Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1935-01-18 · Heft 3 (18.1.1935) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 3 (18.1.1935)
Date
1935-01-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064555-3064558--20057-3085261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

DIE WAHRHEIT Nr. 3 — 18. Jänner 1935 Seite 3 Aus Gelegenheitsreden des Oberrabbiners Dr. Moriz Gädemann s. A. Zu dessen 100. Geburtstage, zusammengestellt von Amtsfeiter Rudolf Kraus. In der Mannigfaltigkeit seines Wirkens nahmen die Reden, die Oberrabbiner Dr. Q ü d e m a n n bei den verschiedensten besonderen Gelegenheiten gehalten hat, tinen hohen Platz ein. Es haben ihm diese einen wHIkommenen Anlaß geboten, mit antijüdischen Verleumdungen aufzuräumen, Charaktere prominenter Persönlichkeiten wahrheitsgetreu zu schildern, die öffentliche Wirksamkeit von Wohlfahrtsinstitutionen zu besprechen und ihren Vorständen wohlverdiente Anerkennung zu zollen, all dies immer von einem höheren historischen Standpunkt aus. Den Glanzpunkt seiner vielen öffentlichen Ansprachen im Tempel oder Festsaale dürften wöM die zwei Reden bilden, welche er in seiner nbefzeugungstreuen Begeisterung anläßlich der weltbewegenden und die gesamte rechtlich denkende Menschheit aufrüttelnden Ritualmordprozesse von Potaa (gegen HUsner) und Warschau (gegen Beilis) im Großen Musikvereinssaal gehalten hat Aus der Hüsner-Rede des Oberrabbiners vom 7. Oktober 1899, die er vor einem nach mehreren Tausenden zählenden Publikum gehalten hat, seien hier die markantesten Stellen festgehalten. Oberrabbiner Dr. Güdemann ergriff nach Präsident Dr Stern das Wort und führte u. a. aus: Geehrte Versammlung! Es geschieht zum erstenmal, daß ich, was den Ort betrifft, außerhalb der Grenzen meines Berufes öffentlich rede. Daß ich aber sachlich innerhalb dieser Grenzen verbleibe, wenn ich hier das Wort ergreife, ist wohl keine Frage, denn es handelt sich hier für uns darum, mit aller Entschiedenheit und Entrüstung der Beschuldigung entgegenzutreten, daß die Juden oder selbst nur einzelne Juden Christenblut, Menschenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht haben oder gebrauchen. Es ist unser Recht und unsere Pflicht, und uanz besonders betrachte ich, der ich seit 35 Jahren das religiöse Lehramt in Ihrer Mitte ausübe, es als mei.n Recht und meine Pflicht, diese Beschuldigung als das zu bezeichnen, was sie ist: Eine Kränkung des uns als einer anerkannten Konfession gebührenden Rechtes auf die öffentliche Achtung und! eine niederträchtige, schamlose Fälschung der Wahrheit. Ich frage mich, ob ein Christ, der es mit seinem Christentum ehrlich meint, dieser Verleumdung unserer Religion Glauben schenken kann. Er würde ja den Ast absägen, auf dem er selber sitzt. Welcher Christ, der da weiß, daß das Neue Testament an der Brust des Alten Testamentes genährt ist, könnte diese Behauptung, ich möchte sagen, diesen Muttermord wagen oder ihn uns zumuten? Uns, denen die Thora das heiligste Palladium ist, zu dessen Verteidigung nie ein Tropfen Christenblut vergossen wurde, wohl aber Ströme von Judenblut den Rhein und die Donau hinuntergeflossen sind. Wie sagt doch Goethe? „Ueber das Niederträchtige dich nicht beklagen, denn es ist das Mächtige, was man Dir auch sage!" Immer wieder mußten vermißte oder ermordet aufgefundene Christenknaben oder solche Judenknaben, die getauft waren, dazu dienen, Juden des „Ritualmordes" zu