Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 50 (14.12.1934)
- Date
- 1934-12-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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In der neuen Verfassung Olssterreichs vom 1. Mai 1934 ist die Freiheit des religiösen Bekenntnisses und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz zum Grundsatz erhoben wordea Die Einrichtung religiös geteilter Klassen an den höheren Schuten geschah nach einer Ordnung, die in Oesterreich bis 1923 in Geltung war. Die österreichische Regierung tritt ferner der Behauptung entgegen, daß der katholischen Kirche in Oesterreich mehr Rechte als den Kirchen anderer Religionen eingeräumt wurden. Die katholische Kirche verfügt über religiöse Fonds, aus denen die Kosten für ihren Kultus bestritten werden, während die Juden' und die Protestanten, die über solche Fonds nicht verfügen, für diese Kosten selbst aufzukommen haben." Diese Meldung enthält verschiedene Unrichtigkeiten, die bereits oft. widerlegt wurden. Gegen die Entlassung von jüdischen Aerzten, Ingenieuren, Lehrern und anderen Angestellten, dfe als radikale Marxisten und Teilnehmer am Februaraufstand politisch kompromittiert sind, hätte kein Mensch, insbesondere auch kein Jude des Int- und Auslandes, seine Stimme erhoben. Tatsache ist aber, daß der überwiegende Teil der entlassenen Juden mit Politik überhaupt nichts zu tun hatten. In diesem Zusammenhang sei die Frage aufgeworfen: Was ist's mit den Neuanstellungen? Werden die arbeitslosen Juden, die sich um die nun freigewordenen Posten im Staats-, Gemeinde- und Landesdienst bewerben, auch deshalb ausgeschlossen, weil sie radikale Marxisten waren oder sind? Wie ist es mit der Behauptung, daß der katholischen Kirche (somit also auch ihren Angehörigen) nicht mehr Rechte eingeräumt werden, zu vereinbaren, daß z. B. die Ausschreibung einer Gemeindearztstelle "In Reichenau den Hinweis enthält, daß „bei gleicher Eignung katholisch Gesinnte bevorzugt" werden? Und ist es nicht allgemein bekannt, daß die katholische Kirche vom Staat etwa 15 Millionen Schilling die evangelischen Gemeinden etwa 1 Million Schilling erhalten und die israelitische Religionsgemeinschaft — nichts?! Die Blutbeschuldigung. Die „Union österreichischer Juden", die älteste Abwehrvereinigung des österreichischen Judentums, hat sich selbstverständlich auch intensiv mit der Ritualmordhetze befaßt, die, vom Antisemitenbund des Herrn Dr. Jerzabek ausgehend, in den letzten Wochen in der österreichischen Bevölkerung betrieben wurde und in dem Sudelwerk von Christian Loge „Gibt es jüdische Ritualm'orde?" ihre „geistige" Grundlage fand. Verschiedene Schritte wurden an maßgebenden Stellen unternommen und die Aufmerksamkeit der zuständigen Behörden auf diese die Ehre und Sicherheit des Judentums gefährdende Propaganda gelenkt Die Hetzschrift von Christian Loge ist bekanntlich von der Grazer Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden, nachdem sie in den wenigen Tagen ihres Aufliegens eine sehr starke Verbreitung gefunden hat. Der. Erfolg, den diese Konfiskation bedeutet, wurde durch die Abwehr erzielt, die das österreichische Judentum der Lügenpropaganda seiner Feinde entgegensetzte. Dieser Lügenpropaganda trat die „Union österreichischer Juden" u. a. auch in einer Reihe ihrer letzten Versammlungen entgegen, in denen von den Referenten das Rituaimordmärchen entsprechend behandelt wurde. Die bemerkenswerteste dieser Aufklärungs-Versammlungen war die am vergangenen Donnerstag im Hotel Continental stattgehabte, in der der Vizepräsident der „Union", Herr Dr. Karl Steiner, sprach. Dr. Steiner ist einer der besten und gewiegtesten Kenner dieser traurigen Materie. Er bewies sein profundes Wissen auf diesem Gebiete auch bei der in Rede stehenden Versammlung, die von dem Obmann der Bezirksorganisation Leopoldstadt der „Union", Dir. G. Kol min, geleitet wurde. Ausgehend von den wichtigsten Rituatmordprozessen der Vergangenheit, die stets die