Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 3 (18.1.1935)
- Date
- 1935-01-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064558--20058-3085262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Nr. 3 — 18. Jänner 1935 DIE WAHRHEIT erfüllte, zum Ausdruck bringen wollte, so befürchtete er in den letzten Jahren, er werde seine begonnenen Arbeiten nicht vollenden können. Was er befürchtet, ist nun eingetroffen. Ja, zu früh geht er von uns. Der Gattin und den Kindern muß jedoch die Tatsache zum Tröste gereichen, daß sein Leben reich an Schönheit und Glück gewesen. Er hat die Wahrheit des Wortes empfunden: „Wer eine gute Frau gefunden, der hat das Glück des Lebens gefunden." Zwei Menschen waren da aufs innigste verbunden, beide in Reinheit nach den Höhen edlen Menschentums strebend. Er sah in seinen Kindern begabte, ernst strebende Menschen. Dr. Bernhard Wachstein! Du hast deinem Leben einen herrlichen, dauernden Inhalt gegeben. Dein Lebenswerk wird fortleben. Dein Name wird stets in Ehren genannt werden. Der Kampf der Jugend um das Sein, . Dies war der Titel eines Referates, das auf einem der letzten der nun wieder aufgenommenen Diskussionsabende der „Jugend-Union" (jeden Dienstag, ^9 Uhr abends, im Goldsaal des Cafe Silier, I., Scliwedenplatz) der Propagandareferent der Vereinigung Herr Robert Kauf- ,m a n n hielt. Der ausgezeichnete, gedankenreiche .Vortrag, an den sich eine von Obmann Dr. Egon Spielmann geleitete lebhafte Diskussion an- -'knüpfte, begegnete allgemeinem Interesse, weshalb wir seine Hauptsentenzeh im; folgenden wiedergeben. _ Der Vortragende führte unter anderem aus: Von der angeblichen Schönheit der Jugendzeit kann die heutige junge Generation nichts bemerken. Es wäre vielmehr durchaus verständlich, wenn die •Jugend dem schwärzesten Pessimismus verfiele, denn die Aussichten für die junge Generation sind trostlos. Es ist deshalb ein Zeichen für die besondere lebensbejahende Energie der heutigen Jugend, wenn sie trotz alledem ihren gesunden Optimismus bewahrt. Die Jugend hat erkannt, daß ihr Kampf heute nicht um ein spezielles Ziel geht, sondern gegen die seniore Weltanschauung, die von Grund auf reformbedürftig ist. Die Jugend verlangt vom Leben die Möglichkeit zu gestalten, zu schaffen und zu arbeiten. Zu gestalten die geistige Form ihrer Zeit, zu schaffen die Werke, an die sie glaubt, und zu arbeiten für das tägliche Brot. Weil der Jugend keine dieser drei Forderungen a priori vom Leben zugestanden wird, ist sie verpflichtet, ihren Kampf mit ganzer Kraft und höchster Energie zu führen. Es ist Aufgabe der Jugend, jene Atmosphäre des Good will zu schaffen, welche die erste Vorbedingung zur Behebung der Vertrauenskrise bildet. Es ist Aufgabe der Jugend, den Gedanken von der Versöhnung der Völker und der Menschheit überhaupt fruchtbar werden zu lassen. Es ist Aufgabe der Jugend, jene gemeinsame; politische und wirtschaftliche Plattform zu finden,srdie die Weltwirtschaftskrise beenden könne, und es ist die heilige Pflicht der jungen Generation, tfät jenem religiösen Kalfaktertum aufzuräumen, das den lieben Gott einen guten Mann sein läßt und sich seiner nur erinnert, wenn es ihn braucht. Im zweiten Teile seiner Ausführungen kam dann der Vortragende auf jene Probleme zu sprechen, die speziell die jüdische Jugend betreffen. Er bemerkte unter anderem: Das Judentum ist das auserwählte Volk der Geschichte. Das Wort „auserwählt" bezieht sich aber nicht auf Rechte, sondern vorwiegend auf Pflichten. Und deshalb ist es Pflicht des Judentums, und speziell der jüdischen Jugend, mit gutem Beispiel voranzugehen im Neuaufbau der Weltordnung. Die jüdische Jugend leidet , unter den Aus- Wirkungen der Wirtschafts- und der Vertrauenskrise in besonderem Ausmaße. Und die junge jüdische Generation leidet unter den Auswirkungen Jener beiden