Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1 (4.1.1935)
- Date
- 1935-01-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 1 — 4. Jänner 1935 DIE WAHRHEIT Kehrseite, Mit einem Fluch auf den Lippen, den er auf dieses Palästina schleuderte, hat Chaim Nachman Bialik seine Seele ausgehaucht In seinen letzten Lebenstagen sah er sich in allen zionistischen Idealen enttäuscht. Die Schaffung eines neuen jüdischen Typus oder, wie die beliebte Redewendung lautete, „Neue Menschen auf alter Erde", sah er in nichts zerrinnen. Der neue jüdische Geist, der von dort belebend und befruchtend auf die Juden aller fünf Erdteile ausstrahlen sollte, blieb eine Chimäre. Mit prophetischem Blick, zugleich aber mit heiligem Zorn verkündete er den Untergang des Zionismus, wenn er nicht Bewegung und geistige Erneuerung bleibt, sondern die Funktion einer Emigrations- und Transportmaschine erfüllt, die bloß Haufen von Menschen nach Erez verpflanzt, wohin sie ihre alten Lebensgewohnheiten und die moralischen Defekte des Ghettos mitbringen und dort weiterpflegen. Daß Bialik richtig gesehen hat, beweist u. a. auch der folgende (auszugsweise wiedergegebenej Artikel der zionistischen Prager „Selbstwehr", die ihre warnende Stimme gegen den moralischen Verfall Palästinas erhebt, wo Spekulation, Parasitentum und kaufmännische Unmoral verheerenden Umfang annehmen. Die Schriftleitung, fern jeder Beratung und Auslese in ihrem Gefolge allerlei Elemente mit sich ins Land führte, die höchst ungeeignet sind. Die „schwarze Einwanderung", für die es vielfach nur ein Unterkommen für den Augenblick ankommt, hat zahlreiche Menschen ins Land gebracht, die — die Geschichte des Galut, aber auch schon die kurzen Kolonisationserfahrungen in Palästina lehren es — der erste und leiseste Krisenhauch empfindlich treffen wird, die heute wohlgemut die Städte füllen und „Luftexistenzen" sind, auch dann, wenn sie zeitweise davon wenig verspüren. Es sind keineswegs nur fentimente, die bewirkten, daß dem Aufbau einer jüdischen Landwirtschaft im zionistischen ABC eine so hervorragende Stelle eingeräumt wurde. Die Gründe dafür bleiben gewichtig, auch wenn man im Trubel des Palästina-Alltags an sie so leicht vergißt Es liegt auf der Hand, daß sich die Besitzer der noch unbebauten Bodenflächen im Bereiche der Stadt Tel Awiw in einer Zeit, da sich über Nacht deren Preise verändern, nur sehr schwer zu Verkäufen entschließen. Aber die Gesamtheit benötigt dringend Wohnungen, heute schon, und kann sie sich nur dann leisten, wenn sich dhr Preis nicht in allzu schwindliger Höhe bewegt Da aber die Preise der Bauparzellen in der Stadt steigende Tendenz zeigen, ist flugs eine neue Schar von Spekulanten zur Stelle, die auch fern der Stadt gelegene Stellen in diese Alijah der Preise einzubeziehen versuchen. Ihnen sind nun schon jene oben erwähnten Pardesim zum Opfer gefallen, die ansonsten noch längste Zeit auf Umwandlung in Baustellen hätten warten müssen. Würde sich der Keren Kayemet von den gleichen Erwägungen leiten lassen, dann könnte er beruhigt seinen Boden in der Haifa-Bucht brach liegen lassen — dann hätten wir aber dort auch gar keine Möglichkeiten für den Ausbau jüdischer Industrien, für neue Vororte und Siedlungen. Wenn der KKL. nach den an sich verständlichen Prinzipien des einzelnen Bodenbesitzers vorgehen würde, dann müßte er heute Orangenbäume aus dem Boden reißen, die Arbeit