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Die Wahrheit · 1934-11-16 · Heft 46 (16.11.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 46 (16.11.1934)
Date
1934-11-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite_3 Jüdische Zeitfragen. Es gibt in Oesterreich jetzt eine ganze Menge jüdischer Zeitfragen. Die österreichische Judenschaft ist derzeit von schweren Sorgen bedrückt und eine Aussprache über diese Probleme ist gewiß jedem österreichischen Juden, dein das Wohl seiner Gemeinschaft am Herzen liegt, willkommen. Mit diesem Interesse für „jüdische Zeitfragen" scheinen auch die Herren vom Zionistischen Landeskomitee für Oesterreich gerechnet zu haben, als sie unter diesem packenden Titel für den vergangenen Montag eine Versammlung ins Hotel Continental einberiefen. Ihre Hoffnungen wurden jlicht enttäuscht, das Interesse war vorhanden. Auf das peinlichste enttäuscht aber wurden jene Versammlungsbesucher;- die erwartet hatten, daß hier wirklich eine ernste Besprechung jüdischer Tagesfragen geboten werden würde.. Das war absolut nicht der Fall. Wohl wurden von den vier Rednern alle jene Probleme gestreift, die die österreichische Judenschaft heute intensiv beschäftigen, aber es war eben nur ein Streifen, kein Eingehen auf diese Probleme, deren Lösungsmöglichkeit nicht einmal angedeutet wurde. Dafür haben sich nach der sicherlich objektiven Rede des neuernannten Staatsrates Kultus- . Präsidenten Dr. D. F r i e d m a n n die drei ihm folgenden Redner mit einer Angelegenheit breit beschäftigt, die anscheinend für sie eine besonders '^wichtige „jüdische Zeitfrage" ist. Es handelt sich um die in der letzten Nummer unseres Blattes besonders ausführlich besprochene Versammlungi der Jugendgruppe der „Union", in der Reg.- Rat Dr. Hermann Oppenheim seinen vielbeachteten hochinteressanten Vortrag über „Palast ina ohne Illusion" gehalten hat. Die zahlreichen Besucher dieser Versammlung und die Leser des erwähnten auszugsiweisen Berichtes unseres Blattes wissen, was Dr. Oppenheim mit seinem Referate bezweckte. Er, der hervorragende Wirtschaftsfachmann, beabsichtigte, die Zuhörer über die wahren wirtschaftlichen Verhältnisse in Palästina zu informieren, um auf diese Weise der zionistischen Irrlehre entgegenzutreten, daß Palästina die Lösung der Judenfrage bedeute. Man hätte meinen sollen, daß zionistische Redner in einer zionistischen Versammlung, wenn sie schon unbedingt den Drang in sich fühlen, sich mit diesem ihnen gewiß nicht angenehmen Palästina- Vortrag zu beschäftigen, dies in einer Weise tun würden, die dem Vortrage entsprechend wäre, der — wie bei Dr. Oppenheim nicht anders zu erwarten — auf realen Ziffern und nüchternen Tatsachen beruhte. Keiner der zionistischen Redner machte aber auch nur den Versuch, diese Tatsachen und richten muß. Daher ist es notwendig, daß die Art des Unterrichtes oft ganz individuell erfolgen muß, was sich bei den verschiedensten Gelegenheiten — Sologesang usw. — als nicht umgänglich erweist. Der Chordirigent ist. wie ja überall, eine Hauptperson; denn mit ihm steht und fällt der gesamte Chor. Unauffällig versieht er sein Amt, im ständigen Kontakt mit dem Oberkantor bemüht er sich immer wieder, den Chor auf der Höhe zu halten, aus diesem das Letzte herauszuholen und in jeder Hinsicht für die Disziplin der Knaben zu sorgen. Er ist gleichsam Hüter der Tradition in den einzelnen Gotteshäusern und obwohl oft jahrzehntelang in treuen Diensten stehend, manchmal fast unbekannt