Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 49 (7.12.1934)
- Date
- 1934-12-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sfitte* DIE WAHRHEIT Assimilation und bürgerliche Gleichberechtigung. Die Bukarester Tageszeitung „A. B. C." hat die folgende Rundfrage über das Judenproblem veranstaltet, die u. a. auch von dem Präsidenten der Union rumänischer Juden Dr. W. Filderman beantwortet wurde: 1. Sind Sie für oder gegen die Assimilation der jüdischen Bevölkerung des Landes an die herrschende rumänische Nation? Ist diese Assimilation möglich und zu verwirklichen? Von welchen Prämissen gehen Sie aus? — 2. Bildet die jüdische Bevölkerung des Landes eine Religionsgemeinschaft oder stellt sie eine ethnisch nationale Minderheit dar? — 3. Haben die rumänischen Juden nach ihrer vollzogenen Einbürgerung noch andere Forderungen? Welche sind diese? — Die vierte Frage bezog sich auf interne rumänische Verhältnisse, wie die Frage der Teilnahme der Juden am Parteileben, die Bildung eigener Organisationen usw. In Beantwortung der ersten Frage führt Dr. Filderman aus: „Ich bin für die politische Assimilation der jüdischen Bevölkerung Rumäniens an die rumänische Nation, d. h. für die absolute, selbstlose und bedingungslose Identifizierung mit allen Interessen des rumänischen Staates und Volkes. Diese Assimilation ist möglich und durchführbar. Dagegen bin ich gegen die stupide Assimilation derjenigen, die „A s s i m i 1 a t i o n", unter der man in der Wissenschaft „Anpassung" versteht, mit „U n t e r g a n g", für den die Wissenschaft die Bezeichnung „Absorption" hat, verwechseln; gegen die Assimilation derjenigen, die vor sich selbst ihre stolze Herkunft von einem Volke verleugnen, das schon in seiner Kindheit Gott gefunden hat, die ihren Glauben verleugnen, jenen Glauben, der alle zivilisierten Religionen hervorbrachte und für alle Zeit die Grundlage aller Religionen zivilisierter Völker bleiben wird. Die zweite Frage beantwortet Dr. Filderman folgenderlaßen: „Die jüdische Bevölkerung des Landes bildet ohne Zweifel eine religiöse. Minderheit, denn die Religion, zu der sie sich bekennt, ist die einer zahlenmäßigen Minderheit; sie bildet auch eine ethnische Minderheit, da es bei wissenschaftlicher Betrachtungsweise über jeder Diskussion steht, daß ihre Abstammung eine andere ist als die der Mehrheitsbevölkerung. Die Internationale Unparteiische Konferenz für Boykott Hitler-Deutschlands hat beschlossen, daß die zentrale Boykott-Leitung ihren Hauptsitz in London haben solle; dieser Leitung sind die Boykott-Zentralen in den anderen Ländern unterstellt. Die von der Konferenz eingesetzten Ausschüsse haben in einer gemeinsamen Tagung einen Präsidenten, drei Vizepräsidenten, ein Direktorium und einen Exekutivrat gewählt; diese Körperschaften werden die Leitung der Bewegung bis zur nächsten Konferenz inne haben. Zum Präsidenten wurde einmütig Samuel Untermyer gewählt. Die feierliche Schlußsitzung der Konferenz fand in der Form einer öffentlichen Kundgebung in der Central Hall zu Westminster, zu der sich mehr als 3000 Personen "eingefunden hatten, statt. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Sämtliche Anwesende erhoben sich von den Sitzen und gaben das Gelöbnis ab, den Boykott so lange lückenlos zu halten, bis die deutsche Regierung die bürgerlichen Rechte und die volle Freiheit des Glaubens aller Bürger und Einwohner Deutschlands wiederhergestellt hat Die Konferenz faßte unter begeisterter Zustimmung aller Anwesenden eine Resolution, die besagt: Die in der Central Hall stattfindende Massenkundgebung von Angehörigen aller Rassen, Glaubensbekenntnisse und politischen Richtungen begrüßt auf das wärmste die Bildung des „World Non-Sectarian Anti-Nazi Council to Champion Human Rights" (Unparteiischer Anti-Nazi-Weltrat zur Verfechtung der Menschenrechte^ und gelobt, der Arbeit zum Boykott Hitler-Deutschlands jede mögliche Unterstützung angedeihen zu lassen. Die von der Zuhörerschaft lebhaft akklamierten Redner Morrison, Untermyer, Dr. Gaster, Hutchinson und Guedalla erklärten, es sei die un- Ich kann jedoch nicht verstehen, daß