem mißachteten „Ketzer" zum Staatspräsidenten erhoben wurde, seine Stimme gegen die einseitige Justiz erheben mußte; als dann der Versucher in der Person des väterlichen Freundes und Dienstgebers mit dem Ansinnen des Glaubenswechsels zwecks Beschleunigung einer in die Höhe führenden Karriere an ihn herantrat; als die kleinlichen Reibungen der heimischen Kirchturmpolitik dazu führten, daß sich der Zorn der jeweilig unterlegenen Tschechen oder Deutschen gegen die zweifelhaft hervor, daß sie sich in einer städtischen Gegend aufhalten, so daß man sich rechtens fragt, wieso sich dieser rudimentäre Wald hierher verirrt hat So fragt man. Ja, aber hat denn der Herr Direktor soviel Geld? Ist er ein Krösus, der sich alle notwendigen Versatzstücke und Dekorationen für die einzelnen Vorstellungen leisten kann? Aber woher denn, von den lumpigen Einnahmen vielleicht? Nicht doch! Es heißt aus der Not eine Tugend machen. Es heißt sich in jeder Stadt die Dekorationen ausborgen, die man gerade vorfindet, und wenn man nur Kulissen bekommen kann, auf denen Bäume und Sträucher dargestellt sind, so muß man das Stück eben im Wald spielen. Alles geht wenn man nur will. Die Dialoge bleiben zwar in der Luft hängen, die Worte passen nicht zur Umgebung, die Umgebung paßt nicht zu den Personen und die Personen — aber lassen wir das — mit so negativer Kritik kommen wir nicht weiter. Schließlich ist hier ja nicht die Rede von den wesentlich besser fundierten und teilweise künstlerischen Weltruf besitzenden festen jüdischen Theatern in Warschau, Moskau. Wilna, New York oder London. Diese Wandertruppen spielen trotzdem mit Freude am Spiel und mit einer Hingebung, als gelte es, wirklich große Kunst zu vermitteln. Und darum lohnt es sich auch, auf ihre von Fall zu Fall in Vergessenheit geratene Arbeit — wenn auch mit einem heiteren Pessimismus — einzugehen. Die Stücke, die gespielt werden — ja, die Stücke sind ein Kapitel für sich. Es scheint ein Universalrezept für den Teig zu geben, aus dem man den jiddischen Provinztheaterkuchen backt Und es wird immer, um bei dem Vergleich zu bleiben, ein „Rührkuchen" daraus. Sentimental, aber mit Hintergrund. Aus irgendeinem unerfindlichen Grunde spielen in diesen Stücken fast immer die durch jüdische Auswanderer hergestellten verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Polen und Amerika eine wesentliche Rolle. Hier die arme Mischpoche in — sagen wir — Tarnopol, teils talmudlernend, teils im Kampfe ums tägliche Brot sich schindend, auf jeden Fall aber in Kaftan und Strajmel. dort dagegen die schwerreich gewordenen Verwandten, die sich ihrer Herkunft ungern erinnern und den jiddischen Jargon nur mühsam durch die Zähne stoßen. Sie haben die Schrift mit dem Kursblatt vertauscht den Kaftan mit dem modernen Raglan, sie besitzen mindestens zwei Autocars und kennen vom Sabbath nur noch den Namen — und selbst den auf amerikanisch. Den Gesetzen des Theaters folgend, beginnen diese (meist operettenhaften) Stücke in besagtem polnischen Städtchen, um nach einer mehraktigen Station in New- York ebendort zu enden, oder umgekehrt In jedem Falle aber müssen die armen polnischen Kaftane> um des komischen Kontrastes willen einmal in das gelobte Land, U. S. A., um dort bei jeder Gelegenheit vor Juden kehrte, denen hüben wie drüben die Schuld an dem angeblich durch ihre Haltung bewirkte» Ausgang beigemessen wurde — blieb er „nur ein Jude" In den Jahren der Blüte des Radau-Antisenütismus eines Schönerer, Schneider, Wolf und Bielohlawek erhielt dieser Ausdruck „nur eil Jude" eine tieferliegende Bedeutung, welche ii unseren Tagen bei näherer psychologischer Prüfung gewissermaßen ihre Wiederkehr feiert. Ma» hörte aus den Betrachtungen der vorurteilslose« Umwelt einen Unterton heraus, welchem ungefähr der Sinn und die Bedeutung „schade, daß er eil Jude ist" entspricht. Damals galt es, in doppeltem Maße Haltung zu