Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2 (11.1.1935)
- Date
- 1935-01-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 2—11. Jänner 1935 Seite 3 Unklaren läßt, ob und inwiefern er diese Taktik als „Verständigungsbereitschaft nach beiden Selten" gelten läßt, denn er schweigt sich über diesen peinlichen Punkt gänzlich aus. Dafür sucht er seine an sich begreifliche schlechte Laune an total Unschuldigen abzureagieren. Als Münchhausens Posthorn die Töne erschallen ließ, die sein Herr in einer früheren Jahreszeit ihm anvertraut hatte, hat es sich keine Kritik über seinen Besitzer erlaubt und sich nicht eingebildet, mehr von Musik zu verstehen als der auf ihm musizierende Freiherr. Dr. Weiner aber, der sich erst jetzt, als „Alter Herr", dazu entschlossen hat, unsere längst bewährten, in der zionistischen Mentalität offenbar eingefroren gewesenen Leitmotive in die Welt — die „Neue Welt" des Herrn Stricker — zu posaunen, ist so überheblich, alle, die seine heutigen Erkenntnisse schon gestern besaßen, als „Ewig Gestrige" zu deklarieren. Auch Oberrabbiner Dr. Feuchtwang" muß sich diese Qualifizierung bieten lassen, weil er sich gegen die Heranziehung eines katholischen Propagandisten als Redner in einer jüdischen Versammlung aussprach. Wenn den Assimilanten der Mißgriff passiert wäre, sich viereinhalbstündige Freundschaftsversicherungen eines „Paradechristen" anzuhören, der gleichzeitig seinen Glaubensgenossenden Judenboykott vorschreibt, dann hätten wir wieder einmal von den Zionisten die stehende Phrase vom „verdienten Fußtritt", dem „unausbleiblichen Lohn unserer Assimilationsbestrebungen", vorgesetzt erhalten, und die Herren hätten Krokodilstränen über unsere JJnbelehrbarkeit" vergossen. Nun zeigt es sich an einem krassen Beispiel, wie „belehrbar" die Zionisten in einem solchen Falle sind. Dr. Weiner erklärt einfach, daß der „Ring alter Herren" keine religiöse, sondern eine politische Vereinigung ist, und zieht daraus den famosen Schluß, daß sich die jüdischen Akademiker vom Oberrabbiner nichts dreinreden lassen, den Franziskanerpater aber als hohen Gewinn buchen dürfen. Mit diesem Schlager hat Dr. W e i n e r gegen seinen Willen die Lacher auf seine Seite gezogen. Indes stimmt nur der erste Teil der Weinerschen Ausführungen, in dem er assimilatorische Tendenzen mißverständlich wiedergibt, heiter. Der zweite Teil bringt original zionistischen Geistesbesitz und liefert sehr traurige Belege politischer Irrungen und Wirrungen. Dr. Weiner tritt der vom Oberrabbiner Dr. Feuchtwang verfochtenen Anschauung, daß die Juden in beziig auf ihre staatsbürgerlichen Rechte keine Konzessionen machen dürfen, entgegen und meint: „Wir können sehr viel konzedieren, ohne ein Jota von unserer bürgerlichen Gleichberechtigung aufzugeri ben", z. B. „daß wir anerkennen, daß sich Juden nicht in katholische Angelegenheiten einzumengen haben . . ." Das klingt für jeden Menschen mit Taktgefühl sehr plausibel, aber harmlos nur für den, der nicht weiß, wie weit die Gegenseite den Begriff „katholische Angelegenheit" zu ziehen imstande ist. Wir konnten erst jüngst aus einer anonymen Broschüre des Styria-Verlags die Anschauung zitieren, daß die jüdische Abwehr der von Christian Loge versuchten Ritualmordhetze als ein Anschlag auf die katholische Religions- und Kultusfreiheit qualifiziert wurde. Vielleicht dämmert dem Dr. Weiner angesichts dieser Tatsache doch ein wenig