Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 47 (23.11.1934)
- Date
- 1934-11-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064549--19988-3085185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Seit»5 Braune Kuriosa. Ir=* Der „unauffindbare" Münchmeyer. Die „Frankfurter Zeitung" berichtete am 7. November: „Pfarrer Münchmeyer, der, wie erinnerlich, im Berner Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion" ursprünglich von den Beklagten als Sachverständiger in Aussicht genommen war (an dessen Stelle später aber Oberstleutnant a. D. Fleischhauer benannt wurde), hat, wie ein Nachrichtenbüro berichtet, in Eberswalde soeben seine sechstausendste Versammlung abgehalten." Obwohl Münchmeyer also in Deutschland Versammlungen am laufenden Band abhält, konnte ihn die deutsche Post nicht „auffinden", um ihm die Einladung, als Experte der Angeklagten im Berner Prozeß zu fungieren, zuzustellen. Die obenstehende Meldung bestätigt die allgemeine Ansicht, die deutsche Post habe Münchmeyer nur deshalb nicht auffinden können oder besser gesagt dürfen, weil die deutsche Regierung offenbar keine Lust hatte, sich im Ausland durch die Person des durch Sittlichkeits- und andere Affären (Borkum!) stark ramponierten Nazi-Pastors zu kompromittieren. Für den Hausgebrauch scheint Münchmeyer noch verwendbar zu sein. « Gentiemen. Eine Stunde, bevor der Berichterstatter des „Newcastle C h r o n i c 1 e" deutschen Boden verließ, hörte er eine kleine Geschichte, die in sein Bild vom Dritten Reich einen letzten seltsamen Farbton brachte. Das war in Kehl am Rhein. Die Oberprimaner des Städtischen Gymnasiums wollten nach altem Brauch das bestandene Abitur durch eine solenne Kneipe feiern. Und mieteten den großen Saal eines Restaurants. Als sie am Abend unternehmungsfroh und guter Dinge mit lustigem Gesang vor dem Lokal anmarschierten, zeigte der Primus plötzlich, indem er den Zug jäh anhielt, auf ein Schild, das im Eingang hing und besagte, daß Juden und Hunden der Zutritt verboten sei. Einer von den zwanzig Jüngens wurde bleich, biß die Zähne zusammen. Er war Jude. Als seinen Vater eine englische Grantezerriß, war er wenige Monate alt gewesen. Die Kehler Oberprimaner berieten eine Minute lang. Dann machten sie kehrt. Und suchten für ihr Fest einen anderen Saal. Der Wirt, dem die Jungens so mitspielten, war es, der dem lemglischen Zeitungsmann die Geschichte erzählte. „Aber ich werde die Bengels schon kriegen, sie werden mir für den Schaden aufkommen, das garantiere ich Ihnen. Sagen Sie selbst, hätten Sie es für möglich gehalten, daß so etwas im zweiten Jahr nach der nationalen Revo-- lutton in Deutschland geschehen könne?" Der Engländer hatte es nicht für möglich gehalten. Eben darum erzählt er dieses kleine Erlebnis als Schlußpunkt seiner Artikelserie über das Dritte Reich. Er vermeint gar, in den Reisen zweier Monate kreuz und quer durch die deutschen Gaue nicht soviel Gentiemen begegnet zu sein, wie sie sich wohl nach dieser verbürgten Historie in der Oberprima des Städtischen Gymnasium zu Kehl finden müßten . . Den wackeren Bürgern in England mag es recht simpel erscheinen, was da zu Kehl geschehen ist. Aber sie dürfen versichert sein, daß ein Mehr an jener anständigen Gesinnung, die allen anderen Völkern selbstverständlich erscheint und auch den Deutschen einmal selbstverständlich war, auf deutschen Schulen, von deutschen Oberprimanern nicht mehr zu erwarten ist Heute nicht und morgen nicht uridNange nicht. („Westland", Saarbrücken.) Streicher rüffelt die Saar. Der Gauleiter von Franken, Herr Regierungspräsident Julius Streicher, beschäftigt sich in der letzten Nummer seines „Stürmer" wieder einmal mit den Verhältnissen an der Saar. Der mächtige Mann, der Intimus des Herrn Reichsführers, schreibt: „In- Saarbrücken haben sich jüdische Emisranten in einem Schießklubzusammengefunden. Die Scheiben bestehen aus. Bildern nationalsozialistischer Führer. Es wird geschossen auf Hitler, Göring, Goebbels, Frick, Heß usw. Daß die aus Deutschland davongelaufenen Juden solches machen, kann nicht überraschen. Würden sie