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Die Wahrheit · 1935-01-18 · Heft 3 (18.1.1935) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 3 (18.1.1935)
Date
1935-01-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 3 — 18. Jänner 1935 Seite 5 den Gemütern und tausende gehen in den Straßen umher und müssen jedem Begegnenden dankbar sein, daß er sie nicht beschimpft oder attackiert, weil sie Juden sind." Der Haß glaubt jeden Anwurf, aber unter diesen „Begegnenden" gab es zu allen Zeiten solche, die sich dagegen verwahrten, von den Hassern zu gemeinsamer Sache herangezogen zu werden. Mancher ist unbelehrbar und ändert sich nicht, auch wenn er eine so widerlegende Abfuhr empfängt, wie der pathologische Antisemit Theodor Fritsch, der Herausgeber der „Protokolle der Weisen von Zion" und des „Handbuches der Judenfrage", sie 1887 von Friedrich Nietzsche empfing. „Die Juden sind mir, objektiv geredet, interessanter als die Deutschen. Ich gestehe übrigens, daß ich mich dem jetzigen .deutschen Geiste' zu fremd fühle, um seinen einzelnen Idiosynkrasien ohne viel Ungeduld zusehen zu können." Nietzsche verweist auf die „Morgenröte", wo es heißt: „Sie (die Juden) haben., selbst nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben und ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie aufgehört, sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus . . ." Nietzsche schlägt dem Herrn Fritsch vor: „Geben Sie doch eine Liste deutscher Gelehrten, Künstler, Dichter, Schriftsteller, Schauspieler und Virtuosen von jüdischer Abkunft und Herkunft heraus! Es wäre ein wertvoller Beitrag zur Geschichte deutscher Kultur (auch zu deren Kritik)." Dieser Anregung verdankt das verhetzende „Handbuch der Judenfrage" seine Entstehung. Fritsch sandte dem Philosophen einige seiner Schriften, worauf ihm Nietzsche erwiderte: „Doch bitte ich darum, mich fürderhin nicht mehr mit diesen Zusendungen zu bedenken: ich fürchte zuletzt für meine Geduld." Solche Abfuhr durch einen Denker, dessen Philosophie heute für eine Art Staatsphilosophie des Dritten Reiches herhalten soll, beeindruckte den Absender nicht. Aber es gibt Schwankende, die niemals bis zu den Quellen des jüdischen Geistes vorstießen und vielleicht nur deshalb, wenn es darauf ankommt, nicht reden, sondern schweigen. Für solche wird Koblers Werk eine Erlösung bedeuten. Sie werden Anwürfe, wie etwa den des jüdischen Schachergeistes, durch zahllose Briefstellen widerlegt finden. Der Philosoph Spinoza opferte die wirtschaftliche Sicherheit der ihm vom Kurfürsten von der Pfalz 1673 angebotenen ordentlichen Professur in Heidelberg seiner Besorgnis um die Freiheit seines Denkens. Er blieb ein armer Teufel. Wissen und Glaube stehen der Mehrheit höher als die lockendsten Entgelte für den Verrat an ihnen. Darüber wunderte sich der schwedische Ministerresident in Wien, 1760, in einem Schreiben an die Königin Christine: „Dieses ist allein höchstens zu verwundern, daß unter den 3000 bis 4000 (die aus Wien vertrieben wurden, d. Verf.) nit eine gefunden worden, welche nur sich eingestellet in dieser ihrer höchsten Drangsal, daß sie ihren Glauben gedächten zu ändern, und die reiche Nahrung zu kontinuieren, welches doch eines aus denen Motivis, welches Seine Maystt. zu dieser Resolution absonderlich bewogen." Die in ihrem Urteil Schwankenden werden aus solchen Beispielen die Kraft des Dankes der emanzipierten Juden und die werkfreudige Treue verstehen, mit der die deutschen Juden des 19. Jahrhunderts ihre Staatsbürger pflichten erfüllten. „Das ist doch etwas, wasr wir nicht zu erleben glaubten. Daß unser heißes und schweres Drängen so zum Einmaleins der Humanität geworden." Schon aus Bettina, die an ihren Bruder Clemens Brentano 1802 schreibt, bricht über die Anwürfe gegen die Juden der Schrei: „Wer hat diese Lügen gemacht?" In einem Briefe an die Günderode zitiert sie das Wort eines alten Juden, den sie kennen und achten gelernt hat: „. . . innerlich quillt die Freiheit