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Die Wahrheit · 1934-12-21 · Heft 51 (21.12.1934) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 51 (21.12.1934)
Date
1934-12-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Aus dem Wiener Kultusvorstand Am Mittwoch, den 19. d. M. behandelte der Kultusvorstand den ihm vom Finanzreferenten Vizepräsidenten Dr. J. Löwenherz in einem sehr erschöpfenden Referate vorgelegten Voranschlag für das Jahr 1934. Der Voranschlag weist an prälim. Einnahmen ...........S 5,834.490.— an prälim. Ausgaben........„ 6,003.660.— sohin einen voraussichtlichen Abgang v. S 169.170.— auf. Hierzu kommt das vorgetragene Defizit der früheren Jahre per . . „ 220.725.— so daß sich ein Gesamtdefizit von . . S 389.895.— ergibt Die Einnahmen setzen sich zusammen aus dem Erlös der Tempelsitze, den Friedhoftaxen, den Kultussteuern, den Verpflegskosten-Rückersätzen im Spitale und in der Versorgungsanstalt und den verschiedenen Taxen für die Inanspruchnahme ritueller Einrichtungen, schließlich aus den freiwilligen Spenden und Zuwendungen. Der Gesamtbetrag der einzuhebenden Kultussteuer erscheint mit..........S 2.200.000.— präliminiert Von den Ausgaben entfallen auf das Fürsorgewesen .........., 2,550.730.— auf Kultus und Unterricht........ 1,593.510.— auf das Friedhof- und Beerdigungswesen (ohne Berücksichtigung der unentgeltlichen Begräbnisse und Beistellung von Gräbern für Arme) . . . „ 835.040.— auf das Matrikenwesen ........ 55.080.— auf die Gebäudeerhaltung und -Verwaltung ........... „ 136.660.— auf Gemeindeverwaltung und Steueramt „ 737.640.— auf „Reserve für Unvorhergesehenes" ,. 95.000.— S 6,003.660 — Die Ausgaben für das Spital sind mit S 812.650—, für die Versorgungsanstalt mit S 509.910.— präliminiert Gegenüber dem Voranschlag pro 1934 weisen die Einnahmen einen Rückgang um zirka S 100.000—, die Ausgaben eine Steigerung um zirka S 70.000.— auf Namens der „Union" erklärte Dr. Leonhard Maier deren Zustimmung zu dem Budget Auch Dr. Plaschkes und Dr. Rosenberg sprachen sich für den Voranschlag aus, so daß derselbe einstimmig angenommen wurde. (Wir kommen auf die Debatte, die auf bemer- Kenswert hohem Niveau stand, in unserer nächsten Nummer noch zurück. Die Red.) Traum eines Riesenpogroms. In dem Verlag Adolf Klein, in Leipzig, in dem viele Romane, Reden und Aufsätze „zum nordischen Gedanken" erschienen sind, veröffentlicht Fritz Halbach eine Dichtung: „Esther, die Herrin der Welt — Ein völkisches Testamen t". Man hat es hier mit einer Weiterdichtung des Buches Esther zu tun, die ausmündet in einen grauenvollen Wunschtraum von der blutigen Ausrottung aller jüdischen Männer, Frauen und Kinder zuerst in Deutschland und dann in der übrigen Welt Die Dichtung beginnt mit einem Kapitel „Berufung der Völker wider Israel" und endet mit dem 27. Kapitel „Des Herrn Strafgericht über Israel". Darin wird ausgemalt, daß Gott neue Propheten erweckt habe, die allen Völkern verkünden sollten: „Tilget das Schandmal entarteter Völker vom Erdboden!" „Und durch die Gassen liefen Propheten, die waren voll des heiligen Geistes und trieben das Volk mit feurigen Worten." „Also fielen in den Landen des Königs Lechim sechshundertundreißigtausend und fünfhundert jüdische Männer, Weiber und Kinder, nicht gerechnet die vielen, die ihnen versippt" „Und desselbigen gleichen in allen Landen, da die Propheten gepredigt" „Da ging ein Jauchzen über den Erdball und die erlösten Völker sanken sich in die Arme und weinten . . ." Daß es sich bei dem Lande des „Königs Lechim" um Deutschland handelt, wird deutlich senug ausgedrückt, einmal durch den Namen selbst, der von rückwärts gelesen „Michel" heißt, und durch die Angabe der Zahl der hier umgebrachten jüdischen Menschen, die der Zahl der statistisch festgestellten deutschen Juden entspricht Eine katholische Stimme über die „Protokolle". Im „Vaterland", einer großen katholischen Zeitung in Luzern, die den Juden keineswegs sehr freundlich gegenübersteht, erschien ein Artikel ihres Berner Redakteurs über die prinzipielle Bedeutung des Prozesses über die „Protokolle". Der Autor