Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2 (11.1.1935)
- Date
- 1935-01-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 2 — 11. Jänner 1935 DIE WAHRHEIT Wahre Verständigungsarbeit. „Ich danke Gott für den Gang der Ereignisse, die eine solche Veröffentlichung möglich gemacht haben, und ich bete zu Gott, daß er ihr Erfolg schenke." Mit diesen Worten schließt der D e k a n von Cianterbury, the Very Rev. Hewlett J o h n s o n, die Vorrede, die er dem soben im Verlag von Hodder and Stoughton in London erschienenen Buche „In Spirit and in Truth" beigegeben hat. Das Buch ist im Auftrag der „Gesellschaft von Juden und Christen" (Society of Jews and Christians) von George A. Y a t e s, M. A. herausgegeben worden. Der Inhalt setzt sich aus Beiträgen führender christlicher und jüdischer Geistlicher und anderer Gelehrter zusammen. In der Form des in der englischen Literatur so beliebten Symposiums, also der sich gegenseitig freundschaftlich ergänzenden Aussprache, werden hier in regelmäßig durchgeführtem Wechsel zwischen christlichen und jüdischen Autoren Themen behandelt wie z. B.: Die christliche ü'üdische) Annäherung an Gott — Der christliche (jüdische) Begriff der Sühne — Das christliche Güdischd) Ideal der menschlichen Gesellschaft — Die Rolle des Gesetzes in der modernen jüdischen Lehre — Die Rolle Jesu im modernen christlichen Denken — Christliche Betrachtung des Judentums — Jüdische Betrachtung des Christentums — usw. „Die früheren Beziehungen zwischen Kirche und Synagoge werden künftigen Historikern absurd erscheinen; uns erscheinen sie nur beklagenswert" So schreibt der Herausgeber in der Einleitung, in der er auch davon spricht, daß diese Buch das erste jüdisch-christliche Symposium darstelle. Er führt aus, „daß Kirche und Synagoge, wenn sie ihre gemeinsame Sendung für die Menschlichkeit erfüllen sollen, alsBrüderhande 1 n müssen und nic-ht als Rivalen." Der Dekan von Canterbury schreibt in seiner Vorrede: Das Buch erscheine gerade zur rechten Zeit, nämlich in einem Augenblick, der durch Ausbrüche des Antisemitismus gekennzeichnet werde. „In Deutschland und anderswo werden Juden mit einer solchen Erbarmungslosigkeit verfolgt, die die sogenannten christlichen Länder, in denen dies geschieht, .schändet. ... Juden und Christen besitzen eine gemeinsame Grundlage. ... Wir können gemeinsam beten. ... Wir brauchen uns gegenseitig. Angesichts des angeschwollenen Aberglaubens und der seelenlosen Weltlichkeit brauchen wir die jüdische Standhaftigkeit, den unerschütterlichen jüdischen Gottesglauben, den jüdischen Charakter und die jüdischen Hirne. Ich sage das alles als Christ." Das Buch schließt mit zwei Gebeten füj- Kirche und Synagoge, | deren Text von der Gesellschaft von Juden und j Christen angenommen würde. In dem zweiten Gebet heißt es: „Wir bitten, Du mögest uns einen Geäst des guten Willens geben gegenüber allen Völkern und allen Nationen." Die einzelnen Beiträge des Symposiums stammen von folgenden Autoren: Dr. W. R. Matthews — Dr. A. E. Garvie — Rabbi Dr. I. I. Matuck — Canon O: C. Quick — Rabbi H. F. Reinhart — Canon B. H. Streeter — Dr. A. J. Macdonald — Dr. J. Abelson — Charles G. Ammon — Hon. Lily H. Montagu — Rev. R. Ambrose Reeves -j- Rabbi S. E. Starrels — Rev. N. E. Egerton Swanr — Dr. C G. Montefiore — Dr. C. C. J. Webb — ierbert Loewe — Professor C. E. Raven — Professor John Oman — Professor F. C. Burkitt * In der Gesellschaft der Kaufleute sprich am 10. Dezember Pfarrer Platzhoff-Le aus Brassus in djer Aula zu Yverdon über die Judenfrage in der Schweiz und in der Frenjde. In seinem Vortrag erklärte der führende Schweizer Geistliche u. a.: „Die Judenfrage ist in dem Äugenblick entstanden, da das jüdische Volk seine Un^ abhängigkeit verlor, als die Mauern von Jerusalem fielen. Heute hat das jüdische Volk kein Vaterland mehr, es ist über die ganze Erde verstreut und verloren unter den anderen Völkern. Die christliche Zivilisation, die die Rollen vertauschte, bildet einen der Gründe des jüdischen Problems, da die Christen, die zuerst die Verfolgten waren, jetzt die Verfolger geworden sind. Der Antisemitismus entstand in dem Augenblick, als die Christen an die Macht kamen . . . Während der ersten Jahrhunderte der christlichen Aera