Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4 (25.1.1935)
- Date
- 1935-01-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 4 — 25. Jänner 1935 DIE WAHRHEIT 99 Nichts wie heim!" V $ k i X* pl v 'fil \ | I f Als man nach Bekanntwerden des Saar- Abstimmungsresultats für den hohen Prozentsatz zugunsten Deutschlands abgegebener Stimmen, den man nach der in vielen saarländischen Versammlungen und Umzügen zum Ausdruck gekommenen Anti-Hitlerstimmung nicht erwartet hatte, Erklärungen zu finden suchte, konnte man u. a. die schöne Sentenz lesen, die Saarländer wären bloß von einer übermächtigen Sehnsucht erfaßt worden, hinter der alle anderen Wünsche und Bedenken zurücktreten mußten: „Nichts wie heim!" Wie traulich klingt dieses Wort im menschlichen Gemüt! Welch eine Fülle seelischer Akkorde bringt es zum Mitschwingen, wie eindrucksvoll und zu tiefst ergreifend erfühlt man den überwältigenden Drang nach Geborgenheit in der großen Gemeinschaft, der man sich nach Sprache und Kultur, nach Erziehung und Tradition zugehörig empfindet. Aber dieses schöne, liebliche Bild fröhlicher Heimkehr einer halben Million Deutscher ins deutsche Vaterland hebt sich von einer grauenvoll tragischen Folie ab: Seit der triumphalen Rückkehr des Saarlandes zum Deutschen Reiche schütteln täglich zahllose Saarländer den Staub der Heimat von ihren Füßen, um fern von dem Lande, in dem sie geboren wurden, das traurige Brot der Emigration zu essen. Auch in ihnen tönt, wahrscheinlich tausendfach verstärkt, der Wehmutschrei: „Nichts wie heim!" Aber statt dankbaren Wiilkommengrußes antwortet ihm nur grausamer Hohn und ,wüde Drohung. Es ist, als ob ein europäischer Landstrich von einer wilden Völkerschaft erobert worden wäre, die ihren dunklen Leidenschaften nun die Zügel schießen läßt. Man erfährt, daß Tausende von deutschen Familien an den französischen Grenzstationen sehnsüchtig darauf warten, aus ihrer deutschen Heimat fliehen zu können, weil sie zu Hause ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Der Korrespondent der „Basler Nationalzeitung" schreibt seinem Blatt, es sehe heute im Saargebiet und insbesondere an der französischen Grenze aus, als ob der Weltkrieg noch einmal ausgebrochen wäre. Ueberall sind Flüchtlingslager errichtet worden, unaufhörlich ziehen mit Möbeln und Hausrat vollbepackte Wagen nach Frankreich und das Rote Kreuz ist voll damit beschäftigt, Hungernde zu speisen, Frierenden ein Obdach zu verschaffen und Verzweifelte zu trösten. Was haben diese Unglücklichen, denen die Stunde der symbolischen Heimkehr ihrer Landsleute den realen Verlust ihrer Heimat bescherte'} verbrochen? Soweit man ihnen überhaupt aktives Hervortreten ankreiden kann, haben sie nichts anderes getan wie Hitler und sein Anhang in der Oppositionszeit, Sie haben sich erlaubt, ihre politischen Ansichten zur Geltung zu bringen und für sie zu werben. Dabei haben sie das in Deutschland herrschende System kritisiert und angegriffen. Leute mit gutem Gedächtnis werden sich erinnern, daß auch die Nationalsozialisten, bevor sie ans Ruder kamen, nicht anders gehandelt haben. Sie haben noch darüber hinaus jüdische Friedhöfe geschändet und gelegentlich gegnerische Staatsmänner gekillt. Die saarländischen Oppositionsführer haben sich viel gesitteter aufgeführt; trotzdem — fast möchte man sagen: eben deshalb — müssen sie jetzt als Geächtete landflüchtig werden. Die Regierungskommission des Völkerbundes