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Die Wahrheit · 1935-01-25 · Heft 4 (25.1.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 4 (25.1.1935)
Date
1935-01-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 4 — 25. Jänner 1935 Seite 3 nun eines Tages, aller Erwerbsmöglichkeiten beraubt, rat- und hilflos auf der Straße stehen werden. Wer kann, wird auswandern. Die Jugend will fast ausnahmslos nach Palästina, und wir sind bemüht, den jungen Juden vom; der Saar eine Zahl von Flüchtlirigszertifikaten nach Palästina zu verschaffen. Andere wieder setzen ihre Hoffnung auf Frankreich, wo sie neue Arbeits- und Existenzmögliehkeit zu finden hoffen. Die Einwanderung nach Luxemburg steht allen jenen offen, die dort leben vollen, ohne arbeiten zu müssen. Endgültige Entscheidungen sind, wie gesagt, noch nicht gefallen. Eine Anzahl Saarländer Juden hat allerdings das Land bereits verlassen. Ihre Zahl festzustellen, ist jetzt noch nicht möglich. Auch weiß man noch nicht, wie viele von den fünftausend Saarländer Juden bleiben werden, bleiben müssen. Die Kommission des Völkerbundes ist hier und an der Arbeit. Sie wird viel dazu beitragen, die Situation zu klären. Endgültige Klarheit allerdings wird erst der 1. März bringen." In den Kreisen der Saarjuden, die aus dem Saarland fortziehen wollen, herrscht große Niedergeschlagenheit darüber, daß Frankreich, Belgien und Holland Maßnahmen gegen das Einströmen von Flüchtlingen aus der Saar ergriffen und unter anderem Visumzwang eingeführt haben. Aber auch der vielgepriesene Völkerbund hat wieder einmal versagt. Der Völkerbundrat erörterte eine französische Denkschrift über die Saarflüchtlinge und beauftragte seinen Berichterstatter für die Flüchtlingsfragen, in der nächsten Session seine Vorschläge zu unterbreiten. Die französische Denkschrift besagt, daß die französische Regierung, die ohnehin für die Niederlassung der Franzosen, die im Saargebiet gewohnt hatten, Sorge tragen müsse, nicht weiterhin Räumlichkeiten für die deutschen Saarflüchtlinge bereitstellen und an sie Aushilfen ohne finanzielle Zusammenarbeit auszahlen könne. (Bis zum 22. d. M. sind 2600 Personen aus dem Saarland in Frankreich eingereist) Nach Auffassung der französischen Regierung sollten die Kost e n für den Unterhalt und die Niederlassung dieser Flüchtlinge vom Völkerbund getragen werden, dies um so mehr, als die in Frage stehenden Personen zum Großteil fürdieBeibehaltung des Völkerbundregimes eingetreten seien. Der Generalsekretär des Völkerbundes führte aus, daß im Budget des Völkerbundes keine Geldsummenfür solche Zw ecke vorgesehen seien und daß es Aufgabe der ordentlichen Völkerbundversammlung sein könnte, eventuell Mittel für die Erfüllung dieser Aufgabe bereitzustellen. Man könnte also höchstens vom 1. Jänner 1936 an auf eine finanzielle Unterstützung des Völkerbundes rechnen. Unter solchen Auspizien gewinnt der Gruß der Reichsvertretung der deutschen Juden an die jüdischen Gemeinden des Saargebietes tragische Größe. Auch diese Kundgebung echten Patriotismus ist geleitet von dem Sehnsuchtsschrei „Nichts wie heim!", die Heimat aber lohnt diese Sehnsucht mit Haß und Verfolgung. Die Reichsvertretung der deutschen Juden hat an die jüdischen Gemeinden des Saargebietes folgendes geschrieben: Nach 15 Jahren der Trennung ist die Saar zu Deutschland zurückgekehrt. In geschichtlicher Stunde entbieten wir den jüdischen Gemeinden im Saarlande ein Wort herzlicher Verbundenheit. Ihr seid jetzt wieder mit uns zusammengeschlossen und wir mit euch. Gemeinsam ist uns wieder unser Schicksal, gemeinsam Arbeit, Sorge und Aufgabe. Pflichten sind euch neu gestellt; wir teilen sie mit euch. Gegenseitig wird unsere Hilfe sein. Dem Gebot und der Hoffnung unseres deutschen Judentums treu werden wir zusammenhalten. Die Reichsvertretung der deutschen Juden. Der Hohe Kommissar berichtet. In einer kleinen Broschüre von 34 Seiten, die kostenlos durch „Le Haut-Commissariat, Sentinel House, Soustampton Row, London WC 1", von jedem Interessenten bezogen werden kann, gibt