scheint sich das jüdische Volk noch ganz glücklich gefühlt zu haben... aber das sollte nicht lange dauern und 15 Jahrhunderte hindurch mußte es Zielscheibe aller Arten von Peinigungen und Quälereien sein. Und das ist eine der Schanden unseres Christentums, daß wir die Juden so leiden ließen. Denn schließlich haben die Juden, die trotz all dieser dauernden Verfolgungen ihren Glauben bewahrten, den Anspruch auf unsere höchste Achtung . . . Man hat sich oft, zu oft des Juden als Sündenbocks bedient. Wer hat den Krieg gemacht? Die Juden. Wer ist Schuld an der Krise? Die Juden ... Er ist schließlich das geworden, was wir aus ihm gemacht haben, und man braucht darüber nicht erstaunt zu sein. Es ist nicht sein Fehler, sondern der unserige und der unser Vorfahren . . . Wenn wir uns über die Juden beklagen wollen, verteidigen wir uns; aber durch geeignete Mittel und in erster Reihe durch die Assimilation... Der naturalisierte Jude wird unseresg 1 e i c he n . . . Fordern wir also die Juden auf, auf allen Gebieten unsere Brüder zu sein." Die Not des polnischenJudentums Die Föderation polnischer Juden in den Vereinigten Staaten hielt in New York ihre Jahreskonferenz ab, an der über 400 Delegierte als Vertreter der polnisch-jüdischen Vereine in allen Teilen der Vereinigten Staaten von Amerika teilnahmen. Die Tagung richtete einen Appell an die polnische Regierung, Maßnahmen zur Erleichterung der wirtschaftlich unerträglich gewordenen Lage der Juden in Polen zu ergreifen, also die wirkliche Gleichstellung der Juden mit allen Bürgern des Staates in der Weise herbeizuführen, daß auch Juden beim Staate angestellt und zu öffentlichen Arbeiten herangezogen weiden. Die Konferenz beschloß ferner, daß bei allen Landsmannschaften und Gruppen polnischer Juden Amerikas spezielle Hilfskommissionen eingesetzt werden, um Geldmittel für die hungernden polnischen Juden aufzubringen. * Im Hause der Loge Bne Briss in Warschau fand eine Beratung der Führer der polnisch-jüdischen Hilfsinstitutionen statt, die von Rabbiner Prof. M. S c h o r r, vom Präsidenten des jüdischen Sejmklubs Dr. Osias Thon, von den Senatoren Rafael Szereszewski und Rabbiner Rubinstein und von Dr. Gerschon L e w i n einberufen worden war. Es wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: Das polnische Judentum befindet sich in eiiiv, furchtbaren ökonomischen Lage und ist vom physischen Untergang bedroht; es macht eine, der schwersten Epochen seiner ganzen Geschichte durch. Das polnische Judentum sieht sich, in höherem Maße als in den vergangenen Jahren, gezwungen, an das ausländische Judentum um brüderliche Hilfe zu appellieren, die ein Stimulans zur Erweckung und Organisierung der eigenen Kräfte sein soll. Deshalb beschließt die Versammlung, sich an das ausländische Judentum mit der Bitte um brüderliche Hilfe an das ruinierte polnische Judentum zu wenden, damit dieses seine ökonomischen Positionen in dem Maße, wie es die dreieinhalb Millionen starke jüdische Gemeinschaft in Polen erfordert, befestigen können. Bombenwurf gegen Wilnaer jüdische Buchhandlung. In der Nacht zum 8. Jänner haben in Wilna bisher unbekannte Täter gegen die jüdische Buchhandlung Ickovic eine Bombe geworfen, durch die das Geschäft und das Haus schwer beschädigt wurden. Die Polizei nimmt an, daß der Anschlag von nationalsozialistischen Elementen ausgeführt wurde. So was gibt es?! Die bekannte Dichterin Annette K o 1 b hat im S. Fischer Verlag in Berlin einen neuen Roman herausgebracht: „Die Schauke 1". Darin spielt auch eine ältere jüdische! Dame eine Rolle. Bei der Charakterisierung dieser Figur fügt die Dichterin eine Fußnote an. Sie lautet: „Vom Tage an, da die Juden im geistigen Leben zu Einfluß gelangten, machten sich in der gefährdeten Existenz des Künstlers gewisse Chancen fühlbar, daß er nicht mit einer Mühsal wie bisher, die subjektiv gesehen nur zu oft einem Auf-der-Strecke-Bleiben gleichkam, sich durchzuringen hatte; mit anderen Worten und retrospektiv gesehen: daß ein Hölderlin vielleicht davor bewahrt geblieben wäre, den armen Hauslehrer zu spielen, Franz Schubert vielleicht nicht so jung und als ein derart armer Teufel gestorben wäre. Wie dem auch sei: wir sind heute in Deutschland eine kleine Schar von Christen, die sich