Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 45 (9.11.1934)
- Date
- 1934-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die Wahrheit In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden* Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration; Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 9. November 1934 Nummer 45 Ein Versöhnungswerh zwlstten laden und Christen? Rasiere DIdi gut and billig Der Wiener Jesuitenpater Bichl mair, dessen wenig ermunternde Erfahrungen mit der Neigung der Juden, den Katholizismus anzunehmen, wir jüngst anläßlich der Veröffentlichung seiner Judentaufstatistik glossierten, sucht nunmehr neue Wege der „Erfüllung" seiner Mission. Unter dem Titel „Erfüllung" wird nämlich seiner Ankündigung in der „R e i c h s p o s t" zufolge eine österreichische Zweimonatschrift erscheinen, die „einer Begegnung der Juden mit dem Geiste Christi und einer Begegnung der Christen mit der Sendung Israels dienen will". Der Missionszweck dieser Begegnung wird freilich nicht offen ausposaunt. Da aber Pater Bichlmair, der unleugbar in der Judenmission eine exponierte Stellung einnimmt, gleich zu Beginn seiner Anpreisung der neuen Zeitschrift denen Recht gibt, „die in der Judenfrage keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der Ewigkeit sehen", muß schon der Titel „Erfüllung" mißtrauisch machen. Denn jede Hoffnung auf eine Erfüllung ist logischerweise zeitlich bestimmt. Der Optimist wird eine kleinere, der Pessimist eine größere Zeitspanne zur Erfüllung seiner Wunschträume in Aussicht nehmen. Wer aber einen gegebenen Zustand für ewig hält, leugnet von Haus aus die Erfüllbarkeit aller Bestrebungen, diesen Zustand irgendwie zu beenden. Denn es gibt keinen größeren Widerspruch als den zwischen den Begriffen „Ewigkeit" und „Ende". Ein für ewig diagnostiziertes Verhältnis zwischen verschiedenen Konfessionen kann daher niemals irgend einer Erfüllung zugeführt, sondern bestenfalls für alle Teile erträglich gestaltet werden. Einer solchen Aufgabe könnte allerdings eine Zeitschrift dienen, die nach Pater Bichlmairs Zeugnis berufen ist, „Mauern niederzulegen, die Menschen aus Unwissenheit und Zwietracht, durch Irrtum und Schuld vor einander aufgerichtet haben". Sie müßte tatsächlich „dem Frieden dienen" und im Verhältnis zwischen Christen und Juden eine schönere Zukunft anbahnen, wenn auch nicht im Sinne jener gleichfalls katholischen Zeitschrift, die den Titel „Schönere Zukunft" führt, aber gerade den entgegengesetzten Tendenzen dient und geradezu einen Tummelplatz jener Untugenden darstellt, die Pater Bichlmair jetzt folgendermaßen bloßstellt: „Selten bringen Christen die Objektivität und Selbstlosigkeit auf, ehrlich anzuerkennen, daß auch Juden auf den verschiedensten Gebieten wirklich Großes geleistet haben . . . Selten sind Christen bemüht, die hervorragenden Züge im jüdischen Charakter gelten zu lassen, oder, wenn sie es schon tun, anders als in einem Vordersatz, dem dann ein Nachsatz mit Aber folgt, der alles Zugestandene doppelt und dreifach wider- VERWALTUNGEN J> iÄTZE- HYPOTHEKENOjgfc KÄUFE - VERKÄUFE SZIL AGYI BEH. ABT. SEISAL IX., RÖTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 ruft . . . Selten zitieren Christen aus dem Talmud etwas anderes als lächerliche und belastende Stellen, als ob sich in ihm nicht auch viel religiöses und ethisches Gut fände." Sicherlich ist die Zeitschrift „Schönere Zukunft" nichtdaseinzige betont katholische Organ, das sich die hier gerügten Ungerechtigkeiten gegenüber den Juden zuschulden kommen läßt, aber sie repräsentiert insofern ein Unikum, als sie, obwohl in Wien erscheinend, in Deutschland mitgeholfen hat, dem Hitlergeist die Wege zu ebnen und sdch im grellsten Gegensatz zu anderen katholischen Publikationen im Dritten Reiche die Gunst der nationalsozialistischen Führer zu erhalten versteht. Es äst grotesk, daß gerade Bekenner des Neuen Testaments sich über die in diesem Buche ausgesprochene Erkenntnis hinwegsetzen: „Niemand kann zwei Herren dienen", und gleichzeitig Zeitschriften herausgeben, von denen die einen df* Antisemitismus propagieren, während die anderen nach Pater Bichlmairs Worten gewillt sind, den „schleichenden Kriegszustand" zwischen Christen und Juden zu beenden und „unverzüglich an der Schaffung jener Voraussetzungen zu arbeiten, die für eine endgültige Lösung der herrschenden Spannungen unerläßlich sind." Wenn die evangelische Publizistik solche Divergenzen aufweist, muß man die — gegenwärtig