Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2 (11.1.1935)
- Date
- 1935-01-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064557--20049-3085252- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Nr. 2—11. Jänner 1935 DIE WAHRHEI i haben sie nichts zu tun", sagt der Deutsche Alfred Eisenmenger in „Das Judentum im deutschen Schrifttum". Mag er von seinem Standpunkt aus recht haben, wir haben von dem unsern recht und wir snid stolz auf unseren Jäkob Wassermann. Der wahre Dichter kennt weder Rassismus, Nationalismus noch Parteiismus und Dogmatismus. Er kennt nur das Evangelium der Menschlichkeit und Sittlichkeit. Er dient nur der Gerechtigkeit, er beschönigt nichts, er entstellt nichts und will auch nichts verschleiern. Er ist so objektiv, als es dem Subjekt Mensch nur irgend gegeben ist. Und auf das dürfte es ankommen, Herr Eisenmenger, auf das allein... Der Nachruf sei hier wiedergegeben, den die „Frankfurter Zeitung" dem Dahingegangenen widmete: „.. .Unvernichtbar bleibt die Flamme, die in ihm brannte, der Dienst am Menschen." Die wärmsten Worte aber fand Paul Eisner in der „Welt im Wort": „...Der Innige, der Inständige. Der heilig Beunruhigte. Der flehentlich Beschwörende. Der demütige Diener des Göttlichen. Werkmeister Unruh. Einer von den wahren Baumeistern lichterer Wohnstätten für das weithin umwohnende Geschlecht dieser Erde." — So nehmen wir Abschied von dem, was sterblich war an Jakob Wassermann. Sein künstlerisches Erbe aber wird immerdar in uns weiterleben. Inniger, Inständiger, heilig Beunruhigter — lebe wohl!... Isabella Roth. Die Sorge ist nicht gewichen* Auf der Tagung des Rates der Anglo Jewish Association gab der Präsident der Association Leonard G. Montefiore einen Rückblick auf das Jahr 1934 und führte''aus, das abgelaufene bürgerliche Jahr war für die jüdischen Gemeinschaften auf dem Kontinent ein Jahr der Sorge. Die Sorge ist noch nicht gewichen, nur Optimisten können glauben, daß die Wolken sich lichten. Montefiore wies auf die Arbeit des Komitees für Hilfe an die deutschen Flüchtlinge in England hin, die eine Ausgabe von 34.000 Pfund im vergangenen Jahr erfordert hat, wovon für reine Unterstützung 5000 Pfund Sterl. und für konstruktive Arbeit, wie Berufsumschichtung, Auswanderung und Seßhaftmachung 29.000 Pfund Sterl. ausgegeben wurden. Wer glaubt, daß die Lage der deutschen Juden sich gebessert hat, nur weil die Zeitungen es müde geworden sind, täglich über jüdische Tragödien zu berichten — fuhr Leonard G. Montefiore fort —, der will die Wahrheit nicht sehen. Wohl mag es jüdische Gemeinschaften geben, denen es wirtschaftlich schlechter geht als den Juden in Deutschland, aber nirgendwo sonst gibt es eine Regierung, die auf jede Weise versucht, die Juden zu degradieren. Nur in Deutschland lehrt man Kindern und Erwachsenen, die eigene Rasse anzubeten und die Juden als inferior anzusehen. Montefiore verlas einen Auszug aus einem Artikel in der letzten Ausgabe des „New Statesman and Nation", worin dessen Berliner Korrespondent mitteilt, „daß, im ganzen genommen, der Nationalsozialismus noch verderblicher wirkt als früher, weil er seine Technik verbessert hat. Ein Beispiel hierfür sei die wachsende Härte, der die deutschen Juden ausgesetzt sind, ohne daß, wie früher, die Publizistik jetzt noch ein Interesse für sie zeigt." Es mag sein, fügte Montefiore hinzu, daß die deutsche Regierung nicht gerade daran interessiert ist, die jüdischen Unternehmungen lahmzulegen; man kann einen jüdischen Kaufmann eben nicht so leicht ersetzen wie einen jüdischen Professor. Aber feststeht, daß Deutschland nicht die Doktrine aufgeben will, daß Juden nicht Vollbürger sein können, mögen ihre Vorfahren seit noch so langer Zeit in Deutschland gelebt und mögen die Juden dem Lande im Kriege wie im Frieden noch so wertvolle Dienste geleistet haben. Montefiore wandte sich der Lage der Juden in anderen Ländern, besonders in