Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1 (4.1.1935)
- Date
- 1935-01-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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i WAHRHEIT _ mg . In eingeweihten Kreisen in Deutschland nimmt man J-; daß dter Ueberfall auf das Erziehungsheim in Wolzig, r mit der Beschlagnahme des Gebäudes endete, desnalb gemacht worden war, weil sich die SA des prächtigen, aus Geldern der jüdischen Fürsorge errichteten Gebäudes .bemächtigen wolte. Man versteht es nur nicht, warum diese Aneignung so arrangiert werden mußte, daß die 39 Zöglinge so Gräßliches haben erdulden müssen. Verzweifelte Lage der Juden in Ostpreußen. Ein bekannter ausländischer Journalist, der vor kurzem die Städte und Dörfer Ostpreußens bereiste, übermittelt der JTA einen Bericht, in dem festgestellt wird, daß sich die Lage der jüdischen Bevölkerung dieser exponierten preußischen Provinz äußerst tragisch, ja verzweifelt gestaltet. Die unteren Funktionäre der nationalsozialistischen Partei werfen sich zu Herrschern über ihr Leben und Schicksal auf und machen ihr durch fortdauernde Schikanen das Dasein unerträglich. Der antijüdische Boykott wird auch nach den Weihnachtstagen in unverminderter Kraft fortgeführt. In den kleineren Orten, wo einer den anderen kennt und überwacht, wagt es kein Mensch, ein jüdisches Geschäft zu betreten. Die Juden sind vom Getreide- und vom Viehhandel, einst ihre hauptsächlichen Domänen, vollkommen verdrängt worden. Die verarmten jüdischen Getreide- und Viehhändler müssen zusehen, wie ihre Besitztümer wegen Steuer- und anderer kleiner Schulden um einen Pappenstiel verauktioniert werden, während ihnen selbst die Möglichkeit zur Einbringung ausstehender Schulden bei den Bauern genommen ist. In vielen Dörfern sind an den Eingängen Plakate mit der Aufschrift „Juden sind hier nicht erwünscht" angebracht. Julius Streichers Wochenschrift „Der Stürmer" gehört zu den verbreitetsten Zeitschriften in Ostpreußen, seine Devise „Die Juden sind unser Unglück" prangt in Riesenlettern an alfen Zeitungsständen. Der Bürgermeister von 'Schneidemühl, Steehr, hat im städtischen Schlachthaus eine Bekanntmachung aushängen lassen, in der bekantgegeben wird, daß vor jedes Haus eines Schlächters, der sein Vieh bei Juden einkauft, ein Boykott-Posten gestellt werden wird. Fortwährend werden Juden belästigt. Immer wieder werden Gerüchte über schwere Vergehen von Juden in Umlauf gesetzt. Gesellschaftlich leben die Juden vollkommen isoliert, sie werden nicht gegrüßt und ihr Gruß wird nicht erwidert Jüdische Beerdigungszeremonien werden oft durch HitlerTJugend gestört. Unbeschadet aber dieses Verpönt- und Gemiedenseins — so stellt der Journalist weiter fest — zeigen die Juden Ostpreußens einen bewundernswerten Mut und sie wahren ihre Würde und ihre Selbstachtung. Der Niederbruch ihrer wirtschaftlichen Existenz aber bedrückt sie sehr, sie sehen schwarz in die Zukunft und sie haben keine Möglichkeit, etwas zur Besserung ihrer Lage zu tun. Es fehlt ihnen jede Basis, auf der sie ihre wirtschaftliche Existenz, wenn auch in bescheidenstem Maße, neu aufbauen könnten. Die jüdischen Gemeinden helfen den Bedürftigen nach Möglichkeit, aber die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel sind äußerst beschränkt. Die Schweiz wehrt sich. Im Gemeinderat von Zürich interpellierten den Stadtrat Sozialisten und Kommunisten in Angelegenheit der berichteten Exzesse und Straßenkundgebungen anläßlich der Vorführungen des Künstlerkabaretts „Die Pfeffermühle" und der Aufführung des Theaterstückes .Professor Mannheim" in Zürich. Die sozialistische