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Die Wahrheit · 1935-01-25 · Heft 4 (25.1.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 4 (25.1.1935)
Date
1935-01-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis dieser Nummer 40 Grosches & S^!/h In Deutschland «erboten! ens dirifT mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden4* Erscheint jeden Freitag [BgnnmnnnMM1MiiiiitiiiHitHMiiniinii™»niiiMiHi»iiiiHiiiiiimminiiiiiiiiuimiiniimmii Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 25. Jänner 1935 Nummer 4 Das jüdische Herz. Von Dr. Heinrich Herbatschek. Im Atelier eines Wiener Malers kann man eine Vision sehen, wie endlose Reihen von unglücklichen und verelendeten Menschen zwischen hohen Schneewänden dahinwandeln. aus dem Schlund des männermordenden Krie-, ges hervor in ein ungewisses Niemandland, von den Furien verfolgt und gegen den Haß von keiner hilfreichen Hand geschützt. An diese Allegorie der Menschennot wird man immer wieder gemahnt, wenn man Tag für Tag und Woche für Woche, nun schon Monate hindurch, die Gestalten an sich vorüberziehen sieht, welche ein grausames Schicksal zu Emigranten gestempelt hat. Der Völkerkrieg hat Unzählige ihrer Ernährer beraubt, ihnen Hab und Gut vernichtet, Söhne und Verwandte genommen — er war ein Elementar - ereignis, ein Weltunglück. Dieses Menschen aber sind geflohen, um dem Kerker oder der Mißhandlung zu entgehen, sie haben das Weite gesucht, weil sie ein ungewisses Schicksal in der Fremde einem sicheren Gefängnisdasein vorzogen. Sie sollten den Schergen ausgeliefert werden, ohne etwas anderes begangen zu haben als nicht Arier zu sein oder gar der früheren politischen Mehrheit angehört zu haben. Und nun flüchteten sie hieher, appellieren an das jüdische Herz . . . Ein junges Mädchen, mit klugen Augen, schlecht aussehend, in ärmlicher, aber sauberer Kleidung, spricht von Studien und Fähigkeiten, möchte gern irgendwo unterkommen, hat seit Tagen nichts Warmes gegessen, will zu einer Dame in der Vorstadt, an die sie empfohlen würde, besitzt nicht das Fahrgeld für die Straßenbahn, ihr Vater war Arzt in Deutschland. — Ein älterer Herr mit Hornbrille, auffallend Reichsdeutscher Aussprache, kam mit einigen tausend Mark nach Oesterreich, war ein angesehener Fabrikant, mußte von dem Geld hier leben, ist außerstande, aus der Heimat etwas geschickt zu erhalten, zieht ein Paket Versatzscheine aus der Tasche, die Frau ist leidend, trotz der Kälte in einen leichten Ueberrock gehüllt. — Sehr netter, junger Mann, von Beruf Chemiker, mußte flüchten, besitzt keine Ausweispapiere, will jede Arbeit übernehmen, lehpt aber die Aufnahme in das Heim der Heilsarmee ab, weil dort die Polizei oft Streifungen vornimmt und Leute ohne Paß verhaftet. Die Schuhe weisen Löcher auf. — Ich war bei der Kultusgemeinde, erzählt der Nächste, sie sind dort nicht mehr in der Lage, uns zu unterstützen. Auch beim Verein gegen Verarmung, bei der Liga für Menschenrechte, beim.Philanthropischen Verein, bei der Bereitschaft, überall dieselbe Antwort, es sind keine Mittel mehr da, ein protestantischer Pastor legte mir die Taufe nahe, eine Dame der amerikanischen Hilfe empfahl mir, in die Tschechoslowakei auszuwandern. Wie soll ich auswandern? Ich besitze ein einziges Hemd und keinen Hut, die Dokumente sind unvollständig, der SA-Mann an der Grenze hat sie mir abgenommen, ich mußte mit ihm ringen; seit vorgestern habe ich nichts Warmes zu mir genommen. — Niemals wäre es mir möglich gewesen, mir vorzustellen, erzählt ein junger Gelehrter, daß ich betteln gehen werde. Bitte sich diese Zeitungsausschnitte anzusehen, ich habe wissenschaftliche Arbeiten in Deutschland und Frankreich veröffentlicht, leider bedeuten diese für mich in ^diesem Zustand so viel wie nichts, denn ich lebe, was sage ich leben, ich vegetiere hier von der Gnade fremder Menschen und ich hoffe, daß alles bald ein Ende