Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 5 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis (fieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten* mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden4* Erscheint jeden Freitag MMMiiiiiiiM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon P 46-2-16 — Postsparhasser honto Wien; A 100.9)8 51. Jahrgang Wien, 1. Februar 1935 Nummer 5 Hitler schweigt! Rasiere DHU gut und billig Nach dem Weltkrieg hat sich der schöne Gebrauch eingebürgert, an historischen Gedenktagen Pausen des Schweigens einzuschalten. Zwei bis drei Minuten stockt der Großstadtverkehr und die Menschen verharren bewegungslos und stumm in wehmütigem Gedenken an die Wandlungen in der Politik und Geschichte. Zur lallgemeinen Ueberraschung wurde heuer auch der Jahrestag von Hitlers Machtergreifung im Zeichen des Schweigens begangen. Von Seiten der Bevölkerung des Dritten Reiches war allerdings nichts anderes zu erwarten. Sie hat sich jede Meinungsäußerung längst abgewöhnt. Nicht etwa in dem resignierten Gefühl, daß die Reichsführer auf ihrer Untertanen Ansichten nicht neugierig sind. Ein bis in den intimsten Schoß der Familie ausgebildetes Spitzeltum und Denunziantensystem beweist das Gegenteil, hat aber die Leute zur Vorsicht erzogen. Es schweigt der Vater vor seinen Kindern, der Gatte vor der Gattin, die Hausfrau vor dem Gesinde. Keiner darf dem anderen trauen und so ist das Schweigen im deutschen Volke zum Alltagsgebrauch geworden. Nur ein Zusatz wehmütigen Gedenkens an die Zeiten, da es ganz anders war und volle Gedankenfreiheit für jedermann im Gesetze verankert herrschte, hätte dem zweiten Jahrestag der nationalen Revolution im Zeichen des Hakenkreuzes die dem Ereignis entsprechende höhere Weihe im Volksbewußtsein verliehen. Ganz unerwartet aber kam das Schweigen der Führe r. Es war auch im ursprünglichen Festprogramm nicht vorgesehen. Wie im Vorjahre hätte auch am heurigen 30. Januar der deutsche Reichstag zusammentreten, eine schwungvolle Rede Hitlers entgegennehmen und voll vorschriftsmäßiger Begeisterung mit jener Handbewegung quittieren sollen, die in früheren Zeiten als ein fatalistisches „Da kann man nichts machen!" gedeutet worden wäre, jetzt aber durch die obligatorische Begleitung eines kräftigen „Heil-Hitler!"- Rufes zum „deutschen Gruße" avanciert ist. Die Ereignisse schienen noch im letzten Moment dafür gesorgt zu haben, daß es weder dem Redner an Schwung noch den Zuhörern an Begeisterung gefehlt hätite. Der imposante Abstimmungserfolg im Saargebiete konnte sich innen- und außenpolitisch glänzend ausschroten lassen. Keine Regierung der Welt hätte sich ein wirkungsvolleres Stimmungsbelebungsmittel für ein kalendarisches Jubiläum wünschen können. Ueberdies hätite die Verkündigung der Reichsgesetzreform erfolgen sollen, die die Verwurzelung der nationalsozialistischen Parteidogmen im Reichsgrundgesetz mit sich gebracht hätte, während bisher nur durch Sondergesetze wie das berüchtigte „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" die Entrechtung der Juden angebahnt worden war. Daraus hatte sich der sonderbare Zustand ergeben, daß Juden zwar nicht, mehr für würdig befunden wurden, als Beamte der Reichspost Briefmarken zu verkaufen, dagegen bei allen polltischen Abstimmungen, bei denen die höchsten Staatsprobleme zur Entscheidung gelangten, zusammen mit den anderen Staatsbürgern ihr Votum abgeben durften. Bei dem zahlenmäßig geringen Gewicht der jüdischen Stimmen hätte die Beibehaltung dieses Rechtes für die Juden bloß vom Ehrenstandpunkt eine Bedeutung haben können. Da aber gerade die jüdische Ehre im Dritten Reiche das bevorzugte Objekt niederträchtiger Besudelung ist, verliert dieser rein ideale Zweck einer Fiktion staatsbürgerlicher Gleichberechtigung jeden Sinn und bringt die Juden nach jeder Abstimmung bloß in die schlimme Situation von Sündenböcken, denen die oppositionellen Stimmen angekreidet werden. So macht man jetzt die Juden für die im Saarland zugunsten des Status quo abgegebenen Stimmen verantwortlich, obwohl feststeht, daß viele Juden Mühe und Kosten weiter Reisen nicht gescheut haben, um ihr Stimmrecht für die Rückgliederung des Saargebiets an