Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 44 (2.11.1934)
- Date
- 1934-11-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT ren wallte, nun werden wir den Juden beweisen, daß wir bereit sind, unser Volk von rassenschänderischen Elementen und degenerierten Geschäftemachern zu säubern!" Richard Kunze war schon im Vorkriegs- Deutschland, dann während des Krieges und in der ersten Nachkriegszeit als Radau-Antisemit bekannt Er gründete den Deutsch-Sozialen-Verein und stattete, dessen Mitglieder mit Knüppeln_ aus seiher eigenen Knüppel-Fabrik zum Kampf gegen die Juden aus. Er führte darum in der Oeffentlichkeit den Namen „Knüppel- Kunze". Vor einigen Jahren geriet er beim Baden in der Ostsee in eine Untiefe und versank. Ein jüdischer Arzt zog unter Einsatz des eigenen Lebens den bereits bewußtlos gewordenen Kunze aus den Wellen und rief ihn ins Leben zurück. Der Arzt wurde dafür mit der Rettungs-Medaille ausgezeichnet. Kunze aber stellte seine radau-antisemitische Tätigkeit eine Zeitlang ein. Offenbar glaubt er heute, daß über die Geschichte seiner Lebensrettung durch einen Juden bereits Gras gewachsen ist und „Knüppel-Kunze" holt wieder zum „Vernichtungsschlag" gegen das Judentum aus. * Max O p h ü 1 s, ein Jude, früher an den Breslauer, Frankfurter und Berliner Bühnen, sowie bis zum Vorjahre im deutschen Film erfolgreich hervorgetreten, seit längerer Zeit ais Filmregisseur in Italien tätig, erhielt für seinen neuen Film „La Signora di tutti" bei dem kinematographischen Wettbewerb des Biennale in Venedig den Preis des italienischen Ministeriums der Korporationen für den technisch besten italienischen Film. Z. T. A. Dis Sabbafhenfweihung in Palästina. Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz hatte in seiner Eigenschaft ate Vorsitzender der Misrachi-Organisation Großbritanniens eine Unterredung mit dem High Commdssioner für Palästina General Sir Arthur Wauchop e. Oberrabbiner Dr. Hertz legte dem High Commissioner den Standpunkt der religiösen Judenheit der ganzen Welt in bezug auf eine der Subventionierung der mohammedanischen geistlichen Gerichte entsprechende Gewährung einer Beihilfe aus öffentlichen Mitteln für die Rabbinischen Gerichte in Palästina dar und befürwortete die Förderung der von jüdischen Stadtgemeinden unternommenen Versuche, die öffentliche Entweihung des Sabbaths zu verhindern, seitens der staatlichen Behörden. Z. T. A«— Dr. Chaim Weizmann 60 Jahre. Am 27. Oktober hat der ehemalige Vorsitzende der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency und jetzige Präsident des Zionistischen Verbandes für Großbritannien und Irland und Leiter des Büros zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina, Dr. Chaim Weizmann, sein 60. Lebensjahr vollendet Auf seinen Wunsch wurde von der Veranstaltung von Feiern aus diesem Anlasse abgesehen. Irrigerweise war bereits im vorigen Jahr die Nachricht verbreitet, Dr. Weizmann sei 60 Jahre alt geworden. Weizmann, der gegenwärtig auf dem Kontinent weilt, begibt sich demnächst nach Palästina, um die Leitung des Sieff-Instituts für Agrikultur-Chemie in Rechowoth zu übernehmen. Weizmanns Mutter und fast alle ihre übrigen Kinder leben bereits in Palästina. Johann Kremenetzky gestorben. Im Alter von 84 Jahren verstarb am 25. Oktober in Wien an den Folgen eines Schlaganfalls der hervorragende österreichische Industrielle und