selbst hat ihnen dies angeraten und sich außerstande erklärt, für ihre körperliche Sicherheit zu bürgen. Aber die Hakenkreuzler begnügen sich nicht damit, ihnen Ehre und Heimat zu nehmen — sie nehmen ihnen auch die — Rasse. Zwar verkündet sonst gerade der Nationalsozialismus, daß Rasse etwas Naturgegebenes ist, dem zwangsweise jedes Geschöpf unterworfen ist und dessen Schicksalshaftigkeit sich niemand entziehen kann. Aber was tut's? Es gibt im Dritten Reiche eine höhere Instanz als Natur und Schicksal, und das ist der Herr Julius Streicher. Nach einem Bericht der „Fränkischen Tageszeitung" äußerteer: „Wirwußten und wissen, wer es war, der das Leid in das Saarland Caf€ Pension Cchstcin Semmering und damit ins deutsche Volk brachte. Mit dem Namen Matz Braun ist gesagt, wer das Unglück an die Saar brachte." Dieser Matz Braun war der Führer der saarländischen Marxisten. Er ist, wie zweifelsfrei feststeht, Vollblutarier. Trotzdem deklariert Herr Streicher: „Matz Braun gehört jener Rasse an, gehört jenem Volke an, das durch den Mund Walter Rathenausvor Jahrzehnten sagen ließ: ,390'Mämter, xlfe sich gegenseitig kennen und durch das Blut verbunden sind, regieren die Geschicke der Welt!" Der Jude Matz Braun war Beauftragter der jüdischen Rasse, des jüdischen Volkes. Er war beauftragt, zu verhindern, daß das Saarvolk zum Mutterland zurückkäme. Ihr Nürnberger, Deutsche, vergeßt nie: ein Jude war es, der an der Spitze des Terrors stand, ein Jude war es, der mit dem Geld der Judenbanken und der jüdischen Weltbörse glaubte, dem deutschen Volke das Unglück bringen zu können, daß Ihren Dthherbedari decken Sie am besten und billigsten in der Bnchbandlaiut — Antiquariat II Eft MANN TUCHNER, In Wien II, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Ausküntte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 19 Gr. pro Tag lesen! Keine wetteren Gebühren.' Einzelne Bücher und gan^e Bibliotheken werden angekauft und gilt bezahlt! Hunderttausende Deutsche für immer dem deutschen Volke genommen werden." Ja, die Rassenlehre ist eine komplizierte Angelegenheit! Während ihre wissenschaftlichen Vertreter vom Universitätsprofessor Günther bis zu jenem Inserenten der Berliner Zeitschrift „Der Photograph", der jüngst „zu rassischen Studien" scharfe Lichtbilder von „Juden am Strand und beim Tanz" suchte, mit Ernst und Eifer, wie man sieht, der mühevollen Forschungsarbeit obliegen, hält sich Herr Streicher offenbar an die Luegersche Maxime: „Wer ein Jud' ist, entscheide ich!!" Matz Braun ist ihm unsympathisch, infolgedessen stempelt er ihn zum Juden und die weitere logische Konsequenz dieser Taktik führt Herrn Streicher zwangsläufig zur Propagierung eines Ausrottungskrieges gegen die Juden ... Unter solchen Umständen kann man sich ungefähr einen Begriff von der Lage der wirklichen Juden im Saarland machen, d. h. derjenigen, deren Judentum nicht willkürliche Folge, sondern unwillkürliche Ursache des Nazihasses ist. Der neue Rabbiner von Saarbrücken, Dr. Lothar Rothschild, der Nachfolger Dr. Rülfs, äußerte sich über die Gefahr: „Noch wissen wir nicht, wie das Schicksal der Juden sich hier gestalten wird. Unsere ganzes Hoffnungen setzen wir vorläufig auf die Beschlüsse des Saarkomitees von Rom, wo die Vertreter Frankreichs und Deutschlands übereingekommen sind, daß die Ariergesetzgebung an der Saar für die Dauer eines Jahres nach der Rückgliederung nicht eingeführt werden darf. Trotzdem bereiten sich die Juden an der Saar auf ihr schweres Schicksal var.