Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 46 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite S Der Prozeß um die „Protokolle". Wie die JTA erfährt, hat der Gerichtspräsident W. Meyer den von den Angeklagten im Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion" bezeichneten Experten Oberstleutnant a. D. Ulrich Fleischhauer (Verleger in Erfurt) nach dessen Mitteilung, daß er bereit ist, das Mandat anzunehmen, als dritten — von den Angeklagten geführten — Experten akzeptiert. Der Gerichtspräsident hat dem Experten die zu beantwortenden Fragen zugestellt und ihm eine am 15. Dezember d. J. ablaufende Frist zu deren schriftlich begründeter Beantwortung eingeräumt. Auf den weiteren Antrag der ^geklagten, einen gewissen Major a. D. W. Henning in Berlin als besonderen Experten für die Freimaurerfrage zuzulassen, soll der Gerichtspräsident nichteingegangen sein. Der Anwalt der Angeklagten hat noch eine Reihe weiterer Zeugen aus Frankreich, Dänemark, Rumänien usw. bezeichnet. Gerichtspräsident Meyer hat ihm daraufhin eine kurze Frist gesetzt, um die Fragen zu formulieren, die diesen Zeugen vorgelegt werden sollen. Je nach der Antwort wird der Gerichtspräsident über die Vorladung, bzw. Nichtyorladung der genannten Zeugen entscheiden. Seitens des Gerichtes soll der Wunsch bestehen, den Prozeß, wenn irgendwie möglich, noch vor Ende dieses Jahres zum Abschluß zu bringen. Es ist jedoch angesichts der Verschleppungstaktik der Angeklagten wenig wahrscheinlich, daß dieser Wunsch wird verwirklicht werden können. Pilsudski und die Juden. Das jüdische „D a n z i g e r Echo" veröffentlicht an leitender Stelle anläßlich des polnischen Unabhängigkeitstages einen „Pilsudski und die Juden" betitelten Artikel, in dem darauf hingewiesen wird, daß zu den engsten Freunden des „Erneuerers Polens" Juden gehörten, die Schulter an Schulter mit ihm um die Unabhängigkeit des polnischen Staates gekämpft haben. Auch im neuen Polen sei Pilsudski derjenige gewesen, der sich mit seiner Autorität für die gleiche Behandlung von Juden und Christen eingesetzt hatte. Die Machtübernahme Pilsudskis im Mai 1926 wurde auch von einem großen Teil der Juden als befreiende Tat begrüßt. Wer für Polens Unabhängigkeit gefochten oder gelitten hat — und seit jenem Berek Joselewicz, der vor 125 Jahren als polnischer Offizier in der Schlacht fiel, fehlte es zu keiner Zeit an jüdischen Namen auf den Ruhmesblättern der polnischen Geschichte — findet auch im wiedererstandenen Polen seine Anerkennung. Wenn, so erklärt das „Danziger Echo", mancher berechtigte Wunsch der jüdischen Bevölkerung heute gleichwohl unerfüllt ist, so trotz den alten Grundsätzen Marschall Pilsudskis, in dem sich Polens beste Ueberlieferungen verkörpern. Antisemitische Totenehrung. Am 9. November, dem Jahrestage des Todes des polnischen Studenten, der von drei Jahren bei den Zusammenstößen polnischer Nationalisten mit Juden — wie man annahm, durch eine verirrte Revolverkugel eines eigenen Parteigenossen — ums Leben kam, warfen polnische nationalistische Studenten zwei Bomben auf ewei Wilnaer Synagogen, durch die einige Fensterscheiben zerbrochen wurden, eine Tür eingedrückt und ein Fußgänger leicht verletzt wurde. Auch in Krakau kam es am gleichen Tage zu antisemitischen Demonstrationen. Nationalistische Studenten an der Jagiellonischen Universität zu Krakau überfielen nach einem Trauergottesdienst für Waclawski mehrere jüdische Hochschüler und mißhandelten sie. Sodann drangen die Demonstranten in die Vorlesesäle ein und verdrängten-die jüdischen Studenten aus denselben. Bei einem Versuch, einen Straßenumzug zu veranstalten, wurden die Demonstranten von der Polizei zerstreut, einige von Ihnen wurden verhaftet. Trotzdem haben sich am nächsten Tage die Unruhen an der Warschauer Universität wiederholt, insbesondere im chemischen Laboratorium wurden zahlreiche jüdische Studenten verprügelt. Der Rektor hat die Studenten vor weiteren Ruhestörungen