zionistische Führer Johann Kremenetzky, einer von der alten Garde des Zionismus, intimer Freund und Mitarbeiter des Begründers des modernen Zionismus, Theodor Herzl. Ingenieur Johann Kremenetzky wurde 1850 in Odessa geboren, kam in verhältnismäßig jungen Jahren nach Wien und gründete hier die erste österreichische Glühlampenfabrik, die unter seinem Namen noch heute besteht und eine der bedeutendsten der Welt ist Dem Unternehmen, das mehr als 5000 Arbeiter beschäftigt, ist heute eine große Radio-Fabrik angeschlossen. Kremenetzky, der Bürger der Stadt Wien war und das Ehrendoktorat der Wiener Technik hatte, gilt als der eigentliche Begründer der Glühlampenindustra'e in Europa. In der zionistischen Bewegung hat Kremenetzky jahrzehntelang eine führende und oft bestimmende Rolle gespielt Auf dem I. Zionistenkongreß in Basel wurde er neben Theodor Herzl, Oskar Marmorek, Leopold Kahn und O. Kokesch dn das Engere Aktionskomitee der Zionistischen Organisation gewählt und behielt diese MODERNE LEIHBIBLIOTHEK N. RATH Wien, 2. Bez., Taborstraße 20A Telephon R 43-1-5S Reichhaltige Auswahl. — ALLE NEU¬ ERSCHEINUNGEN. Judaicauuliebralca. Täglicher Umtausch. Monatsgebühr nur S 3.10 Keine Bandgebühr. In unserer Buchhandlung: Reichsie Auswahl. Billige Bücher. Würde bis zum VII. Zionistenkongreß. Seitdem war er viele Jahre Mitglied des Großen Aktionskomitees. Nach der Gründung des Keren Kajemeth Lejisrael war Kremenetzky bis 1907 Leiter des in Wien errichteten Hauptbüros dieser Institution. Auch am praktischen zionistischen Aufbau nahm er direkt Anteil. Nach Kriegsende gründete er in Tel. Aviv, das jhn zum Ehrenbürger. ernannte, eine große Fabrik für elektrische Bedarfsartikel und gemeinsam mit Boris Goldberg die „Silikaf'-Ziegelwerke. Kremenetzky, den auch seine innerjüdischen Gegner als einen hervorragenden Menschen und Juden schätzten, hat in seinem Testament namhafte Beträge zionistischen Zwecken, der Hebräischen Universität, ferner karitativen und kulturellen Institutionen der Stadt Wien und der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde vermacht Am 28. Oktober fand im Wiener Zentralfriedhof das Leichenbegängnis Johann Kremenetzkys unter außerordentlich starker Beteiligung aller jüdischen Gesellschaftskreise statt. Unter den Trauergästen sah man auch den Rektor der Wiener Technischen Hochschule, Professor Dr. August Kann, zahlreiche Vertreter der Industrie, des Gewerbes und der anderen wirtschaftlichen Spitzenverbände. Mit dem gesamten Präsidium der Kultusgemeinde an der Spitze waren Delegationen aller jüdischen Vereinigungen erschienen: der Zionistischen Organisation, der Union österreichischer Juden, der Bnei-Brisslogen u. v. a. Die Ehrenwache hatten die jüdisch-akademischen Verbindungen übernommen, denen sich verschiedene Korporationen der Chaluzim, des Bundes jüdischer Frontsoldaten, sowie zionistischer Jugendbünde zugesellten. Im Sinne der letztwilligen Verfügung des Verblichenen wurden keine Reden gehalten. Es fand bloß die übliche rituale Zeremonie statt die von Rabbiner Dr. Arthur Zacharias Schwarz, feierlich unterstützt von den Oberkantoren Postolow und Marguli es samt Chor, zelebriert wurde. Auszeichnung« Bundespräsident Miklas hat dem bekannten Zuckerindustriellen und Philanthropen Ferdinand Bloch-Bauer, das Komturkreuz des österreichischen Verdienstordens verliehen. Ferdinand Bloch Bauer ist ein hervorragender