Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 51 (21.12.1934)
- Date
- 1934-12-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite A DIE WAHRHEIT Die neue Boykottwelle in Deutsehland Die vorweihnachtliche antiiüdische Boykottaktion nimmt immer schärfere Formen an und dehnt sich über ganz Deutschland aus. Immer mehr Zeitungen stellen sich der Boykott-Aktion zur Verfügung, in Tausenden von Flugzetteln, Plakaten und Transparenten werden die „Volksgenossen" davor gewarnt, jüdische Geschäfte zu betreten, da dies gleichbedeutend mit Verrat an Deutschland - sei. In mehreren Städten ist es bereits vorgekommen, daß die Menge gegen jüdische Geschäfte vorging, die Besitzer attackierte und vielfach auch materiellen Schaden anrichtete. In mehreren anderen Städten stehen Nationalsozialisten, unterstützt von Hitler- Jugend, Posten vor jüdischen Geschäften, behängt mit judenhetzerischen Plakaten, in denen vor dem Betreten des Geschäftes gewarnt wird. Die Hitler-Jugend hat im besonderen die Aufgabe, immer wieder im Sprechchor antijüdisehe Losungen auszurufen. In Worms wurden die Geschäfte von Juden mit gelben Zetteln beklebt, auf denen Karrikaturen von Juden und mittelalterliche Abzeichen zu sehen sind. Im Text dieser Zettel ist zu lesen, daß jeder „Volksgenosse", der beim Juden kauft ein Verräter am Deutschtum ist In Herford, Westfalen, wurden Feuerwerkskörper von den Boykott-Posten in die jüdischen Läden geworfen, so daß die Geschäftsinhaber sich während der Geschiäftsstunden zur Schließung der Läden gezwungen sahen. In Bielefeld hat die Handwerkskammer alle ihre Mitglieder aufgefordert, die Angestellten, die bei Juden kaufen, fristlos zu entlassen. In anderen Städten wurden jüdische Geschäftsinhaber angeblich zu deren eigenem Schutze gegen die erregte Menge in Haft genommen. So z. B. veröffentlicht die „Lampertheimer Zeitung" die folgende Mitteilung über die Inschutzhaftnahme eines jüdischen Geschäftsmannes: „In der Nacht zum Mittwoch wurden durch unbekannte Täter an verschiedenen hiesigen jüdischen Geschäftshäusern Beschriftungen angebracht mit dem Wortlaut: .Kauft nicht beim Juden'. Während der eine Geschäftsinhaber die Schrift entfernen ließ, änderte der andere den Schriftsatz, indem er das Wort .nicht' in .doch' abänderte. Infolge dieses Vorgangs erfolgte gegen 5 Uhr abends eine Ansammlung vor dem Schuhhaus Mann, die jedoch bald zerstreut wurde, nachdem man den Demonstranten mitgeteilt hatte, daß die hiesige Polizei den Sohn des Inhabers, Franz Mann, bereits am Nachmittag in Schutzhaft genommen hatte." Diese Judenboykottwelle kann sich um so ungehemmter entwickeln, als unbeschadet der Verordnungen der zuständigen Reichsregierungsstellen gegen die Geltendmachung der Arier-Bestimmungen in der Wirtschaft vonkeiner Behörde imReiche gegen die Hetzer etwas unternommen wird. Im Gegenteil, es scheint sich um eine wohldurchidachte und organisierte Aktion zu handeln, die nicht allein von Leuten wie Julius Streicher, sondern auch von Mitgliedern der Reichsregierung, wie z. B. Reichspropagandaminister Dr. Goebbels, ermuntert wird. Nachträglich wird bekannt, daß Minister Goebbels während seiner letzten großen Rede vor 15.000 Parteifunktionären im Berliner Sportpalast wiederholt scharf die Juden attackiert und dabei erklärt hat, die Weltjudenheit sei es, die Deutschland von der Welt trennt und es zu einer wirtschaftlichen Autarkie zwingt. Heimgefunden und heimgekehrt . . . Der Berliner Operndirektor Dr. Wilhelm Furtwängler hat demissioniert. An und für sich keine große Angelegenheit, wenn nicht die Hintergründe dieser Demission ein grelles Licht auf das Kulturniveau des Dritten Reiches werfen würden. Furtwängler, unzweifelhaft einer der größten deutschen Meister des Taktstockes, hat sich vor eineinhalb Jahren dem neuen deutschen Regime restlos zur Verfügung gestellt. Dieses Verhalten des Künstlers hat in Weltmusikkreisen scharfe Verurteilung gefunden und auch an dieser Stelle wurde darauf hingewiesen, daß der große