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Die Wahrheit · 1935-01-04 · Heft 1 (4.1.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 1 (4.1.1935)
Date
1935-01-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 1 — 4. Jänner 1935 DIE WA.: werden. Die Arabische Exekutive beschloß schließlich, eine Proklamation an die moslemitische und die christliche Welt zu richten, in der auf die „sehr ernste Lage" der Araber in Palästina aufmerksam gemacht wird. Weitere Beschlüsse betreffen den demnächst abzuhaltenden Achten Arabischen Kongreß. Wie die JTA erfährt, gedenkt die Regierung Palästinas, den verschiedenen Munizipalitäten Vollmacht zu erteilen, die Geschäftsstunden innerhalb ihres Bereiches von sich aus zu regeln; auf diese Weise werden die Munizipalitäten in Orten mit vorwiegend jüdischer Bevölkerung die; Gleschäfits* Schließung an Sabbath- und jüdischen Feiertagen verfügen können. Der High Commissioner — so verlautet es — zieht es vor, in dieser Frage das lokale Bedürfnis entscheiden zu lassen: eine diesbezügliche für das ganze Land gültige Gesetzgebung ist nicht geplant. Assimilation — ein Naturgesetz. Die Partei geht vor. Am letzten Sonntag war das Wiener Palästina-Amt Schauplatz einer überaus lärmenden Kundgebung. Eine größere Anzahl von Revisionisten besetzte nach dem bewährten Muster ihrer Gesinnungsgenossen in anderen Ländern die Räume und protestierte lebhaft gegen die Art der Verteilung, der Einwanderungs-Zertifikate. Sie fühlen sich benachteiligt, weil ihnen von den 117 Oesterreich zugewiesenen Einreisezertifkaten im ganzen fünf gegeben wurden. Das ist wirklich ein gewaltiges Unrecht, denn dieser „Schlüssel" entspricht nicht den wahren Kräfteverhältnissen, noch ist er in der Zeit des „Friedensschlusses im Zionismus" angebracht, durch den das seinerzeit gegen die Revisionisten erlassene Einwanderungsverbot aufgehoben wurde. Aber kann man überhaupt die Auswahl von Menschen, die ein Land kolonisieren sollen, vom Standpunkt der parteimäßigen Stärke treffen? Hat da die technische Qualität oder die parteimäßige Zugehörigkeit zu entscheiden? Man kann ein sehr guter Revisionist oder allgemeiner Zionist sein und muß deshalb von Landwirtschaft oder Handwerk noch nichts verstehen. Die Lärmmethoden der Revisionisten sind gewiß abzulehnen, noch mehr zu verurteilen aber ist ein Palästina-Amt, das eine Auswahl nach Parteirücksächten und nicht nach den wahren Erfordernissen des Landes trifft, das Arbeiter und nicht Parteifanatiker braucht Aus aller Welt Paris. Das Pariser Auswärtige Amt erließ ein Zirkular an die Behörden, wonach die an Flüchtlinge aus Deutschland gewährten Durch- Teise-Visen nicht weiter zu verlängern seien; dies bedeutet, daß eine große Zahl der Flüchtlinge, die mittels Durchreise-Visen nach Frankreich gekommen waren, bald aus Frankreich ausgewiesen werden würden. Vorstellungen der jüdischen Organisationen bei der Regierung zugunsten der Flüchtlinge waren bisher ohne jeden Erfolg. Flüchtlinge, die Geschäftsunternehmungen begründeten, liquidieren Hals über Kopf. Amsterdam. Der Generaldirektor für Handel und Industrie beim Wirtschaftsdepartement im Haag, Dr. H. M. H i r s c h f e I d, ist von König Victor Emanuel zum Großoffizier des Ordens der Krone Italiens ernannt worden. Dr. Hirschfeld ist eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der holländischen Wirtschaftspolitik und war wiederholt Vorsitzender der holländischen Delegation für