ihrer Dankesschuld dem Judentum gegenüber bewußt bleibt" Im Verlage der „Union österreichischer Juden, IX., Berggasse 4, ist dieser Tage die in unserer letzten Nummer angekündigte Broschüre des Herrn Rabbiner Dr. B. M u r m e 1 s t e i n „Einige Fragen an Prof. Dr. S. Grill" erschienen. Die Erwartungen, die man in weiten Kreisen an diese von jüdischer Seite fällige Antwort auf die Schrift des katholischen Theologieprofessors knüpfte, sind von dem ausgezeichneten Kenner der Materie Dr. Murmelstein restlos erfüllt worden. Ohne der ausführlicheren Würdigung des Buches, die wir in unserer nächsten Nummer vornehmen werden, vorgreifen zu wollen, sei schon heute festgestellt, daß es vor allem so flott geschrieben ist, daß es auch von Laien ohne Schwierigkeiten, ja sogar mit viel Behagen gelesen werden kann. Ob auch Prof. Dr. S. G r i 11, dessen Schrift unlängst in der „Reichspost" der hochgelahrte Professor Nivard Schlögel über den grünen Klee lobte, bei der Lektüre der Antwort von Dr. Murmelstein das gleiche Behagen empfinden wird, möchten wir füglich bezweifeln. Zu treffend werden Jhm seine sinn- und inhaltswidrigen Interpretationen des Talmuds und des Schulchan Aruch nachgewiesen und seine Sachkenntnis auf das richtige Maß reduziert Nun hat er das Wort; Dr. Murmelstein und der „Union" aber wird die österreichische Judenschaft Dank für die so notwendige Abwehr der Anwürfe des Herrn Theologieprofessors wissen. Keine antijüdischen Ausschreitungen in Rußland. Das Außenkommissariat der Regierung der Sowjetunion in Moskau dementiert mit äußerster Entschiedenheit die vom Londoner „Daily Express" gebrachte Meldung, daß im Zusammenhang mit der Niederringung des oppositionellen „Leningrader Zentrums" Ausschreitungen russischer gegen jüdische Arbeiter in Staatsfabriken Moskaus unc1 Leningrads vorgekommen seien. Diese Meldungen, so wird erklärt, entbehren jeder Grundlage und sind in Anbetracht der wirklich herrschenden Verhältnisse und Stimmungen als barer Unsinn zu bezeichnen. Kampf um Jiddisch in Palästina. In eine vom Klub jiddischer Schriftsteller und Journalisten Tel Avivs veranstaltete Konferenz drang eine Gruppe junger Leute ein, protestierte laut gegen den öffentlichen Gebrauch der jiddischen Sprache in Erez Jisrael. schaltete das Licht aus, schlug die Fensterscheiben ein und zerstörte die Inneneinrichtung. Verletzt wurde niemand. Die Leitung des jiddischen Klubs ersuchte den Warschauer jiddischen PEN-Klub telegraphisch, gegen die Vorgänge in Tel Aviv zu protestieren. —Eine Konferenz jiddischer Schriftsteller und Kulturarbeiter New Yorks befaßte si-h mit der jüngsten Aktion gesten Jiddisch in Palästina und beschloß die Gründung einer „Liga für das Recht des Jiddisch in Palästina". Jüdische Bürgermeister in Süd-Afrika. Kürzlich ist zum Bürgermeister von Johannesburg Mr. Maurice Freeman gewählt worden. Freeman gehört zu den Begründern des jüdischen Klubs in Johannesburg und ist der Vizepräsident der vereinigten Talmud Thora. — In Pretoria wurde zum drittenmal Mr. Ivan Solomon zum Bürgermeister gewählt. Seiner feierlichen Einführung wohnten der Bürgermeister und der Kämmerer von Kapstadt bei. Architekt Hugo Gorge In aller Stille, wie er es ausdrücklich gewünscht hatte, ist dieser Tage Hugo Gorge zu Grabe getragen worden. Oesterreich verliert in ihm einen seiner kultiviertesten modernen Baumeister, der besonders als Gestalter von Innenräumen Vorbildliches geleistet hat, das Judentum einen treuen Bekenner seines Glaubens. Er hat nur ein Alter von 52 Jahren erreicht. Seit langem war er herzleidend gewesen, blieb aber bis zuletzt arbeitsfreudig und produktiv. Studiert hat Hugo George bei Ohmann, dem phantasievollen Schöpfer der Wienflußregulierung und Mitarbeiter an der Neuen Hofburg. Während dieser Zeit trat er zu Oskar Strnad, der ebenfalls Ohmann- Schüler war, in freundschaftliche Beziehungen. Als Strnad dann eine Professur an der Kunstgewerbeschule erhielt nahm er seinen Freund "Gorge als Assistenten in seine Klasse. Gorge hat bei dem Aufbau der später so berühmt gewordenen Schule Strnad erfolgreich mitgewirkt und auch noch als selbsitständiger Architekt lange in Gemeinschaft mit Strnad gearbeitet. Nach dem Weltkrieg, den er im Heeresdienst mitmachte, beteiligte sich