Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-12-28 · Heft 52 (28.12.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 52 (28.12.1934)
Date
1934-12-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064554--20030-3085232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

10 entity mentions

Seite 2 DIE WAHRHEIT Ein Don Quichotte der Judenhetze. Der Erzeuger einer mir soeben zu gefl. Gebrauch eingesandten Hausr, Hof- und Feldpostille über Talmud und Schulchan Aruch erinnert mich an den Mann, den man fragte: „Können Sie Klar vier spielen?" und der darauf antwortete: „Ich habe es noch nicht versucht". So überraschte augenscheinlich eines Tages den Herrn Professor Grill in Heiligenkreuz der Antrag eines Verlegers, über Talmud und Schulchan Aructi ihm ein Brandbuch zu liefern. (G r i 11 S., Der Talmud und Schulchan Aruch, Graz 1934, U. Moser.) Ein Verlag, der sich offenbar aus der Judenhetze um jeden Preis weniger Skrupeln als mit ihr gute Geschäfte macht, bedurfte, um den Ritualmordschwindel noch einträglicher zu gestalten, eine „authentische" Motivierung der jüdischen Verworfenheit aus den jüdischen Religionsquellen. Er wandte sich an den Herrn Theologieprofessor Grill. Der mußte doch „Klavier spielen" können oder, konnte er es nicht, jedenfalls dank seinem Titel vor der Gasse in diesem Rufe des Fachmannes stehen. Und Grill schlug ein und — an. Er konnte zwar nicht, was man ihm zumutete, aber — er versuchte es. Immerhin ist er ehrlicher als sein Kollege von der Ritualmord-Abteilung. Er versteckt sich nicht hinter der — ach so leicht zu lüftenden Maske der Namensfälschung. Wie ein echter und rechter Ritter de la Mancha reitet er offenen Visieres seine Ro- Sinante. Dem Auftrage des Verlages gemäß sollte er das Gruseln vor dem Talmud lehren. Von den Proben seiner talmudischen Kenntnisse, die er in der „Schöneren Zukunft" ablegte, mußte ich aber, wie sich mancher vielleicht erinnert, in der „Wahrheit" erklären, daß sie nichts weniger als einen Befähigungsnachweis liefern. Und daß es „schöner" gewesen wäre, diese Ladenhüter der Judenhatz nicht aus dem Kehrricht der „Vergangenheit" aufzustöbern. So wenig es ihm an Mut gebricht, so sehr fehlt Grill jede Eignung, ein selbständiges Urteil über das jüdische Schrifttum zu fällen. Aber — das Unheil war im Zuge. Immerhin konnte ich noch, wie ich jetzt aus dem Buch ersehe, wenigstens einige der ärgsten Schnitzer verhindern. Von anderen einschneidenden Berichtigungen hat Grill zu seinem Schaden keinen Gebrauch gemacht Und so behielt das Buch die traurige Gestalt Wohl ließe es sich sachkundigen Feinschmeckern zu einem Stündchen ungetrübten Humors empfehlen. Nur besteht die Gefahr, es könnte bei harmlosen Seelen Glauben finden. So wie Grill selbst den dunklen Ehrenmännern, die er Feuilleton Glauben und Wissen. Aus einem Vortrag von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Die Führer der Menschheit, die berufensten Repräsentanten, sind nach Maimonides die Propheten. Sie besitzen eine Auffassung der Dinge, ähnlich wie sie der echte Künstler hat, im Gegensätze, wie wir heute sagen dürfen, zum Photographen, der uns eine Momentaufnahme bietet, die uns das Wesen des Gegenstandes ganz unzulänglich oder ganz unwahr wiedergibt, während der echte Künstler intuitiv den wahren Charakter des Objektes erfaßt Mit dieser Genialität muß im Propheten aber ein Mut verbunden sein, der für das als wahr Erkannte rücksichtslos eintritt Um im Stile Cariyles zu reden: Der Prophet muß ein Held sein. Seine göttliche Sendung