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Die Wahrheit · 1935-01-11 · Heft 2 (11.1.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 2 (11.1.1935)
Date
1935-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 2—11. Jänner 1935 DIE WAHRHEIT Das Problem der Juden im Saar gebiet. Von Rabbiner Dr. R u e 1 f - Saarbrücken. Rabbiner Dr. Ruelf, der die Rechte und Interessen der Saarjuden mit Würde und Mut vertritt, stellt der JTA die folgenden Ausführungen, in denen er die Konsequenzen der Saarabstimmung nicht allein für die Saarjuden, sondern auch für die Juden Deutschlands, ja der Welt überhaupt, kennzeichnet, zur Verfügung. Welches sind die Konsequenzen der sonntägigen Abstimmung für die Juden des Saargebietes? 1. Bleibt der Status quo erhalten, so werden die Juden in leidlicher Ruhe und Sicherheit an der Saar verbleiben können. Zwar wird der Antisemitismus nicht verschwinden, solange Herr Goebbels in Berlin Propagandaminister ist. Aber die Saarländischen Behörden haben dafür gesorgt, daß die Juden ungestört ihren Berufen nachgehen können und vor den schlimmsten Angriffen und Diffamierungen geschützt werden. Viele Juden, die bereits das Saargebiet verlassen haben, werden zurückfahren. An der Saar wird es eine friedliche Insel geben, wo für das deutsche Judenproblem eine Teillösung erreicht ist Aber was das Wichtigste ist: Das Prestige Hitlers wird sehr stark geschwächt sein, wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung eines zweifellos deutschen Landes gegen ihn und sein System ausgesprochen hat Sein Sturz kann dadurch beschleunigt werden. Auf jeden Fall wird die judenfeindliche Propaganda in allen Ländern einen schweren Schlag erleiden. 2. Wenn das Saargebiet im Prozentverhältnis des Abstimmungsergebnisses geteilt wird, so gelten alle unter 1) genannten Vorteile für den autonom bleibenden Teil des Saargebiets. Auf Grund eines Optionsrechtes werden alle Saarjuden in den autonomen Teil übersiedeln können und dort gleichsam eine Zufluchtstatt besitzen. 3. Dagegen wäre eine Rückgliederung des gesamten Saargebietes an Hitlerdeutschland ein furchtbares Unglück für die Saarjuden und für das Judentum überhaupt. Der Siegesübermut des Dritten Reiches würde keine Grenzen kennen. Alle Rücksichten, die heute noch auf die deutschen Juden genommen werden, würden aufhören. Die antisemitische Propaganda in allen Ländern würde einen gewaltigen Auftrieb erhalten. Den Juden an der Saar aber stände ein schlimmes Los bevor. Die meisten von ihnen können nicht auswandern. Denn die Besitzenden können ihre Immobilien nicht verkaufen, da es schon heute kaum noch einen Käufer gibt der einem Juden selbst zu einem sehr billigen Preis ein Haus abkauft, das er später gratis zu erhalten meint. Die Vermögenslosen aber besitzen nicht die Mittel zum Auswandern. Man wird ihnen in den westlichen Ländern, die bereits mit Emigranten überfülll sind, nicht einmal die Aufenthalts-, geschweige denn die Arbeitsgenehmigung erteilen. Und wenn sie im Saargebiet bleiben? Das Elend, das sie hier unter Hitlers Herrschaft treffen würde, kann ke;ne Feder beschreiben. Es wäre schlimmer als das Elend, das die deutschen Juden seit zwei Jahren erdulden. Denn der Zündstoff, der im Abstimmungskampf angehäuft ist, drängt zu einer Explosion. An wem wird er sich, wenn die Besatzungstruppen abgezogen sind, entladen? Zu allererst an den Juden. Für die Dauer eines Jahres hat Deutschland auf Grund der Vereinbarungen von Rom und Genf den Minderheiten der Rasse und Religion Schutz zugesagt Für 12 Monate! Und dann? Dann kann das Dritte Reich seine Willkür an ihnen üben. Für diesen dritten und ungünstigsten Fall gäbe es nur eine Hilfe: Das Gewissen