Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 46 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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T Seite 4 DIE WAHRHEIT H I ' 3f4 i; «1 t' U I 1 H : Iii \? :?1 \ ' i* S {.;f r;5 * Jt I SÄ" . ju: ■ v 11 1 S1 iL k'\ >j, i* Ii; i fi\ •f vi, "*a I '1 i lf; # 4 Duldsamkeit der Eckstein der Freiheit! Anläßlich des Jahresbanketts ehemaliger Hörer der Universität Kapstadt hielt der südafrikanische Minister des Innern J. H. Hofmeyer eine Ansprache, in der er an die ehemaligen Hörer den eindringlichen Appell richtete, für Toleranz und Wahrung des Bürgerfriedens einzutreten und die Ausbreitung des dem südafrikanischen Volke wesensfremden Antisemitismus zu verhindern. Der Minister gab einleitend seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß es in den letzten Jahren gelungen sei, die Beziehungen zwischen den afrikanisch (holländisch) und den englisch sprechenden Bürgern des Landes sehr zu verbessern. Dies bedeute einen wesentlichen Schritt vorwärts auf dem Wege zur Nationalen Einheit Andererseits aber dürfe man die Augen nicht gegenüber dem Aufkommen von Intoleranz und Rassenfeindschaft auf einem anderen Gebiete verschließen. Der in den beiden letzten Jahren nach Südafrika importierte Antisemitismus sei den besten Traditionen Britisch- und Holländisch-Südafrikas fremd und stehe zu ihnen in einem feindlichen Gegensatz. Die Völker Südafrikas seien freiheitsliebende Völker und als ein wesentliches Element der Freiheit sei ihnen stets Duldsamkeit erschienen. Duldsamkeit sei der wahre Eckstein der Freiheit. Durch Duldsamkeit zeige ein Volk sich seiner Freiheit wert Innenminister Hofmeyer hielt sodann . eine scharfe Abrechnung mit der im letzten Jahre entstandenen antisemitischen Grauhemden-Bewegung, die planmäßig und offen versuche, einen Teil der Bevölkerung zum Haß gegen den anderen aufzureizen. Die Bestrebungen, Rassenfeindschaft und religiöse Intoleranz zu verbreiten, können nur zu gesellschaftlichem Verfall führen. Diese Saat hätte bereits ihre bitteren Früchte gezeitigt und die Fortsetzung dieser Bestrebungen erfülle die gutgesinnten Männer und Frauen des Landes, die die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung bilden, mit Besorgnis. Der Minister wies in diesem Zusammenhang auf den vom Justizminister und Vizepräsidenten des Ministerrats General Smuts vor einem Jahre erlassenen Aufruf hin, in dem dieser nachdrücklich vor der Zulassung der antisemitischen Propaganda in Südafrika warnte und die antisemitischen Agitatoren darauf aufmerksam machte, daß die Schuld für etwaige Unruhen ausschließlich ihnen beigemessen werden würde. Ungeachtet dieses Appells sei die Bewegung fortgesetzt worden. Die Geduld der Regierung sei jedoch nicht unbegrenzt. Es sei möglich, daß die Regierung sich in nicht allzu ferner Zeit genötigt sehen werde, einzugreifen, um die Interessen des Landes zu schützen. Möglicherweise werde sich in diesem] Zusammenhang die Notwendigkeit ergeben, besondere gesetzliche Maßnahmen zu treffen. Alle, die es mit Südafrika gut meinen, müßten mithelfen, dieses Uebel aus dem Volke zu bannen. Z. T. A. Schiller und der Nationalsozialismus. Man kann beim besten Willen nicht behaupten, daß der am 10. November gefeierte 175. Geburtstag Friedrich Schillers die Erfüllung der hochgespannten Träume von Menschenglück und Menschenwürde gesehen hat, deren beredter Verkünder dieser glühendste Idealist deutscher Zunge auf der von ihm zur moralischen Anstalt geweihten Schaubühne war, ist und sein wird. Am traurigsten berührt wohl die Diskrepanz zwischen der poetischen Gedankenwelt des deutschen Dichterfürsten und der prosaischen Wirklichkeit im heutigen Deutschland. Wenn trotzdem der Nationalsozialismus Sympathien für Schiller heuchelt, muß er sich hauptsächlich an Aeußerlichkeiten halten. Charakteristisch hiefür ist jder Jubiläumsartikel in „Westermanns Monatsheften", die vor der Gleichschaltung ein seriöses literarisches Organ waren. Jetzt liest man dort die freudige Konstatierung, daß Schillers Gesichtszüge arisch-dinarisches Gepräge tragen. Da seine Ahnenreihe längst durchforscht ist, war diese Feststellung nicht schwer. Wäre diese Ahnenreihe durch