sich auf diese Feststellung ein Recht des Mehrheitsvolkes, den Juden die restlose Gleichstellung zu verweigern, stützen kann, noch auch ein Recht des Minderheitsvolkes, anderes als diese restlose Gleichstellung zu fordern; denn die Formel, auf der der Staat sich aufbaut, lautet: Rechte für Pflichten; daher können Abstammung und Glaubensbekenntnis von Einwohnern des Landes ein rechtliches Kriterium weder für die Ausübung von Rechten noch für die Erfüllung von Pflichten sein." Zur dritten Frage bemerkt Dr. Filderman: „Die jüdische Bevölkerung hat noch Forderungen. Sie lassen sich in dem einen Worte „Gleichheit" zusammenfassen. Tatsächliche und rechtliche Gleichheit, Gleichheit der Rechte und Gleichheit der Pflichten. Von dieser Forderung leiten sich mit Notwendigkeit alle übrigen ab. — Im Anschluß daran formulierte Dr. Filderman diese Forderungen, die sich insbesondere auf eine der staatlichen Subventionierung der übrigen Religionsgemeinschaften entsprechende Subventionierung der jüdischen Religionsgemeinschaft für ihre kulturellen Aufgaben beziehen, eine Forderung, die, obwohl als berechtigt anerkannt, bisher noch immer unerfüllt geblieben ist. „Weit entfernt davon", so schließt Dr. Filderman, „den Interessen des Staates schädlich zu sein, kann die Erfüllung der Forderungen der Juden nur zur Konsolidierung des rumänischen Staates beitragen, denn immer und überall hat jeglicher Keim der Unzufriedenheit bei einer Gruppe von Staatsbürgern zu Wirren geführt." Als Instrument für die Durchsetzung der jüdischen Forderungen empfiehlt Dr. Filderman eine außerhalb des allgemeinen politischen Kampfes stehende Organisation, wie es die Union der rumänischen Juden ist, nicht aber eine eigene jüdische Partei. Aufgabe einer solchen jüdischen Selbstschutzorganisation sei die dauernde Bekundung der vollen Solidarität der jüdischen Bevölkerung in ihren Forderungen an die Regierung und die Aufklärung des rumänischen Volkes über den wahren Schutz seiner eigenen Interessen. abweisbare Pflicht jedes Freundes der Freiheit, deutsche Waren und Dienste strikte zurückzuweisen. Der konsequente Wirtschaftsboykott sei die einzige wirksame Methode, um die deutsche Regierung zu zwingen, die FreUieit des Menschen wieder herzustellen. Beschlüsse des jüdischen Arbeitsausschusses. Das Jewish Working Committee (Jüdischer Arbeits-Ausschuß), das sich im Rahmen der Londoner! Konferenz zur Führung der Arbeit in der jüdischen Sphäre gebildet hat, faßte die folgende Entschließung: Es wird unverzüglich an die B i 1 d u n g e i n e r all weltlichen jüdischen Boykott-Organisation geschritten, die sich, unter voller Ausnutzung der ihr, von der Internationalen Unparteiischen Weltorganisation für Boykott deutscher Waren und Dienste gebotenen Möglichkeiten, der Durchführung der Werbearbeit und der Organisierung des Boykotts unter der jüdischen Bevölkerung überall in der Welt widmet. Stellenmarkt. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien I., Kohlmessergasse 4, Tel: U 27-0-65, sucht dringend: a) Stellen für Kontoristen, Buchhalter, Handelshilfsarbeiter, Geschäftsdiener, Packer, Inkassanten, Verkäuter und Auslagenarrangeure, b) Arbeit für gewerbliche Fachkräfte aller Art (darunter auch Installateure, Bauingenieure, Schneider, Schuster) sowie ungelernte Arbeiter, c) handwerkliche Lehrstellen für Knaben und Mädchen. litdiktate Jede kaufmännische, wissenschaftliche und literarische Maschinschreibarbett in fachgemässer Ausführung. Uebersetzungen, Korrekturenlesen, Drudcreifmachung. Abschrift schwer leserlicher Manuskripte. Maschinsdireib- und Uebersetzungsbüro „ATHENE", Wien V., Nikolsdorfergasse 7, Telephon B 28-3-44 Judenhetze an der Saar. Außerordentliches Aufsehen über das Saarland hinaus hat vor kurzem die Tatsache erregt, daß die bisher für den Status quo eingetretene entschieden demokratische Wochenschrift „Westland" von getarnten Nazis unter Vorspiegelung falscher Tatsachen vom bisherigen Besitzer angekauft und in eine den Nazi-Interessen dienende Zeitung verwandelt wurde. Wie es heißt, konnten die neuen Besitzer die Zeitung, von der die bisherige Leserschaft