Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-11-16 · Heft 46 (16.11.1934) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 46 (16.11.1934)
Date
1934-11-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064548--19980-3085176
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 DIE WAHRHEIT Der Territorialismus im Anmarsch, Seitdem die Jewish Territorial Organisation (ITO)i die aus dem Herrschen Zionismus hervorgegangen ist und sich von diesem gelöst hat, kurz nach dem Kriege durch ihren Gründer und Vorsitzenden Israel Z a n g w i 11 aufgelöst wurde, bestanden in verschiedenen Zentren formell nicht organisierte kleine intellektuelle Gruppen von Anhängern der jüdisch-territorialistischen Idee weiter. Diese Gruppen haben in der letzten Zeit, wie ein Bericht aus Paris besagt, immer weiteren Zuwachs erhalten, so daß sie daran gingen, in mehreren großen Zentren des jüdischen Lebens „Verbände für jüdische Kolonisation" zu schaffen, die neben der Aufgabe der Verbreitung der territorialistischen Ideologie vor allem das praktische Ziel verfolgen, die jetzt wieder brennend gewordene Frage der jüdischen Emigration in territorialem Sinne zu lösen, d. h. die planlos nach verschiedenen Richtungen gehende Emigration zweckvoll in ein Gebiet zu leiten, in dem die Bedingungen für eine jüdische Massenansiedlung günstig sind. Das Zentrum der Bewegung ist heute Paris, das jetzt große Massen jüdischer Emigranten beherbergt Hier fand vor kurzem eine Beratung unter Anteilnahme von führenden Persönlichkeiten auf dem Gebiete des sozialen Aufbaus, der Emigration und der Kolonisation, wie z. B Dr. D. Lvovitch-Davidovitch, Dr. Aron Singalowsky, X. Rosin (Ben Adir), Dr. Kirschberg. Adv. Gläser. Professor Georg Bernhard, Qr. Alfred Döblin u, v. a. statt, in der nach einer eingehenden Aussprache eine „Liga für jüdische Kolonisation" gegründet wurde, die sich die Förderung einer konzentrierten Kolonisation in einem freien Territorium zur Aufgabe ger setzt hat. Zum Vorsitzenden der Liga wurde Dr. D. Lvovitch-Davidovitch gewählt Die Liga schuf bereits Verbindungen mit Gesinnungsfreunden in der Schweiz, in Deutschland, England. Polen und Amerika. Das provisorische Exekutiv-Komitee knüpfte, wie mitgeteilt wird, politische Verbindungen an, die von großer Tragweite für die Bewegung sein werden. In den nächsten Monaten wird eine Konferenz von Vertretern des Territorialismus in verschiedenen Ländern zur Festsetzung des Programms der neuen Bewegung und Wahl des Zentrums derselben abgehalten werden. In L o n d o n. wo der Territorialismus viele Anhänger hat besteht bereits ein Komitee unter der Führung des hervorragenden jüdischen Gelehrten und Politikers Chacham Dr. Moses Gast er. Dieser erklärte Vertretern der englischen Presse, er sei früher ein Gegner des Territorialismus gewesen, weil er glaubte, dieser werde der Palästina-Arbeit Abbruch tun. Heute aber, wo Palästina einen entsprechenden Teil der Emigration aufnimmt und die jüdische ökonomische und politische Lage sich katastrophal gestaltet hat, sei er überzeugter Anhänger der Idee der Schaffung eines neuen Territoriums für die emigrierenden jüdischen Massen. In Amerika ist einer der Führer der Bewegung der hervorragende Publizist Dr. Chaim Szytlowski, Vorsitzender der Arbeiterliga für den Jüdischen Weltkongreß. Diese Liga tritt für die Schaffung einer großen Pionierbewegung jüdischer Arbeitsloser zum Zwecke einer