Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 3 (18.1.1935)
- Date
- 1935-01-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 3 — 18. Jänner 1935 DIE WAHRHEIT Das Neujahrsfest der Bäume, Von Rabbiner Hirs L e b o v i c s, Satu-Mare. Juden in Deutschland behandelt werden. Die im Kriege waren, können in ihren Stellungen bleiben, die anderen werden gut daran tun, auszuwandern." Wohin, konnte er ihnen nicht sagen. Frankreich hat jedenfalls seine Grenze gesperrt... Zu den Blamierten des Abstimmungstages gehören die sagenhaften — „Weisen von Zion". Sogar Herr Rosenberg wird nach ihrem Saarländer Fiasko die größte Mühe haben, das Märchen von ihrer Gefährlichkeit für das deutsche Volk aufrecht zu erhalten. Angesichts der Tatsache, daß die Juden die einzige Bevölkerungsschichte im Saarland sind, auf die sich die Rückgliederung an Deutschland auf alle Fälle unheilvoll auswirken wird, beweist die unerwartet imposante Zahl der zugunsten Deutschlands abgegebenen Stimmen aufs neue, wie gering der politische Einfluß der Juden ist. Und immer wieder muß man über den Zynismus staunen, der sich nicht entblödet, diese kleine, weder durch das Gewicht der eigenen Stimmen, noch durch propagandistische Erfolge irgendwie gefährliche Minderheit als den Urquell allen Unglücks in Deutschland hinzustellen. Hitlers Glück hat sie jedenfalls nicht zu trüben vermocht. Er hat einen großen Triumph erlebt, größer, als er ihn erwarten durfte. Hoffentlich ist sein Ehrgeiz dadurch so weit gesättigt, daß er seine Bemühungen um andere Länder, wo sein Liebeswerben viel weniger Anklang findet, wie in Oesterreich, endlich aufgibt. Für die Saarländer Juden beginnt eine Zeit schwerer Prüfungen. Ihr geistlicher Führer, Rabbiner Dr. Ruelf, der fünfeinhalb Jahre lang das Seelsorgeramt im Kreise Saarbrücken bekleidete und besonders in der Zeit der Wahlkampagne Umsicht, Mut und Tatkraft im Dienste des schwer bedrohten Judentums entfaltet hatte, beendete am Tag der Abstimmung seinen Dienst im Saarland und begab sich zu dauerndem Aufenthalt nach Palästina. In seiner Abschiedspredigt sagte er:' „Gott hat mit uns eine herbe Sprache geredet, — aper nur solange wir ihn nicht verstehen wollten, solange wir schwach und kleinmütig waren. Jetzt aber, da wir ihn verstanden haben, da wir begreifen, daß alles Leid und alle Not nur ein Anruf Gottes an uns ist, treu und standhaft zu sein und Opfer zu bringen, jetzt ruft er uns zu: „Ani Adonaj, Ich bin der Ewige", ani schomer hahawtachah, Ich bewahre die Verheißung, Ich bin mit den Geknechteten und Bedrohten und gebe ihnen Kraft durch meine Nähe. Es ist wohl keiner in diesem Gotteshaus, der in den letzten schweren Monaten, die hinter uns liegen, nicht empfunden hätte, daß Gott uns näher gerückt ist, und daß alle unsere Zuversicht, die wir trotz Terrors und Drohung empfinden, von Ihm kommt Auch in der Schicksalsstunde, die nun herannaht, wirä Er bei uns sein." Feuilleton Prophetismus und Rückkehr. Von Dr. Hermann Sinsheiner, Berlin. Den Juden ging es zu gut zu Babel, auch als das Reich von den Persern erobert war. Denn deren Könige waren nicht, woe es im griechischen Geschichtsbuch für die höheren Schulen steht, Barbaren, sondern Träger einer bestimmten Kultur- und Staatsgesinnung. So war es denn der mächtige Eroberer Cyrust der als erster das Exil der Juden abzubauen begann und Zehntausende von ihnen (die Schrift spricht von 42.360 Rückwanderern mit 7337 Knechten und Mägden und vielen Reit-. Last-, Zugi- und