abfiel, nicht halten, so daß diese in Konkurs gegangen ist Die einzige Nummer, die unter der neuen Nazi-Redaktion erschienen war, betrieb eine gefährliche Judenhetze, indem sie die jüdische Minderheit an der Saar als den Träger des Status quo-Qedankens hingestellt und zum Beweis dafür eine gefälschte Liste von Personen, die angeblich Geld für die Front des Status quo gespendet hätten, veröffentlicht hat, die sehr viele Namen saarländischer Juden enthält. Dazu schrieb das Blatt: „Die meisten (von den in der Liste angegebenen Personen) waren von vornherein gar nicht in der Lage, gemäß ihrer Gesinnung für Deutschland einzutreffen. Den Deutschen an der Saar sind diese Zeitgenossen (gemeint sind die Juden. Die Red.) im allgemeinen bekannt... Wtir veröffentlichen aus der Liste die Namen der Anhänger des Status quo, die in einigen Orten des Saargebietes wohnen... Man wird wahrscheinlich über die Summen, aber nicht über die Namen erstaunt sein, woraus sich ergibt, daß die betreffenden Zeitgenossen wie bisher ohne Gefahr unter uns leben können." Dazu bemerkt die „Deutsche Freiheit": „Hier handelt es sich um eine nicht einmal versteckte Aufforderung zum Pogrom. Denn man kann diese Worte nicht anders verstehen, als daß im Falle der Rückgliederung die Zeitgenossen, das heißt die Juden, insbesondere die, deren Namen im Blatte veröffentlicht worden sind, nicht mehr .ohne Gefahr im Saargebiet' leben können. Wenn man dazu den Leitartikel dieses Schmutzblattes liest, der den Titel .Hände hoch' trägt, wenn man dort in bezug auf die Juden liest: .Wir rufen dem entgegen: Hände hoch, hier wird nicht einfach eine eilige Flucht nach Vorbach, Straßburg oder Metz angetreten', so kann man an dem Sinn der oben zitierten Pogrom-Drohung nicht mehr zweifeln. ... Wir sind also schon so weit gekommen, daß hier an der Saar, vor den Augen des Völkerbundes,' und trotz aller Verordnungen der Regierungskommission, ungestraft eine Pogrom-Hetze inszeniert, die jüdische Minderheit offen nach dem Vorbild von Streicher diffamiert und das Wahlgeheimnis gebrochen werden kann . . Diese Pogromhetze beweist aber auch, wie wenig von den nun so feierlich abgegebenen deutschen Versprechungen zu halten ist, im Falle der Rückgliederung des Saarlandes an Deutschland die Gegner des Nationalismus unbehelligt zu lassen. Die Botschaft hört man wohl.. Der vom Danziger Volkstag als Nachfolger des zurückgetretenen Senatspräsidenten Rauschning zum Regierungschef gewählte bisherige Vizepräsident des Senats Arthur Greiser gab im Volkslag die Erklärung ab, die Regierung werde die Danziger Einwohner und Fremden ohne Rücksicht auf deren Rasse und Religion behandeln. Diese Erklärung könnte — falls ihr auch entsprechende Taten folgen werden — eine grundlegende Aenderung in der Behandlung der Danziger Juden herbeiführen, die bisher unter einer ganzen Reihe von Maßnahmen wie Boykott, mangelndem Ehrenschutz usw. schwer zu leiden hatten." Allerdings ist es mit Erklärungen allein nicht getan, denn auch der jetzt zurückgetretene Präsident Dr. Rauschning, der vor einem halben Jahre der jüdischen Bevölkerung die gleiche) Behandlung versprochen hatte, hat es nicht vermocht, die unzähligen Fälle des Boykotts, der offiziell geduldet wird, zu bekämpfen. Insbesondere ist es die Partei, die sich an die offiziellen Weisungen nur wenig kehrt und bei jeder Gelegenheit gegen die Juden zu Felde zieht. -JÜDISCHE KULTURSTELLE (Kunststelle) IL, Aspernbrückengasse 2. R 48-2-91. Zweigstelle: VI., Loquaiplatz 11 (B 20-0-81). IX., Währingerstraße 48 (A 14-400). Büro: 9—17 Uhr, Samstag 9—13 Uhr. Den Mitgliedern stehen bedeutend ermäßigte Karten für alle Theater Wiens zur Verfügung. Konzerte: Poldi Mildner, 10. Dezember M. K. S., Erica Morini, 11. Dezember, G. K. S. Vorlesung: Ernst Deutsch, 16. Dezember, M. K. S. Führung: 2. Führung durch das Kunsthistorische Museum. Leitung: Hugo Friedländer. Treffpunkt: Sonntag, 9. Dezember, 9 Uhr 15 beim Haupteingang" Musikkurse der Jüdischen Kulturstelle, Wien IL, Kl. Sperlgasse 2 b. Anmeldungen, Wien IL, Aspernbrückengasse 2 von 9 bis 5 Uhr. Die Londoner Boykott-Konferenz.