Polen, zu und sagte, er wünschte, es stünden mehr Zeit und größere Mittel zur Verfügung, um die Not der Juden in Polen zu lindern; so lange aber der Krieg gegen die Juden in Deutschland andauert, muß alles andere vor diesem Problem in den Hintergrund treten. V Montefiore teilte mit, daß der zweite Appell für Hilfe an die deutschen Juden eine Summe von 176.000 Pfund Sterl. erbracht hat. Z. T. A. „DIE AHNENLOSEN" (Judische Schauspieler aus Deutschland) veranstalten Mittwoch, den 16. Jänner, y,9 Uhr abends, in den Kunstspielen,Riemergasse 11, einen THEAfCn-iiDEIVD Zur Ausführung gelangt: DER WETTLAUF MIT DEM SCHATTEN Schauspiel von Wilhelm von Scholz. Es wirken mit: Steffi Mann, Paul Signer. Georg Braun. Regie: Georg Braun. Karten in der Redaktion der „Wahrheit" und an der Abendkassa. Wozu der Lärm l Unter diesem Titel bringt die zionistische Prager „Selbstwehr", deren ehrliche Sprache wir schon letzthin lobend feststellen konnten, einen Oeffenheit und Mut atmenden Artikel aus der Feder Dr. Michael Ringels übir das marktschreierische und geradezu groteske Gebaren der zionistischen Statistiker, die in ihrer Geschäftigkeit und Verranntheit vielfach verzerrte Bilder von Palästina entwerfen. Wir lassen diesen ganz ausgezeichneten Aufsatz auszugsweise folgen, ohne unsererseits etwas hinzuzufügen, da diese vernichtende Kritik unverantwortlicher zionistischer Propagandamethoden für sich selbst spricht Die Schriftleitung. Unlängst ging durch die Presse der ganzen Welt — nicht nur der jüdischen — folgende statistische Formel: Jede zehn Minuten wandert ein Jude in Palästina ein. "Dieses Schlagwort rief sofort ein so lautes und vervielfachtes Echo in der jüdischen Presse hervor, daß der Eindruck hervorgerufen wurde, als ob an jedem Tag nicht 6 X 24 144 Juden, sondern mindestens einige hundert Juden nach Palästina einwandern würden. Auf dieses jüdische Echo folgte wieder ein arabischer, noch lauter schallender Widerhall, und dieser war so gellend, daß alle Welt glauben konnte, daß nicht hundert Juden, sondern tausende Juden an jedem Tag, ja vielleicht zu jeder Stunde nach Palästina einwandern. Ein Teil der arabischen Presse verstieg sich sogar zu dem Alarmruf, im Jahre 1938 werde kein Araber mehr in Palästina und nicht einmal in Transjordanien vorhanden sein, weil sie bis dahin von den Juden ganz verdrängt sein würden . . . Wozu dient dieser Lärm, dieses unerträgliche Zahlentromntelfeuer der jüdischen Statistiker, welche sich nicht damit begnügen, alle zehn Jahre — wie Usuell — eine Judenstatistik in Erez zu machen oder — wenn schon — einmal am Ende jeden Jahres, sondern uns jeden Monat mit ihren Entdeckungen und ihrer modernen Zahlehkabbalisök beglücken? Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer II., Taborslraße 12, Tel. R 46-5-37 Ausgiebige Braten-Menus S 1.60 ~\t/3 6„ Geflügel- „ S 2.JU VorzDgl.che Zubereitung —Schwecbater tiere — Naturweine Sie machen es wie ein armer Geizhals, der seine paar Münzen laut klimpernd abzählt und immer wieder nochmals abzählt und sich nicht enthalten kann, in die Welt hinauszuschreien, wie reich er ist, und dadurch den Eindruck hervorruft, daß sein Schatz viel größer sei, als er in Wirklichkeit ist, und sich dadurch höchstens Räuber auf den Hals hetzt. Die Juden als Ganzes sind bekanntlich politisch das naivste Volk in der Welt und so vergessen sie in ihrem Zahlentaumel, daß wir in Erez bereits eine moderne Wiederholung des von Mißgunst und Angst diktierten „Pen jirwu" in bezug auf die Einwanderung erlebt haben, da doch von englischen Regierungsstatistikern, mit H. MUls an der Spitze, nach allen Regeln der Bevölkerungsstatistik mit Diagrammen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen auf Jahr und Tag noch im Jahre 1929 vorausberechnet wurde, wann die „Gefahr" droht, daß die Juden an Zahl den Arabern gleichkommen werden. Die Araber sehen auf Grund der gerade von jüdischer Seite stammenden