- Wohl werden die Gemeinden weiterbestehen, doch müssen wir uns auf eine Wohlfahrtsaktion vorbereiten, die zweifellos nötig sein wird, um der Fülle von Not und Elend, die entstehen werden, gewappnet entgegentreten zu können. Nicht die reichen Juden sind unsere Sorge. Ein leichtes ist es für sie, auszuwandern und in einer neuen Heimat festen Fuß zu fassen. Groß aber ist die Zahl jener Juden, die heute noch an der Saar als Angestellte und Arbeiter von ihrem Gehalt, von der Hand in den Mund leben und die tfeuitfeton Prophetismus und Rückkehr. Von Dr. Hermann Sinsheimer, Berlin. (Schluß.) Man weiß, daß die Machthaber der benachbarten Provinzen das Aufbauwerk Esras durch Beschwerden beim Hof zerstört haben. Er mußte abtreten, indes im Volk der Prophetismus in Haggai und Secharja und Maleachi noch einmal Gestalt gewann. Aber er trat nicht unverrichteter Dinge ab. Er hatte den mächtigen Anstoß gegeben — er, der Priester aus der Macht des Wortes und der Schrift —, zum Bau des Tempels und der Gemeinde. Um dieses Werk auch in seiner äußeren Form zu vollenden, mußte ein anderer kommen, ein Politiker: Secharja, der schon neben Esra gewirkt hatte. Auch er ein Hofbeamter, Mundschenk sogar, ließ sich aufs neue königliche Vollmachten zum Aufbau geben. Er fand schon eine dem göttlichen Dienst erschlossene Gemeinde vor, er organisierte die Wirtschaft und die Arbeit. Er zog das Volk in die Stadt herein, er schaffte die Mittel zum Bauen herbei, er feuerte die Frommen zu rascher Arbeit an. Aber die Gegner des Wiederaufbaues blieben ebenfalls nicht untätig: sie führten einen Kleinkrieg gegen das werktätige Juda. Und so kam es. daß die Arbeit unter heroischen Umständen vorwärtsschritt: „Mit der einen Hand taten sie die Arbeit, mit der anderen hielten sie die Waffe." Wo wurde je ein Werk des Friedens unter so kriegerischen Begleiterscheinungen vollendet? Es gelang, weil der Geäst und der Glaube mitbauten, weil ein neu gesammeltes und erwecktes Volk im Dienst einer Idee stand. Diese Idee aber war aus den prophetischen Erhebungen geboren, zu der die babylonische Judenschaft sich aufgeschwungen hatte. Und der damals und für alte Zeiten sichtbare Träger und hörbare Verkünder der Idee war Esra. In seiner Person sammelt sich daher das förmlich Baumeisterliche und Heroische des neuen Regimes. Er steht auf der Schwelle einer in der Lehre und im Ruhm Gottes gipfelnden Epoche von rund sechs Jahrhunderten. Er ist nicht nur in die Geschichte, sondern auch in die Legende eingegangen. Er ist ein großer Repräsentant des Judentums geworden. Sein Leben und Wesen verlangen und verdienen daher eine besondere Darstellung. Die Ueberlieferung gab Esra den Beinamen Hasofer, der Schreiber, Schriftgelehrte. In der Tat war er schon am persischen Hof in dieser Eigenschaft tätig, und bestand schon im Exil sein Ruhm darin, daß er ein großer Kenner und Former der Schrift und ein ebenso großer Betreuer ihrer Reinheit und Richtigkeit war. Aber sein Priestertum erschöpfte sich nicht in dieser Arbeit und in diesem Amt, wenn auch beide der Ausgangs- und Angelpunkt von alledem waren, was er als Erneuerer Judas geleistet hat. Aber um zu erneuern, muß man kämpfen. Esra war schon in Babylon ein Kämpfer. Wahrscheinlich waren die ihm vom König erteilten Vollmachten, und wahrscheinlich war sogar auch ihre Formulierung das Ergebnis eines zähen und langen