den Abschluß von Wirtschaftstransaktionen und Clearing-Verträgen zwischen Holland und anderen Ländern. Z. T. A. Das Impfgesetz jüdisch. Wilhelm Michael, ein Verfasser, der viele Broschüren und Flugschriften gegen den Impfzwang, gegen die studierten Aerzte und für die Kurpfuscherei und für allerlei Lebensreformen schon herausgebracht hat, schreibt in einer im Verlag Hartmann in Dresden erschienenen Broschüre „Vergiftung der Erbmasse" unter anderem: „Das Impfgesetz ist ein jüdisches Gesetz, mit dem das deutsche Volk laut den Geheimnissen der Weisen von Zion geschachtet, also im Blute verseucht worden_ist . . . Ein Nationalsozialist sollte das nicht mehr abstreiten . . ." JÜDISCHE KULTURSTELLE (Kunststelle) II.. Aspernbrückengasse 2. R 48-2-91. Büro: 9—17 Uhr, Samstag 9—13 Uhr. Zweigstellen: VI., Loquaiplatz 11 (B 20-0-81). DL, WähringerstraBe 48 (A 14-400)._ Den Mitgliedern stehen ermäßigte Karten in alle Theater Wiens zur Verfügung. Ab 1. Jänner d. J. gelangen Bundestheaterkarten in bedeutend vermehrter Zahl zur Ausgabe. Konzerte: 11. Jänner: Josef Szigetti. 14. Jänner: Desy Halban-Kurz. Im Rahmen eines Artikels in der prozionistischen „Jüdischen Pressezentrale" Zürich, der aus den „Schweizer Republikanischen Blättern" reproduziert wird, ergeht sich der bekannte Schweizer Politiker Hans von Laufen in äußerst interessanten Betrachtungen über das Schicksal des Judentums jetzt und in Zukunft. Hiebei entwickelt er u. a. folgende Gedankengänge: Die Juden sind, wie schon oft in der Geschichte, wieder einmal unterwegs. Wohin der Weg führt, ist noch ungewiß, das Ziel setzt das Schicksal, nicht der Wille. Es gab einmal ein Judentum, das Einheit von Volk, Gott und Boden, das Ideal eines Staates war. Das ist etwa 2000 Jahre vorbei. Das Geheimnis des jüdischen Daseins liegt in der Kraft der Erneuerung zu neuem traditonellem, ethischem und kulturellem Leben. Die Sprache, die sie sprechen, ist ihnen nicht nur Hilfsmittel der Verständigung, sondern ein Stück ihrer selbst, und die Landschaft, in der sie leben, betrachten sie als ihre Heimat. Den Geist, der in Sprache und Bauwerk, in Lied und in der Dichtung, in Gedankensystemen Gestalt gewonnen und greifbar geworden ist, haben sie vollständig aufgenommen. Wie sehr ein Jude im Volkhaften wachsen und zu verwurzeln vermag, beweist Friedrich Gundolf (Gundelfinger). Ueber ihn schreibt die „Deutsche Allgemeine Zeitung": „Ein reiner, geschichtlicher Geist weht durch das Ganze, eine tiefe, demütige Ehrfurcht vor dem Großen und Schönen, ein seltener Adel der Gesinnung und des Verstandes. Wir haben wieder ein Meisterwerk deutschen Geistes erhalten." . . . Aber immer wieder klingen die Lieder durch das Volk: „Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben", oder „Wir treten zum Beten an" (das berühmte niederländische Dankgebet), sie sind von dem Juden Mendelssohn! So gibt es unendliche Beispiele. Eine gewisse Presse will den statistischen Nachweis erbringen und auf den übergroßen Anteil und Einfluß der Juden in Politik, Wirtschaft und Kultur hinweisen. Sie vergißt aber, daß die nichtjüdische Bevölkerung eines Landes die jüdische um das Hundertfache übersteigt, daß selbst ein etwas stärkerer Anteil der Juden in den einzelnen Wirtschaftszweigen nicht ausschlaggebend sein kann. Die gegenwärtige wirtschaftliche Schichtung der Juden ist nur in ihrer historischen Entwicklung zu verstehen. Während das in Palästina ansässige jüdische Urvolk