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Die Wahrheit · 1935-01-25 · Heft 4 (25.1.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 4 (25.1.1935)
Date
1935-01-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 4 — 25. Jänner 1935 DIE WAHRHl T \ ' Rechnung beweist dies) zu verkaufen gewußt. Ein gewiß mehr als bürgerlicher Nutzen. Wie herrlich wäre es gewesen, hätte Frau Gilli ihre gesamten 1100 Kerzen an den Mann bringen können -~ es hat nicht sollen sein- Ob sie damals auch schon ihre Kundschaft nach der Konfession gefragt hat, als sie sich anschickte, ein großangelegtes Wuchergeschäft zu machen, das sie bei Nichtariern sicherlich verächtlich als „Rebbach" bezeichnet hätte. Vielleicht hat sie ein Jude, der sich ausgebeutet fühlte, angezeigt, und Frau Gülls Groll gegen die Semiten rührt von dem verunglückten Fischzug her. Wer weiß es, Verquickung von Antisemitismus und Geschäft soll schon vorgekommen sein. „Greuelmeldungen." Oer Berliner «Angriff, das persönliche .Organ des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels, spricht in einer seiner letzten Nummern auf der ersten Seite in großer Aufmachung Drohungen gegen die jüdischen Zeitungen in Deutschland aus, weil diese sich der Verbreitung von Greuelpropaganda dadurch schuldig machen, daß sie Reden des fränkischen Gauleiters Julius Streicher über die Juden wiedergeben. Dies bedeute nach Ansicht des „Angriff' die Unterstützung des antideutschen Feldzuges im Ausland, wobei eine Kollision mit dem Gesetz schlau vermieden wird. „Der Angriff' greift sogar das Frankfurter Organ der jüdischen Orthodoxie „Israelit" an und sagt ihm nach, daß es durch Zitierung von Streicher-Reden bewußt den Feinden Deutschlands im Auslande Greuelmärchen liefere. Die Auslassungen des „Angriff' entsprechen offenbar der neuen Intention der deutschen Regierung, eine Identifizierung von „Streichertum" mit „flitlertum" nicht zuzulassen. Vom Presse-Department des Auswärtigen Amtes wurde den Korrespondenten der ausländischen Zeitungen kürzlich bedeutet, es gehe nicht an, Auslassungen Julius Streichers und Artikel seines „Stürmer" als maßgebend für die deutsche Judenpolitik zu zitieren, da Deutschland nicht identisch sei mit Franken, wo schon vor Hitler ein scharfer Antisemitismus herrschte. (In Wirklichkeit herrschte in den Kreisen Nürnberg-Fürth wie im übrigen Franken vor dem Machtantritt durch Hitler keineswegs eine schärfere, vielleicht sogar eine gemäßigtere antisemitische Stimmung als in anderen Teilen Deutschlands. Julius Streicher erfreute sich damals keinerlei Ansehens in der Oeffentlichkeit. Auch heute besteht in Franken gegen Streicher wegen seiner auf die niedrigsten Instinkte spekulierenden Juden^ hetze eine starke Opposition sogar in Parteikreisent, und er kann seine heutige Stellung nur durch die Autorität Hitlers, der ihn oft auszeichnet und sich4 mit ihm photographieren läßt, behaupten. Die Red.) Holland gegen antisemitische Propaganda. In Beantwortung schriftlicher Anfragen des Mitglieds der ersten Kammer des holländischen Parlaments Dr. Henri P o 1 a k hat der h o 11 ä ndische Justizminister Dr. van Schaik erklärt, er halte dieErregunginjüdischen und anderen Kreisen über die Behauptung eines antisemitischen Blattes, es sei bei den Juden Brauch, Christen zu töten und die Juden seien hierzu nach den Bestimmungen