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Die Wahrheit · 1934-11-30 · Heft 48 (30.11.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 48 (30.11.1934)
Date
1934-11-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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SAMSTAG, DEN 1. DEZEMBER 1934, IN ALLEN FESTSÄLEN DES HANDELSMUSEUMS, IX., BERGGASSE 16 Chanuka-Feier der „ Union" Religiöse Feier: Liditeranzünäen: OBERKANTOR S. POSTOLOW, Müllnertempel Festrede- DR. JOSEF T1CH0, Vizepräsident der Isr. Kultusgemeinde Erstklassige Akademie Ende 2 Uhr früh EINTRITT S 2.50 Kartenverkaufsstellen: Sekretariat der „UNION", Tanz Festkleidung JUGENDKARTE S 2.— IX., Berggasse 4, Tel. A 19-2-77, Redaktion „DIE WAHRHEIT; IL, Heinestraße 13, Tel. R 46-2-16, bei den Mitgliedern des Komitees und an der Abendkassa Um pünktliches Erscheinen wird gebeten. Einlaß für Zuspätkommende nur während der Vortragspausen Massenversammlung der „Union". Der „Protokoll"-Prozeß in Bern ruht Die Verschleppungstaktik der angeklagten Nationalsozialisten hat seine Unterbrechung ermöglicht, ihrem Sachverständigen wurde eine Frist zur Erteilung seines Gutachtens gegeben, so daß erst in einiger Zeit mit der hoffentlich erfolgreichen Beendigung des Prozesses zu rechnen ist. Nicht aber ruht das gewaltige Interesse der Judenschaft für diesen Prozeß, der für sie und ihre Ehrenrettung von eminenter Bedeutung ist Dieses lebhafte Interesse kam auch in einer in der Vorwoche abgehaltenen Versammlung der „Union österreichischer Juden" zum Ausdruck, seines Referates aus: Der Berner Prozeß ist von eminenter Bedeutung für das gesamte Judentum. Wohl haben wir nicht die Hoffnung, daß gehässige Antisemiten durch den Ausgang dieses Prozesses belehrt oder bekehrt werden. Gehässige sind eben unbelehrbar, sie werden den Standpunkt einnehmen, den mancher Antisemit schon zum Ausdruck gebracht hat, daß, selbst wenn die „Protokolle" gefälscht sind, sie wahr sein müssen, weil die Juden so sind, wie sie in den „Protokollen" geschildert werden. Diese Menschen sind nicht zu überzeugen. Aber die Bedeutung des Prozesses liegt darin, daß einmal klargestellt wird, daß die Juden nicht vogelfrei sind und daß, wer das ganze Judentum beleidigt den Wahrheitsbeweis für seine verin der Vizepräsident Dr. J. Ticho ein erschöpfendes Referat über den Prozeß und seine Hintergründe erstattete. Die Leser unseres Blattes kennen aus imleumderischen Behauptungen erbringen muß. In die- Versammlung, wiederholten Veröffentlichungen den Sachmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmammmmmmmm„ sem Sinne müssen wir den Schweizer Juden vom Herzen dankbar sein für die Mühe, die sie sich mit der Aufrollung dieses Prozesses gaben, der klar und deutlich jedermann, der sehen will, die Fälschung zeigt. Mit dem Gefühle der Dankbarkeit für diese jüdische ^Großtat verbinden wir die Hoffnung, daß der fundamentalen Arbeit, die die Schweizer Juden im Interesse des Gesamtjudentums geleistet haben, der Erfolg beschieden sein wird. In Bern wird hoffentlich der Beweis dafür erbracht werden, daß die Beleidigung der Judenheit und ihres erhabenen Schrifttums nicht ungeahndet bleibt, dieses Schrifttums, das auf Grundsätzen einer Ethik basiert, die in allen monotheistischen Religionen ihre Anerkennung gefunden hat. Vizepräsident Dr. Karl Steiner schloß mit herzlichen Dankesworten an den Referenten, dessen spannende Ausführungen-mit lautem Beifall aufgenommen wurden, die eindrucksvoll verlaufene Seren___________ verhalt, der diesem Sensationsprozeß zugrunde liegt Dr. Ticho schilderte diesen Sachverhalt der gespannt seinen fesselnden Ausführungen folgenden gewaltigen Zuhörermenge wie ein Gerichtssaalberichterstatter, der der interessanten Verhandlung vom Anfang an beigewohnt hatte. Er erklärte zunächst die Anklageschrift, die auf Betreiben des um die jüdische Sache so hochverdienten Schweizer Israelitischen Gemeindebundes entstanden war, berichtete, daß die erste Verhandlung zwecks Einholung eines Sachverständigengutachtens vertagt worden ist und daß die nunmehr abgeführte Verhandlung der Anhörung der von den Klägern geführten