Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 45 (9.11.1934)
- Date
- 1934-11-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT das Gottsuchen der Juden, das gerade jetzt stärker ist als je. Freilich suchen die Juden Gott nicht in den Missionshäusern Andersgläubiger, sondern in ihrer eigenen Synagoge. Die jüdischen Bethäuser sind an allen Feiertagen überfüllt und die angeblich so materialistischen Juden halten an diesen Tagen ihre Geschäfte geschlossen. Die Appelle an die katholischen Geschäftsleute, an ihren Feiertagen freiwillig dasselbe zu tun, schlugen fehl und mußten durch staatliche Zwangsmaßregeln ergänzt werden. Ebenso unberechtigt ist schließlich der Vorwurf Pater Bichlmairsi, daß die Juden der christlichen Religion und ihrem Stifter keine Achtung zollen. Sie beweisen im Gegenteil ihre Hochschätzung vor fremden Glaubenskulten dadurch, daß sie keinerlei Mission bei Andersgläubigen betreiben. In diesem Punkte wäre gerade Pater Bichlmair die geeignetste Persönlichkeit zur Herbeiführung jener gegenseitigen Angleichung zwischen Juden und Christen, der die neue Zeitschrift „Erfüllung" dienen will. „Die Weisen von Zion" und ihre Entlarv er. Vor einem halben Jahrhundert ungefähr wurde der Antisemitismus als die Weltanschauung des „dummen Kerls von Wien" verschrien, in unseren Tagen galt er als das Werk der „Weisen von Zion". Welcher dieser beiden Qualifikationen die größere Berechtigung zuerkannt werden soll, das ist im Grunde die Frage, die der Berner Gerichtshöf, .der über die Authentizität der famosen „Protokolle der Weisen von Zion" zu urteilen hat, entscheiden wird. Entpuppt sich der „dumme Kerl", der seinerzeit dem Judenhaß in Mitteleuropa von Wien aus zu einer überraschenden Renaissance verhelfen hat, als genialer Politiker, der intuitiv die Gefahren ahnte, die später in den strittigen Protokollen schwarz auf weiß deklariert erschienen, oder sind die „Weisen von Zion" nur eine Inkarnation der Narrheit jener, -die an sie glauben? Diese Frage ist in Wirklichkeit längst gelöst. Verschiedene Zeugen, die von dem Berner Gerichtshof interpelliert wurden, ob sie die „Protokolle" für echt halten, replizierten entrüstet, sie seien doch nicht geisteskrank. Sie brachten damit nur die Meinung, die der überwiegende Teil der urteilsfähigen Menschheit über das Machwerk hegt, auf die prägnanteste Formel. Der gerichtlich bestellte Sachverständige C. A. Loosli durfte sich die Sache nicht so leicht machen. Doch obwohl sein Gutachten nahezu 200 Folioseiten umfaßt, läuft seine Kritik im Wesen auf dasselbe hinaus. Die an den Sachverständigen gerichteten Fragen verdichten sich auf folgende Hauptpunkte: 1. sind die eingeklagten sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion" echt, unecht oder gefälscht? 2. bilden sie ein Plagiat einen geistigen Diebstahl im schrifttümlichen Sinne dieses Begriffes? 3. fallen sie unter den Begriff der Schundliteratur, d. h. sind sie durch Ihren Inhalt durch ihre Form oder durch bedde dazu geeignet, zur Begehung von Verbrechen anzureizen, oder Anleitung zu geben, die Sittlichkeit zu gefährden, das Schamgefühl gröblich zu verletzen, eine verrohende Wirkung auszuüben oder sonstwie groben Anstoß zu erregen? (Art 14 des bernischen Gesetzes .Über Maßnahmen gegen die Schundliteratur.) Der Sachverständige vernednt kategorisch, daß die zionistischen Führer jemals das Bestreben hatten, irgend eine revolutionäre oder sonstige politische Tätigkeit in den Ländern der jüdischen Diaspora zu entwickeln. Der Sachverständige widerlegt einwandfrei die Behauptungen des judengegnerischen Schrifttums, wonach die Verfasserschaft der „Protokolle" auf den jüdischen Schriftsteller Afihad Haam, seines wirklichen Namens Asscher Grazberg, zurückzuführen ist Aus den Protokollen des Zäonisten-Kongresses, wie aus den Aussagen von noch heute lebenden Personen, die daran teilnahmen, ergibt sich, daß alle Verhandlungen im breitesten Licht der Oeffentlichkeit geführt worden sind. Es spricht nicht das geringste Indiz dafür, daß während der drei Verhandlungstage in Basel noch irgend welche Geheimsitzungen stattgefunden haben. Nach dem Herausgeber der französischen Ausgabe „Protocoäles des Sages de Sion", Roger Lambelin. sei der Urtext der „Protokolle" entweder aus einem Kassenschrank, den die Zionisten im Elsaß besessen hätten, entwendet worden, oder aber von der Frau oder der Geliebten eines der Eingeweihten, die