die Möglichkeit haben, anstatt auf Führerbildnisse auf die Führerköpfe in natura zu schießen, dann würden sie es tun. Sie sind eben Juden und tun, was ihnen der T a I m u d zu tun gebietet. Daß aber die Saarregierung des Herrn Knox einen solchen Schießklub im Saarlande duldet, können viele nicht begreifen." Wir begreifen es auch nicht Und auch wir empfehlen dem Herrn Präsidenten der Regierungskommission, sich nach der Adresse dieses Schießklubs zu erkundigen, damit er in flagranti ausgehoben wird. Juden solcher Art können gar nicht scharf genug bestraft werden, wir gehen in dieser Ansicht mit Herrn Streicher völlig konform. Bis auf einen Punkt: Die Juden könnten natürlich auf die Führer auch in natura schießen, wenn sie wollten. Aber sie wollen nicht. Sie wollen auch dann nicht, wenn Herr Streicher es wünscht und wenn er es ihnen so dringlich ans Herz legt wie hier. * » Brauner Briefkasten. Das „HakenkreuzT>anner" ist das Nationalsozialistische Kjampfblatt Nordwestbadens in Mannheim. Dort sitzen die Schriftleiter, stahlharte, in vielen Saalschlachten erprobte Kämpen. Und schreiben. Und lesen, was ihnen ihre Leser schreiben. Der „Briefkasten" schlägt nieder, was den Redakteuren die braune Galle hochtreibt. Da kam z. B. folgende Anfrage: „Kann ein Halb-Jude (Vater Christ, Mutter Jüdin) im „Hakenkreuzbanner" eine Anzeige aufgeben? Machen Sie eine Ausnahme, wenn derselbe im Feld war und das Eiserne Kreuz erster Klasse und das Eiserne Kreuz zweiter Klasse besitzt und Offizier im Felde wurde?" Die Antwort auf diese Frage ist dem Herrn Schriftleiter besonders schwer gefallen. Und er hat sie, sicherem Vernehmen nach, erst, und zwar negativ, beantwortet, nachdem er sich vergewissert hat, daß es sich nur um eine „Kleine Anzeige" handelte — von einer halben Seite an läßt sich die nationalsozialistische Presse durch die bewiesene Tapferkeit ' vor" dem Femd zu - Konzessionen bewegen. ' Ein unerhörtes Gluck widerfuhr unlängst dem Auslandsreporter einer großen Pariser Zeitung. Was unzähligen Journalisten vor ihm nicht gelungen war, hat dieser Mann ohne allzu große Mühe fertiggebracht, nämlich vom deutschen Reichsführer ein Interview zu erhalten, das denn auch die betreffende Parisei Zeitung in sensationeller Aufmachung ihren Lesern vermittelte. Es war begleitet von einer Photographie Adolf Hitlers, auf welcher dieser eigenhändig folgende Widmung geschrieben hatte: „Herrn Lucien Leumas, AdolfHitle r". Das Interview war ferner mit einem handschriftlichen Vermerk des Herrn Ribbentrop versehen, in welchem dieser die Echtheit des Interviews attestiert. Diese Chance verdankt der Pariser Journalist, wie er selbst erzählte, vor allem dem Umstand, daß der Führer beim ersten Anblick seines Interviewers „spontane Sympathie" für dessen behäbiges Aeußeres empfand. Interessant wird die Sache aber erst, wenn man die Person des Interviewers und seinen Namen unter die Lupe nimmt. Liest man den Namen des Herrn L e u m a s etwa so wie in der hebräischen Sprache von rechts nach links, so ergibt sich der geläufige alttestamentliche Name Samuel, in der Tat entstammt Herr Leumas Samuel einer bekannten jüdischen Familie in Colmar und ist in dieser Stadt, als sie noch deutsch war, zur Schule gegangen, so daß es ihm nicht schwergefallen sein muß, sich mit dem Reichskanzler fließend zu unterhalten. Man wundert sich nur, daß die deutschen Rasseforscher das doch gewiß leichte Rätsel Leumas Samuel nicht gelöst haben. Das Berliner Kulturbund-Theater wird delogiert. Die Stadt Berlin hat den Gebäudekompfex in der Charlottenstraße, zu dem das derzeit vom Kulturbund Deutscher Juden gepachtete „Berliner Theater" gehört, iflr 100.000 Mark erworben. Der ganze Gebäude- Komplex soll abgerissen werden, am die Errichtung von Großgaragen zu ermöglichen. Hierzu teilt die Intendanz des Kulturbundes Deutscher Juden mit daß der Kulturbund sowohl vertraglich wie baupolizeilich zunächst Bis zum Ablauf dieser Spielzeit das Recht hat seine Theaterauffahrungen fortzusetzen. Terra dolorosa. j Erbteil uns die Sünde wurde | Jener ersten Menschen, Die erkennen wollten. I Seither