Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 50 (14.12.1934)
- Date
- 1934-12-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Apropos „Juda verrecke!" Ohne jeden Kommentar sei hier eine Meldung der Schweizer Depeschenagentur aus Basel wiedergegeben. In Basel besteht seit einiger Zeit eine kleine politische Gruppe, welche eine antisemitische Zeitung unter dem Namen „Volksbund" herausgibt Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt hat nun der Zeitung und ihren Hintermännern unter Androhung strafrechtlicher Ahndung jede gemeine Schmähung oder Verunehrung der jüdischen Rasse oder des Wir feiern heute nicht allein den Sieg der Makkabäer, die trotz ihrer zahlenmäßigen Schwäche über den mächtigen Syrer siegten und dadurch den Weiterbestand der Judenlieit ermöglicht haben, sondern weit mehr noch den Sieg der Wahrheit über Verleumdung, der freien Willensbildung über Knechtschaft und Versklavung. Denn was der Syrer, gewollt war nichts Geringeres als die Vernichtung der bewährten jüdischen Sittenlehre zugunsten des römischen Heidentums imd der syrischen Sittenlosigkeit und Gleichschaltung. Es war ein Kampf, der an Heroismus seinesgleichen sucht und der uns den Glauben an den einzigen Gott gerettet hat. Düstere Wolken zogen über einen großen Teil der Menschheit herauf, als der Syrer das Judentum ausrotten wollte. Da galt es nun, das göttliche Sittengesetz vor Rückfall, Sittenlosigkeit und Unverschämtheit zu retten. Und nur daraus, daß die Makkabäer so sittlich hochstehende Menschen waren, ist es zu erklären, daß sie mit solcher Hddenhaftigkeilt und Unverzagtheit diesen Kampf geführt haben. Nichtigkeiten vermögen niemals zu solcher Aufopferungsfähigkeit anzueifem. Für uns Juden aber ist dieses Fest zum Symbol geworden. Denn immer wieder, wenn Verleumdung, Gehässigkeät und Schmähung unserer Ehre zu verunglimpfen suchten — und diese Bosheiten wiederholten sich ja leider nicht selten —, -waren uns die Makkabäer strahlende Vorbilder, Mahner dafür, furchtlos zu kämpfen, ja wenn's nötig ist, selbst das Leben zu opfern. Galt es doch der Wahrheit zu dienen. Was hat man uns nicht alles andichten wollen, um uns nur zu schmähen und zu verlästern. Es war kein Mittel zu schlecht, das man nicht hervorholte, um den Haß gegen uns zu schüren. Mit Artist und Skrupellosigkeit son- Feuilleton Glauben und Wissen. Aus einem Vortrag von Dr. Max Orunwali (Fortsetzung.) Was Maimonides' Philosophie gelehrt hat, sollen in knappen Zügen etwa die folgenden Sätze wiedergeben: Glauben und Wissen sind keine Gegensätze, sie können es nicht sein, da es nur eine Wahrheit gibt, gleichviel, ob sie aus der Bibel oder durch die Vernunft zu uns redet Dort, wo der Wortlaut der Bibel der Vernunft zu widersprechen scheint, muß man vor allem daran denken, daß die Bibel sich im Ausdruck dem Verständnis der schlichten Menschen angepaßt hat, ein Ausspruch übrigens, von dem Max Müller rühmend anerkannt hat, daß er am treffendsten das Wesen der Sprache kennzeichnet, das darin besteht, sich dem Hörenden verständlich zu machen. Glauben und Wissen sind nach Maimonides keine Gegensätze: denn Glaube ist ihm nicht ein leeres Bekenntnis der Lippen, sondern eine Ueberzeugung. Eine Ueberzeugung läßt sich aber nur durch gründliches Nachdenken gewinnen. Darum stellt auch die Bibel an die Spitze unserer Pflichten das Streben. Gott zu erkennen. Der Glaube an Gott ist somit ein deutliches Wissen von ihm. Können wir denn aber Gott erkennen? Wie läßt sich vor allem das Dasein Gottes mit Vernunftgründen dartun? Die Bibel setzt es als gegeben voraus. Bis