bekundet der Prophet nicht durch äußere Zeichen und Wunder und nicht durch das, was mit ihm geschieht sondern durch das, was er tut durch sein sittliches Wirken. Was aber die Bibel beim Auftreten der Propheten als einen äußeren Vorgang schildert, das war, genau genommen, sein inneres Erlebnis. Der Prophet hat in Wahrheit diese und jene Vision empfangen, so wie das Bibelwort sie darstellt Wir würden heute vom zweiten Gesicht reden. Die Erscheinungen standen leibhaftig vor des Propheten Augen, meist waren es Traumgesichter. Die einzige Ausnahme bildet Mose. Von Mose sagt die Bibel: Gott redete mit ihm, wie ein Mensch zum Menschen spricht das heißt nach Maimonides, Mose empfing seine Offenbarungen nicht durch Bilder, sondern in klaren Begriffen, wie wir Menschen miteinander reden, nicht in Bildern und Zeichen, zu deren Deutung wir eines Schlüssels bedürfen, sondern in logischer Rede. Für die Göttlichkeit der mosaischen Lehre spricht aber nicht ihre übernatürliche Herkunft die uns die Bibel beschreibt sondern einzig und allein ihre, sittliche Tendenz. Als einziges Argument steht unter den Geboten in seiner Einsilbigkeit so grandios die Unterschrift: „Ich, der Ewige", als eine Abkürzung der immer wiederkehrenden Motivierung: „Heiligen sollt Ihr Euch, denn ins Treffen führt, aufgesessen ist. Wie der Held des Cervantes belachens- und zugleich beklagenswert Es gibt einen Antisemitismus in Kürassierstiefeln, einen anderen auf Gummisohlen. Der Antisemitismus Grills ist einer — auf geborgten Stelzen. Nur daß sie leider mehr oder minder brüchig sind. Welche Gewährsmänner läßt Grill aufmarschieren! Da sind: der famose, gegen Beilis und jetzt im Züricher Prozeß aus der Unterwelt zitierte Pranaites. Ferner Ecker, nach dem Urteil des edlen Bick eil „leider Priester, Talmudgutachter, der gar nichts vom Talmud versteht". Der Pseudonyme Pavly, Rodkinson, der „Dritte im Bunde", wie Bloch ihn entlarvt hat, L o e w e, Briman und wie diese Gilde sich sonst noch ergänzt Besonders schmerzlich berührt es, daß es nicht nur christgeborene und spätgetaufte Judenfeinde, sondern auch ungetaufte Juden sind, die den armen Grill zu manchem von keiner Sachkenntnis beschwerten Urteil verleiteten. Wirkt es nicht erheiternd, wenn er z. B. blindgläubig von Loewe abschreibt: „Ein Kind im Leibe einer Sklavin oder Nichtjüdin ist nicht besser als ein Vieh" (Jore dea 240). Was steht dort aber in Wirklichkeit? Eine der strahlendsten Perlen in dem sittlichen Kronschatz der Menschheit: Spezialisierungen des Gebotes der Elternehrung, die jedem Schullesebuche zur Zierde gereichen würden. Heißt das nicht Grillenfang'oder, wenn man will, Kampf gegen Windmühlen? Ueberhaupt diese unselige Zitatritis, die ich Grill schon früher angekreidet habe! So mutet er uns zu, in den Paragraphen 242 bis 271 des Orach chajim — also in 30 Kapiteln! — ein Zitat zu suchen, das dort nie gestanden hat. Aber selbst aus einer Literatur, die ihm doch keine sprachlichen Schwierigkeiten bereitet, wie den deutschen Gutachten für und gegen das Schächten wählt er „ausgerechnet" gerade eines, das seine Fremdheit auch in diesem Bezirk erweist. Die Haltung Grills, die jedem Unbefangenen auf den ersten Bliclf judenfeindlich erscheinen muß, können wir uns aber psychologisch erklären. Er hielt sich nicht an allgemein verständliche Quellen, die ich ihm empfahl. Vielleicht nicht einmal so sehr aus Mißtrauen. Sein Manuskript war vielmehr damals schon dem Verleger übergeben oder jedenfalls so weit fertig, daß er, ohne alles auf den Kopf zu