Man kann wohl behaupten, daß jeder Chordirigent ein Meister seines Faches ist; denn, ist es uns auch hier nicht möglich, die einzelnen Wiener Chorleiter anzuführen, kann man ja immer und überall die Beobachtung machen, daß diese Herren in zielbewußter Arbeitsweise bestrebt sind, mit dem ihnen unterstellten Chor Furore zu machen und allen Anforderungen, die oft sehr mannigfaltig und umfangreich sind, gerecht zu werden. Leider hat auch heute der Beruf eines Dirigenten sehr große Hindernisse zu überwinden und ist es manchem Chorleiter nicht so möglich, seine Sängerknaben auf jene Stufe.zu bringen, auf die sie zu stellen er bestimmt gerne möchte. Die tristen wirtschaftlichen Verhältnisse und die Ungunst der Zeit vereiteln auch hier so manchen schönen Plan. Denn auch , da hängt ja schließlich so ein Betrieb von der finanziellen Lage der Gemeinde ab und in dieser Hinsicht ist speziell die Situation in den Vereins-Tempeln keine rosige. Es wäre daher sehr begrüßenswert, wenn das Publikum dem Tempelchor mehr Interesse und Unterstützung angedeihen lassen würde, wie ja in erster Linie es sehr zu wünschen wäre, wenn man bei uns gleichwie in anderen Staaten Gottesdienste im Radio übertragen würde, um auch in dieser Form dem guten Werke zu dienen. - - Dieser gewiß nicht unberechtigte Wunsch ist keineswegs ein unbilliges Verlangen und wäre dessen Erfüllung eigentlich eine Selbstverständlichkeit Denn in diesem Falle würde sich die beste Gelegenheit bieten, den so populären Wiener Sängerknaben die Möglichkeit zu geben, im edlen Wettstreit in der Sangeskunst mit ihren jüdischen Kollegen, den Wiener jüdischen Sängerknaben in die Schranken zu treten. Sulfur. Ziffern zu widerlegen. Dafür ergingen sich die jüdischnationalen Herren in Beleidigungen des Redners und der Veranstalter des Vortragsabends. Glaubt der Rat der Stadt Wien, Herr Dr. Jakob Ehrlich, daß das Zutrauen zu seiner Objektivität, zu der ihn sein Amt verpflichtet, in der nichtzionistischen Judenschaft wachsen wird, wenn sie erfährt, daß er einen ihrer prominentesten Vertreter, ohne dafür auch nur den Schein einer Berechtigung zu haben, öffentlich beleidigte und die nichtzionistische Jugend als „vergreist" hinstellen? Glaubt Herr Dr. Löwenherz, der sich stets in Worten höchsten Lobes über den früheren Finanzreferenten der Kultusgemeinde äußerte, daß man dies vergessen hätte? Man kann daher nicht verstehen, daß er seine stets bekundete vollverdiente Anerkennung der Leistungen Dr. Oppenheims so rasch in das Gegenteil umkehrte. Doktor Löwenherz ist bei seiner nicht zu billigenden Verhöhnung der Position seines Vorgängers im Finanzreferat der Kultusgemeinde mit seiner immer wieder betonten Anerkennung desselben in schweren Widerspruch geraten. Wie kann er ihn aufklären? Daß Dr. Oppenheim mit seinem Vortrage den jüdischnationalen Herren unangenehm ist, kann doch nicht deren veränderte Stellungnahme zu seinen Leistungen erklärten. Unverständlich ist auch, was Dr. Löwenherz mit seiner Bemerkung über den „Pseudo patriotismus" der „Union" meinte, der sie zu Resolutionen in „Versammlungen hinter verschlossenen Türen" veranlaßt, die glücklicherweise nicht beachtet blieben? Wenn Herr Dr. Löwenherz mit dieser Bemerkung der „Union" imputieren will, daß sie mit den Resolutionen, die sie in ihren letzten, der ernsten Besprechung wirklicher „jüdischer Zeitfragen" gewidmeten, in der Tagespresse angekündigten und allgemein zugänglichen Versammlungen gefaßt hat, einen bestimmten, die