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Die Wahrheit · 1935-02-01 · Heft 5 (1.2.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 5 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Geübter Votbetew Schocket Ubodek, Religionslehrer, österr. Staatsbärger, 31 Jahre alt, «uifit geeigneten hosten. Unter Chiffre: „Zufriedenstellend" an die Redaktion des Blattes Zeitungen mit keinem Worte das Andenken des großen Oberrabbiners unserer Kultusgemeinde anläßlich seines 100. Geburtstages ehrten. „Die Stimme" begnügte sich mit einem an unauffälliger Stelle veröffentlichten kurzen Bericht über die Feier im Seitenstettenstempel. Dieses Blatt, das in seiner letzten Nummer den Mund zwecks Verherrlichung des jüdischnationalen Interesses für Dank hochherziger Stiftungen und Widmungen von Gemeindemitgliedern war es dem Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ermöglicht, einen 58 Betten umfassenden Zubau zur israelitischen Versorgungsanstalt zu errichten. Die feierliche Einweihung fand Sonntag, den 2/. Janner, um 11 Uhr vormittags, statt Eine ansehnliche Festversammlung fand sich im Betsaale des Heimes ein und wurde von dem Präsidenten der Gemeinde. Staatsrat Doktor Desider Friedmann, den beiden Vizepräsidenten Dr. Ticho und Dr. Löwenherz und Amtsdirektor Regierungsrat Fuchs gelb begrüßt Außer Bürgermeister Schmitz waren erschienen: in Vertretung des Staatssekretärs Tür Unterricht Ministerialrat Doktor Föhr, in Vertretune des Polizeipräsidenten Staatsrat Hof rat und Stadthauptmann Streitmann, Oberstadtphysikus Dr. Wiltsch, vom Stadtbauamt Baurat Mischek, der Vorstand des Fürgesorgeinstituts für den S. Bezirk. "Walenta, ferner Altpräsjjdent der Kaltusgemeände, Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Pick, feist alle Kultusvorsteher, Oberrabbiner Dr. Feuchtwang mit den Gemeinderabbinern. Bundeskulturrat Hofrat Prof. Dr. Frankfurter. Prof. Dr. Hugo Stern in Vertretung der „Union österreichischer Juden , Ältpräsident Julius Stern, der Bundesführer der jüdischen Frontsoldaten, Hauptmann Edler v. Friedmann, Gmir Sommer, der Bezirksleiter der Vaterländischen Front. Oberstleutnant Nitschmann. die Obmänner der Bezirkskommissionen und der Bethausvorstände der Kultusgemeinde, die Mitglieder der Zentralkommission für jüdische soziale Fürsorge, Vertreter der jüdischen Organisationen, die Präsidenten der Weiblichen Fürsorge, Frau Direktor U11 m a n n, der Großpräsident der B'nai Brith, Universitätsprofessor Dr. Ludwig Braun, die externen Mitglieder der Baukommission und der Kommission für die Versorgungsanstalt und von den Stiftern, denen die Errichtung des Zubaues zu danken ist, Frau Berta Lessing, Präsident Wilhelm Knx und die Herren Max Stern und Kommerzialrat Samuel Bernhardt, sowie Beamte der Anstalt und viele andere. Der Obmann der Kommission für die Versorgungsanstalt, Dr. i. H. Körner, begrüßte die Festgäste. Nach Anbringung der Mesusah durch Oberrabbiner Or. Fencntwang sang Oberkantor Postolow mit dem von Knrt Fuchsgelb blendend geleiteten Chor 4es Stafltttsmpels den herrlichen Festgesang. Dann ergriff Oberrabbiner Dr. Feuchtwang das Wort ott Festrede. Er führte aus, daß das Haus durch sich selbst geweiht ist, da »ine Räume dem höchsten Ziele aller Religionen, der Bewahrung reiner Menschenliebe dienen. Redner knüpfte an das alte Bibelwort „Die Welt wird durch Liebe gebaut" an und betonte, -daß die jüdischen Gemeinden seit jeher als ihre