Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 3 (18.1.1935)
- Date
- 1935-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Großcheo In Deutochland verboten! i Die tBemrhei mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag fliiiiiiifliiiiüniMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiw Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — t-oslpparkasserkonto Wien: A 100.9)8 51. Jahrgang Wien, 18. Jänner 1935 Nummer 3 Von Wilson zu Hitler. Rasiere Dich gnf und billig Nebst den „Weisen von Zion" war es Wilson, der Hitler groß gemacht hat. Wo die Verlogenheit der eigenen Judenpolitik als nationalsozialistisches 3ropagandamittel versagte, dort tat die Heuchelei der demokratischen Phrase, mit der die Entente ihre Kriegsziele geschickt drapiert hatte, ihre Wirrang, die deutschen Gemüter für Hitler zu ködern. Den Beweis für die Echtheit der „Protokolle" der jüdischen Weltverschwörer sind die Hakenkreuzler bis zur Stunde schuldig geblieben, obwohl der Berner Gerichtshof mit wachsender Ungeduld ihrer harrt. Dagegen bedarf der Schwindel, der mit dem demokratischen Prinzip seitens der Siegermächte getrieben wurde, um gegen Deutschland und Oesterreich Stimmung zu machen, keines Beweises mehr, seitdem die Friedensverträge, diese schändlichen Grundlagen aller heutigen Not und Verbitterung, in Europa, so gründlich wie nur möglich all die hehren Ideale verleugnet hatten, für die etliche zwanzig Nationen aller Erdteile zu den Fahnen der Alliierten gestoßen waren, um die obstinaten Mitteleuropäer zur Demokratie zu bekehren. Es kann heute kein Zweifel obwalten, daß diese Bekehrung gelungen wäre, wenn sie von den Siegern ernst gemeint gewesen wäre. Die Verfassungen, die sich Deutschland und Oesterreich nach dem November-Umsturz von 1918 gaben, erfüllten die weitestgehenden Wunschträume aller ehrlichen Demokraten. Aber leider erlagen gerade in diesem geschichtlichen Momente die Siegerstaaten den Versuchungen des Imperialismus, zu dessen Niederwerfung sie angeblich ins Feld gezogen waren, und machten es den Gegnern der Demokratie leicht, das ihnen verhaßte Prinzip, dessen Triumph in Weimar sie nicht hatten verhindern können, nachträglich als bloßen Giftköder feindlicher Unterdrücker und — jüdischer Weltherrschaftaspiranten den Deutschen verdächtig zu machen. Das idealste Agitationsmaterial in dieser Beziehung waren die berühmten 14 Punkte, dies der weltfremde amerikanische Professor Wilson als Grundlage einer demokratischen Regelung aller durch den Krieg entstandenen völkerrechtlichen Fragen formuliert hatte und deren sich gewandte Diplomaten hocherfreut bedienten, um mit der idealen Form die brutale Verwirklichung — der polar entgegengesetzten Tendenzen zu tarnen. Die Tarnung war zudem noch plump und ungeschickt, weil der Besitz der Macht allzu große Vorsicht überflüssig erscheinen ließ, und so hatten die antidemokratischen Hetzer, die bald in Hitler ihren Meister fanden, leichtes Spiel, die demokratische Propaganda der Entente als Spiegelfechterei und die der eigenen Landsleute als argen Reinfall, wenn nicht noch als Aergeres: als bewußter Verrat an dem düpierten deutschen Volke zu brandmarken. In Wirklichkeit hat Hitler am eigenen Leib erfahren, daß es die Träger des Weimarer Systems bitter ernst mit der Demokratie nahmen. Es wäre ihm sonst sehr schlecht ergangen, wenn man ihn etwa nach seinem mißglückten Putsch von 1923 nach seinem eigenen Rezept für „Hochverräter" behandelt hätte ... Zu seinem Glück hielten sich seine Richter streng an den Geist der Verfassung. In der „Judenrepublik" waren die Hitler-Methoden des 30. Juni 1934 nicht vorgesehen . . . Trotzdem ist die Demokratie in Deutschland ein Opfer schmählichen Verrates geworden; doch wurde dieser Verrat nicht von den ehrlich bekehrten deutschen Staatsmännern begangen, sondern von den „Bekehrern". Der krasseste Beweis hiefür ist das momentan aktuellste politische Ereignis: die am Sonntag vollzogene Saar-Abstimmung. Wilson hatte dekretiert, daß die Völker nicht mehr wie Schachfiguren herumgeschoben werden sollten, sondern sich den Platz, wo sie hingehörten, nach ihrem eigenen Gutdünken selbst wählen sollten. Das war ohne Zweifel ein demokratischer Gedanke. Wie aber wurde er durch die Friedensverträge verwirklicht? Die österreichisch-ungarische Monarchie, die ein ideales Wirtschaftsgebiet gewesen war, wurde zertrümmert, ohne daß die