der Welt muß aufgerüttelt werden. Die zivilisierten Nationen der Welt müssen erkennen, daß die Minderheiten an der Saar nicht einem Regime ausgeliefert werden dürfen, das keine Gerechtigkeit, keine Menschlichkeit und kein Erbarmen kennt. Es darf nicht geschehen, daß eine Bevölkerung, für die der Völkerbund 15 Jahre lang die Verantwortung getragen hat schutzlos einem System der Rechtlosigkeit und der Unterdrückung unterworfen wird. Die ganze Welt muß dem Völkerbund, wenn er die Absicht haben sollte, sich seiner Pflichten des Schutzes der Minderheiten zu entziehen, ihr „Nein" zurufen. Denn es handelt sich nicht nur um 6000 Juden (außer den 5000 Saarjuden befinden sich im Saarland noch eine Anzahl von Juden, die nicht Bürger des Saarlandes sind. D. Red.), sondern auch um die übrigen Minderheiten der Religion und der Gesinnung: um Katholiken, sozialistische Arbeiter und freiheitsliebende Demokraten. Mindestens JUGEND-UNION Jugendgruppe der „Union österreicbisdier Juden" Dienstag, den 15. Jänner 1935, um 8 Uhr abends, im Festsaale des Handelsmuseums IX., Berggasse 16 WERBE*MEETING DER „JUGEND - UNION" Es sprechen: Dr. Josef Titfao Di. Einst Feldsbelg Di. Egon Spielmann 200.000 Menschen sind bedroht. Wird die Welt diese Menschen ohne Schutz lassen? Wird der Völkerbund seine feierlich beschworenen Grundsätze opfern und die deutsche Judengesetzgebung dadurch legalisieren, daß er Deutschland das Recht gibt, nach Ablauf eines Jahres diese Gesetze an den Saarjuden zu praktizieren? Das darf nicht geschehen! Jüdischnationale Konzessionen! Als Münchhausen sein bekanntes Abenteuer mit dein Posthorn hatte, das bei lenzlichem Tauwetter unversehens die Töne erklingen ließ, die sein Besitzer bei Winterfrost in das Instrument hineingeblasen hatte, in dem sie sofort eingefroren waren, konnte er nicht so überrascht gewesen sein, wie w i r jüngst, als wir in der Nummer der „Neuen Welt" vom 4. Jänner in einem Artikel von Dr. Jakob W einer „laut und vernehmlich" all das ertönen hörten, was wir Assimilanten seit jeher zugunsten der von uns i m m e r für notwendig gehaltenen Verständigung mit unseren nichtjüdischen Cale Pension Echsfein Seminar ing Landsleuten theoretisch verkündet und konsequent in die Praxis umgesetzt haben, obwohl wir dafür den beißendsten Spott der Jüdischnationalen ernteten. Es ist u n s e r Lied, das Dr. Weiner singt, wenn er erklärt: „Wer sich in seinem Judentum fest fühlt, der kann sich unter ehrenhaften Bedingungen mit jedem Gegner an den Verhandlungstisch setzen, dem droht keine Gefahr." Aber so oft wir diese Binsenwahrheit den Zionisten vorhielten, die einzig und allein die politische Autarkie des „jüdischnationalen" Schmollwinkels als der jüdischen Würde entsprechend gelten lassen wollten, mußten wir uns „charakterlose Anbiederungssucht" nachsagen lassen. Man lese nur die Schmähungen, mit denen die Zionisten noch jetzt die Versuche . etwa des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sich mit Nichtjuden in Diskussionen über die Judenfrage einzulassen, bedenken! Wagten Assimilanten vollends, einen Nichtjuden in ihren Versammlungen als Referent zu Worte kommen zu lassen, dann machten sich die Jüdischnationalen regelmäßig über den „Paradechristen" lustig, der unseren Anhang über seine Vereinsamung in der politischen Welt hinwegzutäuschen habe. Und jetzt auf einmal findet Dr. Weiner, unser Leitmotiv aufnehmend, gar nichts Besonderes daran, da doch der „Paradechrist" die Verständigungsbereitschaft beiden Seiten, nämlich den Juden und den Nichtjuden predigt. Leider hat gerade d a s in dem speziellen Falle, für den Dr. Weiner da mit seiner ganzen Rhetorik und — unseren Argumenten eintritt, nicht ganz