zu Immanuel Kant hat man das Dasein Gottes zu beweisen versucht, indem man sagte: Jede Wirkung weist auf eine Ursache hin, die ihrerseits wiederum nur Wirkung einer anderen Ursache ist. Diese Kette von Ursachen und Wirkungen muß. doch von einer ersten Ursache ihren Anfang genommen haben und diese erste Ursache nennt der Theologe „Gott". Gegen diese Beweisführung hat Kant geltend gemacht: Das Gesetz, daß jede Wirkung verursacht sein muß, leiten wir aus unserer Erfahrung mit den vorhandenen endlichen Dingen ab. Die Kraft dieses Argumentes versagt somit, sowie wir _den Bereich der Endlichkeit überschreiten und die irdische Erfahrung auf das Unendliche, auf Gott, anwenden wollen. Was beweist nun nach Maimonides das Dasein Gottes? Es ist das uns angeborene sittliche Ideal und jüdischen Glaubens verboten. Unter dieses Verbot fallen insbesondere der öffentliche Gebrauch der Verwünschung „Juda verrecke", die öffentliche Verbreitung des Anwurfes, daß die Juden zu ritualen Zwecken Menschen töten, die öffentliche Aufforderung, sich des Verkehres mit Juden als etwas Entehrendem zu enthalten, jede gemeine Verspottung oder böswillige Verunehrung der Gegenstände, die von Juden aus religiösen Gründen verehrt werden oder ihrem Kultus dienen. dergleichen suchte man unsere Ehre, unsere Heiligtümer, unsern Lebensnerv zu vernichten. Erst jetzt wieder suchte einer unter dem wissenschaftlich so schön verbrämten Vorwande einer Sichiung und psychologischen Klärung des geschichtlichen Materials über den Ritualmord*) uns unmöglich zu machen. Da erwachte aber der, Gott ^ei Dank, in uns noch immer lodernde Geist der Makkabäer, um unsere Ehre und das kostbare Erbe der Väter zu verteidigen. Wir Juden sind nicht kampfsüchtig, wir gestehen offen, daß wir 5h Kriegen nicht das Ideal der Menschheit erblicken, obschon wir unsere Pflichten im Kriege stets gewissenhaft erfülltem und auch weiterhin erfülen werden, aber wenn man uns dazu zwingt, dann verstehen wir auch, unsere Ehre zu verteidigen. Denn wir haben genau so wie alle anderen Menschen eini© Ehre und wir haben darüber hinaus noch ein kostbares Erbe zu verteidigen, ohne welches die heutige Kulturwelt überhaupt nicht entstanden wäre. Auch wir haben ein Sitengesetz, das jüdische Sittengesetz, das sich sehen lassen kann. Das weiß man. Denn sonst hätte man doch Unsere Bibel schon längst verbrennen lassen müssen. Doch Verleumdungsgeist ist nicht verlegen und glaubt uns dadurch tödlich zu treffen, daß er einen Unterschied zwischen Israeliten und Judaisten herauszuarbeiten sucht An diesen Judaisten wird kein' gutes Haar gelassen. Was Bosheit und Gehässigkeit an Gift nur zu^verspritzen. vermag, wird gegen uns angewendet Wir kennen keine Buße, natürlich, unser Neujahrs- und Versöhnüngsfest sind wohl nur orgüastische Feste; wir haben kein Rechtfertägungsbedürfnis, obschon wir drei- *) Christian Loge: Gibt es jüdische Ritualmorde? Graz, 1934. ———■ i — das uns von Natur eigene Streben danach, etwas, was nicht dem Menschen allein eigen ist sondern alles, was ist. von den Metallen, den Pflanzen, den Tieren aufwärts bis zu den reinen Geistern, den ganz immateriellen Intelligenzen, die in der Bibel „Engel" genannt werden, alle diese Wesenheiten stellen eine Stufenleiter von Lebenskreisen, von „Sphären" dar, wie die griechischen Philosophen sagten. Die oberste Sphäre hat von Gott die vollkommenste Vorstellung, mit der notwendigerweise das vollkommenste Streben nach Gottes Aehnlichkeit verbunden ist Die anderen, tieferen Sphären ringen noch nach dieser „Nähe Gottes", wie der Psalmist es nennt Je