konzentrierten Kolonisation ein. In Warschau und in verschiedenen Provinzstädten bestehen bereits territorialistische Organisationen. Diese sind dabei, sich zu einem Landesverband zusammenzuschließen. Führer der Bewegung in Warschau und in Paris hielten vor kurzem eine Beratung ab. Vorsitzende waren S. Mayzner und J. Czernichow-Danieli, Hauptreferent war Professor Berkmann. Aus Paris war Dr. A. Singalowsky anwesend. Es wurde beschlossen, in Warschau die Monatsschrift „F r a j I a n d" zur Verfechtung der Ziele der Bewegung herauszugeben. In anderen Zentren werden Organe in den betreffenden europäischen Sprachen erscheinen. * Soweit die Darstellung der Pariser Meldung. Wer die Richtung und die Bestrebungen unseres Blattes verfolgt, wird es begreiflich finden, daß wir den kommenden Aufschwung des Territorialismus, d. h. der Ansiedlung von Juden in Gebieten, In denen die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen hiefür vorhanden sind, lebhaft begrüßen. Besonders bemerkenswert erscheint es uns, daß diese Ideen gerade in einer Zeit, da Palästina die materiellen und geistigen Kräfte des Judentums der Welt immer mehr absorbiert, sich zu neuem MODERNE LEIHBIBLIOTHEK ML RATH Wien, 9. Bez* Tabontnfie 20A Telephon R -43-1-5S Reichhaltige Auswahl — ALLE NEU¬ ERSCHEINUNGEN. Judalca u.Hebraica. Täglicher Umfausch. Monaisgebahr nur S 3.10 Keine Bindjebfibi. unserer Buchnandlung: Reichet« AusvehL BüilQe BOcher. Leben emporschwingen. Die Initiative der Territorialisten beweist die Richtigkeit unserer immer wieder verfochtenen These, daß Palästina an sich gewiß als ein unter s tut zun gs würdiges soziales Hilfswerk angesehen werden kann, aber von dem, was wir im jüdischen Leben „Tachles" nennen, sehr weit entfernt ist. Eine Kolonisation solcher Art zu betreiben, daß man sich um den beklemmend kleinen Lebensraum mit den Arabern auf der einen und wegen einiger Dutzend von Zertifikaten mit den Engländern auf der anderen Seite herumbalgt, daß der Boden nicht zur Verfügung steht, sondern von den gegenwärtigen Besitzern zu hohen Wucherpreisen erworben werden muß, daß dieser Kauf übrigens noch durch besondere Gesetze gehemmt wird — ein derartiges Beginnen ist trotz des gegenwärtigen, scheinbar gewaltigen Aufschwunges!, von dem wir uns aber nicht blenden lassen, letzten Endes zum Mißerfolg verurteilt. Der Auftrieb Palästinas ist nicht als ein Niederschlag seiner inneren Kräfte anzusehen, sondern als Ergebnis der chaotischen Verhältnisse in der Welt, als Folge der allenthalben Platz greifenden Unsicherheit, der man, gehetzt wie ein Wild, durch die Flucht in ein anderes, aber mit nicht weniger Problemen belastetes Land entgehen zu können glaubt. Die Blüte Palästinas beweist somit nicht, daß dieses Land gesund ist, sondern vielmehr, daß die W e 11 k r a n k ist. Bisher hat Palästina nur die Fähigkeit zum Absorbieren von Geldern gezeigt, aber noch nicht bewiesen, daß man Kapital aus ihm auch herauswirtschaften kann. Eine Kolonisation erfordert freien, d. i. herrenlosen Boden, eine klimatisch gesunde Landschaft, gute, fruchtbare Erde und vor allem ein von politischen Fesseln und Gefahren befreites Terrain. Alle diese prinzipiellen Voraussetzungen für eine gedeihliche Aufbauarbeit fehlen in Palästina vollkommen. Die Territorialisten vertreten den Standpunkt, daß das Land, nach welchem der Auswanderungsstrom geleitet werden soll, durchaus nicht traditions- und