wichtigsten Aufsahen betrachtet haben: Lehre, Gottesdienst und werktätiges Liebeswerk. Dr. Feuchtwaa« erinnerte daran, daß Respekt vor dem Greisen- *lter sirenges biblisches Gebot sei. Deshalb habe auch die Gemeinde die Errichtung van Heimen für Greise und Altersschwache als religiöses, ethisches Gebot erkannt. Alle hier Mitarbeitenden sind erfüllt von hohem Verantwortungsgefühl, vor Gott und Mensch. Mit dem Wunsche, daß alle, die im Heime wohnen, ein glückliches Greisenalter verbringen, schloß der Oberrabbiner. Der Erbauer des prächtigen Zubaues, Architekt Leopold Pwnztn, gab eine kurze Geschichte des Baues. Ministerialrat?ng. Schläfrig, der Obmann der Technischen Kommission der Kulttrsgememde, nach dessen Anweisung die Pläne des Zubaues ausgeführt wurden, führte aus, welche Schwierigkeiten die Errichtung des Werkes beratet habe, das Zeugnis ablege für den Gemeinsinn der jüdischen Mitbürger zur Ehre Oesterreichs. Der Präsident der Kultusgmeinde, Staatsrat Doktor Oesider Fried mann, gab in seiner Rede zunächst eine interessante geschichtliche Uebersicht des Bodens, auf dem das Versorgungsheim steht und an den der uralte jüdische Friedhof «renzt Mehr als 3*A Jahrhunderte Geschichte der Wiener Judenschaft sind mit diesem Grundstück verknüpft, Leid und Freud. Redner erzählte, wie anno 1670 bei Vertreibung der Juden die Familie Koppel Frankel den Boden von der Stadt- Gemeinde um eine beträchtliche Summe für ewige Zeiten gekauft, und wie der Friedhof, als 1784 die Friedhöfe aus dem Weichbild der Stadt verlegt wurden, bestehen blieb, wie dann der Hoffaktor Samuel Oppenheimer hier 1698 das Spital für israelitische Glaubensgenossen gründete, das bis 1873 bestehen blieb and dank der Hilfe des Baron Anselm Rothschild in den Neuhau auf dem Währingergürtel übersiedeln konnte. 1844 schon war anschließend an das frühere Spiral von Siegmund Nanette Wertheimsteir das die Gemeinde und ihre Aufgaben so voll nimmt, hat es nicht für nötig gefunden, einen Mann zu ehren, der für das Hochkommen dieser Gemeinde von so überragender Bedeutung gewesen ist. Für die Jüdischnationalen existiert eben — das beweist auch der erwähnte Lobhudelei-Artikel der „Stimme" — nichts, was vor ihrer „glorreichen Zeit" gewesen ist. Also auch nicht Dr. Güdemann, dessen antinationale Einstellung ihnen ein Dorn im Auge ist. Deshalb darf er auch an seinem 100. Geburtstage in einem Blatte nicht genannt werden, das jeden beliebigen Geburtstag selbst unbedeutender jüdischnationaler Größen zum Anlasse ruhmrediger Artikel nimmt. Der Ruhm, den sich die Herrschaften selbst zusprechen, wird aber von geringerem Bestände sein als der jener Männer, über die sie mit „noblem Stillschweigen" hinweggehen. im Jahre 1854 zum Versorgungsheim erweiterte Haus gestiftet worden. Zur Feier des 40jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers Franz' Josef ist aus Stiftungen und Spenden das neue Haus errichtet worden als Zeichen jüdischer Opferwilligkeit, sozialen Verständnisses und allzeit patriotischer Gesinnung der Judenschaft die in Ehrfurcht emporblickte zu dem Fürsten, der in Liebe für alle Stämme seines Reiches die Geschicke des Vaterlandesweise gelenkt hat Redner berichtete von den seitherigen Erweiterungen des Baues, von der Errichtung des Siechenhauses im Anschluß an das Versorgungshaus, bis schließlich 400 Armen, Alten und Siechen Unterkunft, Verpflegung und Betreuung in der Anstalt geboten werden konnte. Aber immer