Ackerbau betrieben hat, sind die Juden seit ihrer Zerstreuung in die Welt überall in den Handel gedrängt worden. Wie viele Existenzen wurden so>wernichtet, manche wertvolle Neigung eines jungen Menschen an der persönlichen Erfüllung verhindert. Das ist das Tragische, daß die Gefahr besteht, die seit langem errungene Heimat wieder zu verlieren. Wie liegen die Dinge bei den deutschen Juden? Sie waren in ihrer deutschen Heimat zu Hause und hatten das Schicksal des „ewigen Juden" überwunden. Wohin sollen sie? Wold werden die meisten im Lahde bleiben und ihr Schicksal dort erleben. Sie werden ihren Beruf wechseln, nicht aber ihre Heimat. Auswandern können nur einzelne. Denn kein Land kann Fremde in so großer Zahl aufnehmen. Es gibt keine Möglichkeit, eine halbe Million Menschen' umzupflanzen. Jüdische Kolonien in anderen Ländern zu gründen, ist nur eine Lösung für Hunderte, nicht für Tausende. Das alte Palästina ist wohl eine Geschichtserfüllung des Judentums, nicht aber eine Lösung für alle . . . Die besondere Problematik des Judentums liegt nicht im Politischen und Wirtschaftlichen, sondern im Geistigen, im Glauben. Grundlage der Einheit war stets die Religion . . . Ueberall in der Welt leben Juden innerhalb der nationalen Gemeinschaften, denen sie sich durch Emanzipation eingegliedert und eingefügt haben. Seit zirka 2000 Jahren gibt es Juden in der Welt, die gleichberechtigte Staatsbürger sind . . . Die Assimilation des modernen Juden ist keine Anstand smaske, keine vorteilsuchende Anpassung an die Forderungen der Umwelt, sondern ein Merkmal der modernen Menschheit überhaupt. Die Diaspora ist eine unabwendbare Kategorie der modernen Welt. Schweizer in Amerika fühlen sich Schweizer und Amerikaner zugleich. So leben auch Schweizer in Rumänien, Franzosen in Kanada usw. Die Menschenzerstreuung in Staaten ist nicht aufzuhalten. Die Ueberwinuting der Entfernung wird mit den Fortschritten des Verkehrs immer leichter. Durch das Fortschreiten der Technik bleibt ein Mensch in der anderen Hemisphäre einem früheren Kulturboden näher als früher ein Dorfbewohner seiner nächsten Großstadt. Es soll nicht heißen, daß die Diaspora anderer Nationen dieselbe ist wie die jüdische. Aber so wie das Prinzip: Cujus Regio ejus Religio schon längst tot ist, so hat das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung endgültig im Weltkrieg fehlgeschlagen. Als Gemeinschaft besonderer Art nehmen die Juden eine eigene Stellung ein. Sie haben sich früher in die Diaspora eingelebt. Die Diaspora ist die einzige Form ihres soziologischen Daseins, während sie bei den anderen eine Begleiterscheinung des staatlichen Lebens ist. Bemerkenswert ist, daß die Väter der sogenannten Völkerpsychologie — Steinthal und Lazarus — zwei Juden waren. Das allgemeine soziologische Problem der Zugehörigkeit des Einzelmenschen zu verschiedenen sozialen Kreisen — die soziale Differenzierung — ist eben von einem Denker, der aus dem Judentum hervorgegangen ist, Georg Simmel, am einleuchtendsten dargestellt worden. Man soll aus geschichtlichen Ereignissen keine Schlüsse ziehen und keine Weltanschauungen schöpfen. Die Schweizer z. B. haben von jeher gezeigt, daß Bewohner verschiedener Abstammungen, Religionen und Sprachen einträchtig zusammenleben können, weil sie vom Gedanken beseelt sind, daß jeder Mitmensch, der sich in diese Verhältnisse einordnet, Achtung und Gleichberechtigung verdient. Aus dem Wiener Kultusvorstand. Wie bereits berichtet, hat der Wiener Kultusvorstand noch vor Abschluß des Jahres 1934 den Voranschlag für das Jahr 1935 einstimmig genehmigt, der an Einnahmen S 5,834.490.