Interpellation enthielt folgende Anfragen: „Hält der Stadtrat nicht dafür, daß zur. Verhinderung solch beschämender Exzesse wirksame und Dauer versprechende Maßnahmen erforderlich sind? Wäre es nicht am Platze, daß der Stadtrat mit der kantonalen Regierung in Verhandlung tritt, um alles Notwendige zum unbedingten Schutz der Persönlichkeitsrechte sowie der künstlerischen und literarischen Freiheit vor dem Terror frontistischer Kreise vorzukehren und namentlich auch zu erreichen, daß die mit den frontistischen Krawallen verbundene schändliche Judenhetze nicht länger das geistige und kulturelle Leben in unserem Lande vergiften kann?" Der kommunistische Interpellant wies darauf hin, daß die Frontisten in allen ihren Kundgebungen den Winken der Goebbelsschen Propogandazentrale in der Schweiz und des in Zürich erscheinenenden „Reichsdeutschen" folgen. Im Namen des Stadtrates antwortete Polizeivorstand Dr. Buomberger, indem er zunächst die Vorgänge während der Kundgebung im November ausführlich schilderte. Die sozialistische Interpellation beantwortend, drückte er u. a. das Bedauern des Stadtrates über die Vorfälle aus, die keineswegs geeignet sind, dem Ansehen der Stadt zu dienen. Er erklärte im Namen des Stadtrates mit aller Bestimmtheit, daß er wie bei dieser, so auch bei kommenden Gelegenheiten die durch die Umstände gebotenen Maßregeln treffen und einer derartigen Verwilderung der öffentlichen Stellungnahme, komme sie von welcher Seite sie wolle, mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln entschieden entgegentreten werde. Der Stadtrat hat beim Regietungsrat (d. h. bei der kantonalen Regierung) die Prüfung der Frage des Erlasses eines besonderen Verbotes judenfeindlicher Kundgebungen, ähnlich dem Erlaß in Basel, angeregt Im Zusammenhang mit dem kürzlich herausgegebenen Erlaß der Regierung des Kantons Basel gegen antisemitische Hetzpropaganda wurde die soeben erschienene Nummer der frontistischen Zeitung „Volksbund" wegen antisemitischer Hetze beschlagnahmt Gegen den verantwortlichen Herausgeber dieser Zeitschrift wurde ein Strafverfahren eingeleitet Z. T. A. Nr. 1 — 4. Jänner 1935 Die Not der Jaden in Polen. Die ernste Lage der Juden in Polen hat die jüdischen Parlamentarier veranlaßt nach Möglichkeit eine einheitliche parlamentarische Vertretung der polnischen Judenheit herbeizuführen. Es heißt, daß die der Regierungspartei angehörenden Abgeordneten der Agudas Jisroel grundsätzlich zu einem Zusammenschluß mit den im Jüdischen Klub vereinigten zionistischen Abgeordneten bereit sind. In dieser Angelegenheit sollen im Laufe der kommenden Woche Besprechungen zwischen dem Agudaführer Abgeordneten Rabbi L e w i n und dem Vorsitzenden des Jüdischen Klubs, Abgeordneten Rabbiner Dr. Osias Thon, stattfinden. Der von Dr. P a r n e s geleitete Jüdische Wirtschaftsausschuß richtete einen ernsten Warnungsruf an die Regierung, im Hinblick auf das immer unerträglicher werdende Elend unter den jüdischen Massen schnelle Hilfe zu leisten. Der Regierung wurde ein detailliertes Memorandum hierüber mit Hilfsvorschlägen unterbreitet Die Neuwahlen in den Städten der Provinz Wolhynien hatten zum Resultat, daß in allen den Städten, in denen bisher die jüdischen Minderheiten in der Verwaltung vertreten waren, die neuen Stadtverwaltungen jetzt judenrein sind. Die Lodzer Handwerkskammer hat ihre letzten zwei jüdischen Beamten entlassen und ist jetzt judenrein. Gegen die Mühlen der jüdischen Firma Lipschitz in der Stadt Ozarow, Kreis Lodz, wurden mehrere Bomben geschleudert, die die Gebäude der Mühlen und die Inneneinrichtung zu einem großen Teil zerstörten. Maschinen