bewahren, denn wie leicht konnte es geschehen, daß die. Provokationen zu schweren Konflikten führen, und daß, abseits dieser Feindseligkeiten, die eigenen Glaubensgenossen im Lager des Liberalismus Unbesonnenheitea' begehen würden! Nun war es an ihm, von dem' hier die Rede ist, die nationalökonomische Gruhdlehre des „leben und leben lassen" praktisch anzuwenden und im Wandel der politischen und sozialen Bewegung Abirrungen zu vermeiden. Es galt, eigenes Kulturniveau mit dem Maße der Wertschätzung in Einklang zu bringen, politische»' Eskapaden, die von der Gegenseite dem jüdische» Element zu allererst arg angekreidet werden, auszuweichen und in positivem Sinne staatsbürgerlic» zu leben. Dieser rein vernunftgemäßen Anschauung ist er bis in die jüngste, an erschütternden Erlebnissen wahrlich nicht armen Gegenwart deshalb treu geblieben, weil es ihm unerträglich scheint, die Rechte einer"großen Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen und dennoch dem Gedanken einer Loslösung nachzuhängen. Wie schwer muß jemand Staunen in Ohnmacht zu fallen und sich ebenso oft falsch — also komisch — zu benehmen. Aber nicht lange, denn dem amerikanischen Mirakel können sich auch die Talmudtreuen nicht widersetzen, und so wandelt sich bald das gewohnte „Scholem alechem, Reb Schmul" zum „How do you do, Mister Sam!" All dieso Geschehnisse vereinigen sich auf der jiddischen Bühne zu theatralischen Komponenten, die dem Zuschauer — auch wenn er es nicht zugibt — eine nicht unbeträchtliche Summe an Vergnügen vermitteln, schon weil er sich im gegebenen Falle genau so verhalten würde wie die auf den Brettern. Mit dieser Milieuschilderung sind auch bereits die im Spiel erscheinenden Charaktere, die auftretenden Figuren, umrissen. Es ist viel von Liebe die Rede, nicht nur, weil dieses Thema den Jüngeren unter den Per-, sonen; am meisten liegen dürfte, sondern auch, um dea Konfliktstoff herzustellen und zum tragischen Knoten za schürzen. Dieser aber entsteht dann, wenn, ein armer Bocher ein reiches Mädchen heiraten will, was ihre« Eltern nicht paßt, oder es ist umgekehrt, was seinei Eltern nicht paßt. Man sieht die Variationsmöglichkeiten sind auch hier nicht allzu zahlreich und werdei lediglich noch durch die. eine — allerdings kühne — Möglichkeit ergänzt, daß einer der beiden Eheaspirante» nichtjüdischer Religion ist In solchem Falle zumal ist mit den Eltern des jüdischen Teiles nicht zu spassen, und sie sind während des ganzen Abends nicht anders als grollend, grimmig, herzwund oder cholerisch zu sehen. Dem jungen Paar aber bleibt es vorbehalten, von seinen stimmlichen Mitteln so oft wie möglich Gebrauch zu machen, was denn auch durch den Vortrag von Soli und Duetten reichlich geschieht Und man muß zugeben^ es sind nicht selten prachtvolle Gesangsstimmen darunter, die an jeder Oper zur Geltung kommen würden. Ich habe selbst sehr oft blendend strahlende -Tenöre in solchen Vorstellungen gehört und zuweilen gelang es mir sogar, den einen oder anderen in ein ordentliches Engagement an ein größeres Theater zu bringen. Die jiddischen Theater scheinea den durchaus empfehlenswerten Ehrgeiz zu besitzen, möglichst gute Sänger in ihrem Ensemble zu haben. Sie sind die Stars und vom Publikum am meisten bejubelt. Bis hierher könnte alles genau so an irgendeiner beliebigen deutschsprachigen Theatertruppe in irgendeiner beliebigen Operette, sein, zumindest aber sehr ähnlich. Eine Figur aber gibt es, die, oberflächlich betrachtet, unwichtig erscheint, aber dennoch dem jiddischen Dutzendtheaterstück zu einer eigenen Substanz, zu einem spezifischen Gehalt verhilft Es ist der Komiker. Aber das ist ja nur ein Wort, ein armseliges Sammelwort für eine Figur, die viel mehr ist und gant anders ist Komiker: das sagt noch nicht viel, darunter stellt man sich, weil die Sprache für hundert Verschiedenheiten immer nur ein Wort besitzt, einen Durch- Nur ein Jude...