sie verfaßt hatten, abgeschrieben und - weitergegeben worden. Die Entstehungsgeschichte dar„Protakolle" bildet überhaupt bei den Gewährsmännern ihrer Echtheit und ihrer Verbreiter ihre schwächste Stelle. Der deutsche Herausgeber. Beck, berichtet von der Bestechung eines Juden, der das Vertrauen der obersten Leitung genoß, zum Verrat, während der andere deutsche Herausgeber, Theodor Fritsch. behauptet, die „Protokolle" seien von der russischen politischen Polizei anläßlich einer Haussuchung in einer jüdischen Wohnung in Rußland beschlagnahmt worden. Es handle sich um eine hebräische Urschrift. Bekanntlich sprechen die Herausgeber Lambelin und zur Beck von einer französischen Urschrift Das 1864 erschienene Buch des Nichtjuden Maurice Joly „Dialogues aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu" bildet das wichtigste Beweisstück zur Beurteilung der Hauptfrage nach der Fälschung der „ProtokcWe". Die Schrift von Joly bildet eine Kritik gegen die. in eben dieser Schrift von Machiavelli vertretene Politik Napoleons III. Alle wesentlichen Gedanken der ..Protokolle" sind, und zwar in genau derselben Reihenfolge, dem Buche Jolys entnommen, dann aber je nach Bedarf erweitert, erklärt und. nur ausnahmsweise selbständig, sinnentstellend und zweckbewußt fälschend erörtert Nicht weniger als rund 170 Stellen sind daraus wör.ilich abgeschrieben. Die Fälschung verrät die Hand eines gewissenlosen, oberflächlichen Plagiators und Fälschers, der sich nicht einmal die bescheidenste Mühe gibt, die Spuren seines schrifttürmdchen Diebstahls zu verwischen. Die Hauptfälschung besteht darin, daß überall da. wo Joly in seinen „Totengesprächen" Napoleon III., seine Regierung und seine Politik meint ohne sie zu nennen, in den sogenannten „Protokollen" die Judenschaft der ganzen Welt an Stelle der von Joly gemeinten Personen und Verhältnisse unterschoben wird. Als erwiesen ist zu betrachten, daß dien „Protokolle" in ihrer annähernd endgültigen, französischen Fassung unter der Anleitung Ratschkowskys, Leiters der russischen poetischen Geheimpolizei im Ausland, im Jahre 1905 in Paris angefertigt und später noch ergänzt wurden. Die Fälschung diente internen russischen Motiven und sollte dem Zaren beweisen, daß die Juden es seien, welche sich gegen die damalige russische Staatsverfassung verschworen und die jüdische Weltherrschaft anstrebten. Die an der Aufrechterhaltung des Absolutismus interessierten Kreise wollten verhindern, daß der ZaT auf den Gedanken komme. Reformen einzuführen, die ihre Macht hindern könnten. Der Fälscher Ratschkowsky ist eine düstere Gestalt die erwiesenermaßen auch in anderen Fällen vor Fälschungen und Provokationen nicht zurückschreckte. Der Text der „Protokolle" wurde dann später noch von S. A. Nlus erweiternd gefälscht Die Frage, ob Beweise vorliegen, daß die „Protokolle" aus politischen Motiven gefälscht worden sind, muß bedingungslos bejaht werden. Njcht eine Behauptung der Befürworter der Echtheit der „Protokolle" hält einer unbefangenen, ernst- Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern haften Prüfung stand. Ueberall, wo der Wahrheitsbeweis versucht wird, verwickeln sich die Beweisführer in Widersprüche. So oft es gelingt, einen Gewährsmann festzuhalten, erweist er sich bei näherem Zusehen ausnahmslos als ein Mensch von recht zweifelhaftem sittlichen Wert wenn nicht gar als Berufsfälscher oder Verbrecher. Wie sefir der Sachverständige mit dieser Charakteristik ins Schwarze traf, beweist schon die gerichtsbekannte Persönlichkeit des zuerst von den Angeklagten als Sachverständiger in Aussicht genommenen Expastor Münchmeyer. Dieses übelst beleumundete Individuum konnte zwar nach der Etablierung des Dritten Reiches zu einem maßgebenden Faktor „nordischer" Politik werden, aber ihn dem Ausland zu repräsentieren, schämte man sich doch und so blieb Münchmeyer für die reichsdeutsche Post, die ihm die Einladung nach Bern zustellen sollte, „unauffindbar". Die Angeklagten mußten deshalb nach einem anderen Sachverständigen, der die Echtheit der „Protokolle" bezeugen soll, Ausschau halten und fanden ihn in zwölfter Stunde in der Person des Erfurter Oberstleutnants a. D. Fleischhauer, bis zu dessen Gutachtenerstattung der Prozeß bekanntlich vertagt wurde. Dieser ehemalige preußische Offizier besitzt seit zehn Jahren den U. Bodung-Verlag, den die Erfurter sozialdemokratische Tageszeitung einmal