Kampfes Esras. Wie sehr er nun auch schließlich bei seinem Herrscher ein williges Ohr fand, ein Teil der Juden verschloß sich seiner Aufforderung, mit ihm nach Jerusalem zu ziehen. Er mußte auch um ihre Beteiligung an seinem heldenmütigen Zug kämpfen, für den er übrigens eine ihm angebotene militärische Bedeckung ablehnte. Esra mußte also sein Erneuerungswerk schon im Exil beginnen. Auch hier waren Mischehen geschlossen und dem Heidentum Einlaß in den jüdischen Glaubenskreis gewährt worden. Daher stellte er schon in Babylon Stammbäume auf und säuberte sein Volk. Was er dort -und in Palästina vollbracht hat, ist in bezug auf die Schrift, die Lehre, den Ruhm und somit auf die jüdische Religion überhaupt von epochaler Bedeutung. Esra muß einen genialen Instinkt für die innere geistige Ordnung, den Instinkt für den Kosmos eines Glaubens besessen haben. Das Geheimnis seines Wirkens und seines Erfolges bestand wohl darin, daß in ihm. dem Schüler des weisen Baruch, der seinerseits ein Schüler des gewaltigen Jesäia war, mit der Schrift zugleich die Geschichte und Tradition des jüdischen Volkes mit ungeheurer Kraft lebendig war und daher produktiv wurde. Indem er Altüberkommeoes neu formulierte und neu gliederte, schuf er Neues, das nicht nur in der Richtung, sondern auch im Range des Alten blieb. Er hatte die glücklichste Fähigkeit, die ein Reformator von seiner Willens- und Entschlußkraft haben konnte: die Fähigkeit nämlich, konservativ zu bleiben. Wie groß er vor Israel dastand, beweist die Tatsache, daß man von ihm sagte, er wäre würdig gewesen, die Lehre am Sinai zu empfangen, und daß mau ihn überhaupt mit Mose auf eine Stufe stellte. Ohne Zweifel hat er, von der äußeren Gleichartigkeit des Wirkens abgesehen, ähnliche Eigenschaften wie jener Führer besessen. Wie und wo Esra gestorben ist, weiß man nicht Man schreibt ihm ein sehr hohes Alter zu. Auch wird von vielen Gräbern berichtet, deren eines, am Tigris, ein heiliger Ort für Juden und Mohammedaner geworden ist. Ferner berichtet die Legende von vielen Schriftrollen, die angeblich von Esras Hand herrühren. Gott habe ihn, heißt es, begnadet, mit mehreren Federn zugleich zu schreiben. So groß wuchs Esras Gestalt auf, daß der Islam die Juden beschuldigte, sie hätten ihn als Gott angebetet. Im Gegensatz zu dieser ihm zuerkannten Größe stand seine eigene Bescheidenheit. Er hätte Hohepriester und vielleicht noch mehr, wahrscheinlich auch Statthalter werden können. Aber er hat keines dieser Aemter erstrebt. Er stand in der göttlichen Gnade und Berufung, also über menschlichen Aemtern und Ehren. Dies aber verleiht ihm das Mal des Genialen und Einzigartigen, daß er allein durch das Wort und die Tat herausragt unter allen, und dies rückt sein Bild neben die Bilder der großen Propheten. Denn Esra hätte nicht vollbringen können, was er vollbracht hat. wenn er nicht wie jene ein von Gott Erweckter und Entflammter gewesen wäre. Er wurde der größte jüdische Kirchenvater, in des Wortes wahrster Bedeutung: der Vater der Gemeinde, des Tempels und der kirchlichen Ordnung in Jerusalem und Palästina. So wie Jesaia in dem Jahrhundert vorher durch sein glaubensschöpferisches Wirken in den Stand gesetzt hat, die Zerstörung ihres Staates zu überdauern, so wurde es die Tat Esras, daß das gleiche Judentum ohne staatliche Macht fähig wurde, einen neuen Mittelpunkt und Standort des Glaubens und Dienstes an Gott aus sieb heraus zu entwickeln.