stellt fest; daß die „Protokolle" längs t als Fälschung bekannt waren, und niemand hätte sich um sie gekümmert, wenn sie nicht Hitler geistig als Vorlag e für gewisse Forderungen in seinem Buche gedient hätten. „Nach dem Stande des heutigen Beweismaterials" schreibt das Blatt, „scheint tatsächlich der .nordische Geist' den Kürzeren zu ziehen, Israel hat gut pariert. Für die Heldensöhne Wotans aber ist es eine; n eue Gelegenheit, sich vor der Welt zu blamieren, wie dies ihnen im Verlauf ihrer kurzen Herrschaft schon so oft begegnet ist. Man braucht nur auf den gegenwärtig noch aktuellen Kirchenstreit zu verweisen. Es ist übrigens typisch für den Ungeist jeglichen Zeitalters, daß er, um seine eigene Magerkeit zu ,tarnen\ nach einem Sündenbock greifen muß. Im letzten Jahrhundert mußten die J e s u i t e n herhalten, heute dürfen die J u d e n diese Rolle spielen. Man braucht kein besonderer Freund Israels zu sein, um zu dieser Stellungnahme zu gelangen. Man suche nicht jemanden anderen abzuwürgen mit Mitteln, die man beim Gegner mit Entrüstung zurückweisen würde." Schiller — der Vorbote. In welcher Weise Friedrich Schiller von den Nationalsozialisten praktisch zu den Ihren gemacht wird, zeigt die neue Auffassung der „Räuber". Der „General-Anzeiger für das nordwestliche Industriegebiet und des westlichen Münsterland" beschäftigte sich mit Neueinstudierungen im Stadttlieater Oberhausen und kündigte an, daß anläßlich der Schiller-Feier S c h i 11 e r s „R ä u b e r" aufgeführt werden sollen. Die Neuinszenierung habe es sich zum Ziele gesetzt, „Schiller vor allen Dingen als Vorboten desDrittenReich.es hervortreten zu lassen und einige einschneidende Verlagerungen bisher unterdrückter Schwerpunkte der Handlung vorgenommen, in welcher auf diese Weise vor allen Dingen der Jude Spielberg als eine der zentralen Figuren im Vordergrund steht." Katholischer Priester tritt zum Judentum über. Außerordentliches Aufsehen hat in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen der Uebertritt des 29jährigen katholischen Priesters Joseph Sumina aus Lublin zum Judentum hervorgerufen.,Der ehemalige katholische Priester erhielt den jüdischen Namen Abraham ben Abraham. Der Proselyt erklärt daß er durch seine theologischen Studien von einer immer größeren Sehnsucht der jüdischen religiösen Gemeinschaft anzugehören, ergriffen wurde. Müde Richter . . . Ueber die beiden Hauptschuldigen an dem schweren Ueberfall auf das Lokal des Salonikier Makkabi im Juni 1931, bei dem das Makkabi-Heim vollständig verwüstet und mehrere Mitglieder des Klubs schwer verletzt wurden, ist in contumaciam eine Gefängnisstrafe von je einem Monat verhängt worden. Der Ueberfall auf das Makkabi-Lokal erfolgte nach einer Hetze der antisemitischen Zeitung „Makedonia". die behauptet hatte, die Salonikier Makkabim hätten an einem antigriechischen Kongreß in Saloniki teilgenommen. Erheblich verletzt wurden bei dem Ueberfall die Makkabi- Mitglieder Schalom Sciaky, Victor Arditty und der Vizepräsident Jacques Eerrera, dessen Zustand längere Zeit äußerst bedenklich war. Einen Tag nach dem Ueberfall auf den Makkabi kam es zu umfangreichen judenfeindlichen Ausschreitungen und zur Niederbrennung des jüdiscWen Campbell-Viertels. Aus affer Welt Oxford. Dem ehemaligen Professor an der Universität Freiburg, Dr. Eduard Fraenkel, ist der ordentliche „Corpus Chiristi'-Lehrstuhl für romanische Sprachen und Literatur an der Universität Oxford verliehen worden. Damit ist zum ersten Male einer der aus Deutschland vertriebenen jüdischen Gelehrten ordentlicher Professor an der Universität Oxford geworden. Prof. Fraenkel ist Master of Arts der Universität Cambridge und Graduierter des Trinity College. Jassy. Die Jassyer Jüdische Gemeinde erhielt vom Hofmarschallamt die Verständigung, daß König Carol II. einen sehr großen Betrag zur Unterstützung armer Juden der Gemeinde Jassy zur Verfügung stellte. Lemberg. Gegen ein jüdisches Lebensmittelgeschäft in der Naskalcestraße und gegen eine jüdische Gastwirtschaft in der Pieotstraße wurden, offenbar aus antisemitischen Motiven, Sprengstoffanschläge verübt. ---^ GROSSFLEISCHHAUEREI HEGM, KORMMEHI WIEN IX., BERGQASSE NR. 1» FILS ALB i XVIIi., WAHRIN 02RSTRASS& 97 Telephon Nr. A 17*99 and A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch uatsp Aufsioht de» ehr«. Rabblnaies dar Ins Ruliusgemeind« Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen £Uewaim. Ein wichtiges Buch über das deutsche Judentum. Im Saturn-Verlag, Wien, ist soeben ein bedeutendes Werk erschienen: „Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten", herausgegeben von FranzKobler (416 Seiten stark, in Leinen gebunden, S 12.60). Ein ungeheurer Stoff ist bewältigt. Vom Ende des jüdischen Mittelalters spannt sich der Bogen bis zur Ermordung Rathenaus. Die Briefe sind von Juden an Juden und an Nichtjuden gerichtet, oder sie sind zwischen Nichtjuden gewechselt, immer wird vom Judentum gesprochen, seiner Herkunft und Zukunft, Sendung und Schickung, von seiner tausendfältigen Problematik. Menschen aller Stände kommen zu Wort: Richter, Aerzte, Schriftsteller, Staatsmänner, Bankiers, Geistliche und so weiter. Wir finden Briefe von Maria Theresia, Goethe, den Humboldts, den Mendelssohns, Moses Heß, Abraham Geiger, Heine, Rahel Levin, Hebbel, Storni, Billroth, Mahler, Rathenau und so fort. Einige Untertitel: „Geschlossene Tore — offene Salontüren (1790 bis 1814)", „Vom Wiener zum Baseler Kongreß (1814 bis 1897)", „Aus dem jüdischen Bereich deutscher Dichter". Häufig sind die Briefe nicht vollständig mitgeteilt, sondern entscheidende Stellen mit großem Geschick herausgelöst. Die Briefe sind durch oft gediegene Charakteristiken und durch Zwischenbemerkungen zu einer fortlaufenden Darstellung verbunden, so daß eine Geschichte des deutschen Judentums in Briefen entstanden ist. Diese kurze Bemerkung will das grundlegende Werk zunächst angelegentlichst empfehlen; über die vielfältigen Probleme, die es birgt, wird ausführlich zu sprechen sein. Die zionistische Einstellung Koblers ist offenbar und belichtet das ganze,, doch tritt sie niemals angreifend hervor. Ein gedankenvoller, grundsätzlicher Brief Martin Bubers schließt das überaus reiche Buch ab. Ernst Lissauer. Das Philo-Lexikon erschienen. Im Philo-Ver- 1 a g G. m. b. H., Berlin, ist zum Preise von RM 4.80 das Philo-Lexikon — Handbuch des jüdischen Wissens — erschienen. Aus Fachkreisen wird uns hierüber geschrieben: „Der „Philo-Verlag" hat mit diesem über 400 Seiten starken Buche das längst erwartete kleine Lexikon jüdischen Wissens geschaffen, das im Gegensatz zu großen Enzyklopädien in konzentrierten Form all den Wissensstoff vereinigt der den Gesamtbegriff Judentum umschließt: Religion und Geschichte, Leistung und Leben. Bei knappster Ausdrucksweise ist unter jedem Stichwort das Wesentliche allgemein verständlich zu finden, eine Fülle von Wissensstoff im ganzen geboten, der noch durch 250 vortreffliche Abbildungen besonders anschaulich gemacht wird. Durch die Aufnahme vieler Gruppenstichwörter, in welchen die jüdischen Persönlichkeiten beruflich vereinigt sind, z. B. Architekt, Chemiker, Juristen, Maler, Mediziner usw., sind wohl die wichtigsten jüdischen Gelehrten und Künstler vornehmlich des deutschen Kulturkreises, aber auch hervorragende Persönlichkeiten des Auslandes enthalten. Im ganzen: ein durchweg gelungenes Buch, das weiteste Verbreitung verdient." Ein polnisch-Jüdisches Kriegshelden-Gedenkbuch. Die Leitung des Verbandes jüdischer Kriegsinvaliden, -Witwen und -waisen bereitet die Herausgabe eines Gedenkbuches vor. das unter dem Titel „Das polnische Judentum — seine Brüder, die in den Jahren 1905 bis 1921 für die Befreiung des Vaterlandes kämpften" die Leistungen der Juden in den polnischen Freiheitskämpfen zusammenfassen soll. Es ist das erste Mal, daß in Polen ein derartiges jüdisches Gedenkbuch erscheint. In ihm soll die Beteiligung der Juden an der Revolution des Jahres 1905, an den vor und während des Weltkrieges gegründeten Organisationen zur Erringung der Unabhängigkeit Polens, an den polnischen Legionen und im polnischen Heer während der Jahre 1918 bis 1921 dargestellt werden.

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