wichtigen Zeugen und der Einvernahme des vom Gerichte bestellten Sachverständigen" C. A. Loosli und des von Klägern beigestelltem Sachverständigen Prof. Baumgarten diente, während der für die angeklagten Antisemiten ausersehene Sachver-, ständige Pastor Münchmeyer durch die deutsche Reichspost „nicht auffindbar" war, so daßals sein Ersatz ein neuer Sachverständiger beigestellt werden mußte, dessen Gutachten erst in der in absehbarer Zeit stattfindenden Fortsetzung der Verhandlung gehört werden wird. Dr. Ticho charakterisierte in verständnisvoller Weise die vorliegenden Gutachten der beiden bereits einvernommenen Sachverständigen und die Aussagen der wichtigsten Zeugen. Nach diesen Aussagen ist das, was jedermann schon früher vollkommen klar war, restlos erhärtet: Die „Protokolle" sind eine ganz gemeine Fälschung, im zaristischen Rußland zu dem Zwecke ausgearbeitet, um die Wut der durch die Willkürherrschaft bedrückten Volksmassen auf den beliebten jüdischen Prügelknaben abzulenken. Dr. Ticho zeigte die verschiedenen Phasen auf, die diese Fälschung durchgemacht hat er sprach von ihren Quellen, der deutschen sowohl — dem im Jahre 1866 erschienenen Kolportageroman von Goedsche „Biarritz" — als auch der französischen — den „Dialogen" von Joly, aus welcher politischen Streitschrift die Fälscher einfach abgeschrieben und nur statt Napoleon III. immer entsprechend die angeblichen jüdischen Weltverschwörer eingesetzt haben. Schon diese beiden Quellen beweisen die Absurdität der Behauptung der Antisemiten, daß die „Protokolle" identisch seien mit den Verhandlungsprotokollen des 1. Zionistenkongresses, aber auch andere Umstände beweisen diese infame Lüge. In Rußland waren die „Protokolle" schon einige Jahre vor dem Zionistenkongreß in einer reaktionären Zeitung zu lesen, der Zionistenkongreß, der nur wenige Tage dauerte, hatte bedeutend weniger Sitzungen, als seine angeblichen „Protokolle" behaupteten, den besten Beweis aber lieferten die Teilnehmer des Kongresses, die unter Eid aussagten, was in Wirklichkeit in Basel verhandelt worden ist und worüber die Verhandlungsberichte in aller Oeffentlichkeit aufliegen. Dr. Ticho befaßte sich noch kursorisch mit dem phantastischen Inhalt der „Protokolle", aus denen er besonders absurde Stücke anführte. Unter lebhafter Zustimmung der zahlreichen Versammlung .führte der Referent am Schlüsse Die Londoner Boykottkonferenz. Am Montag, den 26. November, begann in London die liinternationale und überparteiliche Konferenz für Boykott der Waren und der Dienste Nazi-Deutschlands bei Teilnahme von Abordnungen aus zahlreichen Ländern, Vertreter des Waad Leumi (Naticmalrat als exekutives Organ der organisierten Judlenschaft im Palästina) und der Union den Zlionisten-Reviistonistten, unter Shnen der Präsident der Union Wladimir Jabotinsky, beiwohnten. Der Führer der amerikanischen Delegation, der zum Präsidenten der internationalen Boykottweltkonferenz ausersehen war, Samuel Untermyer, teilte d?r Jüdischen Telegraphen- Agentur vor Beginn der* Konferenz mit: Zu der internationalen und unparteiischen Konferenz sind Delegierte aus fast allen Enden .der Welt aus Nord- und Südamierika, aus Aegypten, aus Südafrika, aus Großbritannien und den Dominions, aus vielen europäischen Ländern, Repräsentanten aller Rassen und Glaubensbekenntnissie, in London! eingetroffen. Ziel der Konferenz ist es, den bereits bestehendem Weltboykott gegen deutsche Waren und Dienste fester zu organisieren, ihn zu erweitern und zu intensivieren, die Leitung zu zentralisieren und die verschiedenen Boykott-Tätigkeiten zu koordinieren. Der uns bisher zuteil gewordene Erfolg gibt uns die Ueberzeugung, daß unsere Aktion die Billigung der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt gefunden hat. Wir erwarten aber von einer solchen Weltaktion, sobald sie auf einer gut durchorganisierten und strikte unparteiischen Basis aufgebaut ist noch bedeutend mehr Erfolge. Die christlichen Kirchen und die organisierte Arbeiterschaft in der ganzen Welt sind durch die Vorgänge in Deutschland vielleicht noch tiefer betroffen als die Juden; sie sehen in der Arbeit und in