wurden unbrauchbar gemacht und Mehlsäcke explodierten. Am Tatorte und in der Umgebung entdeckte die Polizei Inschriften an Wänden und auf dem Pflaster, in denen eine polnische Jugendorganisation zu Boykott der Juden auffordert. Von den Bombenweriern fehlt jede Spur. Z. T. A. Warum nicht ein Schnitzler-Platz? In Wien werden jetzt Straßen und Plätze umbenannt. Aus diesem Anlasse wirft der „Wiener Tag" die nur zu berechtigte Frage auf: Wie wäre es mit einem Artur Schnitzler- Platz? Das Blatt schreibt, nachdem es dem Wunsche nach einer Rudolf Slatin-Gasse Ausdruck verliehen hat, folgendes: Eine Wiener Straße soll Cafe Penston Echstcin Semmering iimiiiqHiiinii|miiiiniiiiiu von nun an nach dem Dichter Hermann Bahr heißen, ein Platz nach dem Dichter Richard Kralik, einer nach dem Dichter Ottokar Kernstock. Das ist gut und recht; eine Gemeinschaft soll natürlich ihre Dichter ehren; an wen sollten die Namen der öffentlichen Straßen und Plätze eher erinnern? Aber hat vielleicht der Dichter der „Liebelei" und des „Jungen Medardus" nicht einigen Anspruch darauf, in Wien ebenso geehrt zu werden? Fragt seinen Freund Hermann Bahr! In seinen Schriften steht recht deutlich, was er von Artur Schnitzler gehalten hat; wenn man das Andenken des einen ehrt, hat man den anderen mitgeehrt, aber geht es nicht auch direkt? So wie für halb Afrika Wien der Ort ist, aus dem Slatin Pascha kam, so ist zum Beispiel für einen nicht unerheblichen Teil Amerikas Wien die Stadt, die Artur Schnitzler verherrlicht hat. Schon heute wundern sich durchreisende Fremde, nicht auf einem Schnitzler-Platz (irgendwo beim Burgtheater!) ein Schnitzler-Denkmal stehen zu sehen. Viele ausländische Freunde Wiens würden sich bei uns besser auskennen, wenn sie auf unserem Stadtplan diese Namen verzeichnet fänden, die Wiens Ruhm in die Weite getragen haben: Slatin, Schnitzler. Konsequente „Kulturpolitik". An dem Hause Spandauerstraße 33, Ecke Kaiser- Wilhelm-Straße, im Zentrum Berlins, war eine Tafel zum Andenken an den großen Religionsphilosophen und Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation Moses Mendelssohn mit folgender Inschrift angebracht: „In diesem Hause lebte und wirkte Unsterbliches Moses Mendelssohn geb. in Dessau 1729 gest. in Berlin 1786." Die Nationalsozialisten haben die beiden ersten Zeilen auf der Gedenktafel vernichtet so daß die Inschrift lediglich die Geburt und den Todestag bekanntgibt und der Vorübergehende nicht weiß, um wen es sich handelt Diese neue Art der Barbarei ist nur eine konsequente Fortsetzung der nationalsozialistischen „Kulturpolitik". Nachdem sie den Namen des großen deutschen Dichters Gotthold Ephraim Lessing auszutilgen versuchen und sogar den bekannten Hamburger Lessingpreis in einen Dietrich-Eckart-Preis verwandelt haben, mußten sie natürlich auch die Tafel für Moses Mendelssohn vernichten. Seite 5 _-^ GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGH, KORNMEHL WIEN IX., BEROQASM NR. 1» nilUli XVIII., WAhRINOKRSTRASSI »7 Tttepboa Nr. A 17-3-99and A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalt» AbteilungenfürKoscherfleisch ■atar Aufsieht «las ebi-av. Rabbinatm ri«r law» ftnltiMgaoMiatte Wim. Sämtliche Fleischsorten von ausschliefilich Prisaa-QuaHtät zu den billigsten Marktpreisen Die deutsche Kinderseele. Die in München erscheinende ..Sonntag-Morgen- Post" hatte, wie sie mitteilt, an 10 Kinder zwischen 12 und 14 Jahren zehn Fragen gestellt, um zu erfahren, wie sich in der deutschen Kinderseele die Zeit widerspiegelt. Frage 4 und 5 lautet: Was denkt Ihr über die Juden? Hat Hitler recht gehabt, daß er ihre Macht in Deutschland