geklappt. Es handelt sich nämlich um den in der „Wahrheit" bereits glossierten Vortrag des Wiener Franziskanerpaters Cyrill Fischer im „Ring der Altherrenverbände der zionistischen Akademiker". Wir wollen es Herrn Dr. Weiner gern glauben, daß der katholische Redner bei dieser Gelegenheit keine Mission getrieben, sondern nur der interkonfessionellen Verständigung das Wort gesprochen hat; der Wortlaut der jedenfalls interessanten Rede, die viereinhalb Stunden gedauert hat, bleibt leider durch das den Zuhörern auferlegte Schweigegebot der Oeffentlichkeit geheim. Um so besser kennen wir aber die Weisung, die Pater Cyrill Fischer in dem von ihm redigierten Kirchenblatt „Katholisches Leben" seinen Lesern ganz offen gegeben hat, und haben sie damals in unserem Blatte im Wortlaut abgedruckt. Sie gipfelte bekanntlich in der Aufforderung, die Christen .sollten ihre Weihnachtseinkäufe nur in christlichen Geschäften machen. Wir bedauern sehr, daß Dr. Weiner uns darüber im Feuilleton Max Liebermann als ewiger Jude. Eine Vision. Auf Befehl des Herrn Goebbels darf der 87jährige Max Liebermann seinen Beruf nicht mehr ausüben. Juden hinaus! Daran mußte auch der weltberühmte Maler glauben. Schluß mit der jüdischen Schmiererei... Wir wissen nicht, wie sich Liebermann zu dieser Situation stellt Wird er Deutschland verlassen? Wenn das auch nicht der Fall sein sollte, wenn er auch, vielleicht mit Rücksicht auf sein hohes Alter, physisch daheim bleiben wird, im Geiste begibt er sich sicherlich auf den Weg... Im Geiste empfindet er. was seine Brüder aus Kischenew oder Proskurow erlebt haben. Pogrom, Raub, Mord, Flucht Die leere Tasche um den Gürtel und den Wanderstab — von welchem Erzvater Jakob symbolisch sagt, er sei sein einziger Besitz bei Ueberquerung des Jordans gewesen — in der Hand, begaben sie sich auf den Weg. Auf den Weg, den schon viele vor ihnen gegangen waren, der durch Jahrtausende alte Pfade führt der immer wieder einen neuen Ausgangspunkt und kein Ende hat Während der Wanderung waren viele körperliche und seelische Oualen zu erdulden. Körperliche von den Peitschenhieben der Kosaken. Seelische von dem nagenden Zweifel, bald an die Verfolger, bald an sich selbst. An die Verfolger, sind das überhaupt Menschen, die mit Menschen so verfahren? An sich selbst, ob man nicht doch irgendwie an dem traurigen' Schicksal mitschuldig sei. Kosakenhiebe und Zweifel an sich selbst, dies der Höhenunkt des jüdischen Martyriums. Aber es schlummert und schläft nicht der Hüter Israels. Bald stellten die Wandernden unzweifelhaft fest daß sie ihr Los keinesfalls mitverschuldeten. Die Grenze der Finsternis wurde überschritten und ein neues, schöpferisches Leben begähn. Juda verrecke, wu^de dem Präsidenten der Preußischen Akademie der schönen Künste auf jedem seiner Wege zugerufen. Warum, fragte er. soll ich verrecken? Ich habe bis jetzt nicht unnützig gelebt und die Tage, die mir noch gegönnt sein sollten, werde ich weiter einzig der Kunst weihen. Weil du der Sohn einer minderwertigen Rasse bist, weil deine Kunst nicht schöpferisch, sondern zersetzend wirkt, erhielt er zur Antwort Doch der Gründer der Berliner Sezession wehrte sich. Mein Volk ist eines der ältesten Kulturvölker der Welt und mein Werk wurde auf der ganzen Welt unerkannt, wendete er ein. Was. du wagst uns zu widersprechen, du siehst nicht ein, daß wir Recht haben? Schluß mit deiner Schmiererei, du darfst deinen Beruf nicht mehr ausüben, donnerte es ihm entgegen. Nach diesen in Worten erhaltenen Hieben wurde der erste Vertreter der deutschen impressionistischen Malerei wankend, begann er an sich selbst zu zweifeln. Vielleicht habe ich mein Leben lang wirklich nichts anderes