den Zielen der Nazis einen Vernichtungskrieg gegen die Zivilisation. Unbeschadet der fanatischen und hartnäckigen Anstrengungen des deutschen Propaganda-Ministeriums, die Boykottbewegung als eine jüdische Sache hinzustellen, geht es hier keineswegs um eine nur jüdische Frage; dies beweist schon der Umstand, daß ich das einzige jüdische Mitglied der großen amerikanischen Delegation bin, ausgenommen Frau .Mark Harris, die aber in der unparteüschen Frauenbewegung arbeitet. Der mit mir in London eingetroffene Dr. Paul Hutchinson,- Vorsizender der Chicagoer Boykott-Liga, nimmt in der protestantischen Kirche Amerikas eine sehr hohe Position ein, er ist Herausgeber des „Christian Century", der bedeutendsten protestantischen Publikation in Amerika. Der ebenfalls in London anwesende Hon. H. M. B e a m i s h aus Philadelphia, früher Staatssekretär von Pennsylvania, ist einer der ersten Katholiken! Amerikas. Ich habe gebeten, fuhr S. Untermyer fort, mich nicht zum Vorsätzende-n der Wel tkonferenz zu wählen; ich bin1 Jude, und ich möchte nicht daß diese Tatsache von den Nazis ausgeschlachtet wird, um diese Konferenz fälschlich zu einer jüdischen zu stempeln. Nein, diese Konf erenz ist nicht jüdisch, sie ist eine spontane Erhebung der gesamten Zivilisation gegen den Versuch, die Arbeit von Jahrhunderten: zunichte zu machen. (Nach einer letzten Londoner Meldung hat der Kongreß, über den noch berichtet werden wird, beschlossen die jüdischen Boykottkomitees, um jeden Verdacht zu beseitigen, aufzulösen und sie der allgemeinen Leitung zu unterstellen. D. Red.) Zu den amerikanischen Führern unserer Bewegung gehören Männer wie Oberst Theodore R o o s e v e 11, Botschafter a. D. James W. G e rrard, dler Bürgermeister von New York F. La Guardia, der frühere Kronanwalt der Vereinigtem Staaten James M. Beck, Oswald Garrison Villard, George Gordon Battie u. a. Wir werden, schloß Untermyer, auf der Konferenz Informationen aus den verschiedensten Ländern austauschen und definitive Pläne ausarbeiten für eine zentrale Körperschaft, die in einem der Länder Sitz haben und in enger Berührung mit den Organisationen der verschiedenen Länder stehen wird. Wir gehen nicht auf Sensationen und auf theoretische Beschlußfassungen aus, unsere Konferenz wird durch streng sachliche Arbeit charakterisiert sein. » . Vorkonferenz der jüdischen Sektion Im Rahmen der gegenwärtig in London tagenden Internationalen Unparteiischen Konferenz für Boykott der Waren und Dienste Hitler-Deutschlands fand unter dem Vorsitz des Chachams der englischen Sephardischen Gemeinde, Dr. Moses G a s t e r, eine Sonderkonferenz der jüdischen Delegierten aus den verschiedenen Ländern und Erdteilen statt. Dr. Gaster führte aus, der Boykott-Gedanke habe wie ein Funke die zivilisierte Welt ergriffen und auch das Judentum habe die ihm seitens der Hitler-Regierung ins Gesicht geschleuderte Beleidigung als eine Herausforderung zu neuer Solidarität empfundea Wir erhoben uns, um unsere Ehre, unsere Würde und unser Menschentum zu verteidigen, und haben der Welt gezeigt, daß keine noch so mächtige Nation es wagen darf, uns wie Heloten oder Sklaven zu behandeln. Wir führen keinen Krieg, wir verteidigen uns nur; wir können nicht schweigend mitansehen, wie versucht wird, die Geschichte ins Mittelalter zurückzuschrauben. Samuel Untermyer, Präsident der amerikanischen Anti-Nazi League, erklärte: Wenn auch die Juden das erste Opfer des Hitler-Regimes in Deutschland geworden sind, so ist die Boykott-Aktion keine jüdische. In Amerika sind alle Elemente der zivilisierten FESTSAAL IM INDUSTRIEHAUS Wien I., Schwarzenbergplatz 4 Mittwoch, den 5. Dezember 1934, um 8 Uhr abends JÜDISCHER LIEDERABEND Josef Feuer, der bekannte Interpret des jüdischen Volksliedes, Chanukah-Lichtzünden unter Mitwirkung des Männerchors des Jüdischen Gesangvereines.Leitung Israel Brandmann — Hebräische Volkslieder. Am Klavier: Gideon May. Karten Im Vorverkauf bei JB-. dlsche Kunststelle II., Aspernbrückengasse 2, Buchhandlung Moses Rath, II., TaborstraBe 20, Kaufhaus Brüder Schlffmann II., TaborstraBe 48

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