Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 6 (8.2.1935)
- Date
- 1935-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 8. Februar 1935 Nummer 6 Erfolge. Während sich die demokratischen Staatsmänner des Deutschen Reiches aus der Weimarer Zeit vergeblich bemüht haben, die demokratischen Weststaaten zu Zugeständnissen zu veranlassen, die eine Milderung der das deutsche Selbstbewußtsein beleidigenden Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages wenigstens in moralischer Beziehung bedeutet hätten, hat sich die Situation jetzt in grotesker Weise umgekehrt. Heute sind es die demokratischen Weststaaten, die den Antidemokraten Hitler mit allen Ueberredungskünsten dahinzubringen bestrebt sind, daß er geruhe, sich mit ihnen zwecks friedlich-schiedlicher Behebung aller ärgerlichen Differenzen an den Beratungstisch zu setzen — notabene: an einen runden Beratungstisch als Symbol der vollkommenen Gleichberechtigung aller an der.i Konferenz-. siehy.^^ beteiligenden-Staaten;. Was hMe^ättfeftauV^ einen solchen Erfolg gegeben? Und was; gibt Hitler dafür? Vorläufig schweigt er. Es ist kaum zu bezweifeln, daß diese Gestaltung der Dinge seiner Eitelkeit mächtig schmeichelt. Auch mag seine verächtliche Einschätzung der Demokratie und ihrer Träger durch solche Erfahrungen nicht eben zum Wanken gebracht worden sein. Hat er doch vielmehr allen Grund, mit seiner Anschauung der Welt und mit seiner Taktik, die Welt darnach zu behandeln, zufrieden zu sein. Ist er zufrieden? Wenn Rathenau, wenn Stresemann etwas zu erreichen suchten, war an der Ehrlichkeit ihrer Zielstrebigkeit nicht zu zweifeln und selbst ihre größten Gegner hätten nicht zu bestreiten gewagt, daß die beiden Staatsmänner glücklich gewesen wären, auch nur einen Teil ihres politischen Prosrammes verwirklicht zu sehen. Ist Hitler glücklich? Vielleicht — aber dann versteht er es ausgezeichnet, seine Gefühle zu tarnen. Denn die Kälte, mit der er die schmeichelhaften Anerbieten der Entente quittiert, ist kaum mehr zu überbieten. Darin liegt aber auch — wenigstens bis zu einem gewissen Grade — eine Gewähr ihrer Echtheit. Das erscheint paradox, findet aber seinen psychologischen Schlüssel in der offiziellen Einleitung zum nationalsozialistischen Parteiprogramm. Dort heißt es: „Die Führer lehnen es ab, nach Erreichung der im Programm aufgestellten Ziele neue aufzustellen, nur zu dem Zweck, um durch künstlich gesteigerte Unzufriedenheit der Massen das Fortbestehen der Partei zu ermöglichen." Vielleicht werden die nationalsozialistischen Führer wirklich einmal darauf verzichten können, durch künstlich gesteigerte Unzufriedenheit der Massen den Fortbestand der Partei zu sichern. Das wird dann der Fall sein, wenn die S.-A. und S.-S. so durchgesiebt sein werden, daß sie ausschließlich aus durchaus verläßlichen Terroristen bestehet deren jederzeitige Einsatzmöglichkeit die Parteiführer jeder Rücksichtnahme auf die psychologische Stimmung der Massen enthebt. Bis dahin scheint es aber noch gute Wege zu haben und daher können die Führer vorläufig seelischer Stimulantien nicht entraten, um die Massen bei der Stange zu halten. Neue Programmpunkte zu diesem Zwecke aufzustellen, ist laut obiger Bindung nicht erlaubt —"woher sollte man sie auch nehmen? — und daher begreift man es, daß die Führer um so zäher an den alten Punkten festhalten und jede Ausschaltung des einen oder anderen Zieles auch dann mit Unbehagen aufnehmen, wenn sie auf dem an sich erfreulichen Wege der Ziels erreich ung eintritt. Das Entgegenkommen Frankreichs mag ein weltpolitischer Erfolg für Hitler sein — parteipolitisch bedeutet es für ihn eine Verlegenheit. Die Unterdrückung der Musik. von Mendelssohn-Bartholdi ist für das Dritte Reich tragbar, aber die Streichung des Marschliedes „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen" aus dem Repertoire der S.-A.