Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 45 (9.11.1934)
- Date
- 1934-11-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 eine Verteidigung der jüdischen Religion, der jüdischen Abstammung und auf materielle Hilfe für die Notleidenden. Das ist weit entfernt von einer jüdischen Internationale. Politische Aktionen hat es in der Welt von Juden nicht gegeben. Der Versuch eines Jüdischen Weltkongresses, den wir ablehnen, besagt demgegenüber nichts. Die Juden in der ganzen Welt haben die Vorgänge in Deutschland als ein Ereignis angesehen, zu dem sie nicht wegen der deutschen Juden, sondelrn weil ihre eigenen Interessen, ihre eigene bürgerliche Freiheit und Gleichberechtigung auf dem Spiele gestanden haben, Stellung nahmen. Das seelische Erleben, das wir hinter uns haben, rief Dr. Weil aus, ist furchtbar gewesen. Die Ausgltederung der deutschen Juden aus den verschiedensten Gebieten des Lebens geschah schnell und plötzlich. Aber niemals erkennt der Mensch tiefer die Werte, die in Religion und Abstammung leben, als wenn unglückliches Erleben ihn zum rückwärts gerichteten Blick nötigt. So ist unsere Gemeinschaft seelisch vertiefter und geistig einheitlicher geworden. Wir haben niemals vergessen, daß eine Gemeinschaft von fast 500.000 Menschen leben will und leben muß und daß es unsere Aufgabe ist, dn erträgliches Dasein für die deutschen Juden zu schaffen. Wir klagen nicht Wir sind in unserer übergroßen Mehrheit davon überzeugt, daß die Lösung der deutschen Judenfrage in Deutschland gesucht und nur in Deutschland gefunden werden kann. Wir haben die Hoffnung, daß es möglich sein wird, ein Leben in Würde und Ehre unter wirtschaftlich tragbaren Verhältnissen zu schaffen. Dr. Weil nahm in eingehenden historischen und rechtsvergleichenden Ausführungen zu der Frage Stellung: Ist die Emanzipation zusammengebrochen? Ist sie ein Irrtum gewesen, der jetzt gutgemacht werden muß? In der Bejahung der Anschauung, daß die Emanzipation ein historischer Fehler gewesen sei, treffen sich nationalsozialistische und ein Teil der national jüdischen Schriftsteller. Zusammengebrochen ist die Emanzipation in Deutschland nur wegen des Rasseprinzips. Heute geht der wirkliche Gegensatz im deutschen Judentum nicht mehr zwischen Zionisten und Nichtzionisten, sondern zwischen denen, die für die Emanzipation eintreten und die nicht dafür eintreten. Wir wollen jede Dissimilation vermieden haben. Wo das Gesetz sie uns aufzwingt, nehmen wir sie hin. Aber von uns aus können wir sie nicht unterstützen. Wir sehen uns als Glieder der Kette, die unzerreißbar ist. Nichts deutet darauf hin, daß es mit dem deutschen Judentum zu Ende ist. Unauslöschlich über das Leben des Einzelnen hinweg bleibt die Hoffnung unserer Gemeinschaft auf Gleichheit und Gerechtigkeit. Ein Märchen. Auch unsere Zeit des sogenannten Fortschritts will ihre Märchen haben. Zu den beliebtesten Helden solcher Märchen gehören wir Juden. Was wird uns nicht alles angedichtet? Alle möglichen und unmöglichen schlechten Eigenschaften sollen wir besitzen. Es ist gewöhnlich kinderleicht, diese Märchen zu entzaubern, aber es gehört eben zum Um und Auf aller Märchen, das sie geglaubt werden, auch wenn man sie entzaubert. Eine der verbreitetsten Legenden, die uns angedichtet werden, ist die von unserem Reichtum. Jüdische Namen werden genannt, die den Hörer erstarren lassen in neidvoller Bewunderung des Geld'besitzes, der mit diesen Namen angeblich verbunden ist. Aber nur angeblich! Denn abgesehen davon, daß die Träger dieser Namen längst nicht mehr auch nur einen Bruchteil jenes Reichtums besitzen, der ihre Ahnen populär in gutem und schlechtem Sinne gemacht hat, war es nie richtig, und ist es heute weniger denn je, nach solchen sporadischen Einzelerscheinungen die Masse zu beurteilen. Diese Masse — wir sprechen hier vom österreichischen, genauer vom Wiener Judentum, es gilt dies aber auch für das Gesamtjudentum — war nie reich, nicht einmal wohlhabend. Heute aber ist es um diese jüdische Masse katastrophal bestellt, Das weiß nicht einmal jeder Jude, bestimmt aber nicht jeder unserer christlichen Mitbürger. Deshalb war es ein