nimmt. Man scheint:-zum Leben verurteilt zu sein, wenn die letzten Kräfte versagen. Für jüdische Aufsätze, die ich veröffentlicht habe, ist wohl kein Interesse vorhanden, mein Wunsch, nach Paris zu kommen, kann nicht erfüllt werden, ich habe alles verloren. — Die Angehörigen in Deutschland haben mich auf Umwegen wissen lassen, daß ich für Palästina bestimmt bin, erzählt ein blasser, kränklich aussehender Mann in dürftiger Kleidung, aber ich besitze nur ein Ausweispapier von Leipzig, welches längst abgelaufen ist, und in der Einschulung muß man ordnungsmäßige Papiere vorweisen können. Von der Tragik, vor dem Ziel aller Hoffnung zu stehen und im Elend der Fremde zurückbleiben zu müssen, kann sich niemand eine Vorstellung machen. Die Hauswirtin hat mir gekündigt, ich kann es ihr nicht verübeln, sie muß ihre Miete zahlen, und ich bringe das Wenige nicht auf. Wo soll ich denn den Betrag schaffen, da ich hier nichts verdienen kann, alle Wege sind versperrt, man entgegnet mir, vorerst müssen unsere eigenen Leute versorgt werden, ich muß mich fügen. Es ist mir in der Jugend nicht vorausgesagt worden, daß ich vom Betteln werde existieren müssen. Vielleicht gibt es ein gutes jüdisches Herz in Wien, das sich erbarmt. — Im Telephonapparat meldet sich eine in der charitativen Tätigkeit alterprobte Persönlichkeit. Für den R. aus Breslau, den ich zur weiteren Befürsorgung übernommen habe, möchte ich dringendst um ein Paar Schuhe bitten, er kann nicht mehr ausgehen, beide Sohlen fehlen, und wir sind am Ende der Kräfte. Wie? Nein, die Brockensammlung besitzt gar nichts mehr, wir alle sind vollständig ausgepumpt. Und die wenigen Wohltäter, welche in der Regel für Spenden zu haben sind, ziehen sich auch schon filll 8 {. tos tellzc [!.■;, Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparatur- " 1ite, kulanlest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal bmann, Wien II., Nordpolstraße 2/3, Tel. A 48-9-22 Rasiere Didi gut and billig Oesterrelchlsclies QoaillätsfaDrilial Ueberau erhältlich zurück. Die Brunnen des guten Herzens schöpfen sich aus. — Wo beginnen die Grenzen des Wohltuns und wo enden sie? Gibt es eine Erkenntnis, die erschütternder wirkt als das Bewußtsein, helfen zu wollen und nicht zu können? Der Gedanke allein, daß es bloß eine historische Zufälligkeit gewesen, wenn das Schicksal der unglücklichen Glaubensgenossen drüben vor unseren Wohnungen Halt gemacht hat — dieser Gedanke müßte sich zu dem heißen Wunsch verdichten, das Letzte für diese armen Gepeinigten und Leidenden zu opfern, welche ohne jede Schuld in die Tiefen des unsäglichen Loses aller Enterbten und Entwürdigten geschleudert wurden! Dieses Los der Emigranten ist nicht bloß für diese furchtbar, auch unerträglich für jeden, der sich Sinn für Menschlichkeit und Mitgefühl für Leidende und Unglückliche in seinem Herzen bewahrt hat. Von Land zu Land gehetzt, ohne Nahrung, ohne Obdach, oft ohne zulängliche Bekleidung, ist ihr Leben eine Kette von bittersten Sorgen und Qualen aller Art. Da vielleicht gut drei Viertel von ihnen teils wegen Subsistenzlosigkeit, teils aus Mangel an Ausweispapieren in Gefahr schweben, ausgewiesen zu werden, kommt es oft zu dem „Spiel mit Menschen": Sie werden über die Grenze geschafft, von drüben wieder zurückgesandt und verfallen hier der Reversion. Sie versuchen, sich einen Verdienst zu schaffen, und die Behörde bestraft sie. Ist das ein erträgliches Leben? Ist es da nicht besser, nicht zu leben? Das jüdische Herz wird die Rufe dieser Unglücklichen vernehmen. Es darf nicht still sein, wenn die Schrecken der höchsten Not unser Inneres aufwühlen. Die geschichtliche Stunde ist da, um uns aufzurütteln, damit das Gewissen nicht mit einer Schuld beladen werde! Wir bitten Abonnenten die den fälligen Abonnementsbeitrag noch nicht bezahlt haben, uns unnötige Mahnungen zu ersparen.

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