-Kapellen bedeutet eine geistige Verarmung des nationalsozialistischen Kulturprogrammes, die ungleich schwerer hinzunehmen ist. Es bleiben zwar noch genug andere schöne Weisen aus des Hitler-Knaben Wunderhorn zur Erbauung des deutschen Gemütes übrig, während aber die nach so viel ruhmreichen Waffentaten hereingebrochene Niederlage im Weltkrieg von dem ganzen deutschen Volk als schwere Ungerechtigkeit empfunden wird, die auch minder militaristisch eingestellte Schichten dem Revanchegedanken gegen den „Erbfeind" zugänglich machte, ist der Glaube an die erlösende Kraft der Nacht der langen Messer, „da das Judenblut vom Messer rinnt", nur auf einen kleinen Kreis poetisch besonders empfänglicher Schöngeister beschränkt. Auch der Nürnberger Gausaf Julius Streicher, der sich der Ausbreitung dieses Glaubens mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit widmet, kann Erfolge seiner Propaganda eigentlich nur in — Schulkinderkreisen buchen, deren Aufsätze er, soweit sie judenfeindlich inspiriert erscheinen, mit dem stolzen Triumph des zielbewußten Pädagogen — er war bekanntlich Lehrer — in seinen Zeitungen abdruckt. Man stelle sich,das Schicksal Streichers vor, wenn durch irgend eine Schicksalsfügung — etwa die unbegrenzte Oeffnung "Palästinas für jüdische Einwanderer — Deutschland plötzlich judenrein würde! Der Mann wäre mundtot, ruiniert und erledigt. Den anderen Parteipropagandisten steht noch eine Reihe weiterer Walzen zu Gebote, aber allzureichlich ist die Auswahl nicht und so mögen weiterblickende Führer mit einiger Sorge dem Augenblick entgegensehen, da ihre Rattenfänger auf dem letzten Loch blasen müssen, weil alle anderen Löcher ihrer Schalmei schon verstopft sind. Und wenn es Erfolge sind, die diese Verstopfung bewirken, dann erscheinen sie dem Osaf eben als Pyrrhussiege . . . Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal ■ R. Taubmann, Wien II., Nordpolstraße 2/3, Tel. A 48-9-22 Rasiere Dich gut und billig Oestcrreicblschcs OuaiMäis faDrikal Ueberau erhältlich Von diesem Standpunkt aus wird es begreiflich, daß Hitler sich am liebsten und zähesten an jene Programmpunkte klammert, deren Verwirklichung nahezu ausgeschlossen erscheint. Dazu gehört in erster Linie die Eroberung Oesterreichs. Frankreich, Italien und sogar England, haben sich zusammengefunden, um die Unabhängigkeit Oesterreichs zu . sichern. Just das ist für Hitler der geeignetste Zeitpunkt, die „Anschluß"- Propaganda mit erneuter Kraft wieder aufzunehmen und sogar — allen Dementis zum Trotz — den famosen Herrn Habicht zu reaktivieren, sowie die berüchtigten „österreichischen Ligionen" auis Neue an unserer Landesgrenze zu konzentrieren. Es wäre naiv, den Urhebern dieser Taktik deren Vergeblichkeit vorzuhalten. Denn gerade in ihrer Aussichtslosigkeit liegt ihr propagandistischer Wert. Hier können die Nazi Propaganda auf lange Sicht treiben, ohne befürchten zu müssen, durch einen Erfolg — gestört zu werden . . . Aber wenn wir Oesterreicher auch außenpolitisch vor unliebsamen Annexionen geschützt erscheinen, innenpolitisch stellt sich die Situation nicht ganz so beruhigend dar. Das Hakenkreuz symbolisiert ja nicht bloß eine realpolitische Macht, sondern sozusagen auch — sit venia verbo! — eine Idee. Gegen die Nazi-Legionäre reicht die Sicherung unserer Landesgrenzen aus. Welche Verheerungen aber die nationalsozialistische Mentalität in Oesterreich trotz der Grenzsperre anzurichten vermochte, das zeigte wieder einmal recht eindringlich der jüngst durchgeführte Militärgerichtsprozeß gegen den Ingenieur Blaschke, der die Autos für den Wiener Juli-Putsch besorgt hatte und dafür jetzt zu lebenslänglichem schweren Kerker verurteilt worden ist. Menschlich hat dieser Prozeß nichts Neues enthüllt. Man sah da auf der Anklagebank wieder eine jener verlogenen, verantwortungsscheuen Jammergestalten, die, hätte Wichtig! Wir bitten höflichst um pünktliche Ueberweisung der Abonnementsgebühr für die laufende Bezugszeit, damit keine Unterbrechung in der Zusendung eintrete. Die wiederholte Uebersendung von Erlagscheinen verursacht Mühe und Kosten. Die Verwaltung „DIE WAHRHEIT".