halten scharfe Wacht | Vorm Garten Eden Engel des Verderbens, 1 Daß dem Menschen Erde bleibe, f Die ihn plage. * Und sie wurde noch einmal verflucht, I Als das Blut sie trank 1 Von jenem Bruder 2 Den die Bruderhand erschlug. M Also spricht das Buch der Bücher. | * Offenbar ist es dem Schöpfer, ■ Daß nach strengem Recht allem. ff Nicht die Welt bestehen könnte. Darum danken wir 11 Für alle Gnade n Und für jeden Atemzug « Dem Herrn. B Eine Benedeiung nur | Fehlt in den Büchern: * Dank dafür, B Daß er uns schuf. jj ji Oskar Rosenzweig. » lasi=ssissBia=ats=aKB»aaHaMl Aus der braunen Hölle. Reichsinnenminister Dr. Frick führt im Leitartikel des „Völkischen Beobachters" u. a. aus: Der Boykott deutscher Waren durch unsere Feinde im Ausland wird uns nicht die geringsten Konzessionen abnötigen. Der Boykott ist ein teuflischer Plan gegen das ganze deutsche Volk, aber unsere Feinde irren, wenn sie glauben, daß er uns von unseren Zielen ablenken wird. Die deutsche Regierung ist entschlossen, gegen den Boykott Maßnahmen zu ergreifen, die uns nicht schaden, aber die Weltwirtschaftskrise verschärfen werden. * Am Schluß des Reichsbauerntages zu Goslar machte der Reichsnährminister Darr6, wie bei ihm üblich, scharfe Ausfälle gegen die Juden. Heute, sagte er. kämpfe in Deutschland nicht eine nationalsozialistische Wirtscbaftstheorie gegen eine liberalistische. sondern es stehen sich hier gegenüber der blutbedingte, aus den heimatlichen Wurzeln stammende Arbeitsbetrieb, welcher deutsch und arisch ist, und. auf der anderen Seite der vom Handel abhängige Jude, welcher die Völker beherrschen will. Es wird immer klarer, daß der in Deutschland von „oben" anbefohlene Kampf gegen Preistreiber und Hamsterer als eine antisemitische Aktion gedacht ist. In den Gerichtsurteilen gegen angebliche Preistreiber und Hamsterer wird — wo nur möglich — die Zugehörigkeit des Verurteilten zum Judentum hervorgehoben. In einer Verlautbarung der Kreisamtsleitung der NS-Hago in Dortmund heißt es, daß man bei durchgeführter Untersuchung einer Reihe von .jüdischen Warenhamsterern und Preistreibern" auf die Spur gekommen sei. In Dorrmund und Osnabrück wurden sieben jüdische Geschäftsleute wegen „Preistreiberei" verhaftet. Wie die „Frankfurter Zeitung" aus Limburg an der Lahn meldet, wurde der frühere Kassengehilfe Peter Rössel aus Montabaur, der am 19. Juni den Viebhändler Simon Isselbächer aus Isselbach mit einem Gewehrschaft derart auf den Kopf geschlagen hatte, daß er nach mehreren Tagen den erlittenen Verletzungen erlag, vom Schwurgericht wegen Alkoholmißbrauchs zu einem Jahr nnd drei Monaten Gefängnis verurteilt. Für die Anklage wegen Totschlags wurde dem Angeklagten Schuldausschließung nach § 51 (Bewußtlosigkeit oder krankhafte Störung der Geistestätigkeit des Täters) z ugebilligt. „Die Universitäten in Deutschland degradiert" Die Harvard University in Boston- Cambridge, die älteste und zugleich bedeutendste Universität der Vereinigten Staaten, hat jüngst das Angebot Dr. Ernst Hanfstaengls, des Hitler-Intimus und Auslandspressechefs der NSDAP, der von 1905 bis 1909 an der Harvard University studiert hat, ein Stipendium im Werte von 1000 Dollar in Regjstermark für einen Studenten der Universität zu stiften, um diesem für ein Jahr das Studium in München zu ermöglichen, abgelehnt. Der Präsident der Harvard University James B. Conant begründete diese Ablehnung mit der folgenden Erklärung: „Wir sind nicht gewillt, eine Stiftung anzunehmen von jemandem, der bis zur Stunde in enger Beziehung zur Führung einer politischen Partei steht, die die Universitäten in Deutschrand degradiert hat. indem sie Maßnahmen ergriff, durch die Prinzipren angetastet werden, die für unsm Amerika, sowie für die Universitäten der ganzen Welt fundamental sind." Als Hamstaengl im Frühjahr d. J. Amerika besuchte, erhob sich in den Kreisen der amerikanischen1 intellektuellen ein Sturm dagegen, daß ihm an der Harvard University ein offizieller Empfang bereitet werde. Der Empfang blieb auch aus. Frau Pease. eine Harvarde- Graduierte der gleichen Klasse, sandte im Namen vieler /