noch mußten hunderte Bittsteller abgewiesen werden. Durch Stiftungen und Widmungen der edlen Wohltäter Berta Lessing, Präsident Wilhelm Kux, Max Stern und des Bethausvorstandes XII./XV. zur Ehrung des nun achtzigjährigen Obmannes Kommerzialrat Samuel Bernhardt wurde der Zubau mit 58 Betten ermöglicht. Präsident Dr. Friedmann schloß nach Dankesworten an den eifrigen Obmann der Versorgungshauskommission Dr. J. H. Körner und dessen hingebungsvoll tätigen Obmannstellvertreter Berthold Sinai mit dem Wunsche, daß dieses Haus auch fernerhin im Geiste der heiligen jüdischen Tradition geführt werden möge. Nach dem Gesang „Hallelujah" ergriff unter allgemeiner Spannung Bürgermeister Schmitz das Wort. Er habe der Einladung zu der Feier um so lieber Folge geleistet, als er dadurch zum Ausdruck bringen wollte, daß es auf dem Gebiete der Hilfsbereitschaft für die Bresthaften und Hilfsbedürftigen keinen Unterschied geben dürfe, sondern nur die Gemeinschaft des guten Willens. Die Erweiterung der Anstalt aus privaten Mitteln beweise hohes soziales Verständnis und verdiene Anerkennung, besonders, da die Stiftung aus religiösen Gemeinschaften hervorgegangen sei. Redner bekenne sich offen zu der Auffassung, daß ein Heim, in dem kranke, alte, bresthafte Leute aufgenommen werden, am besten geleitet sei, wenn es vom Geiste der religiösen Gemeinschaft erfüllt sei, damit die Insassen in der Stunde der Heimsuchung Trost finden, zurückfinden zu ihrem Gotte. Der Bürgermeister schloß mit dem Wunsche für das Haus und seine Insassen, daß es seiner heiligen menschlichen Aufgabe immer treu bleibe. Für die Unterrichtsverwaltung sprach nun Ministerialrat Dr. Fohr Worte der Begrüßung; „Möge dieses Heim der Liebe dienen, möge es seiner edlen Aufgabe ganz und voll nachkommen, möge es der Gemeinschaft dienen und mit dazu beitragen, alles Trennende zurückstellen!" schloß Redner. Die Sängerknaben des Chores sangen die Bundeshymne. Nach der Feier besichtigte Bürgermeister Schmitz mit den Festgästen das Heim und den neuen Zubau, der zwei große Räume für Sieche und Räume für bewegliche alte Menschen enthält Luft und Licht durchströmen die Säle, die den Blick auf den uralten Baumbestand des ältesten jüdischen Friedhofes gewähren. Liege- und Erholungsterrassen sind vor dem alten Trakt angelegt Ueberau ist das Höchstmaß an Hygiene durch Licht, Luft Sonne und Freundlichkeit erreicht Bürgermeister Schmitz ging von Bett zu Bett und sprach mit den Männern und Frauen, die das Haus betreut Er erkundigte sich nach dem Befinden der Greise und Greisinnen und sprach besonders lange mit der 94jährigen Amalia Rott er, die wohl die älteste Bewohnerin des Hauses ist »Das jüdische Herz." Der m unserer letzten Nummer an leitender Stelle veröffentlichte Aufsatz des Herrn Dr. Heinrich Herbatschek über das namenlose Elend der in unserer Stadt lebenden deutsch-jüdischen Emigranten hat erfreulicherweise ein lebhaftes Echo gefunden. Von verschiedensten Seiten wurde unsere Redaktion angerufen, an welche Stellen Geld- und Naturalspenden für diese bedauernswerten Opfer nationalsozialistischer Brutalität geleitet werden können, teilweise haben wir selbst solche Spenden erhalten und sie Emigranten, deren furchtbare. Not uns bekannt ist, zukommen lassen. Wir danken den hochherzigen Wohltätern für ihr Verständnis für die schreckliche Situation der Emigranten, an die kein wahrer Jude heute vergessen darf! Haofmann-Ileciifefteraier