in vielen Siedlungen einstellen lassen und durch seine Beamten in Tel Awiw und aller Welt „Migraschim! Migraschim!" ausrufen lassen. Dann könnten -wir aber auch1 dert SchluBpunkt* hinter all unseren Zionismus setzen! Einmal gab es, so schreibt die „Selbstwehr", einen zionistischen Stolz: Wir verwandelten Wüste in fruchtbares Land, führten Krieg gegen Sümpfe, verdrängten Sanddünen. Wo gestern Brachland lag, sprießt und grünt es heute. Wir bauten Tel Awiw an den Sand und pflanzten ringsum im weiten Bogen Orangerien. Weithin dehnten sich diese kleinen duftenden Wälder. Ihre Früchte wurden zum ersten und bedeutendsten Ausfuhrprodukt des Landes und machten ihrem Namen „Goldäpfel" alle Ehre. Das soll jetzt anders werden. Eine Reihe von Spekulanten, die auf dem Rücken der Prosperity und der jüdischen Volksnot emporgeklommen sind, kauften Pardesim in der Umgebung von Tel Awiw und lassen die ganzen Pflanzungen, Baum für Baum, ausroden. Wo es gestern grünte und duftete, gähnt heute wiederum das cde Grau der Erde. Aus Pardesim wurden über Nacht Migraschim, Bauplätze. Die „Goldäpfel" haben noch zu wenig Gold getragen — die Bodenspekulation ist ergiebiger. Man schreit es in alle Welt: „Kauft Bauplätze bei Tel Awiw!", erzeugt Stimmung und künstliche Nachtrage, treibt die Preise in schwindelnde Höhe. Im Bereiche der Stadt Tel Awiw gibt es nach den Angaben der Experten noch Bauplätze, die 700.000 Menschen Wohnmöglichkeiten bieten. Für viele, viele Jahre ist hier also ausgesorgt Was schert das jedoch das gierige Spekulantenheer! Sein Appetit ist viel größer. Heute frißt es den ersten grünen Ring um Tel Awiw. Morgen kommt der nächste an die Reihe. Die fast das dritte Jahr anhaltende Prosperität in Palästina hat das zionistische Aufbauwerk um ein gewaltiges Stück nach vorne getragen. Die monatlichen Einwanderungszahlen übersteigen bereits die Zahl der Jahreseinwanderungen einiger Nachkriegsjahre. Menschen und Kapital strömen ins Land, schaffen neue Arbeitsstätten, neue Arbeitsmöglichkeiten. Die Konsumkraft des Jischuw ist angewachsen und lockt immer neue Produzenten heran. Der jüdische landwirtschaftliche Sektor reicht nicht mehr aus. um die Städte mit den erforderlichen Lebensmitteln zu versorgen. Die Löhne zeigen eine steigende Tendenz und ermöglichen auch den Arbeitern einen höheren Lebensstandard. Nicht allen allerdings und hier sind wir auch schon dort wo das Licht der Prosperity endet Es steigen die Bodenpreisc rapid an und in ihrem Gefolge auch die Mieten. Man zahlt für ein Stückchen in Tel Awiw, in dem man sich kaum wenden kann, einen Betrag, der vom Durchschnittslohn des Arbeiters nicht allzuviel mehr übrig läßt Der Beamte, der sich eine kleine Wohnung leistet hat seine verfluchten Sorgen, um mit dem Rest seines Gehaltes auszukommen. Auf dem Lande ist es nicht viel besser, nur die Löhne sind hier weitaus kleiner. Kein Wunder, daß es gar manchen Arbeiter in die Stadt zieht zu der „großen Chance", einmal so viel zu verdienen, um sich auch etwas ersparen zu können, vielleicht gar das Geld für die Ansiedlung. Das jüdische Dorf in Palästina verliert Arbeitskräfte an die Stadt, in der auch die Mehrheit der Neuankommenden haften bleibt Und die Zahl der auf jüdischem Boden arbeitenden Nichtjuden steigt Es hat sich auch hier schon manches gebessert fast 70 Prozent der Chaluzalijah des vergangenen Halbjahres gingen aufs Land. Aber daß man selbst