übertriebenen Zahlen mit ihrer von Feindschaft noch mehr aufgestachelten Phantasie zehnmal So viel Juden, als es in Wirklichkeit gibt, stoßen Alarmrufe aus, mobilisieren Freiseharen der Jugend gegen die .iülegale" Einwanderung und verkünden mit pathetischem Geschrei nicht wie einst, daß das arabische Meer die Juden verschlingen-wird, sondern, daß die jüdischen Tropfen das arabische Meer — bereits verschlungen hätten. Und die Juden mit ihren übereifrigen Statistikern, ihrer sensationslustigen Presse posaunen trotzdem immer wieder unnötigerweise alle paar Tage, ja alle paar Stunden Ziffern über Ziffern in die Welt hinaus: Wie viele Pic in den Städten in den letzten Wochen verbaut, wie viele Dunam Boden gekauft, wie viele Liter Milch jede jüdische Kuh abgeliefert, und wie viele Eier jedes Huhn gelegt hat, dies alles gewürzt durch Vergleiche mit den arabischen Besitzern, arabischen Kühen und arabischen Hennen. In einem Zimmer mit parallel zueinander aufgehängten Spiegeln spiegelt sich eine Person in unendlichen Reihen. So ist es mit unseren Statistikern über Erez. Der Statistiker schreibt eine Zahl, die jüdische Presse gibt ein tausendfältiges Spiegelbild ihrer Zahlenkolonnen. Dann kommen die Araber mit ihrer Presse und geben ein millionenhaftes Spiegelbild des jüdischen Wachstums — eine Fata Morgana ihrer Wüstenphantasie. Dies ruft bei ihnen — einerlei, ob echte oder unechte — Panik und Feindschaftsstimmung mit Protesten hervor, unbegründeten zwar, aber sie tönen laut und die Mandatarmacht hört sie gerne. Zu oft vergessen unsere Presseorgane an das noch immer wahre Sprichwort: Si tacuisses, philosophus mansisses. Ihnen muß man eindringlich zurufen: Schreibt nicht so viel über Zahlen! Wozu der Lärm? Damit das Echo ein noch größeres Geschrei hervorruft? Wir sind noch immer auf dem Marsche durch die Wüste des Golus nach Erez. Eine marschierende Gruppe schweigt, und ihre Führer erst recht . -. (Hier müssen wir dem Autor ganz entschieden widersprechen. Die Juden fühlen sich in. ihren Wohnländern durchaus nicht als „auf dem Marsche nach Erez" befindlich, sondern erblicken in den Staaten, in denen sie schon seit Jahrhunderten leben, eine wahre Heimat, auf deren Scholle sie sich verwurzeln wollen. Wir betrachten uns in den Staaten, in die uns das Schicksal vor Jahrhunderten gebracht hat, als seßhaft gewordene Bürger lind betrachten die Großziehung und Aufstachelung 'des Wandertriebes und des Emigrantionsgeistes unter den Juden als eine große Gefahr für unsere Zukunft und müssen derartigen Bestrebungen ganz entschieden entgegentreten. Die Redaktion.) Gläubige, fromme Juden halten sich noch heute an die alte Traditon, man solle Juden nicht zählen weil das Zählen Schaden bringen kann, weil es ein „schlechtes Auge" hervorrufen kann. Sollen die jüdischen Korrespondenzbüros und Zeitungen lieber Statistiken bringen, wie groß die jüdische Not im Golus ist, wie viele Hundert tausende und Millionen auswandern müssen und nach Palästina nicht hineingelassen werden, wie viele Tausende jüdischer junger Leute in Not und Bangen auf die armseligen Zertifikate warten, wie groß die Sterblichkeit ist infolge der Pauperisierung und wie viele Juden in der Welt — auch abgesehen von Hitler-Deutschland — direkt umkommen vor Hunger und Elend! Aber für jeden Fall soll man aufhören mit den schädlichen, übertriebenen, manchmal an die Potemkinischen Dörfer erinnernden Prosperityziffern, soll man endlich aufhören, aus Erez „ä-la-minute Statistiken" hinausposaunen. Sie nützen nur unseren Feinden und nicht uns * Die Zahl der Juden in Palästina. Die Zahl der Juden in Palästina Anfang 1935 wird mit 307.312 angegeben. Das sind 26 Prozent der Gesamtbevölkerung Palästinas. Tod der Witwe nach dem Ersten Lord Rothschild. London. Im Alter von 90 Jahren ist die Tochter des Barons Mayer Carl Rothschild und Witwe des Ersten Lord Rothschild, Emma Luisa Lady Rothschild, gestorben.