Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 49 (7.12.1934)
- Date
- 1934-12-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Chanukafeier der „Union". Auch im heurigen Jahre veranstaltete die JUnion österreichischer Juden" in den Festsälen des Handelsmuseums eine solenne Chanuka-Feier. Die von der „Union" durchgeführten Veranstaltungen dieser Art genießen seit langem schon im jüdischen Wien große Beliebtheit und Zugkraft. Alle Besucher der heurigen Feier waren sich aber darüber einig, daß so gelungen schon lange keine Wiener jüdische gesellschaftliche Veranstaltung gewesen ist Die überaus zahlreichen Festgäste waren tief ergriffen von der Würdigkeit der religiösen Feier, begeistert von der Gediegenheit der erstklassigen Akademie, die geboten wurde, und blieben in froher Stimmung bis zum späten Ende des Festes, das eine Tanzunterhaltung beschloß. Eingeleitet wurde die schöne Feier durch das Lichteranzünden, das Oberkantor S. Postolow mit herrlichem Gesänge vornahm. Dann hielt der Vizepräsident der „Union", Dr. Josef Ticho, die Festrede, in der er die Frage auf warf, ob es in diesen ernsten Zeiten angebracht sei, frohe Feste zu feiern. Er bejahte für das heutige Fest diese Frage, denn wir feiern es in Erinnerung an die tapferen Helden, die für ihren Glauben in den Kampf gezogen sind, und schöpfen aus ihrem erhabenem Beispiele Mut und Eifer, für diesen Glauben, der das Judentum seit Jahrtausenden erhalten, selbst mit Hingebung einzutreten. Lebhafter Beifall folgte diesen geistreichen Ausführungen. Die Akademie, die von dem künstlerischen Leiter des Abends, Sekretär Oskar Hirschfeld, konferiert wurde, stand, wie gesagt, auf besonders hohem Niveau. Raumgründe veranlassen uns, die mitwirkenden Künstler nur mit einem Pauschallob zu bedenken, jeder einzelne von ihnen verdient eigentlich ein Speziallob für die hervorragende Leistung, die er geboten. Wir müssen uns darauf beschränken, mit Befriedigung festzustellen, daß stürmischen Applaus errangen: Prof. Otto Schulhof mit seinen meisterhaften Klaviervorträgen, Käthe von Gut mann, begleitet von Frau Fricka Hutterer-Hoffmann, mit ihren ergreifenden melodramatischen Rezitationen, Lotte Reig, begleitet von Dr. Leonhard Deutsch, mit ihren schönen Gesangsvorträgen, die entzückende» Taaber-Buben mit ihren humoristischen Darbietungen, Fritzi Merley, ebenfalls begleitet von Dr. L. Deutsch, mit ihren prächtigen Koloraturvorträgen und das lustige Boheme-Quartett, mit dessen Vorträgen die schöne Akademie ihren Abschluß fand, worauf der Tanz zu den Klängen der ausgezeichneten Jazzkapelle Dr. Schwarz in seine Rechte trat. Dem Feste wohnte ein zahlreiches Publikum aus den besten unionistischen Kreisen bei. Als Ehrengäste sah man Oberrabbiner Dr. I. Taglicht (Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang hatte sein Fernbleiben entschuldigt), Rabbiner Dr. A. Frankfurter, Reg.-Rat G. Fuchsgelb und vom Bund jüdischer Frontsoldaten Bundesführer Hauptmann Edler von Friedmann in Begleitung der Herren Dr. Lamberg und Winzer. Um das Zustandekommen des schönen Festes und sein überaus gutes Gelingen hatten sich ein Komitee unter Leitung der Herren Eduard Widrich, Nathan Po Hak und Sekretär Oskar Hirschfeld, sowie der Ausschuß der Jugend- Union mit Obmann Dr. Egon S p i e 1 m a n n an der Spitze eifrig bemüht; der sehr schöne Erfolg belohnte ihr hingebungsvolles Bestreben. Starken Zuspruch fand das von Damen der unionistischen Gesellschaft beigestellte Büfett, das unter der Leitung der Damen Dr. Feldsberg, Hirschfeld sen. und jun., Porjes, Postolow, Weiger und W i d r i c h stand. Io dieser Woche fanden im jüdischen Wien allerorts Chanuka-Feiern statt, die trotz des Ernstes der Zeiten einen sehr schönen Verlauf nahmen und bei denen sich trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation unserer Gemeinschaft der Wohltätigkeitssinn derselben in fast noch größerem Maße alsin früheren Jahren manifestierte: Wir werden über diese Feiern, von denen schon, heute als besonders gelungen die des Merores-Waiis-enhause«, das zugleich sein 30jähriges Jubiläum feierte, der K inderb ewah ran st alt, des Pazmanitentempels und der Versorgrungsanstalt lobend hervorgehoben seien,, in: unserer nächsten Nummer summarisch