Besetzungsfrage in den neuen österreichischen Körperschaften berührenden Zweck im Auge hatte, dann ist dies offenkundig unrichtig. Dr. Löwenherz möge offen und ehrlich sagen, was er damit meinte, dann werden auch wir über diese Dinge offen sprechen. Unverständliche oder zwiespältige Andeutungen können uns aus unserer v HERRENKLEIDERSALON S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 * Empfiehlt sein reichhaltige* Lager feiner Stoff» and fertiger Mäntel zu billigen Preisen Reserve nicht herauslocken, aber sie können eine andere „Vergiftung" als jene, von der Dr. Löwenherz in bezug auf die unionistische Jugend sprach, hervorrufen, nämlich die Vergiftung der Atmosphäre des Friedens, der der österreichischen Judenschaft in diesen ernsten Zeiten so dringend nottut. Eine Feststellung wollen wir schon heute in diesem Zusammenhang machen. Kultuspräsident Dr. D. Friedmann wurde, wie er selbst offen zugibt, nicht als Jüdischnationaler, sondern a l s Präsident der Kultusgemeinde in den Staatsrat berufen. (Auch der Präsident der protestantischen Gemeinde Capesius hat nur dieser seiner Eigenschaft seine Berufung zu verdanken.) Damit ist klarerweise das Märchen von der besonderen Anerkennung der Jüdischnationalen durch die Regierung gefallen. Den Vogel schoß, wie gewöhnlich, der Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Herr Dr. Oskar Qrünbaum, ab. Er meinte, daß seine so liebenswürdigen Vorredner den p. t. Gegnern mit ihrem Vorbringen zu viel Ehre angetan hätten. Er halte sich diesbezüglich an das zwar nicht jüdische, aber doch so treffende Sprichwort: Die . Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. Die Zitierung dieses geschmackvollen Satzes enthebt uns jeder weiteren Bemerkung, die sich jeder Leser selbst machen kann. O. H. Das Schicksal der Saar Juden. Der Präsident des Komitees der jüdischen Delegationen, Dr. Nahum Goldmann, hat auf seiner Durchreise von Paris nach Krakau, wo er an der Tagung des Exekutivausschusses für die Vorbereitung des jüdischen Weltkongresses teilnimmt in Wien mit führenden Persönlichkeiten des Wiener Judentums Rücksprache gepflogea In dem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur erklärte Dr. Goldmann u. a.: Eine der wichtigsten und dringendsten Fragen, mit denen sich das Komitee der jüdischen Delegationen in der letzten Zeit sehr intensiv befaßt betrifft die jüdische Bevölkerung des Saargebietes. Das Schicksal der Saarjuden stellt angesichts des bevorstehenden Plebiszits ein sehr ernstes Problem dar, mit dem sich auch der Völkerbund zu befassen haben wird. Die Entscheidung darüber, ob das Saargebiet unter den gegenwärtigen Verhältnissen an Deutschland zurückfallen oder der Status quo aufrechterhalten werden soll, wird letzten Endes der Völkerbund zu treffen haben. Die Volksabstimmung wird jedoch für die Entscheidung des Völkerbundes in hohem Maße richtunggebend sein. Für den Fall der Rückkehr des Saargebietes an Deutschland müssen aber Maßnahmen getroffen werden, die den Schutz der jüdischen Bevölkerung dieses Gebietes garantieren. Uebrigens handelt es sich nicht bloß um die Juden. Es muß auch dafür gesorgt werden, daß alle diejenigen, die sich bei der Volksabstimmung für den Status quo aussprechen, dies ohne Furcht davor tun können, daß sie später in Deutschland verfolgt werden. Schließlich ist auch die Lage der Emigranten, die sich aus Deutschland nach dem Saargebiet geflüchtet haben, sehr besorgniserregend. Man hört, daß der Dreierausschuß des Völkerbundes