sonstigen Nutztieren) nebst dem heiligen Tempelgerät ins palästinensische Land ziehen ließ. Was diese aber hier vorfanden, war :iicht nur eine verwüstete Stadt, ein zerstörtes Heiligtum und ein verödetes Land, sondern auch eine von den Grenzen her in die heilige Landschaft eingedrungene fremde unjüdische Bevölkerung. Wo noch Häuser standen, wo noch Weinberge und Oelbaumpflanzen gediehen, wo noch Landgüter bewirtschaftet wurden, da war dies meist in fremder Hand, und die Ankömmlinge hatten das Nachsehen. Es konnte keine Rede sein vom raschen Aufbau Jerusalems und des Tempels und keine Rede von einer nationalen oder geistigen Sammlung. Die Widerstände waren zu groß und die Mittel zu klein. Es saßen nun wieder Juden in dem Land, das nach Gottes Beschluß ihnen gehörte, aber sie fanden vor lauter Anstrengungen und Anfeindungen weder den Weg zu sich als Volk noch zu Gott. So aber hatte man es in Babylon mit der Rückwanderung und Ansdedlung nicht gemeint. Es ist klar, daß d'e Neubesiedlung Palästinas nicht dem Einfall und Entschluß des Königs Cyrus entsprungen ist sondern einem hartnäckig verfolgten Plan der dortigen Juden, zu dem sie die königliche Zustimmung mit Kühnheit und Klugheit erkämpft haben mochten. Der König war aus politischen Gründen einverstanden, er sah in der Besiedlung des Jordanraumes seinen Vorteil gegenüber den Aegyrtern und den anderen unruhigen Völkern ringsum. Die Juden Babylons aber sahen darin eninen religiösen Akt. Nur ein Volk, das sich tief mit dem Naturleben verbunden fühlte, konnte auf den Gedanken kommen, ein „Neujahrsfest der Bäume" zu feiern. Das Rosch-Haschono-Fest der jüdischen Menschen ist ein Fest bußfertiger Ergebenheit in den Willen des Schöpfers, der an diesem Tage das Los der einzelnen Sterblichen in das Buch des Schicksals einträgt Das Neujahrsfest der Bäume ist ein Fest der Hoffnung, die wir an das ewige Wunder der alljährlichen Neuerstehung der Natur ausder scheinbaren Totenstarre des Winters knüpfen. Stellen wir die Ideen- und Empfindungsgehalte dieser beiden Neujahrsfeste — der jüdischen Menschen und der Bäume — einander gegenüber, dann kommen wir zu jener Erkenntnis, die ihren formvollendetsten Ausdruck in dem Distichon Goethes gefunden hat: „Alles entsteht und vergeht nach Gesetz, nur über des Menschen Leben, dem köstlichen Schatz, herrscht ein schwankendes Los." Die Natur regiert , ihr Reich nach festen Gesetzen und Regeln. Je weiter sich Gottes Geschöpfe von dem Naturleben entfernen, sich ihm entfrem- Cai£ Pension Cchstcln Semmering den, desto schwankender wird ihr Los. Das ist die tiefere Ursache für die schmerzliche Erfahrung, daß das jüdische Leben den meisten und heftigsten Schwankungen ausgesetzt ist. Jahrhundertlang von der eigenen Scholle losgerissen und in der Diaspora dem Ackerbau und Landleben gewaltsam entfremdet, haben sich die Juden immer mehr in den Städten zusammengedrängt, wo der Daseinskampf für alle viel brutaler, grausamer und nervenzermürbender ist als für den Landmann, der für den Entgang großstädtischer Genüsse durch den Frieden und die Regelmäßigkeit des Lebens in und mit der Natur reichlich entschädigt .wird.