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Die Wahrheit · 1934-11-09 · Heft 45 (9.11.1934) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 45 (9.11.1934)
Date
1934-11-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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faßt die „Responsa" des Moses ben Maimon fast 400 an der Zahl, im Auftrage des Vereins „Mekize Nirdanim" von einem jungen Gelehrten, von Alfred Freimann bearbeitet (Jerusalem 1934). Wir haben da zwei Namen berührt, die so recht geeignet sind, den ganzen Wandel, aber auch den ganzen Jammer der Zeit zu veranschaulichen. Die sogenannte „Wissenschaft des Judentums" war mehr als ein Jahrhundert hauptsächlich m Deutschland zuhause, und so auch der Vejein „Mekize Nirdamim", zu deutsch „Erwecker der Entschlafenen", der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, wichtige Werke des rabbinischen Judentums, die noch in Handschriften schlummerten, herauszugeben und somit zum Leben zu erwecken. Mit dem entwurzelten deutschen Judentum wurde auch dieser Verein entwurzelt, und was war natürlicher, als daß er nach Palästina verpflanzt wurde. Der Verein selbst war nahe daran zu „entschlafen", bis er nun neu „erweckt" wurde. Er hat natürlich auch in Wien Freunde, Anhänger und Mitglieder, er möchte aber deren mehr haben, und -dem dient der Weckruf, der soeben von Jerusalem aus erlassen wurde. Als ein Mitglied sowohl jenes Maimonidesals dieses Wecker- Komitees möchte ich diesen Weckruf mit aller Herzlichkeit weitergeben . . . Es klingt fast unglaublich, und doch ist es wahr, daß selbst die Schriften des großen Maimonides noch nicht alle herausgegeben worden sind; da gilt es. eine Ehrenschuld abzutragen. Ein glücklicher Anlauf ist geschehen, indem jenes Werk, der Respons_ensammlung herausgegeben wurde; wie zerstreut wie verwahrlost, ja wie unbekannt war dieser große Schatz, der uns jetzt wohlbehütet in die Hand gegeben wurde! Nicht allein die großen, allbekannten Werke Maimonides: der Mischnakommentar, der Gesetzescodex, der „Führer" lassen die Größe des Mannes erkennen — seine Gutachten, die er auf Anfragen aus allen Gebieten des jüdischen Lebens und der jüdischen Diaspora abgegeben, tun es ebenso, tun es sogar mehr. Seine herrlichen Tugenden, sein großes Wissen, seine abgeklärte Weisheit erscheinen da in schönstem Lichte. Und so gibt es von ihm auch eine Reihe medizinischer Schriften, die noch der Bearbeitung harren; möge uns das Maimonidesjahr auch da reiche Ernte und vollen Erfolg bringen! Professor Dr. Samuel Krauß. Rumänien beschämt Deutschland. Anläßlich der feierlichen Semester-Eröffnung an der Czernowitzer Universität hielt der derzeitige Rektor, Arbeitsminister und Minister für die Bukowina, Dr. Ion Nistor, eine Ansprache, in der er erklärte: „Bei der Gründung unseres Staates war -die christliche Idee grundlegend. Aber die Wahrung des nationalen und christlichen Charakters Rumäniens darf nicht in Unduldsamkeit gegen diejenigen ausarten, die anderer Rasse oder R e 1 i g i o n_ s i n d; am wenigsten darf sich die Intoleranz gegen die richten, die an die Universität kommen, um aus der Quelle unserer Kultur zu schöpfen." An der Czernowitzer Universität, die vor 15 Jahren aus einer deutschen in eine rumänische umgewandelt wurde,, studieren jetzt unter insgesamt 3247 Hörern 679 Juden. Die nationale Bauernpartei Rumäniens (Nationalzaranisten), die* vor der Einsetzung des jetzigen liberalen Regimes die Regierungsgewalt besaß, propagiert in letzter Zeit durch ihre Theoretiker mit dem Bauernführer Ion Mihalache an der Spitze