Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 5 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 5 — 1. Februar 1935 DIE WAHRHEIT die Innenpolitik zu reden. Während sich vor zwei Jahren der Antisemitismus als tragfähig genug erwies, das Hakenkreuz zum Siege zu führen, hat die Bevölkerung inzwischen die Bedeutungslosigkeit der Judenfrage erkannt und den Bluff durchschaut, diese Frage so aufzubauschen, daß das Volk von seinen wirklichen Lebensfragen abgelenkt würde. Ja, vielfach hat dies Gefühl nichtjüdischer Deutscher, genau so unterdrückt zu sein wie die Juden, zu offenem Fraternisieren mit diesen geführt . . . Das Hauptverdienst an solch paradoxer Entwicklung kommt ohne Zweifel Herrn Julius Streicher zu, der durch die Art, wie er den wilden Judenfeind mimt, wesentlich dazu beiträgt, den Antisemitismus lächerlich zu machen und zu desavouieren. Das hat auch schon Herr Goebbels erkannt, der jüngst dem Frankfurter orthodoxen Blatte „Der Israelit" den Vorwu|rf antinationalsozialistischer Propaganda machte, weil es Streicher-Aussprüche kommentarlos abdruckte . . . Bloß Herr Hitler hält seine Hand noch schirmend über den Nürnberger Gausaf. Angeblich hat ihm dieser einst das Leben gerettet, indem er in einer Münchner Volksversammlung mit seinem Kopfe einen Maßkrug auffing, der nach dem Führer geschleudert worden war. Da man Hitler sonst frei weiß von so sentimentaler Dankbarkeit, hält man diese Darstellung für eine Legende. Glaubhaft an ihr erscheint nur, daß Herrn Streicher einmal ein Maßkrug oder ein ähnlich massiver Gegenstand an den Kopf geflogen ist. Der Rest ist wohl poetische Verklärung . . . Hitler schweigt sich jedenfalls aus . . . Ihren DQdierbedari decken Sie am besten und billigsten in der . Buchhandlung - Antiquariat ÜEPMAttN TUCH IM ER, ld Wien II, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünite 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Gebühren. Einzelne Bücher und gante Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! Judenfrage in Osterreich. Vizekanzler Starhemberg hat jüngst in einem im „Neuen Wiener Journal" veröffentlichten Interview seine prinzipielle Gegensätzlichkeit zum Nationalsozialismus betont Umso überraschender wirkt seine in diesem Zusammenhang gemachte Aeußerung über die Judenfrage. „Selbstverständlich besteht eine Judenfrage", erklärte er, „es wäre töricht, über sie hinweggehen zu wollen. Eine Lösung kann nur logisch vor sich gehen. Das neue Oesterreich wird sich jene Gesetze schaffen, die für die Wohlfahrt seiner Bevölkerung und für die Entwicklung des Staates Voraussetzung sind, die dem Charakter der Bevölkerung entsprechen müssen. Diesen Gesetzen werden sich die Juden entweder unterordnen und damit den Empfindungen der übergroßen Mehrheit des Volkes Rechnung tragen, dann ist für diesen Teil der' Juden das Problem gelöst Diejenigen Juden, die mit den Gesetzen in Konflikt kommen, die sich nicht in die innere Ent- Wicklung des Landes fügen wollen, müssen eben Seifimerilig „rh.:,pt.n vnrenMZw die Konsequenzen tragen oder sie hören auf, Mit- ________________...______________^f^J^S* glieder der staatlichen Gemeinschaft zu bleiben.' wertvoll" qualifizierten antisemitischen Film zurückziehen mußte, weil ihn das Publikum — wozu im Dritten Reiche Mut gehört — mit Entschiedenheit abgelehnt hat Es stellt sich demnach als Irrtum heraus, daß die Juden vordringlich die wirklichen Filmbegabungen verdrängt hätten. Weit eher trifft dieser Vorwurf die Ariergesetzgebung. Bei seinem Besuch in dem jüngst eröffneten Zubau zum jüdischen Versorgungshaus in der See-, gasse hat Bürgermeister Schmitz die religiösen Quellen der jüdischen Tatkraft gerühmt. Er hat damit die Eignung der Juden anerkannt, sich zwanglos in das sittlich-religiöse System, das die kulturelle Grundlage des jetzigen Oesterreich bildet, einzufügen. Darüber hinaus konnte dem Ober- Cai€ Pension Echsteln Es ist zu bedauern, daß angesichts