und ein Tropfen ist genug über alle Verachtung uns zu heben." Das Werk Koblers führt bis zu H e r z 1 und Rathenau. Es bringt viel kulturhistorisch Interessantes, das kaum allgemein bekannt war, so etwa, daß die Gräfin K o s e 1, August des Starken Geliebte, in ihrer mehr als vierzigjährigen Haft sich zum Judentum bekehrte; daß bereits 1785 Reichsfreiherr von Monster, „Ihrer Königlichen Hoheit der Herzogin in York Geheimer Rat", an Moses Mendelssohn das Projekt einer jüdischen Siedlung „am Ufer eines der größten Flüsse Deutschlands" unterbreitete und daß Fürst de Ligne, etwa 1801, ein romantisches Projekt der Neubesiedlung Palästinas durch Juden unter türkischem Regiment phantasierte. Allen Stimmen, die Koblers Buch vereint, klingt die des Sozialisten Moses Hess voraus, der an Alexander Herzen 1850 schrieb: „Kein Apostel des Volkes wird mit dem Gedanken eines Rassenkampfes sympathisieren können . . . Dieser Tod der europäischen Zivilisation birgt keinen Lebenskeim, keine Auferstehung in sich. Aber ich hoffe, daß die Geschichte, die ,sich nicht wiederholt', uns mit einer solchen zweiten un verbesserten Auflage der Völkerwanderung verschonen wird .. ." Diese Hoffnung hat getrogen. GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL WIEN HL, BSROQASSS NR. 19 nuuii XVIII., wAhrin<mrstrasss •? TelepüonNr. A 17-34S na d A 10-9-34 Lieferant für H«Hanataltaa AbtellungeitfflrKoscherflelsch *at«r Aufsieht aea ahrw. Rabblnataa dar lar. ftiiltaaaam«inda Wen. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich PrimM-Qualiät tn den billigsten Marktpreis*» Budapester Großrabbiner Dr. Hevesi bei Papst Pius XI. Der Großrabbiner von Budapest, Dr. Simon Hevesi, wurde vom Papst Pius XI. in privater Audienz empfangen. Der Papst unterhielt sich mit Dr. Hevesi über Fragen allgemeinen und jüdischen! Interesses. Dr. Hevesi schilderte dem Papst die schwere Lage vieler jüdischer Gemeinschaften in den Ländern Mitteleuropas in Zusammenhang mit der wachsenden Rassenhaß-Propaganda, die so sehr den Doktrinen von Christentum und Moral widerspricht. Der Papst folgte den Ausführunge» des Großrabbiners Dr. Hevesi mit großer'Aufmerksamkeit und wies im Verlauf des Gespräches darauf hin, daß er stets gute Beziehungen zu bedeutenden jüdischen Gelehrten unterhielt und eine sehr nahe Bekanntschaft mit dem Mailänder Oberrabbiner Prof. Alessandro Fauo pflog. Papst Pius XI. beendete die Audienz mit Friedenswünschen an das jüdische Volk. Reform Die Entrechtung bleibt. rbLord Ro t h e r m e r e j u n., der mit seinem Vaten dem englischen Zeitungskönig, bei Hitler war (Hitler gab zu ihren Ehren „das erste Bankett, das er jemals gegeben hat"), erzählte kürzlich im Wiener „Morgen": „Der Abend verlief zwanglos und Hitler war bemüht, seine Gäste zu unterhalten . . . Wir sprachen unter anderem auch von der Judenfrage. Er behauptet, nicht mehr die Juden Deutschlands zu verfolgen. Er hat ihnen jeden Einfluß in der Politik genommen. Er will sie nicht aus Deutschland ausweisen: er erkennt bereits ihre Bedeutung in volkswirtschaftlichen Dingen." Die Mitteilungen von Lord Rothermere jun. wären dahin richtigzustellen, daß Hitler die deutschen Juden nicht nur politisch einflußlos gemacht hat, sondern sie auch staatsbürgerlich entrechtet. Das beweist ein Interview, das Reichsinnenminister Dr. Fr ick jüngst dem Berliner Mitarbeiter der Hearst-Presse gab, welchem er Fragen über den Aufbau des neuen Deutschland beantwortete. Auf die Frage, ob beabsichtigt sei, dem deutschen Volk eine neue Verfassung zu geben, erwiderte Dr. Frick: Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler hat nach der Machtergreifung am 30.'Jänner 1933 bewußt darauf verzichtet, seine Machtstellung sofort durch ein fertiges Verfassungswerk zu befestigen. Die nationalsozialistische Bewegung hat das ganze deutsche Volk erfaßt und setzte die Ideen Adolf Hitlers, der der Schöpfer 'dieser Bewegung und ihres Programmes ist, restlos durch. Die staatsrechtliche Stellung des Führers und