den Gedanken der Errichtung eines korporativen „Bauernstaats". Im .Zusammenhang mit dieser Propaganda sind Befürchtungen laut geworden, daß der in Aussicht genommenen neuen Staatsform antisemitische Anschauungen zugrunde gelegt werden könnten. Diese Befürchtungen zu zerstreuen bemüht sich Prof. Nicolae Costachescu, einer der maßgebenden Führer der Bauernpartei, der auch Mitglied der letzten nationalzaranistischen Kabinette war. Professor Costachescu erklärte u. a.: „Zu den Befürchtungen, d|e die Losung vom Bauernstaat wachgerufen hat, gehören auch solche der jüdischen Bevölkerung, die sich fragt, ob der Bauernstaat nicht ein antisemitischer Staat sein wird. Entgegen dieser Befürchtung kann ich nur versichern: Die Intelligenzschicht, die Trägerin der neuen Bewegung ist, ist nicht antisemitisch und kann esnicht sein. Sie wendet sich weder gegen die Juden noch gegen die Minderheiten, denn diese sind eine soziale und wirtschaftliche Gegebenheit im Leben dieses Landes, an dem sie in gleicher Weise teilnehmen müssen wie die Bevölkerungsmehrheit Im Bauernstaat, der einen Klassenföderalismus, einen Interessenausgleich der Gesellschaftsklassen verwirklichen soll, ist k e i n R a u m für Antisemitismus,_für Hetze gegen die ethnischen Minderheiten. Ich halte es für notwendig, diese beruhigende Versicherung zu geben. Die Bauernschaft hat einen gesunden Instinkt Ich bin sicher, daß es zu keinem Kampf mit den Minderheiten kommen wird. Doch nicht nur genug an dem. Die jüdische Bevölkerung kann auch darum beruhigt sein, weil bei Männern, die den Glauben an die Demokratie haben, kein. Raum für Antisemitismus ist." Die Generalversammlung der Nationalen Vereinigung ehemaliger Kriegsteilnehmer lehnte einen Antrag, alle jüdischen Mitglieder auszuschließen, als unvereinbar mit den Grundsätzen echter Kriegskameradschaft ab. Der Präsident Dr. Virgü Serdaru erklärte, durch einen Ausschluß der jüdischen Kameraden würde auch die moralische Basis der Frontkämpfer-Vereinigungen derWeltuntergraben. Z. T. A. Palästina-Nachrichten. Das Gericht in Haifa hat 60 Juden, die Mitte Oktober illegal einwanderten und sofort verhaftet wurden, zur Ausweisung verurteilt; unter den Verurteilten befinden sich ein Rabbiner aus Rußland und fünf ältere Frauen. Zwölf von den verurteilten Männern, unter ihnen einige britische Staatsangehörige, werden vor der Ausweisung noch je ein Jahr Gefängnis absitzen müssen, weil sie bereits zum zweiten Male illegal ins Land gekommen sind. Für die übrigen Verurteilten besteht die Möglichkeit nachträglich Aufenthaltsbewilligung zu erhalten, falls sie Verwandte im Lande besitzen, die .die Garantie übernehmen, daß sie der Oeffentlichkeit nicht zur Last fallen. Polizeirichter Curry kündigte für die Zukunft noch härtere Strafen für illegale Einwanderung an. * Vor dem Jerusalemer Appellationsgericht begann soeben die Verhandlung in Sachen der Führer der Jung-Revisionisten Abba A chi- Meir und Chajim Dwiri, die zu 21, bzw. 15 Monaten Gefängnis wegen Zugehörigkeit zum „B r i t h H a b i rjonim" verurteilt worden waren. Den Gerichtshof bilden die Richter Kodi. Frumkin und Chajet Der Verteidiger Achi-Meirs. der Londoner Advokat Ascher Lewicki, erklärte, ,J3rith Habirjonim" war bisher nichts weiter als eine Konzeption Achi-Meirs, die noch nicht in eine konkrete Wirklichkeit getreten war. Lewicki wies auch darauf hin, daß die arabischen Führer, die die Oktober-Unruhen 1933 organisierten, nur eine Verpflichtung für Wohlverhalten unterschreiben mußten und dann freikamen, während Achi-Meir bereits 15 Monate im Gefängnis