übernimmt für Berlin, auch für ganz Deutschland, Verwaltungen, Vertretungen und jegliche Interessen-Wahrnehmungen. Angebote direkterbeten II. KRIMNERMAJVN BERUM O 27 Alexanderiflalz 51 Die Ehre der deutschen Juden. Die Reichsvertretung der deutschen Juden übergibt uns folgende Erklärung: Auch das überwältigende Ergebnis der Saarabstimmung hat zu unserem schmerzlichen Bedauern dem Gauleiter Julius Streicher dazu gedient, in einer Rede in Nürnberg uns Juden zu diffamieren. Er tat dies mit folgenden Worten: „Der Jude Max Braun war Beauftragter der jüdischen Rasse, des jüdischen Volkes. Er war beauftragt, zu verhindern, daß das Saarvolk zum Mutterland zurückkehre. Ihr Nürnberger, Deutsche, vergeßt nie: Ein Jude war es, der an der Spitze des Terrors stand, ein Jude war es, der mit dem Geld der Judenbanken und der jüdischen Weltbörse glaubte, dem deutschen Volke das Unglück bringen zu können, daß hunderttausende Deutsche für immer dem deutschen Volk genommen wurden. Jawohl, wollen wir nie vergessen: Ein Jude stand an der Spitze der Schande, die wir erlebten." Demgegenüber erklären wir: Dies ist nicht wahr und stellen fest: Max Braun ist weder Jude* noch jüdischer Abstammung. In derselben Rede hat der Gauleiter Streicher Dr. Walter Rathenau die Worte in den Mund gelegt: „300 Männer, die sich gegenseitig kennen und durch das Blut verbunden sind, regieren die Geschicke der Welt." Demgegenüber stellen wir fest: Die Aeußerung Rathenaus (in seinem Buch „Zur Kritik der Zeit", Berlin 1912, Seäe 206) lautet: „300 Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die Wirtschaftsgeschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung." Die Worte „durch das Blut verbunden" hat Rathenau nicht gebraucht. Wann endlich werden solche, uns tief verletzenden Ausstreuungen ein Ende nehmen? Zur Wahrung unserer Ehre bleibt uns nichts als feierlicher Protest! Die Reichs Vertretung der deutschen Juden: Baeck. * Hirsch. Der Berne*: „Protokoll"-Prozeß. Wie aus Bern der „Jüdischen Preßzenitrale" gemeldet wird, ist zu Beginn dieser Woche das Gutachten des Experten der Angeklagten im Prozeß am die „Protokolle der Weisen von Zion", Oberstit a.D. Fleischhauer in Erfurt, bis auf einige Kapitel, die in diesen Tagen nachfolgen sollen, beim Polizeirichter in Bern. Gerichtspräsident W. Meyer, eingereicht worden. Das Gutachten des nationalsozialistischen „Experten** soll sehr umfangreich sein und einige hundert Seiten umfassen- Angesichts dieser Tatsache wird angenommen,, daß mit Fortsetzung des Prozesses nicht vor Ende Februar zu rechnen ist, da die drei nunmehr vorliegenden Gutlachten (des Experten der Kläger, Prof. Baumgarten, des gerichtlich bestellten Experten Loosli und des Experten der Angeklagten, Fleischhauen) vom Gericht den Experten gegenseitig zur Durchsicht zugestellt werden müssen, was eine geraume Zeit in Anspruch nehmen dürfte. * Die „Allgemeine evangelisch-lutherische Kirchenzeitung" (Berlin) veröffentlichte dieser Tage einen Bericht über die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion". Die Zeitung zitiert die Zeugenaussagen und die Gutachten dieses Prozesses, die den Tatbestand einer Fälschung eindeutig ergeben haben, und schreibt zum Schluß: „Es wäre zu wünschen, ist aber kaum zu hoffen, daß es nun endlich e i n E n d e hätte mit der Verwendung dieser Fälschung im Kampf gegen das Ju- Zubau zur Versorgungsanstalt.

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