nach einer Versammlungsrede Fleischhauers gegen die von den „jüdischen" Warenhäusern veranstalteten „Weißen Wochen" ein Warenhaus genannt hat, das ständig „Weiße Wochen" veranstaltet, da es der Vorbereitung des weißen Terrors diene. Die „Protokolle der Weisen von Zion" sind der meistabgesetzte Pofel dieses Warenhauses und indem Fleischhauer für die Echtheit dieser Attraktion eintritt, schützt er seine eigenen geschäftlichen Interessen. Man muß deshalb damit rechnen, daß er seine Aufgabe mit Eifer erfüllen und sich die Sache nicht so leicht machen wird wie der gleichfalls von den Beklagten als Autorität geladene Schweizer Dr. Zander, der als Beweis für die Echtheit der Protokolle unter allgemeiner Heiterkeit anführte, daß die Juden es bisher unterlassen hätten, deren Unechtheit zu beweisen . . . Und dasi, unmittelbar nachdem Weizmann und andere Teilnehmer des ersten Zionistenkongresses sowie sonstige jüdische;und nichtjüdische Persönlichkeiten von Ruf und Ansehen die Lächerlichkeit der den Juden in den „Protokollen" unterstellten Weltherrschaftspläne überzeugend dargelegt hatten. - Das-Zeugnis des Stockholmer Oberrabbiners Dr. Markus Ehrenpreis wurde geradezu zu einer flammenden Anklage. „Dieser Prozeß", rief er aus, „ist nicht nur ein Prozeß gegen die gefälschten „Protokolle". Das gesamte Judentum führt an dieser Gerichtsstelle einen Prozeß gegen seine Ehrabschneider. Unsere Ehre, unsere Religion sind durch die Behauptung der falschen „Protokolle" auf das schwerste verletzt. Gewiß kennt das Judentum Protokolle. Diese Protokolle aber sind überschrieben „Unsere Heiligen Schriften", aus denen das Judentum und die Menschheit seit Jahrtausenden seine moralische Erziehung und seine edelste Frömmigkeit gewonnen hat." Wir klagen nicht! In den Logenräumen in der Kleiststraße, Berlin, fand dieser Tage eine Kundgebung des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt. Da der große Saal die erschienenen Massen nicht fassen konnte, mußte eine Parallelversammlung in einem zweiten Saal abgehalten werden, die ebenfalls so überfüllt war, daß hunderte Erschienene nicht mehr Einlaß fanden. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, der stellvertretende Vorsitzende des Centrai-Vereins, gab Rechenschaft über die Veränderungen und Ereignisse der vergangenen eindreiviertel Jahre seit dem Machtantritt des Nationalsozialismus. Er ging von dem zahlenmäßigen Stand der deutschen Juden in den letzten 60 Jahren aus. Zwischen 1871 und 1925 habe sich das deutsche Judentum durch Einwanderung etwas vermehrt, von 1925 bis 1933 sei seine Zahl relativ und absolut gesunken. Seit Frühjahr 1933 hat das deutsche Judentum 65.000 Menschen durch Abwanderung und Sterbeüberschuß verloren. Heute werden kaum noch 475.000 Juden in Deutschland leben. Wenn man die etwa 300.000 nichtjüdischen Nichtarier hinzurechnet, so beziehen sich die. Maßnahmen, die gegen die Nichtarier getroffen worden sind, auf kaum 1,2 Prozent der deutschen Bevölkerung. Von etwa 60.000 bisher Ausgewanderten gingen 30.000 nach Frankreich. Eine große Zahl ging nach Palästina, das heute, wie auch ein Nichtzionist bekennen muß, eine andere Stellung in unserem Denken einnimmt als früher. Von den nach Palästina ausgewanderten Juden aus Deutschland waren abeir bloß 45 Prozent bis 50 Prozent deutsche Staatsangehörige. Von deutschen Juden im engeren Sinne sind etwa 6000 bis 7000 nach Palästina gewandert Die Eingliederung der jüdischen Emigranten in die fremden Staaten, sagte Dr. Weil, sei nicht durch den Antisemitismus, sondern durch die Wirtschaftskrise erschwert Im Angesicht der ganzen Welt muß gesagt werden: wenn man etwas mehr Organisationstalent bewiese« hätte, dann hätte eine Emigration von nicht mehr als 60.000 bis 70.000 Menschen in der Welt doch besser und würdiger untergebracht werden können, als dies der Fall gewesen ist. Ihre Lage ist heute traurig und wenig hoffnungsvoll. Wer trotzdem auswandern zu müssen glaubt fuhr Dr. Weil fort, dem werden wir nicht ein Nein entgegensetzen. Aber die Abgewanderten haben kein Recht, Richter über das Verhalten der Juden in Deutschland zu sein. Dr. Weil gab eine Uebersicht über! die Stellung derdeutschen Juden im deutschen Staat. Wir wenden uns, sagte er, gegen jede Diffamierung wegen -unseres Glaubens und je1 de Herabsetzung unserer Abstammung. Was in der Welt von Juden für deutsche Juden getan worden ist, das beschränkt sich auf