der Fülle von Gemeinplätzen und zu nichts verpflichtenden Andeutungen der Sinn der Erklärung des Fürsten Starhemberg in der Wiedergabe des Interviews nicht so klar und eindeutig zum Ausdruck gekommen ist, wie es bei der Wichtigkeit dieser in unseren Tagen leider überall akut gewordenen Frage wünschenswert erschiene. So besteht die Gefahr, daß einerseits in der jüdischen Bevölkerung, deren Loyalität in Krieg und Frieden auch seitens der jetzigen Machthaber in Oesterreich wiederholt anerkannt worden ist, ein leider schon bisher bestehendes Gefühl der Unsicherheit verstärkt wird, während andererseits die judenfeindlichen Instinkte sogenannter „betont nationaler" Cliquen in Oesterreich eine moralische Stärkung und Ermutigung zur Fortsetzung ihrer zersetzenden Propaganda, die oft genug in letzter Zeit den Staatsanwalt zum Einschreiten zwang, herauslesen können. Beide Wirkungen waren gewiß nicht beabsichtigt denn sie stünden in krassestem Kontrast zu den Erklärungen anderer Regierungsmitglieder, die die Gleichberechtigung aller österreichischen Staatsbürger vor dem Gesetz und den Willen zu einem vorbildlichen Rechts- und Kulturschutz der religiösen Minderheiten im Staate betonten. Fürst Starhemberg wird daher gut daran tun, zunächst einmal genau zu präzisieren, von welchem Standpunkt aus ihm die Existenz einer Judenfrage überhaupt als so selbstverständlich erscheint, daß ihre Uebergehung ihm töricht erscheint. Da er den Rassenstandpunkt entschieden ablehnt, kann es sich bei ihm nur um kulturelle und wirtschaftliche Auspizien handeln. Es wäre unsinnig und auch gar nicht im höheren jüdischen Interesse, zu leugnen, daß Juden auf beiden Gebieten Hervorragendes geleistet haben. Das leugnet auch Hitler nicht, er stellt bloß den rassischen Standpunkt über den praktisch-nützlichen. Die im Dritten Reiche mit seiner Judengesetzgebung erzielten praktischen Erfolge sind keineswegs zur Nachahmung ermutigend. Die Reinigung des reichsdeutschen Kulturlebens von jüdischen Elementen hat dem Propagandaminister nicht die Unannehmlichkeit erspart, Filme, gegen die er weltanschaulich gewiß nichts einzuwenden hatte, verbieten zu müssen, weil sie an Kitsch das erträgliche Maß überstiegen. Darüber hinaus ist ihm jüngst die Blamage widerfahre«, daß er eiaen von ihm als Jkünsäerisch haupt der Wiener Stadtverwaltung die eminente wirtschaftliche Bedeutung des jüdischen Karitätswerkes nicht verborgen bleiben. Denn alle humanen Einrichtungen der Kultusgemeinde wurden errichtet und bestehen weiter ohne den geringsten Zuschuß aus staatlichen oder städtischen Mitteln. Eine Auflassung dieser Institutionen würde eine sehr empfindliche Belastung der Staats- und Stadtfinanzen mit sich bringen. Die „Judenfrage" besteht also in diesem Falle nicht in der Aufhebung, sondern in der Erhaltung des Bestehenden. Es gehört nicht viel Einsicht dazu, diese Erkenntnis auf das Gebiet der gesamten Wirtschaft anzuwenden. Die Kultusgemeinde kann wohl — leider auch das nur bis zu einer gewissen Grenze — ihre Greise und Waisenkinder sowie die Kranken versorgen. Aber sie ist selbstverständlich außerstande, den Gesunden und Tatkräftigen dea Lebensunterhalt zu gewähren. Das kann nur das allgemeine Wirtschaftsleben, in dem nicht konfessionelle Momente entscheidend sind, sondern die persönliche Tüchtigkeit des einzelnen. Leider verhindert die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise genug Fähigkeiten und Talente an ihrer nützlichen Entfaltung. In manchen Berufen herrscht eine ungesunde Ueberfüllung, unter der alle Standesmitglieder leiden. Heißt es aber, diese Leiden lindem, wenn man sie auf den jüdischen Teil konzentriert? Nach dem Abbau der jüdischen Aerzte und Bankbeamten droht jetzt den jüdischen Rechtsanwaltskandidaten ein Numerus clausus, der sich zwar nicht dem Wortlaut des Gesetzes nach, aber gewiß in seiner Handhabung gegen die jüdischen Anwärter richten würde. Hier ergibt sich für die