Strömungen des Antisemitismus, von denen die eine, zwar nicht richtig, aber populär, als „Kassenantisemitismus" bezeichnet wird, und der anderen, für die der Redner das Wort „Missionsantisemitismus der katholischen Restauration" prägte. An einen positiven Erfolg der katholischen Mission ist nicht zu glauben; es steht aber fest, daß die jüdische Religion durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Missionstätigkeit ihren heiligen Platz im Herzen der Juden nur unter schwersten Kämpfen behaupten könne. Es ist deshalb auch eine Pflicht des Selbsterhaltungstriebes, " wenn das Judentum, und hier wiederum voran die jüdische Jugend, gegen den Antisemitismus ins .Feld zieht Ein schwerer und zermürbender Kampf ist von der jungen jüdischen Generation zu liefern, ein Kampf, der aber den Beweis erbringen müsse, daß das österreichische Judentum historisch und charaktermäßig die Berechtigung hat, als gleichwertige Staatsbürger in unserem Vaterlande zu leben. Aufgabe der Jugend ist es, die Voraussetzungen zu schaffen, damit dieser Beweis auch gelingt. In seinen Schlußbemerkungen kam dann der Vortragende mit Bedauern auf den Umstand zu sprechen, daß die Jugend nur mehr so wenig Verbindung mit der jüdischen Geistigkeit und den jüdischen Wissenschaften habe, und erklärte, daß es die Leitung der Jugend-Union als dankbare Pflicht betrachte, neben der aktuellen Behandlung von politischen und wirtschaftlichen Themen auch die Kenntnis von der ureigenen jüdischen Kultur zu vermitteln. „FAMILIEN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wien II., Aspernbrückenoasse 2 Tel. R 43-500 Ootch Monatsbeiträge von S I bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studlenbelträge für Tochter und Söhne Ausstattungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebene! Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hobe Versicherungssummen. i. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönii". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENäCHUrZ" wird von der Wiener Kultosgemclnde befürwortet Dienstag, den 22. Jänner, 'A9 Uhr abends, im Goldsaal des Cafe Silier, I., Schwedenplatz, Diskussionsabend der „Jugend-Union" über „Das moderne Judentum". Aussprache, geleitet von Studienrat Doktor H. Redisch. Dieses Programm des Redners fand den ungeteilten Beifall der Versammlung; der Durchführung dieses Programms widmet die „Jugend- Union" unter Leitung ihres Obmannes Dr. Egon Spiel mann nun all ihre Kräfte und der gute Besuch ihrer Diskussionsabende, an denen Gäste herzlich willkommen sind, beweist, daß die rührige Vereinigung auf dem richtigen Wege ist. * Dienstag, den 15. d. M., fand im Großen Saale des Handelsmuseums ein überaus gutbesuchtes Werbe-Meeting der „Jugend-Union" statt, auf dem Dr. Josef T i c h o, Dr. Ernst Feldsberg und Dr. Egon S p i e 1 m a n n über aktuelle Tagesfragen und Probleme der jüdischen Jugend sprachen. Wir werden über die gelungene Veranstaltung in unserer nächsten Nummer berichten. Einige Fragen an Prof. Dr. S. Grill. „Ewiger! Dir ist es klar und wohlbekannt, daß ich es nicht getan habe, um mir oder meinem Vaterhause Anerkennung zu verschaffen, sondern zu Deiner Verherrlichung, um Streit und Hader von Israel fernzuhalten." Mit diesem Zitat aus Talmud Megilla schließt Herr Rabbiner Dr. Benjamin Murmelstein die von ihm verfaßte und von der „Union österreichischer. J Uid e n".v: herausgegebene Broschüre „Einige Fragen an Prof. Dr. P. Severin Grill", Verfasser der theologischen Studie „Der Talmud und Schulchan Aruch". Mit dem erwähnten Zitat hat Herr Rabbiner Dr. Murmelstein gleichsam ein Motto seiner Broschüre gegeben. Streit und Hader von Israel fernzuhalten, ist der Zweck und der Inhalt dieser kleinen und doch für Israel so notwendigen Streitschrift. Prof. Dr. Severin Grill ist nicht der erste, der in den letzten