gewarnt. In Lemberg wurde gegen das LokaldesBrithTrumpetdor eine Petarde gefeuert, die explodierte und das Lokal vollständig verwüstete. Aus der braunen Hölle. Die Berliner Zeitschrift „Der nationalsozialistische Erzieher" veröffentlicht das Programm der staatsbürgerlichen Erziehung der Jugendlichen am Staatsjugendtag (Samstag). Bei der Behandlung des Vorkriegs-Deutschland soll nach diesem Lehrplan das Thema „Der Jude macht sich breit", bei der Darstellung des Zusammenbruchs von 1918 das Thema „Juden als Führer der Novemberrevolte" behandelt werden. Bei der Darstellung des Versailler Friedens wird ais Lektüre „Der Stürmer" von Streicher genannt Bei der Behandlung des Kampfes des Nazitums mit seinen Gegnern soll das Thema „Juden als Anstifter zum Mord" behandelt werden. * Das Tschechoslowakische Pressebüro meldet aus Berlin: Wie aus zuverlässiger Quelle versichert wird, sind die 11 SS.-Männer, die seinerzeit im Zusammenhange mit den Ereignissen des 30. Juni d. J. in Hirschberg (Schlesien) vier angesehene jüdische Einwohner verhaftet, im Automobil fortgeführt und dann wegen angeblichen Fluchtversuches erschossen haben, wieder in ihre Stellung und Würde eingesetzt worden. Die vier Erschossenen, ein Rechtsanwalt Dr. Forster, ferner ein Zahnarzt Dr. Zweig und seine Frau und der Kaufmann Charig sollten, wie seinerzeit auch die Schweizer Blätter ausführlich berichteten, mit einem Auto nach Görlitz gebracht werden. Unterwegs hielt das Auto plötzlich an und von den SS.-Männern wurde den Unglücklichen befohlen, auszusteigen, worauf sie angeblich einen „Fluchtversuch" machten und niedergeschossen wurden. Die Schußwunden der Erschossenen zeigten aber, daß die Schüsse von vorn gekommen waren. Vorüberfahrende Automobilisten verständigten die Polizei von H i r s c h b e r g, die natürlich zunächst nichts unternahm. Erst später griff der dortige Staatsanwalt Schäffer ein, was ihm so viele Drohungen eintrug, daß er eine Zeitlang ständig von zwei Polizeibeamten geschützt werden mußte. Immerhin wurden damals die 11 an der Entführung beteiligten SS.-Männer verhaftet, aber nach 6 Wochen wieder freigelassen. Nunmehr sind sie überhaupt in ihren vollen Rang wieder eingesetzt worden. * Der drahtlose Nachrichtendienst des Hamburger Senders brachte dieser Tage einen Bericht über die vorwöchentliche Linzer Gerichtsverhandlung, der für die Nazi-Propaganda und ihre Moral sehr bezeichnend ist. Der Bericht lautete sinngemäß wie folgt: „In Linz wurde ein Student wegen Ermordung eines Lehrers, dessen Unterstützung er sein Studium zu verdanken hatte, verurteilt. Die Tochter des Lehrers war dem Studenten beim Morde behilflich. Die „Neue Freie Presse"- berichtet, daß der schwarzhaarige Bursche sehr sympathisch ist und daß eher der Ermordete als der Mörder schuldig ist." Also kein Wort über die Motive der Tat und kein Name. Dafür die Schwarzhaarigkeit des — bekanntlich christlichen — Angeklagten, den die „Judenzeitung" sympathisch und sogar weniger schuldig als den Ermordeten findet. Mit solcher Hinterlist und Verlogenheit soll ein ganzes Geschlecht, ja lauter Uebermenschen erzogen werden. An diesem Wesen soll die Welt genesen. Und darum verdient dieser Bericht festgehalten zu werden. JÜDISCHE KULTURSTELLE (Kunststelle) IL, Aspernbrückengasse 2. R 48-2-91. Zweigstelle: VI., Loquaiplatz 11 (B 20-0-81). _Büro: 9—17 Uhr, Samstag 9—13 Uhr._ Den Mitgliedern stehen bedeutend ermäßigte Karten in alle Theater Wiens zur Verfügung. Konzerte: Dusolina Qiannini, 1. Dezember 1934, Q. M. S. Mendelsohn-Abend, 26. November, Ofiizierskasino. Der Vorverkauf für Mitglieder zur Vorlesung Ernst Deutsch am 16. Dezember 1934 hat bereits begonnen. Führung: Sonntag, 18. November, Rundgang durch die Judenstadt im „Unteren Werd" (Leopoldstadt) mit anschließendem Besuch des Jüdischen Museums. Treffpunkt: 10 Uhr, Krügerheim, Malzgasse (bei jedem Wetter). Führung: Prof. Dr. J. Bronner. k GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM, KORNMEHl ■MBMMHMMMnaMMMBMHai MMN IX, UMOM8 MB. 1* nuuii xviii., wAmiMansnuuss tr Tttephan Nr. A 17-349 aad K 18-9-34 Uihmt für ttallautalttM» Abteilungemar Koscherfleisch Sämtliche Fleiichtoriaa von auuchlteflllch PrhM-Qualität ia den billigsten Marktpreista Besinnung! Prüft alle euch in einer stillen Stunde, Wer ihr auch seid. Vernahmt ihr nie die Sehnsucht eurer Seele? Auch wenn verstummt ihr Ruf schon war, Kaum daß ihr hörtet. Habt ihr es nie gefühlt, Daß etwas in euch zeitlos ist? Einst ward aus hohen reinen Sphären Der Qeist dem Erdenktotze eingehaucht; Seid fruchtbar und vermehret euch! Ward uns zur ersten Weisung, Daß Platz den vielen Seelen auf der Erde. Sie ist dem Staube nicht entnommen Und weint, solang' sie unser Körper bindet. Doch hört ihr Weinen nur der Fromme. Horcht auf, ihr Kinder Gottes alle, Vernehmt auch ihr die Sehnsucht eurer Seele! Oskar Rosenzweig. DieJaden in derTschechoslowakei Im Prager Bne Briss-Mitteilungsblaft veröffentlicht Dr. Gustav Fleischmann eine Studie über die jüdische Bevölkerung in der Tschechoslowakei an Hand der Ergebnisse der tschechoslowakischen Volkszählung vom Dezember 1930. Die jüdische Bevölkerung wird bei den tschechoslowakischen Volkszählungen in zwei Kategorien gezählt, als „Israeliten der Religion nach und als „Juden" in der Rubrik „Nation". Durch Vergleich dieser beiden Rubriken erhält der Statistiker eine Reihe neuer Erkenntnismöglichkeiten. Israeliten gibt es in der Tschechoslowakei 356.830 bei einer Gesamtbevölkerung von 14.729.536, d. s. 2,42%. Jeder 41. Einwohner des Staates ist demnach Jude. Gegenüber der letzten Volkszählung vom Jahre 1920 stieg die Zahl der Israeliten um 2825 Personen, d. s. 0.81%. Im gleichen Zeitraum wuchs die Gesamt* bevölkerung um 8,21%, so daß der jüdische Anteil gegenüber 1920 von 2,60 auf 2,42% gesunken ist. Den Hauptgrund dafür bildet der Geburtenrückgane unter der jüdischen Bevölkerung besonders im Westen der Tschechoslowakei (Böhmen, Mähren und Schlesien). Nach den Ländern verteilt wohnen in Böhmen 76.301 Israeliten ('Abnahme gegenüber 1920 4,36%), in Mähren und Schlesien 41250 (Abnahme gegenüber 1920 8.95%), in der Slowakei 136.737 (Zunahme gegenüber 1920 0.63%) und in Karpathorußland 102.452 (Zunahme gegenüber 1920 1025%). Auf 100 Einwohner entfallen Israeliten in Böhmen 1,07, Mähren und Schlesien 1,16. Slowakei 4.11 und Karpathorußlandl 14,14. Zugenommen hat die jüdische Bevölkerung demnach nur im Osten der Republik, in Karpathorußland, aber da dort der Zuwachs der nichtjüdischen Bevölkerung größer war, ist auch in diesem Gebiete ein prozentueller Rückgang der jüdischen Bevölkerung von 15,39 im Jahre 1920 auf 14.14 zu verzeichnen. In Böhmen wohnten im Jahre 1890 94.479 Israeliten, 1930 waren es nur noch 76.301. Im Laufe von 40 Jahren ist ihre Zahl um 19,3% gefallen. In Mähren sank ihre Zahl von 45.324 (1890) auf 34.632. In Karpathorußland hingegen stieg ihre Zahl von 87.041 im Jahre 1910 auf 102.452, also um 17,7% im Laufe von 20 Jahren. Das Verhältnis von Männern zu Frauen beträgt ca. 1:1. Auf 1000 Männer entfallen 1033 Frauen. (1920: 1043). Bei den Katholiken entfallen auf 1000 Männer 1102 und bei den Evangelen 1076 Frauen. Ungünstig ist bei den Israeliten das Verhältnis der Nichtverheirateten zu den Verheirateten. Von allen Bevölkerungsgruppen weisen die Juden die größte Anzahl lediger Personen auf. Auch die Zahl der Witwen und Waisen ist größer, als bei der übrigen Bevölkerung, was der Verfasser teils auf den Umstand zurückführt, daß bei den Juden die Männer erst in einem späteren Alter heiraten, und teils auch darauf, daß ihr Kampf ums Dasein aufreibender ist. Deutlich sichtbar ist aus dem Volkszählungsergebnis der Urbanisierungsprozeß unter der jüdischen Bevölkerung. Die Zahl der am Lande und in den Kleinstädten wohnenden Juden nimmt ständig ab. In Böhmen wohnen bereits 60% der Juden in Großstädten (gegenüber 44% im Jahre 1920). rn der Reichshauptstadt Prag wohnen 47% der böhmischen Judenschaft.