überweisen und sie dem Henker zu überliefern. Pfarrer Deckert hat in einer Entgegnung auf meine in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte Erklärung im „Deutschen Volksblatt" mir mehrere Namen solcher jugendlicher Opfer des angeblichen „Ritualmordes" vorgehalten und; auch auf die, wie er ausdrücklich sagt, „noch vorhandenen Prozeßakten" verwiesen. Er sagt von mir, ich gebe mir den Anschein, als hätte es nie einen Simon v. Trient gegeben. Ich könnte dem Herrn Pfarrer erwidern, daß er sich den Anschein gibt, als hätte es nie einen Papst Innozenz IV., Gregor X., Martin V. usw. gegeben, welche die B'lutbeschuldigung für lügenhaft erklärt haben. Aber der Hinweis auf die noch vorhandenen Prozeßakten ist geradezu klassisch! Als ob es nicht auch über die Verurteilung und die Verbrennung so vieler angeblicher Hexen reguläre Prozeßakte geben würde. Prozeßakte, die über die durch grausamste Folterqual erpreßten Geständnisse berichten. Wenn solche Geständnisse nicht glaubwürdig sind, dann verdient kein Geständnis Glauben — denkt Herr Pfarrer Deckert. Es gibt auch Prozeßakten über die von Juden angeblich begangene Schändung von Hostien, die sie durchstochen haben und die dann geblutet haben sollen. Gewiß, Hunderte von christlichen Zeugen haben das Blut aus den Hostien fließen gesehen und Hunderte von Juden sind diesem Aberglauben zum Opfer gefallen. Das war der echte und rechte Ritualmord, nicht den die Juden begangen, sondern den sie erlitten haben. Warum tischen denn die antisemitischen Patrone und Stützen des christlichen Volkes nicht wieder die Beschuldigung der Hostienschändung, des Bilderzaubers und der Brunnenvergiftung gegen die Juden auf? Ich will es Ihnen sagen. Dafür erachten sie die Urteilskraft des christlichen Volkes, so weit es ihnen vertraut, nicht mehr für aufnahmsfähig genug. Aber den „Ritualmord" glauben sie ihm noch aufladen zu können. Wir aber sind hier versammelt, für unsere Religion, für ihre Ehre,, die auch die unsrige ist, und! für unsere Rechte einzustehen, und darum legen wir Verwahrung ein gegen die Blutbeschuldik'ung, die ich als dasjenige nachgewiesen zu haben :<!aube, was sie ist,' eine Beleidigung für uns als anerkannte Konfession, eine Verhöhnung des Christentums :nd seiner höchsten Würdenträger und eine niederträchtige, in antisemitischem Geschäftsinteresse, wiedererweckte Lüge. „Quod non credimus", „Wir glauben nicht daran", hat Papst Gregor X. von dem Ritualmord gesagt, und wahrlich, er hatte Recht. Soll ich es beschwören, da der eine oder andere naive, unerfahrene Christ sagen wird, etwas muß doch daran sein, daß von der Blutbeschuldigung keine Spur, nicht der leiseste Hauch an Wahrheit ist? Ich kann es mit dem heiligsten Eide vor Gott und aller Welt beteuern, daß ich in unseren sämtlichen Religionsscbriften nicht die leiseste Berechtigung finde für die Beschuldigung, daß die Juden oder eine jüdische Sekte oder einzelne Juden Christenbhit, Menschenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht haben oder gebrauchen, und daß ich auch nie von einem Juden Kenntnis erlangt habe, der zu dieser Beschuldigung begründeten Anlaß gegeben hätte. Gelten doch die Vorschriften des Alten Testamentes 3. Buch Mosis I9t 16. „Du seilst nicht stille dastehen bei dem Blute Deines Nächsten" und daselbst 5, 1, „Wenn er nicht Zeugnis sagt. ladet er eine Schuld auf sich", auch für die christliche Geistlichkeit! Indem man uns den