Bevölkerung um ihr Votum gefragt worden wäre; Deutsche erwachten eines Tages als Tschechoslowaken, Südslawen, Polen. Dafür wurden für rein deutsche Sprachgebiete ganz überflüssige Abstimmungen vorgesehen. So mußte Kärnten mit dem Stimmzettel zwischen Oesterreich und Jugoslawien wählen, und obwohl die wirtschaftlichen Zukunftschancen schon damals für Oesterreich höchst ungünstig standen, entschied sich Kärnten für dieses. In solchen Fällen* siegt immer das nationale Gefühl über bloß nüchtern sachliche Vernunftgriinde. Das zeigte sich auch am Sonntag bei der Abstimmung im Saargebiet, wo große Teile der Bevölkerung sehr berechtigtes Mißtrauen gegen das Hitler-Regime hegten, schließlich aber doch 90,7 Prozent aller Abstimmenden für die Rückgliederung des Landes an Deutschland votierten. Da dieses Resultat schon von Anfang an zu erwarten war, ist es unerfindlich, warum man sich nicht zu einer früheren Durchführung der Volksbefragung entschloß. Zur Zeit des Friedensschlusses stand die Entente unter dem psychischen Eindrucke ihres gewaltigen Waffensieges. Die Heerführer hatten noch ein gewichtiges Wort dreinzureden und Soldaten waren niemals geeignete Protektoren liberaler Normen. Inzwischen hatte aber Frankreich reichlich Zeit, sich seiner demokratischen Traditionen zu erinnern. Tatsächlich bahnte sich das Freundschaftsverhältnis zwischen Briand und Stresemann an und erweckte die schönsten Hoffnungen auf baldige Beilegung der Saar-Frage. Wäre Stresemann mit seinem Vorschlag durchgedrungen, die leidige Abstimmung schon damals vorzunehmen, so hätte dies nicht nur außenpolitisch die Beseitigung eines europäischen Zankapfels be- Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal R. Taubmann, Wien II., Nordpolstraße 2/3, Tel. A48-9-22 Oestcrreichisclitt Qualität* raDrlhai Ueberau erhältlich deutet, sondern auch innerpolitisch die letzte Chance geboten, das demokratische Prinzip in Deutschland zu festigen. Aber obwohl dies das angebliche Kriegsziel der Entente gewesen war, gönnte Frankreich unbegreiflicherweise den deutschen Erfolg, den es doch nur verzögern, aber, wie sich jetzt zeigte, nicht verhindern konnte, dem Deutschland Stresemanns, dem Deutschland der demokratischen Weimarer Verfassung nicht. Und so ist der Triumph dem Antidemokraten Hitler zugefallen. Und es muß gleich gesagt werden: Hitler darf das imposante Bekenntnis der Saarländer zum Deutschtum als einen eindeutigen Sieg seines Systems buchen. Nicht im geistigen Sinne, als ob die Saarländer im Nationalsozialismus den Gipfel politischer Weisheit erblickten. Ganz im Gegenteil muß man annehmen — und hat es in unzähligen Versammlungen oft genug gehört —, daß die Bevölkerung, die zu 75 Prozent aus frommen Katholiken besteht und auch zahlreiche Marxisten aller Schattierungen umfaßt, die Erzielung einer größeren Anzahl oppositioneller Stimmen sehr begrüßt hätte. Charakteristrscherweise hat sich aber dabei jeder bloß auf den anderen verlassen. Keiner hatte den Mut, selbst das gewünschte Resultat herbeiführen zu helfen, und gerade das ist der große Erfolg Hitlers, dem es gelungen ist, das deutsche Volk auf der moralischen Basis zu einigen: „Wir Deutschen fürchten das Konzentrationslager und sonst nichts auf der Welt." Vor den Abstimmungslokalen im ganzen Saarland standen am Wahltag Hitler-Agitatoren mit Tafeln, die die warnende Inschrift trugen: „Erstes Gebot: Maul halten!" Niemals war die Hitler-Propaganda ehrlicher und aufrichtiger. Indes handelte es sich nicht um eine zynische Offenbarung des Glücks, dem die Saarleute als Untertanen des Dritten Reiches entgegengehen, sondern bloß um eine Warnung zur Rettung ihres Stimmrechts. Denn es war die Stimme einer Frau für ungültig erklärt worden, weil sie sich nicht enthalten konnte, bei Abgabe ihres Votums zugunsten Deutschlands mit Emphase zu rufen: „Als Deutsche bin ich geboren, als Deutsche will ich sterben!" Für diese biedere Frau lag das Problem sehr einfach. Ungleich komplizierter gestaltete es sich für die Saarländer Juden. Auch diese waren als Deutsche geboren und wollten dereinst als Deutsche sterben; aber wie sollten sie dies' erreichen? Stimmten sie für Deutschland, dann beraubten sie sich paradoxerweise selbst der Chance, als Deutsche qualifiziert zu werden. Das hatte ihnen Herr Bürkel, Hitlers Vertrauensmann im Saargebiet, ohne Umschweife erklärt: „Die saarländischen Juden werden gleich den anderen