mehr sie das Materielle überwinden, je mehr sie sich in das große Weltgesetz einordnen, das für den Menschen sich als Sittengesetz darstellt desto näher kommen sie Gott, desto mehr nehmen sie an seinem ewigen Leben teil. Dieses das große Weltall beherrschende Streben, der Reigen der Sphären, wie ihn Dante besingt, ist nach Maimonides der Grund aller Bewegung in der Welt, wie des sittlichen Strebens des Menschen, und der sicherste Vernunftbeweis für das Dasein Gottes. Und damit ist zugleich die Grenze gezogen für unsere Erkenntnis Gottes. Gott ist für den Menschen das sittliche Ideal. Außer diesem einen Urteil über das göttliche Wesen können wir von Gott positiv gar nichts aussagen. Höchstens können wir negieren, daß ihm irgendeine Unvollkommenheit irgendein Mangel anhaftet. Hüten müssen wir uns und andere aber jedenfalls davor, biblische Ausdrücke im Sprachgebrauche, wie Gottes Ohr, Gottes Zorn, Gottes Reue wörtlich aufzufassen. Jede Analogie mit menschlicher Aehnlichkeit ist Gott fernzuhalten. Dementsprechend ist auch die Schöpfung der Welt aufzufassen. Wenn die Bibel sagt: „Gott sprach und es geschah", so ist damit unübertrefflich ausgedrückt daß in Gott Denken und Handeln nicht wie beim Menschen, zwei verschiedene Tätigkeiten, sondern nur einen Akt bedeuten. Wir dürfen zum leichteren Verständnis vielleicht an eine logische Schlußfigur denken. Wenn a gleich b und b gleich c, so folgt daraus und ist bereits unausgesprochen darin enthalten der Schlußsatz a gleich c. Die Prämissen a gleich b und b gleich c bestehen aber an und für sich selbständig. In diesem Sinne etwa läßt sich auch von einem selbständigen, von dem Dasein der Welt unabhängigen Dasein Gottes reden. In dem gleichen Sinne erklärt Maimonides ferner das, was der Theologe die göttliche Vorsehung nennt Je stärker der Mensch sein geistiges mal täglich das in unseren Gebetbüchern stehende und jedem: zugängliche sechste Pflichtgebet: Verzeih uns unser Vater, denn wir haben gesündigt usw., verrichten. Wir sind nur dem Fleisch nach, auserwählt, wir streben die Weltherrschaft an und wir dulden, daß bei von uns gekannten Sekten — nebenbei bemerkt, ein schwerer geschichtlicher Irrtum, denn wir kennen nur eine Sekte des Judentums, die Karäer, aber diese wurden selbst im zaristischen Rußland mit ähnlichen Rechten wie die Russen selbst ausgezeichnet — der Ritualmord noch geübt wird. Nun, es soll wahrlich keine Ueberhebung sein, wenni ich sage, es wird wenige Menschen geben, die sich so ernst mit den religiösen Parteien der Judenheit wie ich beschäftigt hätten. Aber mir ist keine „Sekte" bekannt, welche den Mord und gar den Rituähnord nicht aufs schärfste verurteilen würde. Aber es ist eben die bequemste Art auszukneifen, indem man auf unbekannte Täter hinweist. Man kennt diese Taschenspielerstückchen. So werden uns Vergehungen angelastet, die wir niemals begangen haben und auch nicht begehen. Welches Maß von Heuchelei gehört demnach dazu, uns aufzufordern, unsern Adelsstolz abzulegen und das Geheimnis des Vorhandenseins des Ritualmordes bei gewissen Sekten (!) preiszugeben. Wie können wir etwas angeben, was es überhaupt nicht gibt? Da aber sagt man uns, hat es nicht in alter Zeit Menschen unter euch gegeben, die ihre Söhne durchs Feuer führten, und haben nicht eure Propheten oft genug gegen den Molochdienst geeifert? Wer aber diese Stellen liest, wird sofort sehen, daß, wer Götzenkult geübt hat, gleichsam als ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Judenheit galt. „Wer Götzen opfert, soll dem Banne verfallen" (Exod. 2219)*), der hatte keine