sitzt. Diesen Ausführungen schloß sich auch der Verteidiger von Dwiri, Dr. Weinschal, an. Der Staatsanwalt Dr. Charadaki verteidigte das Urteil der ersten Instanz. Das Urteil des Apellationsgerichtes wird in diesen Tagen verkündet werden. * Intendant dies Berliner Staatstheaters Leopold Jessner wurde von der Habima als Regisseur nach Palästina berufen. Z. T. A. Aus der braunen Hölle. Am Stadttheater auf dem Hindenburgwall in Düsseldorf Ist das Denkmal Felix Mendelssohn-Bartholdy entfernt worden. * Reichsarbedtsminister Seldte hat eine neue Prüfungsordnung für Krankenkassen-Angestellte in Preußen erfassen. Eine der Voraussetzungen für die Zulassung zur Prüfung ist arische Abstammung. Das Prüfungsgebiet umfaßt u. a. auch allgemeine Kenntnis der Rassenkunde sowie der Rassen- und Erbgesundheütspflege. » Der „Völkische Beobachter" druckt eine Annonce des.Bexiiner Ullstein-Verlages ab und begründet dieses Geschäft seinen Lesern gegenüber mit der Feststellung daß sich der genannte Verlag laut Mitteilung des Reichsleiters der Presse nunmehr in airischen Händen befindet. Gegen den Rassenwahn in Kunstfragen. Maurice Maeterlinck, der berühmte belgische Dichter und Nobelpreisträger, ist in Rom zur Teilnahme an dem von der Italienischen Akademie der Wissenschaften (Accademia Reale ditalia) einberufenen Internationalen Theaterkongreß eingetroffen. Die gesamte italienische Presse widmet ihm ehrende Aufmerksamkeit und unterstreicht es, daß er unbeschadet seines hohen Alters in die italienische Hauptstadt gekommen ist. Maurice Maeterlinck empfing den römischen Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur und äußerte sich ihm gegenüber in einem längeren Gespräch über den Anteil der Juden an dem modernen Theater und über den Rassenwahnsinn, dessen Opfer so viele am heutigen Kulturleben hervorragend teilnehmende Juden geworden sind. Das ganze Rassenprinzip, sagte Maeterlinck, ist vom wissenschaftlichen Standpunkt unbegründet und schon ganz und gar absurd ist die Verbindung dieses Prinzips mit Kunstfragen oder mit der Zugehörigkeit eines Künstlers zu einer bestimmten Rasse oder Religion. Ueberhaupt ist es eine Blasphemie, zu sagen, daß ein gewisses Volk in die Literatur oder in das Theaterwesen „zerstörende Elemente" hineinbringen könne. In der Kunst gilt das Gesetz: jeder Schaff ende gebe das, was für seine Eigenart am charakte ristischsten ist. Das jüdische Volk hat uns die höchsten und tiefsten dramatischen und lyrischen Motive geschenkt, und es ist wahrhaftig der Vernunft ganz und gar zuwider, von einer zersetzenden Wirkung des . Judentums auf den Gebieten von Literatur und Theater zu sprechen. Ich habe die Leistungen des hebräischen Palästina-Theaters Ha bim ah auf mich wirken lassen. Leider war es mir versagt, die originellen Leistungen der jiddischen Theater in Osteuropa kennen zu lernen. Voll und ganz hatte ich Gelegenheit, die Leistungen der berühmten jüdischen Schauspieler auf den allgemeinen Bühnen Europias zu würdigen, und ich bin tief beeindruckt von dem erhabenenKünstlertum des Juden und seinem Kunstgewissen. Max Reinhardt, mit dessen Regieauffassung ich freilich nicht immer einverstanden bin, halte ich für das größte Theater-Genie unserer Zeit. Die „Volksbewegung". Immer wieder erfährt man aus nationalsozialistischen Klagen, wie wirkungslos die ganze antisemitische Hetze bis heute geblieben ist. Selbst in Franken, dem Lande Streichers; bedarf es noch immer des schärfsten behördlichen und halbbehördlichen Druckes, damit sich die „arischen Volksgenossen" zum Boykott der Juden entschließen. Gegen