Ritualmord zuschiebt, vergießt man tatsächlich unser Blut, wogegen wohl der eine oder andere einflußreiche christliche Geistliche hätte einschreiten können und sollen. Gibt es ja genug unabhängige Christen von Intelligenz und Ansehen, die wohl hätten für uns Zeugnis ablegen können, zumal so viele von ihnen in jüdischen Häusern verkehren und das Judentum aus eigener Anschauung kennenzulernen Gelegenheit gehabt haben. Aber es scheint, daß sie es mit dem Studenten Brander in Auerbachs Keller halten: „Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch seinen Weine trinkt er gern.'' Bei den deutschen Kaiserkrönungen rief der kaiserliche Herold aus: „Ist kein Dallberg da?" wegen des hohen Ansehens dieses Geschlechtes. So hat sich uns Juden angesichts dieser infamen Blutbeschuldigung die Frage auf die Lippen gedrängt: „Ist kein Zola da?" Aber die Frage war eine vergebliche. Da muß ich sagen, daß es vor 500 Jahren hier in Wien besser bestellt war. Gustav Freytag sagt in einer Abhandlung: „Die jüdische Religion hatte schon 1700 Jahre bestanden, HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 empfiehlt seine feine Maßwerkstätte. Spezialist In allen Sorten eleganter Gesellschaftskleidung, insbesondere für Teeanzüge, Frack- und Smokingarbeiten. Billigste Preisanstellang und aufmerksamste Ausführung. bevor der erste Christ getauft wurde." Und sie besteht noch. Blicken Sie aber zurück in unsere Geschichte! Als Antiochus Epiphanes den Juden an ihrem Lebensnerv, an ihrer Religion rührte, da schössen gleich Meteoren die Makkabäer, die Mutter mit den sieben Söhnen auf. Diese Gestalten der Seelengrößfe, der Ueberzeugungstreue und des Opfermutes, an denen auch heute die Christen sich erbauen, hat das Judentum aufzuweisen. Was aber hat der Antisemitismus aufzuweisen? Er ist die Düngerstätte, wo, wie der vorliegende Fall zeigt, veraltete und verrottete Vorurteile ausgegraben werden, die man im Volke verbreitet und deren giftiger Hauch die Luft wie die Gesinnung verpestet. Harren wir daher mutig aus in der Wahrung unserer Rechte und in der mannhaften Verteidigung unserer Religion! In der nächsten Nummer dieses Blattes werden Auszüge aus interessanten Reden veröffentlicht, die Oberrabbiner Dr. Güdemann auf Chewra-Suden gehalten hat. Heu -Bai Dr. Bernhard Wadisieln j Zu tiefst erschüttert steht die Wiener Judenschaft an der Bahre eines ihrer geistig Hervorragendsten. Regierungsrat Dr. Bernhard Wachstein, der weit über Wiens Grenzen hinaus bekannte jüdische Gelehrte und langjährige Leiter der Gemeindebibliothek und der historischen Kommission der Wiener Kultusgemeinde, ist am vergangenen Dienstag im Alter von 67 Jahren dahingeschieden. Mit Dr. Wachstein, der seit 32 Jahren im Dienste der Gemeindebibliothek stand, ist ein Wissenschaftler von Welt- MÖBEL Moderne Küchen« Vorzimmer- Wohnzlmmer- F. KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra* ruf dahingegangen. Er war ein Universalgelehrter. Kein allgemeines und insbesondere kein jüdisches Wissensgebiet war ihm fremd. Er war Historiker und Forscher, Philosoph und Denker, Genealoge und Biograph, Folklorist und Bibliograph. Auf allen diesen Gebieten schrieb er hochbedeutsame wissenschaftliche Werke, deren Zahl ungemein groß ist. Besonders beachtlich sind die Schriften, die er der Abwehr der sogenannten wissenschaftlichen Gegner des Judentums widmete. Stets hat er in sachlicher und gleichzeitig überzeugender und unbestreitbarer