als wertloses Zeug geschaffen, sagte er sich. In dieser Lage befand sich der große deutsche Künstler auf dem Höhepunkt des jüdischen Martyriums, wurde Max Liebermann zum ewigen Juden ... In seinem brachliegenden Arbeitszimmer in einem Armstuhl zwangsweise ruhend, beschloß nun der Jude Liebermann, sich Klarheit zu schaffen. Klarheit über sein Werk, über sein Volk. Bei geschlossenen Augen ließ er die vielen Gemälde-Galerien, in welchen unter anderen auch seine Werke zu sehen sind, vor sich passieren, um zuletzt in einer zu verweilen. In der Bilder-Galerie im Museum der bildenden Künste zu Leipzig. Hier betrachtete er. sorgvoll sein „Selbstporträt". Ein biederer, schwermütiger Mann von ungefähr fünfzig Jahren, knochiges Gesicht, dunkle, scharfe Augen; mit Strohhut, hellem Reck, weißer Weste und dunkler Krawatte bekleidet Alles in allem, dachte er, kein Modell eines nordischen Edelmenschen... Dann sah er seine deutschen und holländischen Landschaften. „Die Frau". „Die Tochter", all dies dünkte ihm so einfach. Zweifelnd, ohne einen Entschluß fassen zu können, stand .er da. Wie einer inneren Stimme gehorchend, ließ er auf-einmal von seinen Gemälden und begab sich zu denen seiner deutschen Kollegen. Hier angelangt, stellte er Vergleiche an, wollte er herausfinden, wodurch ihre Gemälde von den seinen sich unterscheiden, wieso ihre Gemälde deutscher sind als die seinen. Zuerst sah er das Gemälde „Die blaue Stunde" (drei Frauen auf einer Meeresklippe. Sonnenuntergang, alles ist rötlich und bläulich überschattet) von dem deutschen Arier Max Klinger. Wie sentimental, wie übertrieben nur der Name dieses Gemäldes klingt, hörte er Wotans Kinder über dieses Kunstwerk klagen. Aber nicht genug an dem, fuhren sie fort, hat dieser Klinger, statt einen deutschen Mann zu gestalten, den buckligen Wiener Musikanten, Ludwig van Beethoven nannte sich dieses Individuum, in Stein und Erz verewigt. Jenen Notenschmierer, der zu Worten, wie „es sucht der Bruder seine Brüder" oder gar „alle Menschen werden Brüder", die Musik schuf. Ein deutsch-arischer Kollege, der ebenso wie ich nicht verstanden hat, deutsche Kunst zu schaffen, atmete Liebermann erleichtert auf. Bald fiel ihm aber ein, wer weiß, ob nicht hier der jüdische Einfluß im Spiele war. Wer kann wissen, ob nicht die Weisen von Zion oder die Schwiegermutter einer Großtante Klinger auf diese schiefe Bahn brachten. Kollege Gerhard von Kügelgen hingegen, dachte er sich, hat unzweifelhaft deutsche Kunst geschaffen. Am Rhein geboren, schuf er das Richtige, malte er eine „Serie großer Männer". Deutsche Herren, ähnlich den heutigen Führern, glaubte Liebermann auf der Leinwand zu entdecken. Drei großen Männern, drei Semiten. Moses, Christus und Mohammed, stand er gegenüber. Jetzt herrschte in seinem Innern vollste Klarheit. Ich. flüsterte er. h?be genau so gut wie meine arischen Kollegen geschaffen. Mein Volk ist genau so hochwertig wie alle Völker der Erde. Ihr, weil ihr von Dingen redet, 'von welchen ihr keine Abnnung habet seid minderwert:g. Auf den Moses, von Kügelgen zeigend, sagte er: Wäh" rend ihr Haß und Verachtung predigt, hat dieser große Pronhet. der ein Sohn meines Volkes war. vor "fünftausend J<?hren die Nächstenliebe gelehrt. Während hunderte Millionen Menschen an einen Gott glauben, betet ihr Götzen an, seiid ihr zum Heidentum zurückgekehrt wurdet ihr. wie auch ein klüger .Staatsmann mahn s?gte. zu Waldmenscben. '' ■'' Als Liebermann die Aueen wieder.öffnete, lag'Sein Körper krank darnieder. Sein Geist aber, war bereits über die Grenze der Finsternis, war mit dem.j itler bildenden Künstler der ganzert Weit vereint. —t

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