stellen und den Verleger vor den Kopf zu stoßen, seinen Gewährsmännern nicht mehr den Laufpaß geben konnte. Und die zeigten ihm statt des wahren Judentumes eine — Vogelscheuche, so daß man mit den Lichtseiten, die Grill ihm trotzdem zugesteht, noch zufrieden sein muß. Von jeheilig bin ich, der Ewige, Euer Gott!" Diese Tendenz, das Wohl der Menschen durch ihre geistig-sittliche Veredlung zu fördern, ist nach Maimonides der einzige Zweck der Lehre Moses. Kein Gesetz irgendeines Volkes außer Israel zeigt diesen rein ethischen Charakter und bekundet wie das mosaische durch sich selbst seinen göttlichen Ursprung. Die Lehre Moses kennt dm Grunde keine anderen Pflichten als solche gegen den Nebenmenschen. Denn selbst Gebote, wie das der Enthaltsamkeit gegen gewisse Speisen, haben nur den Zweck, uns von Kindheit an zu einer Selbstbeherrschung zu erziehen, die uns davon zurückhält Eigentum, Ehre, Familienglück des anderen anzutasten. Wunder im landläufigen Sinne sind somit nach Maimonides für den Denker kein Argument. Es herrscht überall und unverbrüchlich das von Gott der Welt gegebene Naturgesetz. Nur kennen wir in dem gegenwärtigen Stande unserer Entwicklung dieses Gesetz ebenso unvollkommen wie die Natur der Dinge. Was uns als Wunder erscheint ist somit nichts anderes als ein Beweis für die Unzulänglichkeit unserer derzeitigen Erkenntnis. Nie schlägt Maimonides, der sonst die Milde selbst ist so scharfe Töne an, wie dort, wo er den waltenden Wunder- und Aberglauben und Scheinweisheit, wie die Astrologie, bekämpft. Man bedenke, daß gerade in diesem Punkte die Säule der Kirche Thomas von Aquino gegen Maimonides mit aller Entschiedenheit für den Glauben an Gespenster eintritt daß die ganze damalige und spätere Medizin bis tief in die Neuzeit hinein auf astrologischer Grundlage beruhte, daß man im Geburtszimmer Ludwigs XIV. einen Astrologen verborgen hielt damit er dem neugeborenen Prinzen auf die Sekunde genau sein Horoskop stellen könne, und daß der Teufel noch heute außerhalb des Judentums ein offiziell anerkanntes Dasein führt! Das sind in großen allgemeinen Zügen die philosophischen Lehren des Maimonides, ein Kritizismus, der für jene Zeit, das 12. Jahrhundert geradezu überraschen muß. Was Maimonides vor Spinoza voraus hat das ist das richtige Betonen der autonomen Ethik gegenüber dem streng naturalistischen Standpunkt der Ethik Spinozas. Und von Kant dessen Ethik sozusagen in der Luft schwebt unterscheidet Maimonides die Einordnung des. Menschen in ein einheitiiches Weltsystem, die kosmologische Begründung der Ethik durch die An- GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM, KORNMEHL UliniMNMHMMMHMHMnnaMMMinHHHBV WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIM., WAHRINQERSTRASSE Vt -Telephon Nr. Ä 17-349and A 15-9-34 Uafarant für HcllanstalteB AbteilungenffirKoscherfleisch «rtw Aafaleht des ahrwh Rabblnataa dar lais ftultasgamainda Wtaa. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlicn Priaia-Qualvtät zu den billigsten Marktpreisen der Schuld ist er aber nicht freizusprechen. Sein .Buch dient vielleicht dem Verleger und gewissen Politikern, die jetzt, auf Grill gestützt, wieder das Schächten u. a. gegen die Juden ausschlachten werden, aber weder der Wissenschaft und Wahrhaftigkeit, noch der Vorbereitung einer versöhnlichen Stimmung zwischen Christ und Jud, auf die Grill so viel Gewicht zu legen erklärt. Und die Schuld daran liegt nicht allein an den schlechten Quellen, aus denen er geschöpft hat, sondern nicht weniger an der