Weise Fälschungen und bewußte Verleumdungen des Judentums in die Schranken gewiesen. Die Wiener Judenschaft verliert in Dr. Wachstein unendlich viel, sie wird ihm, der der jüdischen Sache sein Bestes gab, stets ein ehrendes Andenken bewahren. Wir geben im folgenden die tiefergreifende Rede wieder, die sein Freund Oberrabbiner Dr. I. T a g 1 i c h t bei dem am 17. d. M. unter überaus großer Beteiligung stattgehabten Leichenbegängnis gehalten hat: Aufs tiefste erschüttert stehen wir an diesem Sarge. Vor drei Monaten wurde dieser kräftige Mann, ein Bild vollster Gesundheit, plötzlich von schwerem Leiden befallen. Wir beteten, daß er seine Gesundheit wieder erlange. Wir hofften, daß dieses kostbare Leben uns werde erhalten bleiben. Aber zu unserem großen Schmerze mußten wir sehen, wie von Tag zu Tag die Schleier herabsanken, bis die Nacht des Todes ihn umfing. Wir hören die Klage der Gattin: „Mein Zelt ist zerstört." Wir sehen die Kinder, die um den geliebten Vater weinen.-Und wir alle stimmen schmerzliche Klage an, denn ein Fürst im Reiche des Geistes, ein großer Mensch geht mit ihm dahin. Ein eigenartiger Lebensgang hat hier seinen Abschluß gefunden. Bis zu seinem sechzehnten Jahre lebte Bernhard Wachstein im Gedankenkreise von Bibel, Talmud und Chassidismus. Da machte er die Entdeckung, daß es noch eine andere Welt gebe, mit anderen Gedanken, ihit anderen Erkenntnissen, mit weiten Ausblicken. Mit seinem hellen Geiste, mit gespannter Neugier — ein Neugieriger, ein nach Erkenntnis Dürstender ist er bis an sein Lebensende geblieben — stürzte er sich in diese ihm neue Welt. Aus dem Talmudjünger wurde ein klarer, kritischer Philosoph, der die schwierigsten Probleme mit Leichtigkeit erfaßte und lichtvoll darzustellen wußte. Doch das Judentum blieb Mittelpunkt seines Denkens. Die auf allen Gebieten gewonnenen Kenntnisse stellte er in den Dienst der Wissenschaft des Judentums. In allen seinen Werken bekundet er die bewunderungswürdige Meisterschaft, auch einem trockenen, nüchternen Gegenstande Geist einzuhauchen, ihn zu beleben und fesselnd zu behandeln, indem sein tief schürfendes Denken die Wurzeln bloßlegt, bei einer Persönlichkeit die verborgenen seelischen Beweggründe, bei allem Geschehen die geheimen Zusammenhänge aufdeckt. So wurde sein Name weithin bekannt und hochgeschätzt, sein Rat, seine Mithilfe aufs höchste gewertet. Durch seine umfassende Gelehrsamkeit, seinen überraschenden Scharfsinn und seine organisatorische Begabung hat er die Bibliothek der Kultusgemeinde zu einem Institut ersten Ranges erhoben, zu einem Instrument für die Förderung der jüdischen Wissenschaft gemacht. Er war selbst eine lebende Bibliothek. Die historische Kommission der Kultusgemeinde leitete er mit feinem Verständnis und größter Gewissenhaftigkeit. Seine durch diese Kommission veröffentlichten Werke werden stets die Bewunderung jedes Forschers erregen. In verschwenderischer Weise hat er jedem von seinem reichen Wissen mitgeteilt und vielen den Weg zu wissenschaftlicher Tätigkeit gewiesen. Wenn er während seiner Krankheit seines Zustandes sich bewußt war, wenn er es ahnte, daß er dem Grabe nahe sei, dann muß der Gedanke, viele wissenschaftliche Pläne , und Entwürfe nicht mehr durchführen zu können, ihm besonders qualvoll gewesen sein. Wie in seinen Gesprächen eine Flut von Gedanken auf ihn einstürmte und er alles, was ihn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.