Unsinnigkeit der gegen die Juden erhobenen furchtbaren Beschuldigungen bewiesen haben, und sich stützend auf. die erhabene Auffassung der jüdischen Religion vom Wert des Menschenlebens, die in einer ganzen Reihe von gewichtigen Stellen in den heiligen Schriften des Judentums festgelegt ist, wandte sich Dr. Steiner im Hauptteil seiner ausgezeichneten und mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausfuhrungen dem „Werke" von Christian Loge zu, welcher Pseudonyme Autor eher mit dem Namen „Lüge" zu bedenken ist. Eine solche Titulierung rechtfertigen seine ungeheuerlichen Auslassungen, mit denen sich Dr. Steiner im einzelnen beschäftigte und die er geradezu zerpflückte. Die österreichische Judenschaft, sagte Vizepräsident Dr. Steiner, hat die Beschlagnahme dieses gemeinen Sudelwerkes mit Genugtuung aufgenommen. Sie verlangt aber, daß auch in Hinkunft die österreichischen Behörden wachsam derartige Erscheinungen beobachten und sie sofort verbieten, wenn sie auftauchen. Bei „Loge" hat man zu lange gezögert, so daß immerhin, eine starke Verbreitung möglich war, ja Dr. Jerzabek wagte es sogar, dieses Buch noch auf Flugzetteln für Versammlungen seines Antisemitenbundes zu propagieren, die mehrere Tage nach dem Verbot des Buches stattfanden.. Außer der wachsamen Beobachtung dieser Erscheinungen, die auch von der „Union österreichischer;Judeh" geübt wird, muß auch die'strengste ^^ii^s^^n^ :'g9f5rA6t(' werden, die in solch infamer Weise gegen das Judentum vorgehen und seine Ehre aufs gröblichste verletzen. In diesem Sinne beantragte Dr. S t e in e r am Schlüsse seiner Ausführungen, denen eine Debatte folgte, folgende Resolution, die einstimmigangenommen wurde: Die km 6. Dezember 1934 in Wien im Hotel Continental abgehaltene Versammlung, der „Union österreichischer Juden" nimmt mit Genugtuung Kenntnis von der erfolgten Beschlagnahme des Buches: „Gibt es jüdische Ritualmorde?" von Christian Loge, fordert mit allem Nachdrucke die gerichtliche Verfolgung der gesetzlich Verantwortlichen und stellt an die Regierung das dringende Ersuchen, allen diesfalls in Betracht kommenden behördlichen Stellen die strengste Weisung zu erteilen, in Hinkunft allen gegen die Religion und die Ehre des Judentums gerichteten Angriffen sofort mit aller Strenge des Gesetzes entgegenzutreten. Der Schutt der Saarjaden, Der Präsident des Komitees für den Schutz der Rechte der Juden in Mittel- und Osteuropa, der Senator und frühere Gesundheitsminister Justin Godart, überreichte dem französischen Pjjeimierm|nister: Fl and in, der Ehrenpräsident des Komitees ist, ein Memorandum, in welchem die Lag© der jüdischen Bevölkerung an der Saar dargefegt und voller Schutz ohne zeitliche Begrenzung für diese Juden gefordert wird. In dem Memorandum wird die französische Regierung ferner ersucht, den Flüchtlingen aus dem Saarland Arbeitserlaubnis in dem Umfang zu gewähren, in dem Franzosen in von deutschen Flüchtlingen in Frankreich errichteten Betrieben beschäftigt sind. Schätzungsweise sind 8000 Franzosen in solchen Betrieben tätig. DIE WAHRHEIT Die Pogrom-Liste. Die einzige unter Nazi-Redaktion erschienene Nummer von „W e s 11 a n d" — die Zeitung ging bekanntlich als Folge irreführender Machenschaften in die. _ Hände von Goebbels-Emissären über — veröffentlichte, wie mitgeteilt, eine Liste saarländischer Juden, die angeblich Gelder für die Status quo-Bewegung gegeben hätten. Der Verband der Synagogen gemeinden des Saargebietes veröffentlicht nun eine Erklärung, in der u. a. festgestellt wird: „. . . Die Liste ist inzwischen als das entlarvt, als was sie von jedem Eingeweihten von vornherein erkannt werden mußte: als eine plumpe und gewissenlose Fälschung. Mau hat an Hand eines veralteten Telephonbuches jüdisch klingende Namen in kleineren Orten des Saargebietes abgeschrieben und hat;. sie mit willkürlichen Summen ergänzt Längst Verstorbene werden aufgeführt, und auch Firmen, die inzwischen den Inhaber gewechselt haben. Unter den angeblichen „Spendern" befinden sich absolut Vermögenslose. Zum großen Teil sind auch die' Adressen veraltet. . . . Das Verzeichnis bezweckt nichts anderes, als eine Gruppe wehrloser Menschen dem wildesten Terror auszuliefern. . . . Wir wollen der Liste ganz deutlich den Namen geben, den sie schon von anderer Seite erhalten hat: P o g r o m 1 i s t e. Sie hat zur Folge gehabt, daß eine Reihe von jüdischen Geschäftsinhabern telephonische, mündliche und schriftliche Boykott-Androhungen entgegennehmen mußten. . . . Wir .erheben im Namen der Gerechtigkeit und Menschlichkeitfeierlichen Protest gegen Methoden, die mit einem fairen politischen Kampf nichts mehr gemeiUit! haben." _ Anschläge auf Synagogen. Wie die Polnische Telegraphen-Agentur aus, Wilna meldet, wurden im Zusammenhang mit einem Bombenanschlag, der am 9. November auf die S y n a g o g e in der Poplawecstraße zu Wilna verübt wurde, zwei Männer namens Jan Bobrawiczew und Eduard Leawka, sowie weitere vier der Mitschuld verdächtige Personen verhaftet. Die Bombe, die am Freitag nachmittags gelegt worden war, sollte während des Gottesdienstes zur Explosion kommen, entlud sich jedoch schon früher, bevor sich die Andäch-. tigen einfanden, so daß nurSachschaden entstand. Nach eingehenden Erhebungen ist es der Züricher'Kantonspolizei gelungen, die Burschen zu ermitteln, die in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch voriger Woche am unteren Eingang der Synagoge an der Freigutstraße in Zürich I eine Petarde zur .Explosiong.e- . Ü r a c h t hatten,- wodurch .einige"'Fensterscheiben ,a zertrümmert und sonstiger Schaden angerichtet worden waren. Verhaftet wurden ein 19jähriger Handlanger, ein löjähriger Bursche und ein 20jähriger Kommis. Sie erklärten, der Nationalen Front anzugehören und am gleichen Abend an der Fröntenversammlung in der Stadthalle teilgenommen zu haben. Sie haben wegen böswilliger Eigentumsbeschädigung zum Nachteil der jüdischen Kultusgemeinde Strafe zu gewärtigen. Der „Weltantisemitismus". Die in München erscheinende Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung", die schon seit vielen Jahren zu den Verkündern des Rassenantisemitismus und Bahnbrechern des Nationalsozialismus gehörte, bringt - in ihrem letzten Heft eine Zuschrift über den „Weltantisemitismus". Die Zuschrift knüpft an einen schon vor längerer Zeit von Dr. E. CarJebach in der Wärschauer jiddischen Zeitung „Hajnt" geschriebenen Artikel an. Dort werde die Befürchtung vor der Gründung einer Fünften Internationale, die von antij ü dischen Elementen geleitet werde, geäußert, also die Befürchtung von der antisemitischlen Internationale. Dr. Carlebach übertreibe „die dem Judentum unmittelbar drohende Gefahr seitens der Fünften Internationale, es ist aber unzweifelhaft, daß die Juden Grund zur Befürchtung haben", so sagt die antisemitische Münchner Zeitschrift Sie erklärte weiter: „Nicht nur in Europa wird die Verstärkung der feindseligen Haltung bemerkbar; dieselben Symptome häufen sich in Amerika und insbesondere un-; ter den Mohammedanern. Der Ausdruck Antise-v mitismus verführt dazu, zu vergessen, daß die Juden'* gar keine reinen Semiten sind, und daß ihre erbittertsten Feinde vomEuphrat bis zum Atlantischen Ozean gerade die reinsten und zahlreichsten Vertreter der semitischen Rasse sind: die Araber... Einen erheblichen Anteil an der Bewegung des Antisemitismus (in den französi-' sehen nordafrikanichen Kolonien und Schutzgebieten) hat die Hitlerbewegung gehabt, was man auch in den meisten Städten Nordafrikas feststellen konnte... Schmerzlicher als alles andere ist für das Weitjudentum die veränderte Lage in Genf. Dank ihrer Arroganz und der gefährlichen kommunistischen Propaganda dort ist es dem interessanten Volk gelungen, auch in der Schweiz die antisemitische Stimmung eheblich zu stärken . . ." Vorlesung trnst S>eutsdk $onnta&,ie. ScxemAer. H'SO IfAc, vorm.Jllittt.JionxerttkauMssaal. — tiefte JKotix der JUA. JVuIfuvstfelle. "*333H"teB=_ - »~V< inst*