Toscanini, in einer ähnlichen Situation wie der, in welcher sich Furtwängler bei Ausbruch der braunen Diktatur befand, ein anderes Benehmen an den Tag legte. Wie sich aber jetzt herausstellt, hat Furtwängler in gutem Glauben gehandelt. Er war nämlich der Meinung, daß es den Herren im Dritten Reich wirklich um die Kunst gehe und daß er nur ihr allein wird dienen können. Nachdem er aber diesbezüglich immer mehr enttäuscht wurde, hat er die Konsequenzen gezogen. Nach einer längeren Irrfahrt durch die Finsternis hat der nun postenlose Furtwängler auf den höchsten Posten, auf den der wahren Kunst, heimgefunden. Die Heimfindung Furtwänglers hat bei uns gleich zwei Heimkehrungen ausgelöst. Während Felix von Weingartner zur Stätte seiner früheren künstlerischen Tätigkeit, nach Wien, als Operndirektor heimkehrt, verläßt Clemens Krauß die größte deutsche Musikkulturstätte, um in die Arme des Herrn Goebbels heimzukehren. Wäre seinerzeit die Wahl auf einen Künstler gefallen, der der Wiener Musikgemeinde sehr nahesteht, nämlich auf Bruno Walter, hätte sich jetzt Herr Krauß die Heimreise erspart. Es ist nur fraglich, ob es Herrn Goebbels in diesem Falle eingefallen wäre, den Frankfurter Intendanten Krauß nach Berlin zu berufen. Bruno Walter . . . Ist es nicht merkwürdig, daß dieser Name jetzt überhaupt nicht fiel? Wurde doch seinerzeit, als es sich um Krauß oder. Walter handelte, behauptet, die Wahl wäre auf T3rurio"*Walter gefallen, wenn nicht . . . die Abstammung. Mit Weingartner zieht sicherlich ein Künstler von Format am Opernring ein. Es ist der allgemeine Wunsch, daß der jetzt 72jährige Meister seine bisherige nahezu jugendliche Frische und Schaffensfreude noch viele Jahre behält. —n * * * ClemensKrauß wird inBerlin eingeführt Fast alle deutschen Zeitungen bringen eine offenbar vom Herrn Goebbels inspirierte Meldung aus Wien, daß in der Wiener Staatsoper die J uden gegen Clemens Krauß, der jetzt Furtwängler in Berlin ersetzen soll, eine turbulente Demonstration veranstaltet haben, wobei zahlreiche Personen, durchwegs Juden, verhaftet wurden. Eine Widerlegung dieser blödsinnigen Lüge ist überflüssig. Falschmeldungen. Es Kegt heute in der Tendenz der jüdischen Konsumenten, Erzeugnissen „judemredner" Firmen gegenüber Zurückhaltung und Vorsicht zu bekunden. Diese Tendenz ist durchaus berechtigt, denn es verträgt sich nicht mit dem Ehrgefühl eines aufrechten Juden, Firmen zu unterstützen, die jüdische Angestellte entweder prinzipiell nicht aufnehmen oder aber, wenn solche noch im Betriebe tätig waren, in unserer Zeit der Arbeitslosigkeit herzlos aufs Pflaster setzen. Die jüdische Presse hat die Pflicht, ihren Leserkreis auf derartige Erscheinungen aufmerksam zu machen, und auch unser Blatt hat wiederholt schon vor Firmen, bei denen solche antisemitische Tendenzen vorherrschen, mit aller Schärfe gewarnt. Die jüdische Presse hat aber auch diel Pflicht, bei diesen berechtigten Warnungen alle Vorsicht obwalten zu lassen und erst nach genauesten Erkundigungen die Oeffentiichkeit zu alajrmieren. Diese Pflicht hat, wie wir leider feststellen müssen, „Die Stimme" jüngst vernachlässigt, als sie, ohne sich über den wahren Sachverhalt zu informieren, die Klage eines Herrn Oswald Glaser gegen die „Odol Vertriebs G. m. b. H." zum Anlasse nahm, um gegen die öster- „FAMI LI EN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für FamilienJürsorge Wien II., Aspernbriickenqa8se 2_Tel. B 43-500 Durch Monatsbeiträge von S 1 bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töchter und SShne Ausstattungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hobe Versicherungssummen. 3. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENSCHUTZ" wird von der Wiener Kulttugemeinde befürwortet * reichische Leitung dieser weltbekannten Firma den schweren Vojrwurf zu erheben, daß sie „alle jüdischen Angestellten aufs Pflaster setzte." Wir sind in Wahrung unserer redaktionellem Pflichten dieser Angelegenheit nachgegangen und mußten feststellen, daß der anonyme Einsender des Artikels — er zeichnet recht bescheiden mit Dr. H. — Behauptungen aufgestellt hat, die absolut nicht den Tatsachen entsprechen und durchaus tendenziös sind. Unter den Angestellten der „Odol" Gesellschaft sind 16 Prozent Juden, man kann also nicht behaupten, daß diese Gesellschaft „judenrein" ist. Die Gesellschaft hat vor einiger Zeit die Firma „Eg- G ü" übernommen, deren Wiener Niederlassung bis dahin! von dem erwähnten Herrn Oswald Glaser geleitet wurde. Im Außendienst von „Eg-Gü" sind 5 Juden und 9 Nichtjuden beschäftigt. Auch hier kann also keine Rede von irgendwelcher „Judenxeinheit" sein. Was nun den Konflikt von „Odol" mit Herrn Glaser, der jetzt vor dem Gewerbegericht ausgetragen wird, anbelangt, so handelt es sich hiebei um folgendes : Ein Fräulein Eugenie G o 1 d e n b e r g, das bei Herrn Glaser, als er der österreichische Generalvertreter von „Eg-Gü" war, beschäftigt gewesen ist und nur ganz kurze Zeit,. Mm Dienste der neuen Leitung stand, wurde abgebaut und ihr an Abfertigung, Urlaubsgeld und ein Monat Gehalt bei diesem Abbau S 1700__ ausgefolgt, welchen Betrag sie mit Worten herzlichsten Dankes an den neuen Direktor der Firma und mit der Erklärung quittierte, daß "sie diesen Betrag vom Herrn Glaser nie erhalten hätte. Der eine Monatsgehalt, der ihr ausbezahlt wurde, ging auf Rechnung des Heirrn Glaser, der sich zur Zahlung desselben ausdrücklich bereit erklärte. Erst als er aus rein kommerziellen Gründen selbst aus der Firma ausgeschieden! ist, erklärte er plötzlich, daß er nun kein Interesse daran habe, den Monatsgehalt des Fräulein Goldenberg zu bezahlen. Um den durch die Firma „Odol" vorgenommenen Abzug dieses Monatsgehalts geht nun der noch nicht ausgetragene Streit beim Gewerbegericht, eine rein zivilrechtliche Angelegenheit, dia mit Politik nicht das Geringste zu tuni hat. Die. neue Leitung von „Odol" und „Eg-Gü" will auch mit Politik nichts zu tun haben, die Direktion erklärte uns auf unser Befragen ausdrücklich, daß für sie bei der Beschäftigung * von Angestellten nur die Tüchtigkeit derselben maßgebend sei. Sie illustrierte uns diese ihre Einstellung mit zahlreichen Fakten, dib aufzuzählen nach dem schon oben Gesagten überflüssig ist; es genügt der Hinweis darauf, daß nach dem aus ganz unpolitischen Gründen erfolgten Austritt des Herrn Glaser und Fräulein Goldenberg „Eg-Gü" noch einen Juden als Vertreter eingestellt hat. Der Fall beweist, wie recht wir mit unserer Forderung haben, daß bei solchen Angriffen Vorsicht am Platze ist. Wir wissen z. B., daß über eitle große Wiener Kaffeefirma ähnliche Ausstreuungen im Umlaufe sind, an denen nicht e i n W o r t w a h r 'ist. Auch in diesem Falle waren Behauptungen jüdischer Zeitungen, die sich nicht die Mühe nahmen, dte Sache, zu kontrollieren, Schuld an dem Gerede. Es gibt leider Firmen genug, gegen die der Vorwurf antijüdischer Tendenz berechtigt ist, man muß und darf nicht Weltfirmen, denen diese Tendenz vollkommen ferne liegt, in diesen Kreis einbeziehen. Ärbeitsverbot für Max Liebermaos. Die große Antikultur-Kampagne in Deutschland, die mit dem Fall Hindemith-Furtwängler ihren Höhepunkt erreicht zu haben schien, wird jetzt um einen ebenso sensationellen neuen Fall bereichert. Die „Nationalsozialistische Kulturgemeinschaft", die unter der Schirmherrschaft des Reichspropagandaministers Goebbels augenblicklich die „große Säuberungsaktion der Kunst von liberalistischen Elementen" durchführt, hat in diesen Tagen ein Rundschreiben an zirka 20 bildende Künstler gerichtet, in dem diesen Künstlern die Ausübung ihres Berufes verboten wird. Unter ihnen befindet sich der 87jährige, weltberühmte Max Liebermann, früher Präsident der Akademie der Künste, Gründer der Berliner Sezession und Hauptvertreter der deutschen impressionistischen Malerei. Die überragende Bedeutung Liebermanns, dessen Bilder in allen Galerien der Welt hängen, und das hohe Alter haben ihn nicht vor diesem kränkenden Schritt beschützt.