von Deutschland entsprechende Zusicherungen verlangen will, die die sich bedroht fühlenden Bevölkerungsschichten beruhigen können. Es ist jedoch nicht bekannt wie sich Deutschland zu den einzelnen vom Dreierbund verlangten Maßnahmen stellen wird. Das Präsidium des Komitees der jüdischen Delegationen wird jedenfalls gelegentlich der am 20. November beginnenden Genfer Tagung alles unternehmen müssen, um den in ihrer bürgerlichen, wirtschaftlichen und sozialen Existenz gefährdeten Saarjuden beizustehen. * Der Rabbiner von Saarbrücken, Dr. Rülf, wendet sich in einer Kundgebung gegen die gegen die Juden an der Saar gerichtete Hetz-Propaganda des Nürnberger Gauleiters Julius Streicher, die darauf hinausgeht für den Fall eines für Deutschland ungünstigen Ausfalls der Saar-Abstimmung die Juden zum Sündenbock zu machen. Daß die Juden das Saarland terrorisieren, wie Streicher behauptet, — führt Dr. Rülf aus —. behauptet nicht einmal die nationalsozialistische Presse an der Saar. Wir fragen: Wenn in Dillingen in einem Cafe ein junger Mann, nur weil er Jude ist, blutig geschlagen wird; wenn Püttlingen über Nacht mit Plakaten „Kauft nicht bei Juden!" überschwemmt wird und in Saarbrücken dieselbe Mahnung auf kleinen Zetteln an die Schaufenster Jüdischer Geschäfte geklebt wird; wenn in ländlichen Bezirken die Frauenschaften ihren Mitgliedern verbieten, In jüdischen Geschäften zu kaufen und sich von jüdischen Aerzten bebandeln zu lassen; wenn an mehreren Orten Inhaber von Cafes und Restaurationen die Juden bitten, ihr Lokal zu meiden, weil sie sonst den Boykott zu befürchten haben; wenn jüdische Geschäftsinhaber in Saarbrücken Drohbriefe erhalten; wenn die Mauer des jüdischen Friedhofes In Saarbrücken mit einer riesigen Inschrift „Judentod beseitigt Saarlands Not" besudelt wird; wenn die Drangsalierung jüdischer Kinder in den Schule» derartige Formen angenommen hatte, daß die sonst sehr zurückhaltende Scbulabteirang der Reglerungskommlsslon mit einem ungewöhnlich scharfen Erlaß gegen solche Rohheiten einschreiten mußte, — was ist es dann: jüdischer Terror oder Terror gegen die Juden? Wir wollen auf die sebr bedrohliche symptomatische Bedeutung der Aeußerungen Streichers hinweisen: Schon heute soll der Jude an der Saar als Blitzableiter und Sündenbock bereitgestellt werden. Wenn einmal die durch jahrelange Hetze aufgespeicherten Leidenschaften zur Entladung drängen, wenn diese verhetzten Menschen im Augenblick der Entscheidung an dem „Feind" ihr Mütchen kühlen wollen, dann sollen sie wissen, daß der Jude der Feind ist den man strafen müsse. Der überheizte Kessel der politischen Massenleidenschaften braucht ein VentiL Dafür muß der Jude herhatten. Das gilt besonders für den Fall eines Mißerfolges der sogenannten „Deutschen Front". Dann wird nicht etwa die wahnwitzige Gewaltpolitik des gegenwärtigen Systems die Schuld haben, — sondern die Juden des Saargebietes werden die Schuld aufgebürdet bekommen. Wir wissen, schließt Rabbiner Dr. Rülf, daß wir mit den vorstehenden Zeilen keflne Panikstimmung erzeugen werden. Denn wir Juden sind manches gewöhnt und auf manches gefaßt. Wir vertrauen auf den gesunden Sinn des überwiegenden Teiles unserer Mitbürger, die genau wissen, daß es hier an der Saar keinen jüdischen Terror und keine jüdischen Umtriebe gibt Aber wir hielten uns für verpflichtet, auf ein bedeutsames Symptom hinzuweisen und ihm eine Deutung zu geben. Denn Klarheit muß sein.

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