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Die Wahrheit · 1934-12-14 · Heft 50 (14.12.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 50 (14.12.1934)
Date
1934-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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FJK» w Preis dieser Nummer 40 Groscfceo Jüdische Die IDanrneit In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration; Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 Nummer 50 50. Jahrgang Wien, 14. Dezember 1934 „Friede auf Erden — Juda verredte!" Das Fest der Menschenverbrüderung, der Nächstenliebe und der Eintracht, zu dem in diesen Tagen die Christenheit rüstet, scheint heuer unter einem, besonders günstigen Stern zu stehen. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird die Erhaltung des europäischen Friedens nicht bloß als zage Hoffnung, sondern als glänzende Erfüllung den Feiernden unter den Weihnachtsbaum gelegt. Aus Genf kommt ihnen verheißungsvollste Kunde: Die Lösung des Saarproblems ist in friedliche Bahnen zu lenken geglückt und für den ungarisch-jugoslawischen Konflikt wurde eine Kompromißformel gefunden, auf Grund derer die beiden Staaten die Arena mit dem schönen Gefühl verlassen dürfen, daß die so bösartig angelassene Affäre „ohne Sieger und ohne Besiegte" endet. Und diese Klärung des in den letzten Wochen vom südöstlichen Wetterwinkel unseres Erdteils her mit besonders drohenden Wolken verhängt gewesenen politischen Horizonts ist so erfreulich, daß die Verzweiflung der zur unfreiwilligen Auswanderung aus Jugoslawien gezwungenen ungarischen Staatsbürger und der in Ungarn lebenden Ausländer oder gar erst die für die Zukunft — im Falle eines Hitlersieges bei der Saarabstimmung — unvermeidliche Sorge einer neuen Emigrationswelle aus deutschem Gebiete die allgemeine/Genugtuung über die vor ganz kurzer Zeit noch fraglich gewesene Vermeidung kriegerischer Verwicklungen nur wenig beeinträchtigen kann. Auch die Nörgler, die ja niemals fehlen und jetzt auf die schwer zu leugnende Tatsache hinweisen, daß bei all diesen Ausweisungen hauptsächlich harmlose Elemente zum Handkuß kommen, können die tiefgehende Friedenssehnsucht nicht beeinträchtigen. Haben sich mit ihr doch sogar die reichsdeutschen Nationalsozialisten abgefunden! Sie, die noch vor gar nicht langer Zeit als die eigentlichen Gefährder des europäischen Friedens galten, schicken jetzt den Reichsminister Rudolf Heß, den Stellvertreter des Reichsführers Hitler, nach Frankreich, um sich der dortigen Kriegsteilnehmer-Organisation als — Friedensfreund vorzustellen. Er ist der Verfasser eines poetischen „Morgengrußes an Frankreich", in dem er die „grausige Schönheit" einer Beschießung französischer Forts durch Deutsche schildert, der sich aber zum Vortrag auf seiner bevorstehenden Reise schlecht eignet. Heß trainiert daher schon fleißig für seine neue, ihm noch ungewohnte Aufgabe als Friedensapostel. So hielt er in Bochum eine Rede, in der er erklärte: „Ich glaube nicht, daß es verantwortungsbewußte Politiker gibt, die zu einem Kriege treiben. Aber es gibt Interessenten, am Mißtrauen der Völker, das sind Emigranten, die nur das Ziel haben: Rache zu nehmen an den Völkern, die sie ausgestoßen haben." Diese, letzte Wendung der Rede Heß' ist so zu verstehen, .daß der Stellvertreter des Reichsführers die -ü.-. jüdischen Emigranten als „Kriegsanstifter" hinzustellen bestrebt ist. Durch diese unsinnige Verleumdung wird die zitierte Rede so recht ein symbolischer Ausdruck der heurigen Weihnachtsparole: Friede allen Menschen auf Erden — mit Ausnahme der Juden. Der Krieg gegen diese dauert fort und darf auch durch alle sonstigen Friedensbestrebungen nicht beeinträchtigt werden. Die politischen Regelungen der letzten Wochen sind, wenn auch wahrscheinlich nicht mit Absicht, so doch im Effekt in diesem Geiste gehalten. Um gleich die wichtigste ins Auge zu fassen: Die Regelung der Saar-Angelegenheit, die den nationalen und religiösen Minderheiten für den Fall des Rückfalls der Saar an Deutschland (in diesen Belangen kommen einzig und allein die Juden in Betracht) die Gleichberechtigung und den Schutz vor Diskrimination nur für e i n J ä h r zubilligt, wobei dieser „Schutz" von Deutschland ausgehen soll, ist im Völkerbundrat einmütig zum Beschluß erhoben worden. Wie dem JTA-Vertreter in Rom aus maßgebender Quelle mitgeteilt wird, ist dieser Beschluß nicht leichtherzig gefaßt worden. Es war versucht worden, Deutschland zu dem Zugeständnis zu bewegen, den Minderheiten, d. h. den Juden, Dauerrechte zu gewähren, Deutschland ließ sich aber nicht umstimmen; irnr