guter Gedanke des Präsidiums unserer Kultusgemeinde, im Wege einer in der Vorwoche abgehaltenen Pressekonferenz der breitesten Oeffentlichkeit Aufklärung zu geben über die wahre wirtschaftliche Situation im Wiener Judentum. Da erfuhren die Pressevertreter Dinge, die dem Kenner leider nicht neu sind, den oberflächlichen Beschauer aber erschüttern ließen. Und hoffentlich wird diese Erschütterung auch nachgewirkt haben bei den Lesern der verschiedenen Artikel und Notizen, die die Wiener Tageszeitungen auf Grund der Mitteilung des Präsidums in der erwähnten Pressekonferenz veröffentlicht haben. Man hörte da nämlich wahrhaft Furchtbares. Zunächst wurde Aufklärung gegeben über die wirkliche Zahl der Wiener Juden, die immer wieder gerne übertrieben wird. Es wohnen derzeit in Wien ungefähr — die genaue Zahl wird erst nach dem Vorliegen der Ergebnisziffern der vorjährigen Volkszählung feststehen — 190.000 Juden. Im Jahre 1920 waren es noch mehr als 210.000. Dieser rapide Abgang .erklärt sich nicht nur (aus dem Ueberwiegen der Todesfälle über die Geburten, sondern mehr noch aus der lediglich aus wirtschaftlichen Gründen erfolgten Auswanderung jüdischer Menschen, die hier keine Existenz finden konnten. Von diesen 190.000 Juden sind — sage und schreibe — mehr als 55-.000 auf die Hilfe der Kultusgemeinde angewiesen und sie muß helfen, weil es sonst niemand gibt, der helfen kann und helfen will. Noch eine Ziffer, die in dieser Konferenz bekanntgegeben wurde, beweist die trostlose Situation der Wiener Juden. Von den bisher rund 50.000 Steuerträgern der Wiener Kultusgemeinde mußten im letzten Jahre mehr als 5000 Steuerträger abgeschrieben werden, von denen nur der geringere Teil infolge Tod oder Abwanderung in Wegfall kam, bei den meisten war es die aus wirtschaftlichen Gründen bedingte Unmöglichkeit der Steuerleistung, die diese Abschreir bung verursachte. Wie steuert nun die Wiener Kultusgemeinde diesem furchtbaren Elend, das immer noch ein verschämtes ist? Das Budget der Kultusgemeinde zeigt, ein Ausgabenetat von mehr als 7 Millionen Schilling. Wenn itnan bedenkt, daß von diesem Betrag allein mehr als 2,5 Millionen Schilling für Fürsorgezwecke verausgabt werden, wo doch die gegenwärtigen Verhältnisse einen weitaus höheren Betrag erfordern würden, so begreift man, daß die Kultusgemeinde sich nun vor Beginn des Winters, der die schrecklichste Jahreszeit für die Armen ist, an die Wiener Judenschaft mit der dringenden Bitte um neuerliche Hilfe wenden muß. Während im vorigen Jahre ein 20prozentiger Zuschlag zur Kultussteuer eingehoben wurde, um den dringenden Mehrbedarf hereinzubringen, konnte im heurigen Jahre diese Zwangsmaßnahme nicht durchgeführt werden und die Steuerbemessung erfolgte bekanntlich individuell. Leider weisen die bisherigen Gebarungsergebnisse der Kultusgemeinde einen starken Rückgang an Einnahmen gegenüber der wesentlichen Steigerung der Ausgaben auf, so daß die bisherige Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes im Gemeindehaushalte nicht nur in Frage gestellt ist, sondern ein bedeutendes Defizit mit katastrophalen Auswirkungen gerade im Fürsorgewesen droht. Um diese Gefahren zu bannen, tritt der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien nunmehr an alle Gemeindemitglieder heran, um dieselben zur freiwilligen Leistung eines 20%igen Zuschlages zur Kultussteuer zu bestimmen. Die zu gewärtigenden Eingänge sollen ausschließlich zur Bedeckung des Fehlbetrages im Fürsorgewesen und für die bevorstehende Winter hilf saktion der Kultusgemeinde Verwendung finden. Es ist zu wünschen und zu hoffen, daß der bei allen kadtativen Bestrebungen, welcher Art immer, bewährte Opfersinn der jüdischen Bevölkerung sich auch in der engeren Gemeinschaft in solcher Weise auswirken wird, die der Kultusgemeinde die Erfüllung ihrer schweren Gegenwartsaufgaben ermöglicht. lieber, diese Gegenwartsaufgaben sprach Präsident Dr. Friedmann. Heute, führte er u. a. aus, genügt es nicht mehr, für die Aufrechterhaltung der bestehenden Fürsorge-Institutionen Sorge zu tragen, sondern es muß, den Zeitverhältnissen entsprechend, deren Ausbau und Erweiterung Platz