-In dieser Erkenntnis hat schon Rousseau den Wert der Kultur geleugnet und die Rückkehr zur Natur als den wahren Weg zum Glück gepriesen. Die geschichtliche Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß uns Juden die Weisheit dieser Lehre erst viel später klar wurde als den anderen. Als Rousseau starb, erblickte Moses Mendelssohn in eben der Kultur, vor der der große Bürger von Genf gewarnt hatte, die Erlösung aus dem Ghetto. Wir mußten erst erwerben, was die anderen schon zu überwinden be- Hier ist der Punkt, wo die Rolle des Prophetismus im Exil einsetzt, wo das hohe Spiel der gedanklichen und geistlichen Missionen der Propheten seine Wirkungen tut. Die seelische Blüte des Judentums, die sich aus den Visionen Hesekiels und den Ekstasen des zweiten Jesaja entfaltet hat. treibt nun ihre Frucht ans Licht Sie bestand darin, daß sich im Exil die religiöse Gesinnung teils konsolidiert, teils erneuert hat Die Juden fühlten sich wohl in Babylon und geborgen unter dem Schutz eines Weltreichs, ob es nun Babylon oder Persien hieß. Sie erkannten das Walten der Geschichte, die über'ihre eigenen politischen Sehnsüchte. Wünsche oder Ansprüche hinweg schritt Sie erkannten unter dem Zwang der Verhältnisse, daß das jüdische Reich sich nicht in politischen Formen verwirklichen könne. Aber gleichzeitig — und dies ist, wie gesagt, die bis heute fortwirkende Folge des Prophetismus — erkannten sie auch, daß ein geistiger Rp.um mit der jüdischen Lehre, mit dem jüdischen Gedankengut zu erfüllen und als ruhender Pol, als fester Punkt zu statuieren sei. Dies aber konnte nur realisiert, nur deutlich gemacht werden in Verbindung mit der Realität des heiligen Landes, der heiligen Stadt und des heiligen Tempels. Der Vorgang, der sich in Babylon vollzogen hat, tendiert aus dem Aeußern ins Innere, aus dem Zeitlichen ins Ewige, aus der menschlichen Planung auf die göttliche Fügung zu. Erist üi seiner Bedeutung kaum zu überschätzen, denn er hat dem Judentum die Fassung und Haltung gegeben, die es noch heute hat. Er zeigt sogar/eine gewisse Parallelität zu den heutigen zionistischen Bestrebungen, deren Ziel ja auch nicht sein kann, die fünfzehn Millionen lebenden Juden in Palästina anzusiedeln, sondern vielmehr für diese ein Zentrum, einen Ort mit der lebenspendenden und lebensteigernden Suggestion des Dazugehörigkeitsgefühles zu schaffen. Dazu wollten die babylonischen Juden, aber mit ausschließlich religiöser Zwecksetzung, Jerusalem und Palästina machen. Sie wollten ihre neue Orientierung von der Lehre her als „Mandat" auf das heilige Land übertrajien, sie wollten die Lehre dort monopolisiert und beheimatet sehen, damit sie und die späteren Geschlechter im Exil oder von dort her immer wieder Halt und Haltung in allem Jüdischen gewinnen könnten. gannen. Und wahrscheinlich ist diese Diskrepanz der geistigen Entwicklung mit eine der psychologischen Ursachen des Antisemitismus. Wir Juden haben in der europäischen Kultur, kaum daß wir in ihr heimisch geworden waren, sofort Großes geleistet und auf allen Gebieten des Wissens und der Technik unseren Mann gestellt. Dafür hat der einzelne Jude oft Dank und Anerkennung gefunden. Das Judentum als Ganzes aber ist durch die intellektuelle Regsamkeit seiner Bekenner bloß in den Verdacht, nach der Beherrschung der anderen, ja nach der Weltherrschaft zu streben, geraten und so absurd diese Unterstellung ist, hat sie Hitler den Anlaß gegeben, auch die tüchtigen und um die Menschheit verdienten Juden als Schädlinge aus ihren sozialen Positionen zu verdrängen und sogar jüdischen Künstlern, wie dem greisen Maler Max Liebermann, die Einstellung ihrer Tätigkeit zu gebieten. So kommt es, daß just für die einst gefeierten Größen der Judenschaft das schwankende Los, das über dem Menschenleben waltet, in besonders