die Erkenntnis der Gefahr auf, die eine formal gesetzliche Festlegung der Juden auf den von ihm so bereitwillig konzedierten „Nichteinmischungspakt" bedeuten würde ... Auch in bezug auf ihren Judenstaat würden die Zionisten manche Enttäuschung erleben. Sie wollen diesen Judenstaat in Palästina haben, aber auf arischer Seite wird vielfach Madagaskar für diesen Zweck der Vorzug gegeben und wenn als Grund hiefür die — sicherlich unbegründete — Angst um die Erhaltung der christlichen Kultstätten im Heiligen Lande angegeben wird, erscheint die Sache zu einer „katlu> lischen Angelegenheit" gestempelt, in die sich kein Jude mehr einzumengen das Recht hätte . . . Und welche Vorteile würden die Juden durch diese freiwillige Selbstdegradierung aus gelegentlichen Subjekten zu bloßen Objekten der Gesetzgebung eintauschen? Von oben vernehmen wir Juden in Oesterreich wohl freundliche Worte. Der Bundeskanzler und der Bürgermeister von Wien haben uns volle religiöse und kulturelle Freiheit zugesichert und dieser Tage hat sich Außenminister Berger-Waldeneggmit Entschiedenheit gegen die Behauptung gewendet, daß den religiösen Minderheiten in unserem Staate kein Rechts- und Kulturschutz zuteil wird. Aber wie steht es in den Niederungen des Alltags? Man studiere doch einmal den Eindruck, den die de- und wehmütige Rede des Stadtrats Dr. Ehrlich anläßlich der Wiener Budgetdebatte auf die arische Oeffentlichkeit gemacht hat! Auf die Erklärung des jüdischnationalen Sprechers im Rathaus, daß die Juden darauf verzichten müssen, den Nichtjuden religiöse oder nationale Vorschriften zu machen, antwortet eine ganze Hochflut neuer antisemitischer Broschüren und Flugblätter, die das Märchen von den jüdischen Weltbeherrschungsplänen mit unerschöpflicher Phantasie variieren. Hätte Dr. Ehrlich für die Trennbarkeit der katholischen Ehe plädiert — das Echo hätte kaum gehässiger ausfallen können. Die Zionisten mögen welche Weisheiten immer auskramen — das verhetzte Volk hört — wird nicht kluge Abwehr getrieben — stets nur die „Weisen von Zion" heraus . . . HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 * Empfiehlt sein reichhaltiges Lager feiner Stoffe und fertiger Mäntel zu billigen Preisen Der Weg Jakob Wassermanns und wir. Ein Jahr ist vergangen, seit der Dichter in Aussee für immer die Augen geschlossen hat. Einsam starb Jakob Wassermann zwischen den Bergen der grünen Steiermark, seiner Wahlheimat, die er so geliebt hatte. An Angina pectoris. Denn enge, erschreckend enge wurde es um ihn, als er sein Werk, das aufbauendes deutsches Kulturwerk gewesen war, da draußen dem Scheiterhaufen überantwortet sah. Mit der Schwermut des Orientalen, der zu sein er sich immer wider bekannte, hatte er die fränkische Vaterstadt geliebt. Deutsches Wesen war tief in seine Seele gedrungen, hatte die Schicksale seiner Menschen bilden und formen geholfen. Wenn es eine Synthese zwischen Deutschtum und Judentum gibt, so hat sie in Jakob Wassermann ihren sinnfälligsten Ausdruck Das neue aktuelle Werk von Dr. B. Murmelstein Einige Fräsen an Prof. Dr* S. Grill Der Talmud und Schulchan Aruch Einleitung von Oberrabbiner Dr. D. FEUCHTWANG Herausgegeben von der „Union österr. Juden" Preis S 1.20 Buchhandlung JOSEF BELF, Wien I., Rabensteig 3 gefunden. Denn Jakob Wassermann ist beides gewesen — Deutscher und Jude. Schwer und hart in geistiger Fronarbeit hat sich der Dichter Zeit seines Lebens mit diesem