Leichtgläubigkeit, mit der er trotz meiner Warnung ihnen gefolgt ist Trotz alledem würde ich seine Einstellung gegen das Judentum nicht als böse, sondern als unbewußt ungerecht bezeichnen, wenn man ihm einen Vorwurf ersparen könnte. Was seinem Buche die spezifisch antisemitische Note verleiht, ist nicht der Gebrauch von Waffen, die selbst von Judenfeinden längst zum alten Eisen geworfen sind, sondern das Hereinziehen, das Hinzudichten von „Nichtjuden", wo im Talmud oder Schulchan Aruch gar nicht an sie gedacht ist. So bei der von mir schon seinerzeit gegen Grill wahrheitsgetreu behandelten talmudischen Warnung, einen Junggesellen zum Schullehrer zu bestellen. (S. 55.) Gewiß wäre das Buch, hätte Grill diese offenkundigen Entstellungen des klaren Textes ausgemerzt, dem Verleger zu zahm geworden. Ohne Kaviar für das Volk ist, zumal heute, ein Buch schwerer abzusetzen. Einem Autor von der Stellung und den Graden Grills muß aber doch die Wahrheit höher stehen als das Geschäft. Und wozu, wo es ohnehin brennt, noch Oel ins Feuer gießen? Will man, wie Spaniens großer Don, wirklich die romantische Zeit der Scheiterhaufen heraufbeschwören? Ist es Grills ehrlicher Wille, die Wahrheit über unser Schrifttum zu sagen, so braucht er nichts zu nähme einer Beseeltheit def Welt und eines ihr eingeborenen Strebens zu Gott hin, die, wie ein gewaltiges religiöses Epos, unsere Phantasie ebenso anspricht, wie ihr religiös-philosophischer Kern bisher unübertroffen klarsteht Mit dieser Genialität verbindet Maimonides einen, zumal für jene Zeit, erstaunlichen Mut der Ueberzeugung. Jenen Mut wie ihn nach seiner eigenen Definition, nur ein Prophet besitzt Als solcher erschien auch dieser Moses den Gebildetsten unter seinen Glaubensgenossen, wenn sie von ihm rühmten: Von Mose bis Mose war keiner wie Mose. Wir dürfen hinzufügen: Seit Mose war keiner, der ihn, den größten Propheten, so tief ergründet und so klar verdolmetscht bat wie Mose Maimonides. Alle seine Grundgedanken spricht Maimonides mit den Worten der Bibel oder des talmudischen Schrifttums aus. Er legt nicht unter, sondern erlöst den tiefsten Sinn jener unalten Worte, indem unter der Zauberkraft seines Geistesblickes all die im jüdischen Schrifttum verstreuten Weisheitsperlen und Gedankensplitter sich zu einem geschlossenen Ganzen kristallisieren. Er zeigt uns den Kern und die Achsen des Ideengehaltes des Judentums. Zur Weiterarbeit, zur Fortsetzung seines Werke* hat er die Bahn geebnet, den Weg gewiesen. Denn weniger ein System als eine Methode lehrt er uns, eine Methode, die Bibel richtig zu lesen. Der jüdischen Religion hat er gegen jede Verirrung ein Schutzmittel gegeben in dieser Methode, die Glauben und Wissen harmonisch versöhnen will und die statt der Worte „Glauben und Wissen" den Satz setzt: „Glauben i s t Wissen". Nun ist es freilich nicht jedermanns Sache, auf der Leiter feinster philosophischer Spekulation zur Erkenntnis Gottes emporzusteigen. Deshalb hat das Judentum das Menschenleben mit einer Fülle von Geboten umgeben, die auch den Schlichtesten ^um glücklichen und beglückenden Menschen erziehen können. Auch er erreicht so betont Maimonides, sein Ziel durch Gottesfurcht. Doch höher als Gottesfurcht steht Göttesliebe. Die ist aber nicht denkbar ohne-Gotteserkenntnis, die darum, wie wir gehört haben, das Judentum an die Spitze aller Gebote stellt und Maimonides darum auch in seinem Kompendium der jüdischen Lehre, im Mischne Thora, an erster Stelle behandelt. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.