des icabbalistischen Buches Sohar sogar gezwungen, für berechtigt. Die heute geltenden Gesetzesbestimmungen böten jedoch keine Handhabe zur Verfolgung der Urheber solcher Veröffentlichungen. Der Minister beabsichtige, der Ausbreitung des Antisemitismus durch Erlaß neuer gesetzlicher Bestimmun g e n Einhalt zutun. Die kiath olisch en Zeitungen — der Justizminister ist Mitglied der katholischen Partei — fordern nachdrücklich die gerichtliche Verfolgung derjenigen Personen, die die erwähnten Behauptungen verbreiten. Saloniki Vor dem Salonikier Gericht fand der Prozeß gegen die bekannte antisemitische Zeitung ,,M a k e d o n i a" wegen Aufreizung zu konfessionellem Haß statt. Der Hauptschriftleiter wurde mit der Begründung freigesprochen; daß die Veröffentlichungen in der Zeltung nicht geeignet gewesen seien, Feindschaft zwischen den jüdischen und christlichen Bürgern hervorzurufen. Unter den vom Gericht vernommenen Zeugen befand sich kein Jude. Eine vernünftige Stimme zur Judenfrage. Die Museumsgesellschaft Weinfeldeni, Schweiz, hatte vor kurzem den katholischen Theologieprofessor Ludwig Köhler aus Zürich zu einem Vortrag über die Judenfrage eingeladen. Der Vortrag Prof. Köhlers fand im vollbesetzten Rathaussaal von Weinfelden statt Prof. Köhler führte u. a. aus: „Man sagt oft, die Juden seien ein Handelsvolk. Im Alten Testament findet sich kein Beleg dafür. Ja, sie werden sogar gewarnt, Geldgeschäfte mit Heiden und Christen zu machen. Aber sie wurden zu Händler n gemacht, und zwar durch niemand andern als durch die Christliche Kirche des Mittelalters, der es verboten war, Geldgeschäfte zu betreiben. In seinem neuen Beruf machte der Jude die Entdeckung, daß das Geld ein Schutz gegen Verfolgung ist Darum erstrebte er das Ideal, Geld zu machen. Dabei half ihm sein scharfer Intellekt Er machte nichtGeldum des Geldes willen, sondern um seine Kinderschulen, bildet! zu lassen. Er anerkennt in hohem Maße die Geistigkeit. Im 19. Jahrhundert wird der Jude als Mensch anerkannt zuerst in Europa, vorab in der Schweiz. Damit war ihm allerdings die Möglichkeit, in jeden Beruf einzutreten, noch nicht gegeben. Die Emanzipation war noch lange nich durchgeführt Das hat ihn verbittert Es ist dem Juden zu viel genommen worden, darum gerät er leichter in die Auflehnung, in die Kritik. Ist das weiter verwunderlich? Ein Mensch, der m der Tradition, in festen Formen gelebt hat und nun sieht, daß seine Kinder oft verachtet, bloß geduldet sind, einem solchen Menschen bleibt eigentlich nichts anders übrig, als sich dagegen aufzulehnen und aufzubäumen." Aus der braunen Hölle. Der Vorstand der Stadtverwaltung Nürnberg hat auf Grund verschiedener ministerieller Erlasse erneut darauf hingewiesen, daß bei der Unterscheidung von deutschen und nichtdeutschen Geschäften die Bezeichnung „christlich" als durchaus unangebracht grundsätzlich zu vermeiden sei. Es gebe keine „christlichen" Geschäfte. Aerzte, Viehhändler, Rechtsanwälte usw. im Gegensatz zu „jüdischen", sondern nur deutsche und jüdische Geschäfte, deutsche und jüdische Aerzte, deutsche und jüdische Viehhändler und deutsche und jüdische Rechtsanwälte. r* -;- '• "■- In der Berliner Zeitschrift „Der Photograph" vom 4. Januar befindet sich ein Inserat, in dem es heißt: „Achtung! Zu rassischen Studien werden folgende, nur scharfe Bilder gesucht: 