die Bauern, die ihre alteingesessenen „Viehjuden" nicht preisgeben wollten, mußte die Nürnberger Schlachthofverwaltung besonders empfindliche Bekehrungsmaßnahmen treffen. Die arischen Kranken scheinen nicht besser zu sein als die arischen Bauern. Man las in der deutschen Presse dieser Tage: „Im .Aerzteblatt für Bayern' wendet sich der Amtsleiter der organisierten Aerzteschaft Mittelfrankens, Dr. Streck, dagegen, daß in letzter Zeit die Inanspruchnahme jüdischer Aerzte durch Volksgenossen zunehme. Wenn die zugelassenen jüdischen Aerzte auch gesetzlich die gleichen Berufsrechte genossen wie deutschstämmige Aerzje, so liege doch darin keine gesetzliche Verpflichtung, zum jüdischen Arzt zu gehen. Da auf Befragen Patienten erklärt hätten, daß sie sich vergeblich um einen deutschstämmigen Arzt bemüht hätten, sei der Arztdienst so zu organisieren, daß ständig ein deutschstämmiger Arzt für . vorkommende Eälle zur Verfügung stehe." Auch ein Brief aus Leipzig, den Herr Streicher kürzlich in seinem Stürmer" veröffentlicht hat, zeugt von den unendlichen Schwierigkeiten, das deutsche Volk in der Judenfrage auf die Höhen der nationalsozialistischen Weltanschauung emporzuheben. Der Streicher'sche „Stürmer" hatte sich in einer früheren Nummer empört, daß die Leipziger Pelzbörse noch immer nicht entludet sei. Dazu bekam das Blatt die begeisterte Zuschrift eines Gesinnungsgenossen, der sich folgendermaßen ausläßt: „Ueberhaupt wird hier in Leipzig die Judenfrage sehr oberflächlich behandelt, bestimmt bei weitem nicht so wie in anderen, vor allem süddeutschen Städten wie Nürnberg. Die Leipziger Bevölkerung ist noch sehr judenfreundlich und ich spreche den Wunsch aus, bringen Sie des öfteren solche oder ähnliche Artikel über die Leipziger Juden, damit das Volk einmal die nötige Aufklärung erhält. Der Jude weiß hier, daß die breite Masse noch immer auf ihn hält. Hier kaufen die Leute noch immer sehr viel beim Juden und dieser erschleicht sich immer wieder durch alle möglichen Tricks die Sympathien der Bevölkerun g." In dem Auslandserklärungen von Hitler, Goebbels, Frick usw. liest man es etwas anders: nach ihnen drohte der deutsche Volkszorn gegen die Juden mit furchtbaren Explosionen, und nur die gesetzlichen Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung haben verhindert, daß Schlimmeres geschab. Nach dem „Stürmer" sind die Juden in Deutschland viel raffinierter: sie geben keinen Anlaß zu Klagen, „erschleichen" sich niederträchtigerwieSse die Sympathien und erreichen durch solche Tricks, „daß die Bevölkerung noch sehr judenfreundlich ist". Es bedarf offenbar selbst unter der Herrschaft des Hakenkreuzes noch viel Hitlerscher Philosophie und Streicherschier Pogromhetze, um diese jüdischen Tricks unwirksam zu machen. Peinlich... Die Juden spielen im Schweizer politischen Leben fast keine Rolle. Nichtsdestoweniger werden sie von der antisemitischen und faschistischen ,»Frontbewegung" als geistige Urheber des Schweizer „Marxismus" bezeichnet, wobei mit Vorliebe auf zwei Nationalräte hingewiesen wird — die einzigen zwei Juden im ganzen Bundesparlament —, die beide Sozialisten und ostjüdischen Ursprungs sind.- Nun ist ein merkwürdiger Fall vorgekommen, der den antisemitischen Schweizer Faschisten recht ungelegen ist und von der freiheitlich demokratischen Presse mit Vergnügen ausgeschlachtet wird: Der Begründer der Schweizer Faschistengruppe in Rom ist ein aus Bern stammender Dr. Tomarkin, ein naturalisierter Schweizer russisch.-jüdischer Abstammung.

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