gebrochen hat? Als Antwort auf diese Fragen verzeichnet die „Sonntag-Morgen-Post" folgendes: „1. Die Juden schauen nur auf ihren Geldbeutel. Ihnen ist es ganz gleich, wenn das Deutsche Reich zugrunde geht, weil sie gar keine Deutschen sind; darum können sie auch gar keine Vaterlandsliebe haben wie wir. — 2. Der Jude hat seine Ware in der ganzen Welt gekauft, da bekam er sie billig) und uns gab er sie teuer. Site haben Deutschland im Kino geschwächt, weil sie so Zeug gebracht haben und die Leute haben schließlich nichts anderes mehr mögen. — 3. Die Deutschen wären nur mehr Knechte gewesen und sie die Herren. Und so wollen sie es auch bei den anderen Völkern machen, daß es in der ganzen Welt nur mehr Knechte und Herren gibt. Uns Bauern haben sie oft sehr geschunden. — 4. Sie haben das deutsche Volk ausgesaugt, das weiß ich aus der Zeitung. — 5. Der Jude gehört aus Deutschland ausgeschaltet, weil wir es jetzt sehen, wie er im Ausland gegen Deutschland hetzt — 6. Ein Jude hat gesagt, alles gehört allen, aber er hat gemeint, alles gehört den Juden. — 7. Wenn die Juden in Deutschland nicht so gegen das Volk gearbeitet hätten, dann wäre es nicht vorgegangen gegen sie. — 8. Der Jude hat das Bauerntum ruiniert. — 9. Warum sollen wir die Juden im deutschen Volk behalten, wo wir doch selber so viele Arbeiter haben. — 10. Der Jude stammt nicht aus dem Deutschen Reich, er schiebt nur das Geld ein, wenn der Arme zugrunde geht, das läßt ihn kalt." Neudeutsche Poesie. Die Wochenzeitung „Der Märkische Adler", das Blatt des Gauleiters der Kurmark und Oberpräsidenten der Provinzen Brandenburg und Grenzmarkt Posen-Westpreußen, veröffentlicht regelmäßig eine Wochenschau in Versen. In Nr. 49 vom 7. Dezember 1934 heißt es in dieser Rubrik: „Die Auslandhetzer schreien ständig, in Deutschland bleibt kein Jud' lebendig, denn, wer sich rippelt oder rührt, wird ohne Gnade füsiliert: besonders laut tönt das Geseier des koscheren Sal* Untermayer. Hierzu sei unsrerseits bemerkt, daß sich die Ansicht sehr verstärkt, in Deutschland habe es der Jud' noch leider Gottes viel zu gut Bei jeder schmutzigen Hantierung sei stets die Judenschaft in Führung. Das hat beim letzten Hochverrat des Volksgerichtes Strafsenat wo es die schwersten Strafen hagelt, mal höchstgerichtlich festgenagelt: „Der Jude führt, der Dumme schuftet es naht Gefahr, der Jud' verduftet!" Um alle Juden zu vertreiben, wird uns nichts weiter übrigbleiben, als ein Gesetz, ganz scharf umrissen: daß sie sich täglich waschen müssen!" Palästina-Nachrichten. In der soeben in Jerusalem abgehaltenen Tagung der Arabischen Exekutive Palästinas wurden die jüngsten Erklärungen des High Commissioner an die bei ihm erschienene Abordnung der arabischen Exekutive betreffend jüdische Einwanderung und Ueberleitung der Konzession für Entwicklung der Huleh-Böden an Juden erörtert und im Prinzip beschlossen, Klage gegen Großbritannien als der Mandatarmacht Palästinas beim Völkerbund und beim Internationalen Gerichtshof im Haag wegen angeblicher Verletzung von Bestimmungen des Palästinamandats zu Ungunsten der Araber einzureichen. In der Klage soll dargelegt werden, daß die englische Mandatarmacht jenen Punkt im Mandat vernachlässigt, in welchem vom Schutz der Rechte und Interessen der arabischen Bevölkerung1 in Palästina die Rede ist Die Tagung beschloß ferner, alle moslemitischen Herrscher zu ersuchen, die Sache der palästinensischen Araber zu fördern, wenn diese vor den Völkerbund gebracht wird. In erster Reihe sollen die fünf moslemitischen Herrscher, die Mitglieder des Völkerbundes sind, um eine solche Unterstützung angegangen