eine jüdische Großmutter belastet, dann hätte Schillers Hakennase der rassischen Physiognomiedeutung ein sehr bequemes Symptom zu gegenteiliger Rassenbestimmung geboten. So aber darf sich der nationalsozialistische Geburtstagsartikler an der „nordischen Art" Schillers erfreuen und er erblickt ihren seelischen Ausdruck in der Forschheit, mit der der Dichter seine Helden und Heldinnen dem Tode zuführt, auch wenn das Leben für sie noch Lockmittel bereit hält. Nachdem auf diese tiefsinnige Weise eine Brücke zwischen den tragischen Komplexen der Schillerschen Muse und denen der nationalsozialistischen Staatskunst gewölbt ist, stellt sich aber plötzlich die Ungangbarkeit dieser Brücke heraus: die beiden Ufer sind einander doch zu artfremd, als daß ein gerader Weg von einem zum andern führen könnte. Denn die Schillerschen Helden gehen an der Erkenntnis zugrunde, daß sie zwar einem sittlichen Ziel zustreben, es aber mit unsittlichen Mitteln zu erreichen suchen. Wären die Helden des Dritten Reiches moralisch ebenso zart besaitet, dann stünde es sehr schlimm um die prophezeiten 10.000 Jahre der Hakenkreuzherrschaft. Denn es mag strittig sein, ob die Ziele dieser Herrschaft sittlich sind, über die Unsittlichkeit der Mittel, mit denen sie erworben, erhalten und ausgebaut wurde, ist sich die ganze Kulturwelt einig. Es ist also doch nichts mit Schiller im Hitler- Reiche! Betrübt konstatiert der Festartikler, daß der Dichter bloß die Freiheit und Würde des Einzelmenschen verfechte, aber von nationaler Würde keine Ahnung habe und daß ihm für nationale Freiheit der Sinn fehle. Blamiert muß Schiller vor jedem Hitler-Jungen die Segel streichen. Jüdische Volkshochschule. Von Prof. Dr. Manfred P a p o. Stellvertreter des jüdischen Volksbildungsreferentea Die nächsten Tage werden der Wiener Judenschaft eine begrüßenswerte Ueberraschung bringen. In dem Gebäude des Realgymnasiums II.. Novaragasse 30 wird nach dem Vorbild der in Wien bereits mehrfach bestehenden Anstalten eine eigene jüdische Volkshochschule eröffnet werden. Schon ein flüchtiger Blick auf den vorliegenden Arbeitsplan der neuen Anstalt zeigt, daß hier ein Sammelpunkt aller jener Juden erstehen soll, die gewillt sind, sich dn ernster Arbeit ihren Anteil an dem Wissen, an der Kultur ihres Volkes zu erwerben. Sowohl die angekündigten Themen der zahlreichen Kurse, als insbesondere die Namen und Persönlichkeiten der Dozenten bürgen dafür, daß die jüdisch interessierte Hörerschaft auf dhre Rechnung kommen wird. Nebst den Lehrgängen über die verschiedenen Zeitabschnitte der jüdischen Geschichte sei in erster Linie auf den Kurs über „Jüdische Altertumskunde" hingewiesen, den niemand Geringerer leitet aäs der weit über die Grenzen des Judentumes hinaus bekannte und verehrte Rektor des Wiener Rabbiner-Seminars Prof. Dr. Samuel Kr au ss, dem für die freundliche Uebernahme dieser Lehrtätigkeit nicht genug gedankt werden kann. Die Tendenz der neuen Volkshochschule, einerseits hoch über jeder Parteinolitik zu stehen, andererseits jedoch allen kulturellen Richtungen des Judentums nach Möglichkeit Rechnung zu tragen, geht bereits aus dem seitens des jüdischen Volksbildungsreferenten Prof. Dr. Karl Kupfer angekündigten Kurs über „Gegenwärtige Strömungen im Judentum" hervor und wird durch die Tatsache, daß sowohl „Geschichte des Zionismus" und „Palästinakunde" gelehrt, wie auch ein Vortragszyklus über „Jüdische Ethik" abgehalten wird, erhärtet, für welch letzteren die Persönlichkeit des Herrn Rabbiner Dr. M. Rosenmann gewonnen wurde. Besondere Beachtung; wird auch der Lehrgang über „D i e Ge/schte des öisterreichiischen Juden" finden, ebenso wie die in das praktische Gebiet einschlagende Vortragsreihe „Sonderbestimmungen des österreichischen Rechtes für Juden", die dem auf diesem Gebiet meist völlig uninformierten jüdischen Publikum viel Wissenswertes bieten wird. Schließlich werden Freunde der jüdischen Tempelmusik die Ankündigung eines Kurses über „Die Entwicklung des synagogalen Gesanges" durch Oberkantor E. Fränkl aufs lebhafteste begrüßen. Die ganze Institution mag vielleicht der Wiener Judenschaft anfangs neu und ungewohnt erscheinen; eine LehranstaM für jüdisches Wissen, untergebracht