Reichskanzlers ist stärker als die eines Souveräns. Die Regierung ist in seiner Person vereinigt. Die neue Verfassung des Reiches wird am Schluß der vierjährigenFrist, die Hitler sich gestellt hat, vollendet sein; es werde dann eine Volksbefragung über die Verfassung durchgeführt werden. Auf die Frage nach der Zukunft des Reichstages antwortete Dr. Frick: Der deutsche Reichstag wird nach dem Willen des Führers bestehen bleiben, weil er das Forum ist, vor dem er die außen- und innenpolitischen Schicksalsfragen der Nation zur Erörterung stellt. Das allgemeine, gleiche, unmittelbare und geheime Wahlrecht zum Reichstag wird für beide Geschlechter aller deutschen Staatsbürger weiter in Geltung bleiben. Die Frage, ob die nichtarische (jüdische) Bevölkerung des Dritten Reiches mindestens dasaktiveWahlrecht erhält, beantwortete Dr. Frick dahin, dies hänge von der weiteren Gestaltung des Staatsbürgerrechtes im Deutschen Reich ab. Nach den Grundsätzen der NSDAP vom Jahre 1920 sollen Staatsbürger des Deutschen Reiches nur Deutsche sein. Deutsch ist aber nur der, wer deutschen Blutes ist Der zahlenmäßige Niedergang der Juden in Deutschland. Das Rassepolitische Amt der NSDAP hat bekanntlich vor kurzem mitgeteilt, daß die Zahl der Juden in Deutschland nur mehr 499.682 Seelen beträgt; der Rückgang gegen 1925, als man in Deutschland 564.379 Juden zählte, betrage 64.697 oder 11,5 Prozent. Bei der Aufteilung nach Ländern und Landesteilen ergab sich, daß auf Berlin allein 160.564 Angehörige der jüdischen Konfession entfallen, auf die Rheinprovinz 52.426, auf Hessen-Nassau 46.023, auf Bayern 41.939, Niederschlesien 25.145, Baden 20.617, Sachsen 20.584, Westfalen 18.819. Hessen 17.888. Hamburg 16.973 Juden. In den reinen Agrargebieten ist die Zahl der Juden geringer; sie beträgt z. B. in Ostpreußen 8838. in Brandenburg 7616. in Pommern 6317. Seit dem Stichtage der Zählung,; 16. Juni 1933. hat die Zahl der Juden natürlicherweise weiter abgenommen. der österreichischen Rechts» anwaltordnung? Ueber die Pläne einer Reform der AdvokatenordnunginOesterreich erfährt der Wiener JTA-Vertreter Einzelheiten, die Befürchtungen betreffend Versuche, die Juden vom Rechtsanwaltsberuf auszuschalten, aufkommen lastsen. Die Tiroler Advokatenkammer hat der Regierung einen Entwurf vorgelegt, der zunächst einen Numerus clausus bis zum Jahre 1937 vorsieht; Besonders beachtenswert ist eine Bestimmung, derzufolge die Gerichtspraxis von einem Jahr auf zwei Jahre verlängert und der Anwärter zum zweiten Gerichtsjahr nur zugelassen werden soll, wenn er vom Oberlandesgerichtspräsidenten auf Grund einer Prüfung seiner „inner- und außerdienstlichen Vertrauenswürdigkeit" hierzu bestimmt wird. In der Praxis soll also jeder absolvierte Jurist auf die Zulassung zum ersten Gerichtsjahr Anspruch haben. Die Zulassung zum zweiten, für die weitere Laufbahn entscheidenden Gerichtsjahr soll jedoch von einer Erwägung abhängig werden, die dem Belieben des Oberlandesgerichtspräsidenten überlassen bleibt. Zur Beurteilung dieses Vorschlages muß man sich vergegenwärtigen, daß demnach in Zukunft die Rechtsanwaltsanwärter in Oesterreich wie bisher die Richter ernannt werden sollen und daß seit dem Jahre 1920 kein Jude mehr in Oesterreich zum Richter ernannt wurde. Welchen Standpunkt die Regierung zu diesen Vorschlägen einnehmen wird,, läßt sich heute noch nicht sagen. Möglicherweise wird sie sie unberücksichtigt lassen, weil sie in den Bundesländern, wo unter den hohen Richtern viele Nicht-Christlichsoziale sind, die Laufbahn auch des christlichsozialen Juristennachwuchses gefährden könnten. Deutsche Jugend. In Oevelgönne (OldenburgJ waren auf dem Jüdischen Friedhof auf 15 Gräbern die Grabsteine zertrümmert worden. Wie die „Oldenburgische Staatszeitung" in einem Polizeibericht mitteilt, sind die Grabschänder festgenommen worden. Es handelt sich um einem zwölf- und einen vierzehnjährigen Jungem Der ältere wurde in Haft genommen.

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