der Flüchtlings-Kommissar M. James G. Mac- Donald einen Rechenschaftsbericht über seine Tätigkeit. Mit erfreulicher Ehrlichkeit stellt er gleich im Anfang seiner Betrachtung fest!, daß „keiner, der sich an der Hilfsarbeit beteilig* hat, befriedigt ist". Zwei Gründe sind maßgebend. Deutschland hat immer mehr die Möglichkeiten, daß der Emigrant sein Vermögen mit herausnehmen kann, verschlechtert und die finanziellen Unterstützungen aus Deutschland, die Auszahlung von Pensionen und Renten usw. fast vollkommen eingestellt. Auch die Länder, in denen die Flüchtlinge eine neue Heimat suchten, haben infolge der überall herrschenden Arbeitslosigkeit meist keine Erwerbsmöglichkeiten gegeben. Die Zahl der aus Deutschland Geflohenen, die- Verteilung auf die einzelnen Länder ist hier bereits mehrfach angegeben worden, so daß in dieser Beziehung der Bericht keine Neuigkeiten bringt Bemerkenswert ist die Feststellung, daß die Emigranten keineswegs eine finanzielle Belastung der Gastländer bedeuten, sondern im Gegenteil manchen Wirtschaftlichen Vorteil bringen. So hat eine Untersuchung in Holland ergeben, daß ungefähr 5000 arbeitslose Arbeiter durch deutsche Flüchtlinge Brot gefunden haben, 90 Prozent davon sind Holländer. Die neuen Industrien produzieren hauptsächlich Waren, die früher — meist aus Deutschland importiert werden mußten. Auch haben viele Import- und Exporthändler ihren Sitz nach Holland verlegt, so daß dessen Devisenbilanz günstig beeinflußt wurde. „Man kann annehmen", schreibt der Kommissar, „daß eine ähnliche Untersuchung in anderen Ländern die gleichen Ergebnisse zeigen werde". Die Flüchtlingsorganisationen sind also im Recht, wenn sie einige Freiheiten in der Beschränkung der Arbeitserlaubnis für die Flüchtlinge als Ausgleich für den wirtschaftlichen Wohlstand verlangen, den Flüchtlinge, Industrielle und andere, in unabhängiger Position, fördern. Drei Punkte sind für das weitere Schicksal der Flüchtlinge von ausschlaggebender Bedeutung — das ist die Folgerung des Berichtes: 1. Eine ernsthafte Zusammenarbeit mit Deutschland, damit die Flüchtlinge nicht länger des wirklichen Genusses dessen beraubt bleiben, was sie in Deutschland besitzen. 2. Eine Aenderung in der Haltung der deutschen Grenzländer in bezug auf Aufentharterlaubnis und Arbeitsmöglichkeit, denn beide Beschränkungen bringen notwendigerweise Tausende von Flüchtlingen an den Rand der Verzweiflung durch das ständige Gefühl der Unsicherheit und durch das Verbot, eine Stellung zu suchen. 3. Die Fort- Restanrant Hole! Stefanie vormals Opeier II., TaborslraOe 12, Tel. D 46-3-5? Ausgiebige Braten-Menus S 1.60 ^M*^ iE' J QellUgel- „ S iM IB'-J VorzBgliche Zubereitung — Schwechater Eiere — Naturweine setzung des großzügigen Unterstützungswerkes und die Zunahme der Spenden aus christlichen Quellen, ohne die das Hilfswerk, die Umschulung, die Auswanderung, und die Existenzgründung nicht fortgesetzt werden kann. Auf die Erfüllung von Punkt eins hat der Kommissar wenig Hoffnung, um so mehr rechnet er mit einem Erfolg bei den außerdeutschen Stützpunkten; hoffen wir, daß er mit seinem Optimismus rechtbehält Bruno Weil bei den Saarjuden. Dr. Bruno Weil, Mitglied der Reichsvertretung der deutschen Juden und Vizepräsident des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, ist im Auftrag der Reichsvertretung in Saarbrücken eingetroffen, um mit Vertretern der Juden des Saargebietes über deren Gegenwart und Zukunft zu beraten. Dr. Bruno Weil erklärte Pressevertretern gegenüber: Wir sind angesichts der von der deutschen Regierung in Rom abgegebenen Erklärungen überzeugt, daß alles geschehen wird, um den allen Bürgern zugesagten Schutz auch dem jüdischen Bevölkerungsteil zuteil werden zu lassen. Die deutsche Regierung hat eingewilligt, daß die Ariergesetzgebung im Saargebiet ein Jahr lang nicht eingeführt wird. Wir geben uns darüber hinaus der Hoffnung hin, daß ihre Einführung auch nach Ablauf dieses Jahres nicht erfolgen wird. Die deutschen Juden haben es immer abgelehnt, sich zum Richter über den Einzelnen