Deutschland auszuüben. Unter solchen Umständen fiele es den Juden nicht allzuschwer, sich mit der von Dr. Frick bereits angekündigten Gesetzreform abzufinden, die das Wahlrecht an die Staatsbürgerschaft, die Staatsbürgerschaft aber an „Deutschblütigkeii" bindet. Auf der anderen Seite hätte die Führung, die ja immer ihre Judenpolitik um so konsequenter radikalisiert, je mehr Konzessionen sie auf allen anderen Gebieten machen muß, ein großes Interesse daran, wenigstens die Entrechtung der Juden im Staatsgrundgesetz zu verankern, je mehr die anderen Programmpunkte der nationalsozialistischen Partei sich als unrealisierbar erweisen. Oder glaubt jetzt nach dem Sturze Gottfried Feders, der das Programm verfaßt hat, noch jemand an die vielzitierte „Brechung der Zinsknechtschaft", zu der Goebbels schon vor Jahren aufrichtig erklärt hat, er breche, wenn er von ihr höre? Die Verkündigung der Reform des Reichsgesetzes an dem Tage, an dem just die Hälfte der Zeit, die Hitler für seinen „Vierjahrplan" zur Durchführung seiner „Revolution" in Aussicht genommen hatte, wäre also "nicht gerade übereilt erschienen. Um so verwunderlicher ist es, daß die ganze Reichstagssitzung mit einer so bedeutungsvollen Tagesordnung abgeblasen wurde. Hitler verzichtet auf die Siegesfanfaren über seinen Saarsieg, er verzichtet auf die Krönung seiner Judengesetzgebung und er verzichtet auf die rhetorische Selbstbestrahlung seineT göttlichen Sendung als — Reichskanzler und Führer. Warum? Wohl hat Goering jüngst in einem Interview die Aeußerung gemacht, die Machtergreifung durch Hitler entziehe sich jeder Darstellung und logischen Erklärung, sie sei ein W u n d e r. Aber das kann nicht der Grund für die plötzlich ausgegebene Schweigeparole für den Festtag sein. Wann hat die Unmöglichkeit, irgendeine Sache logisch zu erklären, einen Hakenkreuzler gehindert, über diese Sache IEure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Peparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltung*fcüro, Sensal ■ R. Taubmann, Wien 11., Nordpolstraße 2/3. Tel. A 48-9-22 Oesferrelchisclies Qualität fabriha! Ueberau erhältlich ausführlich zu reden? Was veranlaßte den Führer, den Jahrestag seiner Machtergreifung in freiwillig gewählter Stummheit zu begehen? Da sich die Meldung von seiner Erkrankung an einem Halsleiden als unrichtig erwies, kommt nur eine Erklärung in Betracht: Er will als Philosoph gelten .. . Das soll aber keine verleumderische Unterstellung eines Programm widrigen Annäherungsversuches an den Intellektualismus sein! Nein, der Osaf ist über jeden Verdacht erhaben, ein philosophisches System konstruieren zu wollen. Aber er hat offenbar von dem lateinischen Sprichwort gehört: „Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph gewesen!" Es mochte ihm ahnen, daß sich das Urteil der Mitwelt über alles, was er vorzubringen beabsichtigte, in dieses geflügelte Wort kleiden würde. In mancher Beziehung besaß er wohl auch konkrete Warnungen. So ist die abermalige Verschiebung der Reichsgesetzreform sicherlich auf den Einspruch der diplomatischen Vertreter Deutschlands im Ausland zurückzuführen, die von einer neuerlichen Verschärfung der Judenentrechtung höchst unliebsame Auswirkungen befürchten. Oder sollte Hitler von seinen außenpolitischen Erfolgen sprechen? Sie sind ohne Zweifel sehr groß: Die Annäherung zwischen Frankreich und Italien einerseits, zwischen Frankreich und England anderseits, das freiwillige Heraustreten des Inselreiches aus seiner splendid isolation zugunsten einer auf die Unabhängigkeitsbewahrung Oesterreichs gerichteten Kontinentalpolitik ist ohne Zweifel das Verdienst Deutschlands. Aber wie sage ich das meinen Kindern? Hitler erschien es philosophischer, zu schweigen — wenigstens bis zur Heimkehr Goerings, der jetzt in Polen eifrig politische Jagdbeute macht. Er hat die diplomatische Aufgabe übernommen, in den polnischen Jagdrevieren die Bären zu erlegen, die dann der Propagandaminister Goebbels seinen Gläubigen aufzubinden haben wird... Noch weniger verlockend erwies sich für den Reichskanzler und Führer die Versuchung, über Wir bitten Abonnenten die den fälligen Abonnementsbeitrag noch nicht bezahlt haben, uns unnötige Mahnungen zu ersparen.