greifen. Jugendgruppe der „Union österreichischer Juden", Wien IX., Berggasse 4. Telephon A 19-2-77. Samstag, den 10. November, 'A9 Uhr abends, im Goldsaal des Cafe Silier, I.. Schwedenplatz, I. Unterhaltungsabend der Jugendgruppe. AKADEMIE mit hervorragenden Kunstkräften u. a.: Eugen Strenn, Komiker; Krauß-Elka, Klavierhumorist; Steffi Mann, Conference und Solo; Nora Kranner, Sängerin, Klavierbegleitung: Alice Schwarz; „Die Bremer Stadtmusikanten", Kinder- Jazztruppe. Nach der Akademie Tanz zu erstklassiger Jazz! Gäste willkommen! Karten im Vorverkauf zu S 1.50. Dienstag, den 13. November, präzise V>9 Uhr abends, im Goldsaal des Cafe Silier, I„ Schwedenplatz, Politisch-kultureller Aussprache-Abend. Um zahlreichen Besuch unserer Veranstaltungen ersucht das Exekutivkomitee der Jugendgruppe. 50.000 Köpfe umfaßt der Fürsorge-Kataster der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Neben der Erhaltung der eigenen Institutionen werden mehr als 200 Vereine und Anstalten mit einem Aufwand von fast 600.000 S subventioniert und es wird dadurch vielfach deren Bestand ermöglicht. Die Winterausspeisungs- und Kohlenaktion mußten eine erhebliche Erweiterung erfahren und es mußte in großzügiger Weise für kranke, rekonvaleszente und erholungsbedürftige Kinder seitens der Kultusgemeinde Erholungsaufenthalt geschaffen oder ermöglicht werden. Der „Unentgeltliche Arbeitsnachweis" wurde reorganisiert. 1046 Emigranten durch Beitragsgewährungen die Ausreise teils nach Palästina, teils nach anderen Ländern ermöglicht Durch Kooperation mit den auswärtigen Kultusgemeinden ist die Wanderiürsorge geregelt und dadurch dem Wanderbettel ein Ziel gesetzt worden. Eine eigene neugeschaffene Einrichtung, die Qemiluth-Chesed-Kasse, dient der Gewährung zinsenfreier Darlehen an kleine Händler und Gewerbetreibende, wodurch in diesem Jahre in 370 Fällen Erwerbsmöglichkeit geschaffen wurde. Die als Muster- Institution bekannte Versorgungs- und Siechenanstalt der Kultusgemeinde erweist sich bei einem Belägraum für 400 Insassen angesichts der fortschreitenden Verarmung unter den Gemeindemitgliedern seit Jahren als unzulänglich. Nunmehr geht ein Zubau der Vollendung entgegen und in wenigen Wochen werden ungefähr 70 weitere Plätze für Alte und Sieche verfügbar sein. Täglich wächst die Anforderung von Gratisbetten auf den Abteilungen des Spitales der israelitischen Kultusgemeinde Wien und immer größer wird der Andrang in den Ambulanzen. Schließlich wurde in der Pressekonferenz auch die Frage ventiliert, warum die Kultusgemeinde allein diese gewaltigen Opfer zur Steuerung der Not der Armen zu leisten habe. Es wurde darauf hingewiesen, daß gelegentlich der Aussprache des Präsidiums der Kultusgemeinde mit Herrn Bundeskanzler Dr. Schuschnigg dieser auf die schreckliche Not der jüdischen Bevölkerung, insbesondere des Mittelstandes aufmerksam gemacht wurde. Die Aktion, die die Kuftusgemeinde nun im Auge habe, stehe keinesfalls im Widerspruch zu der Winterhilfsaktion der Regierung oder der Gemeinde Wien, sie sind beide vielmehr mit ihr sehr einverstanden. Auf eine Anfrage gab Vizepräsident Dr. Löwe n h e r z bekannt, daß die Kultusgemeinde weder vom Bund noch von der Gemeinde Wien eine Unterstützung erhalte, auch was die Krankenanstalten betreffe, müsse die Gemeinde, soweit es sich um die Erfüllung religiöser Erfordernisse handle, immer wieder einspringen. Die Gemeinde Wien ersetzt allerdings einen Teil der Kosten für die Pfleglinge im Altersversorgungshaus. Von den mehr als 400 Insassen ersetzt die Gemeinde Wien für zirka 100 Personen die Gebühren. Alles übrige trägt die Kultusgemeinde. Auch Vizepräsident Dr. Ticho appellierte in warmen Worten an alle besser gestellten Mitglieder der Glaubensgenossenschaft, das Ihrige beizutragen, um dem furchtbaren Elend zu steuern, von dem er eine eindringliche Charakterisierung durch Schilderung der Verhältnisse im Fürsorgeamt der Kultusgemeinde gab. Mit dem dringenden Appell des Präsidenten Dr. F r i e d m a n n an die Pressevertreter, die Aktion der Kultusgemeinde zur Erlangung freiwilliger Steuerzuschläge tatkräftigst zu unterstützen, schloß die Konferenz.