in einem öffentlichen Gebäude, im Wege des Volksbildungsreferates unter der Obhut des Bürgermeisters von Wien stehend1 — das ist gewiß neuartig. Allmählich aber wird in der Wiener Judenschaft das Verständnis und zugleich damit der aufrichtige Dank dafür erwachen, daß die Behörde gewillt ist, über den obligaten Religionsunterre'cht hinaus und1 unabhängig von ihm die Pflege jüdischer Kultur und Bildung zu fördern. Gerade auf dem Gebiet der Volksbildung zeigt sich die wohlwollende und freundliche Einstellung der Behörde der Judenschaft gegenüber besonders deutlich. Keine Rasiere Dhh gilt und billig Oesterrclchlscbes üuailläts faDrika! Ueberau erhältlich mittelalterlichen Ghettomauern aus hartem Stein sollen errichtet werden, wo hüben und drüben Haß und Mäßtrauen wohnt, die Scheidewand zwischen Judenscfiaft und Umwelt soll aus einem ganz eigenartigen Material, aus Feingefühl^ aus Takt, aus Ehrfurcht vor fremden Kulturgütern bestehen; stets durchsichtig, und auch durchlässig dort, wo es um gemeinsame Ideale und Bestrebungen geht, undurchdringlich aber dann, wenn es kulturelle und religiöse Eigenart betrifft, soll "die Trennungswand, nach beiden Richtungen hin Vertrauen und jene brüderliche Menschenliebe verbreiten, die von beiden Religionen verlangt und geboten wird. Die neue jüdische Volkshochschule ist. ebenso wie vor kurzer Zeit die Schaffung des jüdischen Referates beim VolksbÜdungsamte. ein Geschenk des Herrn Bürgermeisters an die Wiener Juden. Sache der Judenschaft ist es nun, dieses Geschenk mit dem gebührenden Dank und der gebührenden Anerkennung aufzunehmen und aus ihm jenen Ruf zu hören, der für die nächste Zeit wohl der Leitsatz für die Juden in Oesterreich wird werden müssen; Nicht zurück in's Ghetto — wohl aber zurück zum Judenum. „Erfüllung." Von der neuen Zeitschrift „Erfüllung", mit deren in der „Reichspost" erschienenen, von Pater Bichlmaier verfaßten Ankündigung wir uns jüngst auseinandergestzt haben, liegt nunmehr das erste Heft vor. Es beweist, wie gerechtfertigt unsere Befürchtung war, daß es sich hier um ein Missions-Unternehmen handelt. Es genügt der Hinweis auf die Tatsache, daß man darin einen getauften Juden zu Worte kommen läßt, um uns für Christus zu gewinnen . . . Indem wir diese Propaganda aufs entschiedenste ablehnen, beweisen wir aber noch lange nicht die Berechtigung des uns von Pater Bichlmaier gemachten Vorwurfs, daß wir der Ethik Christi verständnislos gegenüberstehen. Die hohe Moral der Bergpredigt, aus dem Urquell jüdischen Wesens geschöpft, sagt dem jüdischen Herzen gewiß zu. Und jedem Juden spricht das Christus- Wort aus der Seele: „Das Heil kommt von den Juden" (Johannis-Evangelium IV, 22). Leider sehen wir das Verhalten weiter christlicher Kreise uns Juden gegenüber nur wenig von diesem Ausspruch Christi beeinflußt und sogar die neue Zeitschrift „Erfüllung", die Christen und Juden einander näher bringen will, bedient sich hiezu nicht dieses für solchen Zweck doch besonders geeigneten Wortes, sondern bringt abwegige Ansichten über Juden und Judentum. Wenn sich die Unkenntnis vom wahren jüdischen Wesen sogar in solche christliche Publikationen verirrt* die der Judengewinnung dienen wollen, dann darf es uns Pater Bichlmaier wahrhaftig nicht verargen, daß wir seinem Unternehmen mißtrauisch gegenüberstehen. Denn wir können uns auch hiebei auf ein Christus-Wort stützen: „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen" . . . Die Schweiz bestraft Bübereien. Vor dem Basler Strafgericht fand ein Prozeß gegen sieben ehemalige Mitglieder nationalsozialistischer und ähnlicher Fronten, die der Beschmierung von Straßen, Brücken und der Synagoge mit Hakenkreuzen angeklagt waren, statt. Sämtliche Angeklagten wurden teils zu unbedingten Gefängnisstrafen, teils zu Bußen, die das Gericht verhältnismäßig hoch ansetzte, verurteilt. Die Beschmierung der Synagogenwand mit einem Hakenkreuz wird in der Urteilsbegründung als eine freche und rohe Büberei bezeichnet, durch die das religiöse Gefühl der Juden empfindlich verletzt worden ist, weshalb eine bedingte Verurteilung nicht in Frage kommen könne. Die Angeklagten wurden gemeinsam verpflichtet, der Israelitischen Gemeinde Schadenersatz zu zahlen.