Problem auseinandergesetzt. Das Schwerblütige und Schwergründige, das Talmudisch-Grüblerische und Vergrübelte offenbart Jakob Wassermann als Juden. Orientalisch-bilderreich, kontemplativ-gehalten ist seine Sprache, verwirrend die Fülle von Gesichten und Gestalten, die phantastische Verflechtung und Verquickung der Schicksale seiner Menschen. Allen Glauben, alle Gerechtigkeit, alle Güte erkennt er als Geschenk Gottes an sein Geschöpf: „Alles Lieben und Geliebtwerden ist Gnade. Ihr habt es nur vergessen, ihr Menschen, ihr habt es nur verlernt. Selber habt ihr euch ausgestoßen aus der Gnade. Liebe kann man nicht haben, Liebe muß sein", läßt er in „Ulrike Woytich" seine Josephe zu Ulrike sagen. — Durch das Blut vererbtes uraltes Wissen um die menschliche Seele ist um ihn. Schon in frühester Kindheit offenbart sich die psychologische Gabe. Oft liest er beim Schein einer kärglichen Kerze die ganze Nacht. Um vom Bruder nicht an den strengen Vater verraten zu werden, erzählt er ihm — gleich Scheherezade — phantastische Begebenheiten und berauscht sich an seinen eigenen Worten. Trüb ist diese Jugend, arm an Güte, an Schönheit, an Sonne. Ein karges Dasein in ewiger Dürftigkeit: eine böse Stiefmutter wie aus dem Märchen, ein träges Herz, das keine Zärtlichkeit an den fremden Knaben zu verschenken noch zu erhalten weiß. „Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens . . ." In München findet der Heranwachsende einen Freund, sie debattieren stundenlang. Geistige Wettkämpfe werden in zwingender Beweisführung- und scharfer Dialektik zwischen ihnen ausgetragen. Fast ist's, als ob nicht Harmonie, sondern das ewige Messen der Kräfte sie aneinander bände. „Es ist umsonst . . ." „Was? Was ist umsonst?" Er schaute mich an: „Der Geist in uns und der Geist in euch mischt sich nicht Es ist nie gewesen, es wird nie sein. Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat" — „Ich Heß nicht nach," schreibt Wassermann in seinem Bekenntnisbuch aus dem Jahre 1921, ,jch bedrängte ihn wie Jakob den Engel, ... hat es ein Einzelner erreicht, so ist es überhaupt erreichbar. Ich bin nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines bestimmten Zeitwillens. Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir sind alle, auch die Widerstrebenden, ich scharfe Bahn für alle, ich räume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin. ist Beweis. Die Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt." In den „Juden von Zirndorf" hat der junge Wassermann seine Kritik am deutschen Juden dargelegt. Dunkel, in wahrhaft Rembrandt'scher Düsternis, wölbt sich das gewittrige Firmament über den Juden von Fürth. Bedrückt ist ihr Dasein, gequält durch äußeres und fremdes Gesetz, doch auch durch das innere Gebot der Orthodoxie. Wie eine zehrende Flamme glüht in ihnen der Glauben an den kommenden Messias, den sie in der Person des Schwärmers Sabbatai Zewi erkennen wollen. Doch er tritt zum Islam über. Der alte Jammer beginnt von neuem. „Sabbatai wurde ein Moslem, und manche sagen zum Schein." Nun vollzieht sich der Weg zur Assimilation, zum Unheil, zur Vereinsamung. „Der Jude wurde ein Kulturmensch und manche sagen zum Schein. Manche sagen, der Verderber und Verführer sitze in ihm und er verstände die Bühne dieser Welt besser als ihre Erbauer. Dies ist sicher: ein Schauspieler oder ein geistiger Mensch, voll innerlicher Schönheit und doch häßlich; lüstern und asketisch, ein