Gegenteil, es. wollte sogar den einjährigen Schlitz eifiiJg und allein den „angestammten jüdischen Einwohnern", nicht aber den aus Deutschland zugewanderten oder im Ausland geborenen Juden gewähren. Schließlich kam man überein, daß Schutz vor Diskrimination für einjährige Dauer allen jenen Juden gewährt sein soll, die mindestens seit drei Jahren im Saargebiet wohnen. Diejenigen Juden, auch deutsche Staatsbürger, die kurz vor oder die nach Uebernahme der Macht durch Hitler in das Saarland eingewandert sind, werden keinerlei Schutz genießen. Als Resultat dieser Regelung bleibt also nur die Schlußfolgerung, die der Präsident der Regierungskommission des Saarlandes, Herr K n o x, in seinem der „Haag'schen Post" gegebenen Interview gezogen hat: „Die Juden im Saarland gehen einer düsteren Zukunft entgegen." Charakteristisch bei dieser, wie schon bei vielen früheren Gelegenheiten war die Taktik der deutschen Regierung, in ihren Verhandlungen mit den Auslandsmächten in vielem nachzugeben, nur nicht in der Judenfrage, ja sich etwas auf der anderen Seite kosten zu lassen, nur um in der Judenpolitik Siegerin zu bleiben. Diese Taktik ist um so merkwürdiger, als es durchaus nicht etwa der ungestüme Volkswüle ist, der sie der Regierung aufdrängt. Es liegen vielmehr aus Deutschland genug Symptome vor, daß die Mehrheit der Bevölkerung die intransigente Judenpolitik der Führung gar nicht billigt. In Braunschweig wurden vor jüdischen Warenhäusern Boykottwachen aufgestellt, jedoch auf Einschreiten des Reichsbankpräsidenten Schacht wieder eingezogen. Kaum waren diese Posten weg, strömte das Publikum in hellen Scharen in die betreffenden Warenhäuser . . . Auch in der Furtwängler-Affäre hat es nicht an sehr deutlichen Kundgebungen der Konzertbesucher gefehlt, die eine demonstrative Distanzierung des Publikums von der Haltung der Regierung zum Ausdruck brachten. Doch die Nationalsozialisten wissen sich zu helfen. Da sie bei den Erwachsenen keine Sympathie finden, registrieren sie in der Presse die Triumphe, die sie bei der Schuljugend feiern. Die „Fränkische Tageszeitung" vom 2. Dezember veröffentlicht den Bericht eines Lehrers, der in der 1. Klasse einer Nürnberger Schule unterrichtet. Unter anderem geht der Bericht auch auf die Be- Rasiere Dich gut und billig SOesferreldilsciics aoantäfc-rofirttaf Ueberau erhältlich handlung der Judenfrage im Unterricht ein. Es werden Fragen und Antworten wiedergegeben, die zu diesem Thema vorgekommen sind. So wird berichtet, daß ein Kind sagt: „Die Juden sind Lumpen!" „Wieso . . .?" „Ja, neulich hat meine Mutter beim Juden einen Stoff gekauft, das war lauter Glump und ist gleich hingewesen." „Und ich war einmal beim Judendoktor und jetzt tut mir mein Zahn wieder weh!" Wohingegen Patienten, die sich von einem nationalsozialistischen Arzt behandeln lassen, sehr bald kein Zahn mehr weh tut . . . Daß der Lehrer dann die Kinder dazu anhält, ihre Verwandten zu denunzieren, die noch bei Juden einkaufen, vervollständigt das Sittenbild des Schulunterrichts im Dritten Reiche .. . In Oesterreich liegen die Verhältnisse gerade umgekehrt. Hier verkündet die Regierung immer wieder die Gleichberechtigung aller Konfessionen, aber subversive Elemente aus der Bevölkerung inaugurieren mit Gewalt eine antisemitische Propaganda, die unser Land vor der gesamten Kulturwelt bloßstellt So ließ der „Antisemitenbund" des Dr. Jerzabek Flugzettel mit folgendem Inhalt in Wien zirkulieren: Weihnachteil! Kein Fest des Jahres ist so christlich und deutsch wie das Weihnachtsfest. Keine Zeit verpflichtet uns aber auch mehr, uns daran zu erinnern, daß wir Christen und Deutsche sind, denn der Heiland ist nicht darum in die Welt gekommen, daß der Jude mit seinem Namen Geschäfte mache. Zur Weihnachtszeit diene uns Ariern der alte Wahlspruch: Christen, kauft nur bei Christen! Die Gaben für den Weihnachtstisch nur vom arischen Kaufmann! Christus hat bekanntlich gesagt: „Das Heil kommt von den Juden!", was nicht gerade als Aufforderung zum Boykott jüdischer Geschäfte gedeutet werden kann. Aber das kümmert den Dr. Jerzabek nicht. Er macht mit dem Namen des Zimmermannssohnes aus Nazareth seine politischen Geschäfte. Denn er weiß besser als dieser selbst, wozu er in die Welt gekommen ist. Daher behalten die diversen Jerzabeks immer Recht gegenüber dem Stifter ihrer Religion. Verkündet dieser die Botschaft: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!", dann protestiert der Antisenütenbund: „Auf Wohlgefallen haben nur arische Christen Anspruch — Juda verrecke!"

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