1. Juden am Strand und beim Tanz, 2. Juden und Arier (Mischpaare und .Mischlinge), 3. Farbige und Andersrassige mit arischen Mädchen und umgekehrt — Sommerliche und Strandaufnahmen bevorzugt Auswahlsendungen, möglichst mit Preisangabe, unter S. E. 357 an den „Photographen" erbeten. (Es ist also mit einer neuen Bildermappe „Juden sehen Dich an" zu rechnen.) Das Rassepolitische Amt der NSDAP teilt mit: Dem Göttinger Privatdozenten Dr. Salier wurde die Lehrbefähigung entzogen, weil er die Anwendung des Rassegedankens auf soziale Verhältnisse vertreten hat. Er spricht von „gesellschaftlichen Rassen" und sogar von einer „Rasse der Korbmacher" und lehrt, daß den heutigen Klassen ursprünglich Rassen zugrunde lüegen. (Dies gilt offenbar als Entwürdigung des Rassegedankens.) In Nürnberg erscheint neuerdings die Zeitschrift „Deutsche Volksgesundheit", herausgegeben von Julius Streicher. Ein Prospekt für dieses neue Blatt enthäUie einig© Lesepnoben. In einem Artikel „Der Kampf geht weiter" schreibt Julius Streicher: „Wir wissen nun. warum der Jude mit allen Mitteln der Verführungskunst darauf ausgeht, deutsche Mädchen möglichst frühzeitig zu schänden; warum der jüdische Arzt seine Patientinnen in der Narkose vergewaltigt: warum sogar die Judenfrauen ihren Männern den Verkehr mit Nichtjüdinnen gestatten: das deutsche Mädchen, die deutsche Frau soll den artfremden Samen eines Juden in sich aufnehmen, sie soll niemals mehr deutsche Kinder gebären." * Aus einer Rede des Adelsmarschalls Fürst zu Bentheim-Tecklenburg auf der Tagung der Deutschen Adelsgenossenschaft ging hervor, wie stark die Opposition jenes Teils des deutschen Adels ist, der es mißbilligt, daß sich die Adelsgenossenschaft auf den Boden des nationalsozialistischen Staates gestellt hat. Der Adelsmarschall spricht auch von den schweren Vorwürfen, die der Adelsgenossenschaft gemacht wurden, weil sie „mit dem Ariemaragraphen einen Keil in den Adel getrieben" habe. Es sei aber nicht einzusehen, daß es eine Spaltung bedeuten soll, wenn sich die Adelsgenossenschaft von einigen Mitgliedern trennen müsse, die irichtärische Ahnen haben. Der Adelsmarschall widersprach der Behauptung, daß der d e u t s c h e Adel stark verjudet sei: nur etwa 1.5 Prozent der Mitglieder der Adelsgenossenschaft, hätten den Rassebedingungen nicht entsprochen. Im übrigen wurde vom AdtelsmarschaB auch eine Klärung der Frage in Aussicht gestellt, wann man nichtarisches Blut als getilgt ansehen könne. Der neue Jerusalemer Stadtrat. Nach der Abweisung des vom ehemaEgea Bürgermeister Nashashibi eingebrachten Wahlprotestes durch das Jerusalemer Distrikt-Gericht sind sofort die Verhandlungen mit den Regierungsstellen betreffend die Besetzung des Bürgermeisterpostens auigenommen worden. Der Distrikts-Kommissar Campbell hatte Vertreter des Waad Leumi zu einet Besprechung eingeladen, in der die Möglichkeit der Besetzung des Bürgermeisterpostens mit einem Juden erörtert wurde. (Jerusalem besitzt bekanntlich eine jüdische Bevölkerungsmehrheit.) Die Ergebnisse dieser Besprechungen wurden auf Wunsch des Distrikts-Konunissars nicht veröffentlicht. Es folgten weitere Verhandlungen mit dem High Comratssioner. in denen die Vertreter der jüdischen Wählerschaft siel schließlich damit zufrieden gaben, daß Urnen der Posten des ersten Vize-Bürgermeisters, dessen Befugnisse