Gemeinschaft mehr mit uns, geschweige denn, daß wir aus seinen Umtaten religiöse Sühne erwerben konnten oder gar wollten. Wahrlich nur unverantwortlicher Bosheit blieb es vorbehalten, nach den flammenden Protesten der Propheten] gegen jeden Götzendienst behaupten, zu wollen, in der Judenheit gab es Ritualmorde; die als Sühne und aus Rachsucht verübt worden sind. Wer das behauptet, stellt sich bewußt in Gegensatz zur Wahrheit . Und wa&.soll man dazu sagen,-wenn-allen Ernstes behauptet wird, die Lehren der Rabbinen, der Talmud, rechtfertigen den Mord an Nichtjuden *) Götzendienst war der einzige Grund, aus dem über einen Israeliten der Bann verhängt worden ist. Vgl. Baentsch, Exodus, Görtingen, 1903, Seite 201, zu Exod. 22,19. Vgl. auch Lev. 20,2ff., Deut 12,30f und 18,10. Sein entwickelt um so höher erhebt er sich über den bunten Wechsel des Entstehens und Vergehens, um so fester gliedert er sich der ewigen, unverbrüchlichen Gesetzmäßigkeit an, desto inniger nimmt er am ewigen Leben der Gottheit teil, oder, wie Maimonides es ausdrückt: k'fi schiur ssekel kol baal ssekel tihjeh haschgacha bo „Je nach dem Geistesgrade eines geistigen Wesens waltet darin die göttliche Vorsehung". Was vom theologischen Standpunkt aus als eine Vorsehung erscheint stellt sich bei dem philosophischen Gesichtspunkt als idealer Selbsterhaltungstrieb dar, der sich in geistig-sittlicher Erhebung äußert. Mangel an geistigsittlicher Energie und damit verbundene Abkehr von Gott ist das, was die Bibel als „Sünde" bzeichnet. Wie die Tugend in sich selbst ihren Lohn findet so straft die sündige Seele sich selbst, indem sie dem Wechsel alles Irdischen, der Vernichtung anheimfällt Für die gottsuchende aufstrebende Seele ist der Tod keine Vernichtung, sondern durch das Abstreifen irdischer Schranken gerade ein Fortschritt auf dem Wege des einzelnen Menschen zu Selbstvervollkommnung im Jenseits; im olam hab-ba, wie es der Theologe nennt Hiervon zu unterscheiden ist der Fortschritt der gesamten Menschheit Hier auf Erden bis zu dem idealen Zustande und das ist das athid labo, das messianische Zeitalter.; Das Jenseits besteht schon jetzt für die einzelne Meif-T schenseele. Dte messianische Zeit gehört der Zukunft an, als Ziel der gesamten Menschheit Den Weg zu diesem Ziele bezeichnet die Bibel mit dem Worte Zedakah. Der Mensch nämlich, dessen sittliches Bewußtsein einmal die Enge der eigenen Einzel* persönlichkeit überwunden hat und im allumfassenden Mitfühlen verankert ist, der wird nicht mehr selbstische Zwecke verfolgen. Nur das allgemeine Beste wird er erstreben, er wird, .um mit Kant zu reden, so handeln, daß die Maxime seines Wollens Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte, er übt, Zedakah so drückt es die Bibel mit einem einzigen Worte aus, er übt ein Wort das bald mit Gerechtigkeit und bald mit Wohltätigkeit zu übersetzen ist. Es bedeutet nämlich den Ausgleich zwischen den Ansprüchen des Einzelnen an die Allgemeinheit und den Anforderungen, mit denen die Allgemeinheit an das Einzelindividuum herantritt Hieraus ergibt sich als das Ziel der Menschheit eine Zeit in der alle Menschen von dieser Gesinnung der Zedakah erfüllt sind, eine Zeit die das jüdische Schrifttum als die messianische, als das athid labo bezeichnet, (Fortsetzung folgt.) ■BBBBBBBSBBBBBBBSBBaBBBBBBSBBSBBBBBBBBBBBSBBBBBBBBBBBBBBBBSBBBBBBBBBBBBBBBBBBSSBBBSBBBBBBSBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBSBBBBBlBBBBBBBBBBBBBBBI Verleumdungen. Predigt, gehalten am Sabbath Hanukka (8. Dezember 1934) im israelitischen Tempel zu Graz. Von D. Herzog.