da zu Druckmitteln greifen mußte, charakterisiert genug die Situation. Im Rausch der großen Einwanderungszahlen hat mau vielerorts an das zionistische ABC vergessea War da nicht vorher von einer Pyramide die Rede, die auf der Spitze stand und von jedem Windhauch zum Kippen gebracht werden konnte? Man wollte sie doch umdrehen und fühlte in sich die Kraft dazu. Die breite Basis sollte wiederum die Landwirtschaft werden. Wollte man nicht aus Stadtmenschen Bauern formen? Bauern, die durch ihre Arbeit im Boden wurzeln? Eine gesunde Berufsgliederung? Einen neuen Lebensstil? Eine Bodenreform? Wenn der Zionismus kein bloßes Transport- oder überwiegend philanthropisches Emigrationsunternehmen, sondern vielmehr eine Bewegung sein wollte, die den Aufbau eines normal geschichteten Volkes anstrebte, dann mußte er in dem Lande, wo sich dieser Prozeß vollzog, Schluß machen mit der alleinigen Struktur und Psychologie der Stadt und des Städtchens, aus denen jede Einwanderungswelle kommt Dann mußte er wieder die Landwirtschaft als wesentlichen Beruf in das jüdische Wirtschaftsleben einführen. Sollte sich nicht die Geschichte des jüdischen Städtchens der Ukraine, Litauens und von anderswo wiederholen, die untergingen, während die ukrainischen und litauischen Dörfer ringsum aufblühten, dann mußte es um Tel Awiw, Haifa, Tiberias, Safed, Jerusalem jüdische Dörfer, jüdische arbeitende Bauern geben. Der Keim einer künftigen Krise, deren Kommen Leute, die einigermaßen Kenntnisse und Erfahrungen haben, als noch unaktuell bezeichnen, liegt sicherlich in der unkontrolliert in die Städte strömenden Einwanderung. Auf die ins Land kommenden „Kapitalisten" hat die zionistische Bewegung überhaupt keine Ingerenz. Zu einem ernsten Problem wird die „illegale Alijah", die „DIE AHNENLOSEN" (Jüdische Schauspieler aus Deutschlaad) veranstalten Mittwoch, den 16. Jänner, K9 Uhr abends, in den Kunstspielen, L. Riemergasse 11, einen THEATEIS'ABEND Zur Aufführung gelangt: DER WETTLAUF MIT DEM SCHATTEN Schauspiel von Wilhelm von Scholz. Es wirken mit: Steffi Mann, Paul Signer. Georg Braun. Regie: Georg Braun. Karten in der Redaktion der „Wahrheit" und an der Abendkassa. Sturm über Palästina. Das Unwetter, das in den letzten Tagen in Kreta und Cypern schweren Schaden angerichtet hatte, hat vergangenen Samstag die Küste von Palästina erreicht und dort ebenfalls schwer gewütet. Die Gegend zwischen Jaffa und Haifa wurde von heftigen Wolkenbrüchen heimgesucht. Der Distrikt Nathania ist ohne Licht und Trinkwasser und von jedem Verkehr abgeschnitten. Straßen und Brücken sind zerstört. Im Distrikt Haifa sind durch die Zerstörung zahlreicher Häuser und Hütten viele Einwohner obdachlos, teilweise sind die Möbel aus den Häusern weggeschwemmt worden. Der Damm der Eisenbahnlinie nach Aegypten ist zwischen Lydda und Haifa kilometerweit zerstört Der Passagier- und Güterzugverkehr mußte vorläufig eingestellt werden. Die Reisenden müssen auf Autobusse umsteigen. Zum Teil waren sie gezwungen, in den Zügen und auf den Bahnhöfen zu übernachten. „FAMILIEN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfiürsorge Wien 11., Aspernbrückenoasse 2_Tel. R 43-500 Daten Monatsbeiträge von S 1 bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töohter und SBbne Ausstattungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hohe Versicherungssummen. 3. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft »Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENäCHUrZ" wird von der Wiener Kultuigemaind« befürwortet Der Tallis. Seinen Vater sah vom Wein berauscht Und ungehüllt, der Sohn im Felde liegen. Ihn entreißend allen Blicken, Welche höhnten, Trug voll Kindesliebe Sem Den Vater in das Zelt, Auf die Blöße Noahs Einen Mantel breitend. Und um dieser Liebe willen Ist den Kindern Sems Für alle Zeit geboten, Einen Mantel der Versöhnung Und der Liebe im Gebet zu tragen. Stets erniedrigt Und aus tausend Wunden blutend, Hüllt Israel sich in dieses Ehrenkleid, Betend, daß der Herr Die Reste seines Volkes hüte. Mit dem Tallis sind wir Schon seit grauer Zeit verbunden. Freude läßt er heller scheinen, Seine Wolle mildert wie durch Wunder Leidensstöße, die von außen treffen. Und er folgt uns treu ins Grab, Wenn wir seiner auch im Leben oft vergessen. Eh' die Zeit sich nicht erfüllt, Die den Vätern zugeschworen, Kann das Land, dahin jetzt uns're Brüder hasten, Nicht die Ruhe bieten, Welche wir ersehnen. Einstens aber, wenn in einem Tallis, Schimmernd in der Himmelsfeuerfarbe, Der von Gott gesalbte Jüngling Als Fanal der Erde leuchten Und die Völker einen wird, Daß sie uns nicht ferner hassen, Dann erst werden wir in Frieden Zu der Menschheit Wiege ziehen, In das Land, um welches wir im Tallis Tag für Tag voll Sehnsucht betea Oskar Rosenzweig. Ins.' Das jüdische Hauil Blatt! Erst martern ~ dann stehlen/ Der frühere Reichstagsabgeordnete Gerhard Seger. Rabbiner Abraham und andere ehemalige Insassen des Oranienburger Konzentrationslagers haben das Martyrium der „Juden-Kompagnie" geschildert, der auch die nach dem Lager verschleppten Zöglinge des jüdischen Erziehungsheimes für schwer erziehbare Kinder in Woizig angehörten. Es waren dies 39 Jungen, von denen der jüngste dreizehn Jahre alt war. Das Erziehungsheim war eines Tages von der SA ausgehoben worden, nachdem man vorher eine Haussuchung vorgenommen und angeblich in dem Bett eines Jungen einen Revolver und kommunistische Druckschriften gefunden hat Die Zöglinge von Wolzig beteuerten, daß sie nichts mit kommunistischen Druckschriften zu tun gehabt haben und daß diese, ebenso wie der Revolver, von unbekannter Hand eingeschmuggelt worden sein müssen. Durch schreckliche, nicht wiederzugebende Folterungen wurden die Kinder jedoch zu dem Geständnis gezwungen, daß sie sich kommunistisch betätigt hätten. Viele von ihnen sind im Lager Oranienburg für ihr ganzes Leben seelisch verdorben worden. Nunmehr bringt der „Reichsanzeiger" vom 31. Dezember ('Nr. 298) die folgende „Bekanntmachung": „Auf Grund des Gesetzes über die Einziehung kommunistischen Vermögens vom 26. Mai 1933 (RGBl. L S. 293) in Verbindung mit dem Gesetz über die Einziehung, volks- und staatsfeindlichen Vermögens vom 14. Juli 1933 (RGBl'. I, S. 479) wird hiermit das gesamte Inventar des früheren jüdischen Erziehungsheims in Wolzig (Kreis Beeskow-Storkow) beschlagnahmt und zugunsten des Landes Preußen eingezogen. Potsdam, den 19. Dezember 1934. Der Regierungspräsident für dert Regierungsbezirk Potsdam: I. V. Dr. Honig." Die Beschlagnahme geht offenbar auf eine Diffamierung der jüdischen sozialen Fürsorge hinaus. Das Erziehungsheim Wolzig wurde von den jüdischen SpitzenoTganisaitionen für soziale Fürsorge unterhalten, die doch gewiß kein Interesse an einer kommunistischen Beeinflussung: der Zöglinge gehabt haben konnten.