erweitert werden sollen, überlassen wird. Zum Bürgermeister von Jerusalem wurde der erfolgreiche Gegenkandidat Nashashibis bei den letzten Wahlen, Dr. Hussein Fakri el Khaldi, ernannt Zum ersten Vize- Bürgermeister wurde der jüdische Advokat Daniel Auster, zum zweiten Bürgermeister Jakub Farradscb als Vertreter der christlichen Araber bestimmt Der High Commissioner bemerkte hiezu, daß er es vermeiden wollte, die christliche Bevölkerung bei der Besetzung des Stadtpräsidiums zurückzusetzen. Die neugewählte Stadtvertretung hat die Arbeiten bereits aufgenommen, ohne die Entscheidung über den Wahlprotest, der von zwei anderen Mitgliedern der Nashashibi-Partei eingereicht wurde, abzuwarten. Z. T. A. Die Bodenspekulation in Palästina. Der „Dawar", der bereits seit längerer Zeit in seinen Spalten täglich einen energischen Kampf gegen die Bodenspekulation in Palästina führt, berichtet, daß es nach Nachrichten, die sich im Besitz der Redaktion befinden, einige gewissenlose jüdische Spekulanten gibt, die Araber dazu aufhetzen, auf den von Juden gekauften Böden Konflikte hervorzurufen. Sie tun diesv um den Boden in ihre Hand zu bekommen. Im Anschluß an diese Enthüllung fordert der „Dawar" die Schaffung einer öffentlichen Kommission, bestehend aus den Vertretern der anerkannten leitenden nationalen Organe, mit der Aufgabe, diese Tatsachen zu untersuchen und die Bodenspekulanten in Palästina zu bekämpfen. Gemeindedivomk. Ernest Bloch's Oratorium „Äavaudes Hakaudesch" in Budapest. In der GroßenSynagoge der Budapester Kultusgemeinde (Tabakgasse) gelangt am Dienstag, den 5. Februar d. J., halb 8 Uhr abends, das berühmte Werk des jüdischen Komponisten Ernest Bloch „Äavaudes Hakaudesch" zur Aufführung. Dieses Werk, das in New-York, Turin, in der Mailänder-Scala, Neapel, Berlin und Amsterdam großes Aufsehen erregte, wird in Budapest von einem aus 120 Mitgliedern bestehenden Symphonie- Orchester und einem aus 60 Personen bestehenden Chor zur Aufführung gebracht werden. Der Inhalt des Oratoriums besteht aus den Grundelementen des Sabbath-Gottesdienstes. Nicht nur das Thema, sondern auch die musikalische Auffassung verdient das größte Interesse. Der jüdische Kulturbund „0 m i k e" in Budapest hat mit dem Wiener Reisebureau „Ueberland", I., Burgring 1, ein Uebereinkommen wegen Veranstaltung von Sonderfahrten zur Teilnahme an dieser Aufführung getroffen. Eventuelle Auskünfte werden auch im Jugend-Referat der Kultusgemeinde und in der Redaktion der „Wahrheit" erteilt Das Symphonie-Orchester des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs gab jüngst im Großen Konzerthaussaal sein erstes großes Konzert, das einen durchschlagenden Erfolg hatte. Der Dirigent Dr. Kurt P a h 1 e n hatte ein Programm zusammengestellt das an seine Musikerschar die größten Anforderungen stellte: Zunächst die „Sakunitala'-Ouvertüre von Goldmark, sodann das Schumannsche Klavierkonzert A-Moll, dessen Solistin das pianistische Wunderkind Evi Wächter war. Helles Erstaunen und Entzücken löste dieses Spiel aus. Aufrichtig ist dem Meister Herrn Prof. Wolf sohn zu dieser Schülerin zu gratulieren. Das Orchester besorgte mi* hervorragender Meisterschaft die Begleitung. Und nun folgte ein Monumenfcalwerk der Musikliteratur, ein Juwel unter den Symphonien, die Fünfte von

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