aufzuwerfen, der sich nach schweren seelischen Konflikten zur Emigration entschlossen hat. Aber sie wünschen, daß, wie das deutsche auch das seit Jahrhunderten hier verwurzelte saarländische Judentum nicht durch die Abwanderung seine geistig und materiell wichtigsten Glieder verliert. HERRENKLEIDERSALON S. FROST ///., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 empfiehlt seine feine Maßwerkstätte. Spezialist In allen Sorten eleganter Gesellschaftskleidung, insbesondere für Teeanzüge, Frack- und Smokingarbeiten. Billigste PreisansUUung und aufmerksamste Ausführung. Die Entartung Tel-Avivs. In der Broschüre „Jedioth Isrijath Tel-Aviv**, die jetzt herauskam, erschien ein bedeutsamer Artikel Dizengoffs, des Bürgermeisters von Tel-Aviv, über „Tel-Aviv und dessen Lebenswandel". Er schreibt unter anderem: Die öffentliche Mißachtung der religiösen Güter. Ich bin wohl nicht der Gesandte Gottes, noch will ich rechten für die der Religion angetane Schmach. Aber ich will das Verhältnis zum S a b> bath, dem kostbaren und teuersten nationalen Gut, für dessen Heiligung sich tausende und abertausende unserer Väter opferten, neu konstatieren. Alle jene, die in Tel-Aviv leben, hier ihr Brot verdienen und seine Einrichtungen genießen, müssen den Charakter der Stadt ihre Sabbathe und Feiertage, ihre Sprache und nationale Kultur voll respektieren. Denn ohne diese drei — sind wir eventuell Witchapel oder anderen gleich. Die freien Geister lassen die nationale und soziale Seite des Sabbaths seiner religiösen Seite wegen unbeachtet, Meiner Ansicht nach aber ist jeder, der den Sab» bath — ohne Grund von Piknach-Nefesch — öffentlich in der jüdischen Stadt entweiht, ein Verräter an seinem Volke. Ein Teil unserer Jugend liebt es, in seinen freien Stunden des Sabbaths Motorrad zu fahren, und passiert just zentralgelegene Straßen und Synagogen zur Zeit des Gebetes, ohne zu bedenken, welch eine Entartung und moralische Anarchie darin hegt. Wie richtig bemerkte ein Kritiker des Zionismus: Ein Führer der Bewegung, der öffentlich Treioth Ißt, schadet mehr dem Zionismus, als er durch Absingen der nationalen Hymne ihm nützt; Die Freiheitsbewegung muß eben eine Fortsetzung der Geschichte und der Ueberlieferung des Volkes sein, denn hierin liegt ihre Stärke. Knüpft aber das Ideal der Wiedergeburt nicht an die Vergangenheit und die Tradition unserer alten Kultur an — so pflanzen wir ein fremdes Gewächs in unserem Weinberg. Und wer weiß, wie lange wir dann den Stürmen, die über uns und unserem nationalen Streben von allen Seiten herwehen, werden standhalten können? Die Mißachtung der öffentlichen Sittlichkeit. Ein Großteil unserer Jugend passiert die Straßen der Stadt in Badekostümen, halb nackt in verfänglichen Situationen, als würde er am Meeresstrand promenieren, wo dieses Benehmen auch zu verurteilen ist. In den Küstenstädten Europas, wo die Sittlichkeit geringer eingeschätzt wird als in den östlichen Ländern, ist das Tragen der Badekostüme — Sittlichkeitsnormen vorausgesetzt — nur in den Badezonen, keineswegs aber in den zentralen Punkten der Stadt ger stattet. Wir wandten uns schon häufig mit besonderen Kundmachungen an das Publikum und ersuchten es, auf diese Dinge zu achten. Denn viele unter uns erblicken in diesen Sitten eine Verletzung der Sittlichkeit. Der Orient ist ja streng bedacht auf die äußeren Zeichen der Sittlichkeit und wir stehen bloßgestellt vor unseren Nachbarn, die in diesen Sitten eine Ausgelassenheit sehen. Aber auch diese Worte fanden kein Echo im Herzen unserer Jugend, die scheinbar nur den Ermahnungen eines Wachmannes gehorcht. * Das Befinden des bekanntlich schwer erkrankten Bürgermeisters von Tel-Aviv Dizengorf hat sich wie die Aerzte mitteilen, nach der dritten Bluttransfusion ein wenig gebessert. Der High Commissioner Generat Sir Arthur Wauchope und der Chefsekretär der Palästina-Regierung Hall haben Sympathie-Telegramme an Dizengoff geschickt und sich wiederholt nach seinem Befinden erkundigt. - Z. T. A.

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