auch von Hitler ausgekosteten — Schwierigkeiten berücksichtigen, Protestanten unter einen Hut zu bringen. Aber im katholischen Lager müßte sich doch mit Leichtigkeit eine einheitliche Orientierung gegenüber dem Judentum erzielen lassen. Diese Aufgabe ist um so leichter, als sie sich bloß auf jene zu beschränken brauchte, die die katholischen Massen mit Wort und Schrift beeinflussen, und nicht etwa auf die katholischen Massen selbst. Denn es ist eine gewaltige Uebertreibung, wenn Pater Bichlmair ganz allgemein formuliert: „Bischer sind Christen und Juden in ihrem Verhältnis zueinander kaum sonderlich weit über gegenseitige Vorwürfe und Anschuldigungen hinausgekommen. Sie kämpften gegeneinander. Sie suchten offen oder versteckt einander aus besetzten Stellungen zu verdrängen." Dort wo man Juden und^Christen unbeeinflußt von „oben" miteinander leben läßt, dort gestaltet sich das gegenseitige Verhältnis im großen und ganzen durchaus friedlich. Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß der „Antisemitismus" überall dort am heftigsten grassiert, wo eine Berührung mit Juden fast gar nicht besteht Die Vorwürfe und Anschuldigungen gegen die Juden basieren nur selten auf selbstgemachten Erfahrungen, sondern werden meist künstlich in die Massen getragen. Und die Verdrängung aus besetzten Stellungen ist überhaupt nur mit Hilfe der Obrigkeit möglich. Man vernimmt ja heute noch von: nationalsozialistischer Seite in Deutschland immer wieder die Klage, daß Arier noch immer in jüdischen Geschäften einkaufen, bei jüdischen Aerzten Heilung, bei jüdischen Rechtsanwälten Rat und Schutz suchen. Da kann doch von einer freiwilligen Verdrängungstendenz bestimmt nicht die Rede sein! Und am absurdesten erscheint die Ansicht P. Bichlmairs angesichts der Tatsache, daß in Oesterreich jüngst OesicrrelcMsc&es Q u aiifa<s rab rIhöi Ueberau erhältlich die jüdischen Aerzte auch aus solchen Krankenkassen entlassen wurden, deren Mitglieder bis zu 70 Prozent selbst Juden sind . . . Dort, wo man das Volk seine ärztlichen, juristischen und sonstigen Berater allein suchen läßt, wird es sich fast niemals von konfessionellen Motiven leiten lassen, sondern immer denjenigen konsultieren, der ihm persönlich vertrauenswürdig erscheint. Und wenn dies durch behördliche Eingriffe verhindert wird, erscheint dies nicht nur dem dadurch materiell geschädigten Arzt, Rechtsanwalt usw. ungerecht, sondern auch der Masse der Ratsuchenden. Besonders grotesk aber muß es den durch solche Maßregeln in ihrer Existenz bedrohten Opfern erscheinen, wenn Pater Bichlmair diese Regelung als einen Modus vivendi bezeichnet. Die durch solche „Ordnung in der Judenfrage" dem Hungertod oder dem Selbstmord zugetriebenen Opier dürften den Ausdruck für einigermaßen euphemistisch halten ... Es ist wirklich absurd, von einer Lebens regelung zu sprechen, wenn den Juden jede Möglichkeit, ihr Leben zu fristen, genommen wird. Eine besondere Gefahr in dieser Hinsicht bedeutet die am 1. Dezember in Kraft tretende Gewerbeordnung, die den Juden, denen der öffentliche Beamtendienst schon längst verschlossen ist, auch noch die freien Berufe verrammelt. Das ist ein wirtschaftliches Todesurteil, kein „modus vivendi". Angesichts dieser überaus bedrohlichen Gestaltung der Gegenwart und allernächsten Zukunft erscheint die Frage berechtigt, ob die neue Zeitschrift, die „das verborgene Sein des Judentums ans Licht bringen" will, nicht sehen zu spät kommt, wenn gleichzeitig den Juden das Lebenslicht ausgeblasen wird. Was nützen ihre schönen Vorsätze: „Sie wird von der göttlichen Wahrheit und menschlichen Erhabenheit der Bibel sprechen; von Weisheit im Talmud und von chassidischer Frömmigkeit. Sie wird den großen Anteil auch des heutigen Judentums am modernen Geistesleben prüfen." Was nützt die beste Zensur jüdischer Leistungen, wenn diese die verdienstvollen Juden nicht vor Not und Elend schützen? Die neue Zeitschrift bekennt sich zum Primat des Geistes. Aber die Entscheidung der Geschichte fällt nicht bloß, wie- Pater Bichlmair meint, im Geiste und nirgendwo anders. Auch der Körper macht seine Rechte geltend und es ist durchaus nicht materialistische oder gar, wie die „Reichspost" schilt, sozialdemokratische Einstellung, wenn sich die Juden gegen das willkürlich über sie verhängte Schicksal, ihnen den Lebensfaden abzuschneiden, wehren. Wenn Pater Bichlmair daraus den Schluß zieht, daß das jüdische Denken von heute „im rein Menschlichen sich erfüllen will", dann verkennt er