geschichtsgebunden sein muß; es ist ihnen ganz einerlei, ob eine hoffnungsvolle jüdische Aktion in Uganda, in Angola, in der Krim oder in Biro-Bidschari in \Angriff genommen wird, wenn sie nur wirtschaftliche und soziale Entwicklungsmöghchkeiten verbürgt. Vor allem aber ist es ihnen um die einzig gesunde Siedlung in den eigenen Heimatländern der Juden zu tun. Mit anderen Worten: an die Stelle sentimental-schwärmerischer Momente für die Produktivierung und Umschichtung des Judentums setzen sie real-wirtschaftliche. In dieser Zeit der harten Realitäten, die über alle Schwärmereien und schwungvollen Ideen letzten Endes die Oberhand gewinnen, darf man bei einem Versuch zur Milderung der Judenfrage — das Wort „Lösung" wollen wir nicht in den Mund nehmen — sich nur von Faktoren leiten lassen, die weniger Kühnheit und Romantik, dafür aber mehr natürliche Fundierung aufweisen. „Frajland" nennt sich die neue Zeitschrift, welche die zu neuem Leben wiedererwachte Bewegung in Polen vertreten wird. Ihr Name ist symbolhaft und besagt alles: freies, politisch unbelastetes und wirtschaftlich produktives Land zur Ansiedlung von deklassierten Existenzen und entwurzelten Juden. Freiwilliger 20%ger Zuschlag zur Kultussteuer pro 1934. Der Appell, welchen der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien an die Gemeindemitglieder gerichtet hat, zur Bedeckung des Deilzites der Fürsorge und zur Ermöglichung der Winterhilfsaktion der Kultusgemeinde freiwillig einen 20%igen Zuschlag zur Kultussteuer pro 1934 zu entrichten, hat allgemein verständnisvolle Aufnahme gefunden. In zahlreichen Zuschriften, die dem Kultusvorstand zugekommen sind, und aus den bisher geleisteten Zahlungen ist zu entnehmen, welch tiefen Eindruck die Schilderung der unter der Wiener Judenschaft herrschenden Not auf die Gemeindemitglieder machte. Der Zweck der Aktion kann jedoch nur dann erfüllt werden, wenn alle Gemeindemitglieder sich an derselben durch ihre Beiträge beteiligen und es möge daher jeder seinen Beitrag so rasch als möglich zur Abstattung bringen. Kauft, bevor das allmächtige Judentum ... Der Berner Prozeß um die Entlarvung des Pogromfalsifikates „Die Protokolle der Weisen von Zion" fand, wie überall, auch in der tschechischen Presse einen regen Widerhall. Man konnte hiebei mit Befriedigung feststellen, daß die tschechische Berichterstattung korrekt und eines Kulturvolkes durchaus angemessen und würdig ist. Hier ist niemand gewillt, aus solcher niederträchtiger, lügenhafter Aufpeitschung der Masseninstinkte sein politisches oder publizistisches Geschäftchen zu machen. Nur ein Prager Buchhändler schien an dieser Konjunktur nippen zu wollen und stellte sichi, indem er in seinem Auslagefenster die tschechische Uebersetzung der „Weisen von Zion" mit der Animiernotiz „Kauft, bevor das allmächtige Judentum und Freimaurertum das Buch verbietet" ausstellte, selbst aus der Reihe dieses Kulturwillens. Aber auch hier hat das sehr nachhaltige Einschreiten eines mannhaften Prager Antifaschisten sofort Remedur und Wiederherstellung der einheitlichen Kulturfassade der tschechtsehen Hauptstadt bewirkt Das Pressegericht in Prag hat übrigens tatsächlich die tschechische Ausgabe der ..Protokolle" beschlagnahmt und ihre Weiterverbreitungverboten. Aus aller Welt. Paris. Dem von Flandin gebildeten neuen französischen Kabinett gehört Georges Mandel als Postminisiter an. Mandel, der im 50. Lebensjahr