österreichischen Staatslenker die Notwendigkeit, ein schweres Unrecht zu verhüten, das den herrschenden Uebelstand keineswegs so rationell lindern würde wie die von der Wiener Rechtsanwaltkammer ausgedenen praktische Berufserfahrungen und nicht konfessionelle oder rassische Theorien zugrunde liegen. Im Wirtschaftsleben sind Juden und Christen aufeinander angewiesen. Einen drastischen Beweis hiefur liefern jene christlichen Geschäftsleute, für die ohne ihr Wissen in diversen arischen Zeitweisern Reklame gemacht wurde. Diese Leute protestieren gegen ihre Aufnahme in die judenfeindlichen Insertionsorgane, weil sie davon eine Beeinträchtigung ihres Geschäfts mit Juden befürchten. Man schütze daher auch die jüdischen Steuerzahler vor Schädigungen, die ihnen nicht aus realen fachlichen Gründen drohen, sondern aus politischen Verstiegenheiten. Entsteilungsversuche Ein Mitglied der Kultusgemeinde, dem die Arbeitsaufteilung innerhalb der Kultusgemeinde nicht bekannt ist, muß aus dem in der „S t i mme" vom 29. Jänner auf der ersten Seite veröffentlichten Artikel „Zion und Galuth" den Schluß ziehen, daß von den unter den 28 Kultusvorstehern befindlichen 11 unionistischen Mandataren überhaupt' nichts geleistet wird und daß bis zur „Eroberung der Kultusgemeinde" im Wahlkampfe 1932 von der unionistischen Mehrheit nichts geleistet wurde. Ich halte es für meine Pflicht zur tatsächlichen sachlichen Berichtigung folgendes anzuführen: „Die Stimme" behauptet, daß die „Union" im Wahlkampfe 1932 die Tätigkeit der Gemeinde auf Thora, Awodah und Gemilath Chessed, auf Religionsunterricht Gottesdienst und Fürsorge eingeschränkt wissen wollte. Worin bei vollständiger Durchführung dieses Programms die „Einschränkung" zu suchen ist, ist mir unverständlich. Die Kultusgemeinde, von welcher Majorität immer sie geführt wird, kann doch nicht mehr leisten, als in dem eben angeführten Programm enthalten ist. Die Kultusgemeinde soll nach dem Inhalte des Artikels nicht nur Religionsunterricht, Gottesdienst und Fürsorge ihr Augenmerk zuwenden, sondern auch die Obsorge aller Angelegenheiten des jüdischen Menschen soll ihr anvertraut sein. „Die Stimme" führt nun verschiedene Beispiele für diese Obsorge an, u. a. die Sorge um die soziale Umschichtung der Jugend, für eine Arbeitsvermittlung und die Schaffung einer Kreditkasse. „Die Stimme" verschweigt aber, daß die Frage der sozialen Umschichtung der Jugend erst in den letzten zwei Jahren besonders brennend wurde und daß gerade erst die Auswirkungen des Antisemitismus und der Wirtschaftskrise der letzten Jahre diese Frage als eine der wichtigsten Aufgaben einer Kultusgemeinde erscheinen ließen. Kann vielleicht der Schreiber der , „Stimme" behaupten, daß die genannte Obsorge nicht in den Rahmen des von der „Union" propagierten Programms fällt oder vielleicht von der „Union" aus ihrem Programm gestrichen wurde? Kann vielleicht der Schreiber der „Stimme" behaupten, daß die unionistischen Mandatare der Kultusgemeinde auf diesem Gebiete nicht voll und ganz ihren Mann gestellt haben? Gerade die Arbeitsvermittlung wurde unter der Leitung eines unionistischen Mandatars geschaffen und steht heute noch unter der umsichtigen Leitung dieses Mannes. Im Vorstande der Kreditkasse saßen und sitzen die unionistischen Mandatare ebenso wie die zionistischen Mandatare. Kann der Schreiber der „Stimme" behaupten, daß die unionistischen Mandatare bei der Arbeit in dieser Kreditkasse weniger geleistet haben als die zionistischen Mandatare? „Tausende jüdische Kinder erhalten zusätzlichen Religions- und Hebräischunterricht auf Kosten der Gemeinde. Die Jugendgottesdienste sind überfüllt.'* Primär sei festgestellt, daß die Erteilung eines zusätzlichen Religions- und Hebräischunterrichtes sowie die Abhaltung von Jugendgottesdiensten doch sicherlich keine Erweiterung des als zu eng bezeichneten Programms der „Union4* darstellen. Weiters sei zur Aufklärung des Schrei-