—, an Ausgaben S 6,003.660.— vorsieht, so daß sich ein voraussichtlicehr Abgang von S 169.170.— ergibt. Hiezu kommt das vorgetragene Defizit der früheren Jahre von S 220.725.—, so daß ein Gesamtdefizit von S 389.895.— am Ende des Jahres 1935 aufscheinen dürfte. Finanzreferent Vizepräsident Dr. J. Löwe nh e r z, der diesen Voranschlag dem Kultusvorstande vorlegte, stellte mit Bedauern fest, daß fast in allen Einnahmekapiteln die Eingänge im Jahre 1934 nicht die Höhe des Präliminares erreichten, während die Ausgabenseite das Präliminare um fast S 350.000.— überschritt. Das Gleichgewicht konnte nur dadurch hergestellt werden, daß es dem Präsidium und dem Kultusvorstand in diesem Jahre gelang, über S 300.000.— an außerordentlichen Einnahmen zu erzielen, unter denen besonders erwähnenswert eine Beisteuer der Vaterländischen Front für die Aktion „Kinder aufs Land" ist. Das Jahr 1934 weist einen Entfall von zirka 5000 Steuerzahlern auf, der durch die Erfassung neuer Steuerträger wettgemacht werden soll. Die Steuervorschreibungen des Jahres 1934 betrugen S 2,536.160.—, wovon bis jetzt auf Grund der erledigten Rekurse S 265.669.— zur Abschreibung gelangten. Der freiwillige 20prozentige Zuschlag, der zur Deckung des Defizits und der Winterhilfsaktion der Kultusgemeinde verwendet werden soll, hat bisnun S 105.000.— eingebracht Das Fürsorgebudget, das im Jahre 1928 S 2,052.469.— betrug, ist im Jahre 1934 auf S 2,840.070.— angewachsen. Sehr eingehend befaßte sich Dr. Löwenherz mit dem Problem der Umschichtung der jüdischen Jugend. Er teilte mit, daß es gelungen ist, das große Haus der Mendelschen Stiftung in der Denisgasse im 20. Bezirk, wo die Toynbeehalle untergebracht ist, zu erlangen, das zu einem Jugendzentrum im 20. Bezirk ausgestaltet werden soll. Ebenso ist die Errichtung von Kursen vorgesehen und es wird auch an die Schaffung einer jüdischen Volksschule in der Brigittenau gedacht. Eine der großzügigsten Aktionen der letzten Jahre war der Zubau und die Erweiterung des Versorgungshauses in der Seegasse: 58 neue Insassen werden im erweiterten Pavillon, dessen Eröffnung demnächst erfolgen wird, Unterkunft finden, so daß der Stand dieser unter der Leitung von Obmann Dr. H. Körner und Obmannstellvertreter Berthold Sdnai mustergültig geführten Institution auf zirka 440 Personen erhöht werden wird. Da sich das System von Mieten fremder Objekte als zu kostspielig und unzweckmäßig erwiesen hat, will die Kultusgemeinde für ihre Aktion „Jugend aufs Land", durch die zirka 500 Kinder und Jugendliche aufs Land gebracht werden sollen, ein eigenes Kinderheim in der Umgebung Wiens erstehen, aus welchem Grunde an die Landesregierung mit dem Antrage herangetreten werden wird, einen Teil der Gottlieb - Stiftung für diese Zwecke verwenden zu dürfen. Den Bemühungen des Kultusvorstandes äst die Reorganisierung des unentgeltlichen Arbeitsnachweises gelungen, der nun unter dem Einfluß der Kultusgemeinde bestrebt sein wird, jüdische junge Menschen in Berufen unterzubringen, und hoffentlich die nötige Unterstützung der jüdischen Oeffentlichkeit finden wird. Durch die Zusammenlegung des Merores-Waisenhauses mit der Stiftung des Mädchenwaisenhauses in der Ruthgasse sind S 30.000.—

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