steht, ist Jude. Seit 1919 vertritt er die Gironde im französischen Parlament, seit 1932 ist er Vorsitzender der Unabhängigen Gruppe in der Kammer. Im einstigen Kabinett Clemenceau, dessen intimer Freund und Vertrauter er war, fungierte Georges Mandel als Chef des Ministerrats-Büros. Moskau. Fünf Juden, die in leitenden Stellungen an der abenteuerlichem Arktis-Expedition des Eisbrechers ..Litke" teilgenommen haben, unter ihnen der Vizekommandeur der „Litke" Baris Bronstein. der Leiter des Radio-Dienstes Olek Kuksm' und der Hydro- Biojoge Benjamin B. Jugodow. wurden mit den höchsten Orden und Diplomen der Sowjetunion für Tapferkeit und für wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet. Außer den fünf Ausgezeichneten haben noch weiter Juden an der Expedition teilgenommen, unter ihnen Bronsteins Bruder Lev, der die Expedition gefilmt hat. Der Eisbrecher „Litke" hat zum erstenmal die Fahrt Wladiwostok—Murmansk durch zehn Polar- Seen hindurch ohne Unterbrechung gemacht. London. Die Royal Society hat die Rumford- M edail'l e, eine der höchsten Auszeichnungen in der internationalen Welt der Physiker und Chemiker, Prof. Dr. W. J. de Haas in Leyden für seine Forschungen über die Eigenschaft von Körpern bei niedrigen Temperaturen und besonders für seine letzte Arbeit über Kühlung durch Verwendung von adiabetischer Entmagnetisäerung verliehen. Der Legislative Council. Im englischen Unterhaus wiederholte der Abgeordnete Wedgwood seine Frage an den Kolonienminister, ob die Auszahlung von Gehältern oder Diäten an die Mitglieder des geplanten Legislative Council für Palästina in Aussicht genommen seL Als der Kolonienminister erklärte, er könne hierüber keine Mitteilungen mächen, fragte Wedgwood weiter: „Bedeutet dies, daß über die Frage noch keine Erwägung angestellt wurde, oder daß man bis jetzt keinen Juden finden konnte, der bereit wäre, um der dreißig Silberlinge willen in den Council einzutreten?" Darauf der Kolonienminister: Genau so, wie es gesagt ist, ist es zu verstehen. Jüdische Arbeitgeber, erfasset den Ernst der Zeit, fördert die Arbeitsbeschafhingsaktion zugunsten der jüdischen Arbeitslosen und fordert den Bedarf an AngeteHten und Arbeitern beim Jüdischen Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien L, Kohlmessergasse 4, Telephon V 27-0-65 an! Gemeindedkvonik. Die „Union demokratischer Juden", Bielitz, hatte ihre Mitglieder für den 27. Oktober zur 5. ordentlichen Generalversammlung eingeladen. Der Vorsitzende, Herr Simacho wiez. begrüßte die überaus zahlreich Erschienenen und gedachte zunächst in pietätvollen Worten aller jener Mitglieder des Vereines, die seit der letzten Hauptversammlung in ein besseres Jenseits abberufen worden sind. Im Rahmen dieses Gedenkens umriß der Redner insbesondere die großen Verdienste, die sich der Gründer und langjährige Eräses der „Union", Herr Heinrich Braun s. A.,. um die Entwicklung der „Union" erworben hatte. Die Versammelten ehrten das Andenken der Verstorbenen durch Erheben von. den Sitzen. Nach dieser kurzen, aber weihevollen-Ehrung für die verschiedenen Mitglieder wurde sodann zur Wahl des neuen Vorstandes geschritten, die folgendes Ergebnis zeitigte: Präses Herr Berthold Simachowicz, 1. Vizepräses Leo Kornhaber. 2. Vizepräses Dr. Aronsohn, Kassier Isidor Huppert Schriftführer Jakob Tiras, Schriftführer-Stellvertreter Erwin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.