Scharlatan oder ein Würfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave, alles das ist der Jude. Hat ihn die Zeit dazu gemacht, die Geschichte, der Schmerz oder der Eriolg? Gott allein weiß es." Vor den Blicken tut sich ein unermeßliches Bild auf, denn das Wesen eines Volkes ist wie das Wesen einer einzelnen Person: sein Charakter ist sein Schicksal. Erst Agathon Geyer, einem jungen Zirndorfer Juden der Gegenwart, ist es vorbehalten, den Weg der Befreiung zu gehen. Es ist die Tragik des Einzelgängers, daß Agathon Geyer nicht seine Glaubensgenossen, nur sich selbst zu erlösen vermag. In jedem von ihnen müßte sich dieser Prozeß der Ueberwindung des engen Gesetzesgeistes wiederholen, ein jeder von ihnen müßte den Sklaven und den Asketen, die schädlichen Gegensätze, überwinden, um zum Freiheits- und Humanitätsideal des modernen Menschen zu gelangen. Aber ist nicht alles Menschenwerk nur Versuch auf dem Wege und im Kample um die Vollendung? Heißt es da nicht oit auf halben Wege stehen bleiben und sich bescheiden, weil die Kraft versagt? In der Ferne leuchtet das Ziel, andere werden es erreichen, nicht die Träumer, sondern die Menschen der Tat. Wassermanns Geschöpfe werden von einer bestimmten Idee wie von einem Perpetuum mobile rastlos weitergetrieben. Agathon Geyer, der Jude, vom Gedanken der Emanzipation. Daniel Nothafft („G ä n s em ä n n c h e n") wiederum ist „das Urbild des deutschen Menschen, des deutschen Künstlers, der alles aus sich schöpft, aus seiner Einsamkeit heraus, der nur eines vor sich sieht: das Werk, um das er in Jahren ringt, das überragende, die prometheische Symphonie, der Welt darum fern". — Ist's nicht, als ob das Leben eines Dichters tausendfältig in den von ihm geschaffenen Gestalten wiederkehrte? Blut von seinem Blut, Geist von seinem Geist. Immer wieder inständiger, leidenschaftlicher, schmerzvoller und verantwortungsbewußter Kampf um die gesteckten Ziele. Gigantisches Ringen eines von seiner Sendung Besessenen um die Gnade des Gelingens: ,„Ich lasse Dich nicht, denn Du segnest mich" . . . „Ich will keine Werke tun. ich will nichts gutes oder nützliches oder gar großes tun, ich will hinein, hinauf, hinunter; ich will nichts von mir wissen, ich bin mir gleichgültig, aber ich will alles von den Menschen wissen, denn die Menschen, siehst du, die Menschen, das ist das Geheimnisvolle, das Furchtbare, das, was quält und schreckt und leiden macht . . . Die Hauptsache ist, daß das Herz nicht müde wird", sagt sein Christian Wahnschaffe. Dies Werk, das in den Kriegsjahren entstand, bringt die Abrechnung, die wunderbare Wandlung eines Verantwortungslosen zum Gemeinschaftsgefühl, seine Bindung an alle ihn umgebenden Schicksale. Dichterisch durchglühte Vision der vergeltenden Gerechtigkeit, Umwandlung eines genießerischen jungen Herrenmenschen zum mitleidenden Bruder. Jakob Wassermann ist tot, aber sein Werk wird ein bleibendes sein, ein Unsterbliches für alle von uns, die wir die Stimme unseres Blutes, unserer Rasse zu belauschen und zu verstehen vermögen. Für die anderen ein literarhistorisches Dokument und Ausdruck einer Zeitströmung, für uns ein Wahrzeichen des modernen Judentums des „Konglomerates jüdischen Geistes mit — deutschem Geist". Aussage und Aufschluß über uns selbst, Rechenschaft über uns selbst — „Die Werke Jakob Wassermanns muß der Deutsche lesen — um die Juden kennenzulernen. Mit unserer Kunst aber tmnm