Jahren versuchte, aus der heiligen Schrift, Mischna und Talmud heraus zu beweisen, daß unsere jüdische Dogmatik und Glaubenslehre intolerant ist gegenüber den Bekennern anderer Glaubensbekenntnisse, - vor allem den Bekennern des Christentums. Es war notwendig, daß wieder einmal zur Verteidigung des Judentums das Wort ergriffen wurde. Dr. Murmelstein hat dies in einer Weise getan, die nicht nur nachweisen sollte, daß die in der erwähnten theologischen Studie gegen das Judentum gerichteten Anwürfe unrichtig und unstichhältig sind, sondern die auch zeigen sollte, daß wir Juden uns damit begnügen, Angriffe zurückzuweisen, es aber ablehnen, mit Angriffen zu antworten. Dafür gebührt Herrn Rabbiner Dr. Benjamin Murmelstein der Dank des gesamten Judentums. Bei dem gewaltigen idealen Zwecke, dem die Broschüre Dr. Murmelsteins dienen soll, scheint es überflüssig zu sein, über die Art des Schreibens selbst noch etwas zu sagen, aber ich fühle mich doch verpflichtet, denen, die diese Broschüre noch nicht gelesen haben, zu sagen, daß sie, selbst wenn sie mit Thora, Mischna und Talmud überhaupt nicht vertraut sind, ruhig diese Broschüre lesen können. Dr. Murmelstein hat es verstanden, trotz seines überragenden jüdischen Wissens in so volkstümlicher Weise und allgemein verständlicher ArtWlese Broschüre zu schreiben, daß jeder Jude sicherstellen muß, daß aber auch jeder Nichtjude, wenn er sie objektiv liest zur Erkenntnis kommen wird, daß Dr. Murmelstein den Worten, die er an den Schluß seiner Broschüre gesetzt hat, im edelsten. Sinne des Wortes Ehre gemacht hat. Die schönste Anerkennung, die ihm für dieses Werk gezollt werden kann, mag die Tatsache sein, dazu beigetragen zu haben, Streit und Hader von Israel fernzuhalten. Dr. Ernst F e 1 d s b e r g. Brief steller für Liebende und Hassende. die er verfolgt. Keine apologetische Zensur hat diese Briefe beschnitten. Es stehen auch die Gegenposten da von Feinden , des Judentums, nicht nur von Freunden, und auch solche Juden kommen zu Worte, die die Glaubensgemeinschaft verließen, ohne ihr im Innersten abzusagen. Der Strahlenkegel dieses Buches umkreist einen weiten Bezirk jüdischer Problematik, besonders des verflossenen Jahrhunderts. Für den Haß ist das Judentum kein Problem. „Groß ist die Macht des Hasses, denn er verdirbt Maß und Ordnung", schreibt der Rabbiner Henach Fränkel, ein Schwiegersohn Koppel Fränkels, des „reichsten Mannes Wiens", 1683 an den deutschen Gelehrten Johann Christoph W age n s e i 1. „Ich kann Dir nicht sagen, wie. verzweifelt mich die Judenhetze in Rußland macht.,." schreibt Bertold Auerbach 1881 an seinen Vetter, den Frankfurter Religionslehrer Jacob Auerbach, „Ich meine, daß solch eine Epidemie, solche Seelenvergiftung noch ..nie. in. der Welt war . . . . diese Aussaat von Gemeinheit und Ruchlosigkeit verschwindet nicht so bald wieder aus „Sie sind ein christlicher Prediger und ich ein Jude. Was thut Dieses? Wenn wir dem Schafe und dem Seidenwurm wiedergeben, was sie uns geliehen haben, so sind wir beide Menschen." Mendelssohn an Lavater. 9. März 1770. Wenn aus der Fülle der Bücher, die dem gegen die Judenheit flammenden Haß mit Würde entgegentreten, eine gesiebte Bibliothek zusammengestellt werden sollte, so darf ein Werk nicht fehlen, das soeben erschienen ist: „Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten". Herausgegeben von Georg Kobler im' Saturn-Verlag, Wien. In diesen mehr als 400 Seiten gibt der Herausgeber mit tiefschürfender Einleitung, bekannten oder seltenen Briefen und verbindendem, instruktivem Text das Zeitgemälde einer Entwicklung aus Ghettomauern zur Emanzipation, aus geknebelter kultureller Enge zu freier Mitarbeit der Juden an den sozialen; wirtschaftlichen und geistigen Fundamenten der Gegenwart. Der Interpret drängt sich nicht weiter Vor, als* der Absicht dient,