berichten; Mitteilungen, die für diesen Bericht bestimmt sind; müssen bis Dienstag, den 11. & ML, inunserem Besitze sein. ^■■MBH^HBHBB^HHHai^HHni Der „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" veranstaltet am Samstag, den 8. Dezember 1934, um 20 Uhr, im Großen Musikvereinssaale, L, Bösendorferstraße 12, eine Chanukafeier mit nachfolgendem Programm: Hymne des B. J. F. (Uraufführung). Worte von Alfred Winzer. Musik von Dr. Kurt Pahlen. Vorgetragen vom jüdischen Gesangverein unter Mitwirkung des Bundesorchesters. Dirigent: BundeskapelLmeister Dr. Kurt Pahlen. Begrüßung: Bundesführerstellvertreter Oblt. i. R. Ernst Stiassny. Zünden der Chanukakerzen, Gesang: Oberkantor S. Weiß. „Moaus zur jeschuossi", vorgetragen vom jüdischen Gesangverein (Dirigent: Israel Brandmann) und Bundesorchester. Festrede: Bundesführer: Hptm. a. D. Siegmund Edler v. Friedmann. Jakob Feldhammer: „OWanuka", Dichtung von Alfred Winzer. Pause. Bundesorchester: (Dirigent: Bundeskapellmeister Dr. Kurt Pahlen): Ouvertüre zu Ruy Blas von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Leo V a 1 b e r g: Das Lied vom wandernden Volke. (Mit Orchesterbegleitung.) Worte von Paul S i e g n e r, Musik von Leo V a 1 b e r g. Jakob Feldhammer: „Menorah" von Theodor Herzl. Albert Feller: Jüdische Lieder. Am Flügel: Robert W. Spitz. Fredy Wang: Violinvirtuose. Am Flügel: Hilde Wang. Bundesorchester: „An der schönen blauen Donau." Walzer von Johann Strauß. Änfiochus Epiphanes und der „Lindenkeller". Eine merkwürdige Zusammenstellung. Was hat der alte Antiochus Epiphanes mit dem zwar auch recht alten, aber doch nicht so historischen „Lindenkeller" zu tun? Und doch finden sie sich auf einem Blatt, wenn auch nicht auf einem Blatt der Weltgeschichte. Man nehme nur die Chanuka-Nummer der „Stimme" zur Hand. Im Leitartikel schwelgt der Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Oskar Grün bäum, über den Makkabäergeist, der für ihn natürlich nur ein nationaler ist. Man braucht nicht sehr lange zu lesen, um die erwähnte Zusammenstellung vor Augen zu bekommen. Denn schon in der ersten Spalte dieses Leitartikels wird Klage.darüber geführt, daß Antiochus Epiphanes den Tempel , entweihte", " indem er Schweine auf dem heiligen Altar opfern ließ. Wenige Zeilen später findet sich als Abschluß der ersten Spalte dieser ersten Seite einer jüdischen Zeitung das Inserat des „Lindenkellers", in dem für Samstag frisches Gansei mit Ritschert angepriesen wird. Eines Kommentars bedarf diese Zusammenstellung wohl nicht. Herr und Trau WifQefm Totö danken herzlichst für die anläßlich ihrer Vermählung bewiesene freundliche Teilnahme. Ein mysteriöser Fall. Der bekannte Königsherger jüdische Arzt und Schriftsteller Sanitätsrat Dr. Simon S c h e r b e I in Lissa, Ostpreußen, ist an seinem 76. Geburtstage, als er von einem Krankenbesuch in seine Wohnung zurückkehrte, von unerkannt gebliebenen Personen so schwer mißhandelt worden, daß er kurz darauf seinen Verletzungen erlag. Die Zeitungen stellen die Sache so dar, als ob Scherbel von E i n br e c h e r n, die sich in seine Wohnung geschlichen haben, erschlagen wurde. Der Fall liegt aber durchaus nicht so klar, wie ihn die Zeitungen erklären. Sanitätsrat Dr. Simon Scherbel war der älteste Sohn des einst sehr populären Predigers und jüdischen Volksdichters Moritz Scherbel, der gteSehfafls in Lissa geboren war. Dr. Simon Scherbel ließ sich bereits mit 24 Jahren in seiner Vaterstadt als Arzt nieder und entfaltete neben seinem- Berufe eine rege schriftstellerische Tätigkeit In den letzten Jahren bereitete er sein Werk „Berühmte jüdische Aerzte der Neuzeit" vor. Bisner erschienen von ihm „Jüdische Aerzte und ihn Einfluß aufdas Judentum", „Ehen zwischen- Blutsverwandten" undeinet Reihe populär-medizinischer Schriften. Er war Vorsitzender des Repräsentantenkollegiüms der Jüdischen Gemeinde und' Kurator desjüdischen- Kranken- und Siechenhauses in Lissa: Z. T. A. ' tV GROSSFLEISCHHAUEREI tIEGK KORNMEHL SMHflMVMMBHIMMHHMHMMB - WIEN IXsf BEMOASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHJUNQMSfRASSE »7 . Telepboo Nr. A 17-349 and A 1S-9-34 Uvterant für Hallaiutaltan; AbteilungeiKürKoscherfleisch Mater Aufsteht «es ehr«. Rabbinates aar : ter. KullMoemaiad« Vten. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich ' Prhna-Qualität zu den billigsten Marktpreis« Helfet den jüdischen Arbeitslosen! Die jüdische Oeffentlichkeit muß endlich wissen- und zur Kenntnis nehmen, daß jüdische Menschen seit Jahren arbeitslos sind, weder sich noch ihre Angehörigen ernähren können, im Zuge der trostlosen Zeit physisch und psychisch zugrunde gehen, von quälender ■ Verzweiflung zermürbt werden und nur um Arbeit bitten. Lawinenartig wächst die Zahl der Arbeitslosen, denn die jüdischen Unternehmer geben ihre schlechtgehenden Geschäfte ganz oder zeitweise auf und trete» nebst den abgebauten Arbeitnehmern nicht nur allein, sondern auch mit ihren bisnun von ihnen erhaltenen Familienangehörigen als Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt auf. Dazu kommt, daß mangels an Mitteln der Großteil der in Betracht kommenden jüdischen Jugend nicht mehr höhere Schulen, sondern Arbeitsstätten aufsucht. Handwerker, Handelsangestellte, Chauffeure, Anstreicher,. Stricker, Chemiker, Installateure, Apotheker, Konfektionäre sowie Akademiker melden sich täglich im Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, L, Kohlmessergasse 4, und erklären sich bereit, jede Stelle, und sei es als Diener und Hilfsarbeiter anzunehmen. Es ist schon schwer, die Schilderungen von Not und Elend anzuhören, aber noch schwerer ist es, dieses furchtbare Leiden selbst mitzumachen: Alles im Versatzamt, immer vor der Delogierungsangst infolge- Nichtbezahlung des Mietzinses, Kinder in unbeheizterr Wohnungen, kranke und hungernde Familienangehörige,, kein Groschen für Kohle, ärztliche Hilfe fast unmöglich usw. Viele lehnen es ab, der öffentlichen Fürsorge zur Last fallen zu müssen. Sie wollen arbeiten und etwasins Verdienen bringen, um ihre noch so spärlichen. Bedürfnisse zu decken. Zwei Erscheinungen sind besorgniserregend und auffallend: erstens die Zahl des Wiener Jüdischen bürgerlichen Standes unter den. Arbeitssuchenden und zweitens die des hochqualifizierten Menschenmaterials. Es kommen nicht nur abgebaute Bankbeamte in Betracht, sondern nebst zugrunde gegangenen Kaufleuten auch hochgebildete Angestellte mit langjähriger Praxis, die mehrere Sprachen beherrschen und sämtliche Büroarbeiten verrichten können. Und doch wirkt sich die mit der längeren Dienstzeit im Zusammenhang stehende Qualifikation verhängnisvoll aus, denn der neue Arbeitgeber kann, bzw. will den höheren Kollektivlohn samt den entsprechenden sozialen Abgaben nicht auf sich nehmen. Es ist auch symptomatisch, daß aus ähnlichen Gründen männliche Angestellte leider bedeutend weniger als weibliche angefordert werden. Man neigt oft zur Ansicht, daß die Umschichtung: das Problem der Arbeitslosigkeit ganz oder teilweise lösen könnte, allein bei näherer ernster Betrachtung der Tatsachen wird man zur Ueberzeugung gelangen müssen, daß im Hinblick auf die gegenwärtigen Verhältnisse: das Schwergewicht des Problems der jüdischen Arbeitslosigkeit nicht in der Umschichtung,, sondern in der Einschichtung, d. h. in der Einordnung in den Arbeits- und Wirtschaftsprozeß liegt, zumal wir auch genügend gelernie manuelle beschäftigungslose Arbeitskräfte haben. Arbeitgeber, erfasset den Ernst der Zeit, fördert die Arbeitsbeschaffungsaktion zugunsten der Arbeitslosen und fordert den Bedarf an Angestellten und Arbeitern beim Jüdischen Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien!„ Kohünessergasse 4*. Tel U 27-0-65, an. Dr. A. Schmerler. Hilferuf des Hilfsvereines der jüdischen Bünden^ II., Rembrandtstraße 18, Telephon A 47-2-77, Postsparkassenkonto 133.213: Jüdische Fifauen und Männer! Nahezu 150 jüdische Blinde sind heute mehr denn je auf Eure gütige Hilfe angewiesen. Der Winter mit allen seinen Härten verschärft das ohnehin schon schwere Los der Bedauernswerten um ein Bedeutendes. Die Lage ist trostlos. LTrii diese- Aermsteri der Armen vor der Verzollung zu schützen,- erlaubt sich» die Vereinsleitung, um* Geld- und; Kleiderspenden ganzergebenst zu- Bitten; Tüchtige- Musiklehrer,- Klavierstimmer, Sesselflechtef und Bürstenmacher sind? auch: unter unseren-Blinden, welche um Arbeit bittenI" Predigt. Samstag-, den-8.. d..M-, hält Dr. Mi: Pa'trom im Kleinen „Tempel; IL, Tempelgassfr 3, eines Predigt. Beginn» des-Gottesdienstes ff Uhr.-