schmerzlicher Form fühlbar geworden ist und daß auch die jüdische Seele in rapid steigendem Maße von der Sehnsucht nach Rückkehr zur Natur erfaßt worden ist. Eine sicherlich anerkennenswerte Schöpfung dieser jüdischen Sehnsucht ist der Chaluz. Doch darf man über der Bewunderung dieses Typus nicht die Anerkennung vergessen, die der Dichter Schalom Asch schon vor einem Lustrum dem jüdischen Bauernleben in Rußland gewidmet hat noch die in allen möglichen anderen Ländern zur Umschichtung des jüdischen Berufslebens auch in landwirtschaftlichem Sinne herrschenden Bemühungen. Und schließlich soll man nicht übersehen, daß zu Rousseaus im Zeichen der von ihm gepredigten Rückkehr zur Natur verkündeten Ideen auch die Forderung religiöser Toleranz gehört. Das Neujahrsfest der Bäume ist für uns Juden ein Symbol, daß sich der Friede, der in der Welt der Pflanzen vorherrscht, auch im Menschenleben sieghaft durchsetzen wird. TADELLOSE ABSCHRIFT von Schreibmaschinenarbeiten jeder Art- Zeugnisse, Dissertationen, Urkunden, Verträge, schriftstellerische Manuskripte usw. sowie Übersetzungen auf allen Gebieten ins Englische, Französische und Polnische Lotte Hoohberger, XV., Kettenbrüobeng. 143/6 Prompte Erledigung, saubere Arbeit niedrigste Preise! Der geistige Prozeß, der sich in der babylonischen Glaubensgemeinde vollstreckt hat, entsprang aus der prophetischen Befassung mit der Lehre und mündete in ihrer hierarchischen Formulierung. Der äußere Prozeß kann nicht anders denn als Schaffung eines geistlichen Mutterlandes her angesehen werden. Nun erfüllten sich aber die babylonischen Hoffnungen in Verbindung mit der ersten Rückwanderung keineswegs. Das Volks- und Völkergemisch in Palästina schluckte einen großen Teil der Zurückgekehrten ein. Sie vermischten sich bis in die Priesterkaste hinein mit den Fremdstämmigen, richtiger: den Fremdgläubigen. Dagegen mußte von Babylon her etwas geschehen, denn dort, wo um die Propheten des propagandistisch starken Ezechiel und des aus allen Tiefen bis in alle Höhen des religiösen Gefühls schwärmenden zweiten Jesaia herum eine Glaubensgemeinde sich formiert hatte, konnte man nicht dulden, daß am heiligen Ort selbst das Gemeindliche verrostete. So kam Esras Mission und Esras Zug zustande. E s r a, ein Priester und Schriftgelehrter am Hof, gehört auch nach der Einteilung der Bibel nicht zu den Propheten. Trotzdem aber liegen in seinem Auftreten und Wirken die Ergebnisse und auch die Indizien des Prophetentums beschlossen. Er vollstreckt eine Art von praktischer Prophetie an den gegebenen Verhältnissen. Er schafft die Voraussetzungen zur geistigen Reinigung. Er stellt das Judentum wieder her. Es war ein gottesdienstlicher Akt, weil dadurch das Heidnische und zugleich das jüdisch Lässige aus dem geistigen Körper des Judentums beseitigt wurde — ausschließlich zu dem Zweck, um den Dienst des Volkes für seinen einzigen Gott zu sichern. Es ist ja kein Zufall, sondern richtungweisend für Esras Persönlichkeit und Mission, daß er dem Volk wieder die Schrift zeigte, das Buch der Bücher, ihm daraus vorlas, es zur Begeisterung und zur Zerknirschung hinriß und damit aus einem Haufen von Juden eine jüdische Gemeinde machte, aus Verirrten eine Marschkolonne mit der Schrift und Lehre in ihrer Mitte. Esra räumte den Schutt weg. der der Erbauung des Tempels im Wege lag. Er wird zum ideellen Architekten des Tempels, zum ideellen "Organisator der Gemeinde. Das macht ihn zum Propheten der Tat. (Schluß folgt.)