Wirtschaftspolitiker, ihm verdankt die österreichische Zuckerindustrie ihren großen Aufschwung. Er gilt im In- und Auslande nicht nur auf diesem Spezialgebiet, sondern auch in vielen anderen. Wirtschaftsfragen als Autorität. Präsident Bloch-Bauer ist ein großer Förderer der Wohlfahrtsinstitute der Wiener Kultusgemeinde. Vor kurzem wurde er auch zum Präsidenten der österreichisch-tschechoslowakischen Handelskammer gewählt. Aus alter Weit. Warschau. Die Stadtverwaltung von Warschau untersteht derzeit der Leitung eines Regierungskommissärs, der auch für den Posten des Stadtpräsidenten (Bürgermeisters) in Aussicht genommen ist. In Regierungskreisen befaßt man sich mit der Frage der Ernennung von Vizebürgermeistern, und zwar werden vermutlich fünf Vizebürgermeister. systematisiert werden. Voraussichtlich wird einer dieser fünf Vizebürgermeister der jüdische Stadtrat MauricyMeisel sein, der auch in der letzten Stadtverwaltung dieses Amt bekleidete. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung Warschaus beträgt bekanntlich über 30 Prozent. Prajj. Der Minister für Schulwesen und Volkskultur hat den Staatspreis für Werke und Leistungen in deutscher Sprache an Ludwig Winder verliehen. Ludwig Winder wurde am 7. Februar 1889 in Schaffa, Mähren, als Sohn eines jüdischen Lehrers geboren. 1917 erschien sein erster Roman ,X)ie rasende Rotationsmaschine", ihm folgte eine Reihe Romane und Dramen, in denen zum Teili jüdisches Leben in den historischen Ländern der Tschechoslowakei sich spiegelt Der 1922 erschienene Roman „Die jüdische Orgel" behandelt das Problem des Judentums im 20. Jahrhundert In allen Werken Winders geht es um ethische Dinge. Mehrere seiner Werke wurden ins Tschechische. Russische und in andere Sprachen übersetzt seine Dramen wurden mehrfach aufgeführt. Warschau. In der letzten Sitzung des Zentralrats des Polnischen Rabbinerverbandes kam die katastrophale Lade der jüdischen religiösen Bevölkerung in Sowjetrußtend zur Sprache, und es wurde beschlossen, den Lubawitscher Rebbe Rabbi Schneursohn und den Wilnaer Gaon Rabbi Chaim Oser Grodzenski zu ersuchen, gemeinsam eine Weltaktion zu Gunsten der Juden in Sowjetrußland!, insbesondere der verfolgten Rabbiner und sonstigen religiösen Funktionäre, einzuleiten. Ferner wurde beschlossen, scharfen Protest gegen die von den Nationaldemokraten in Polen getriebene Hetze gegen die rituelle Schächtung zu erheben. New York. Der Direktor der jüdischen Armenbehörde Dr. John S1 a w s o n ,teilt in seinem Tätigkeitsbericht mit, daß die Zahl der wegen Verbrechens und Vergehens verurteilten Juden in Groß-New York Proportionen nur 50 Prozent der Zahl der Verbrecher der anderen dSe Metropole bewohnenden Nationalitäten beträgt. Statt jeder besonderen Einkdung. Zu der am Samstag, den 10- November, bei dem um Vi 10 Uhr beginnenden Beten im Bethause „Agudas Achim", II., Hammer-Purgstall-Gasse 5 stattfindenden Bar Mizwah meines Sohnes Jakob lade ich hiermit Freunde und Bekannte höfl. ein.. Droscho anschließend an das Leinen. Rabb. M. ROTHSCHILD Semeindedkronifc. New York. Der Welt-Präsident des Unabhängigen Ordens B'ne Briss. Senator Alfred M. Cohen, hat in diesen Tagen sein 75. Lebensjahr vollendet. Glückr wunschschreiben sind ihm von außerordentlich vielen führenden Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten und des Auslands zugegangen, so vom Staatssekretär" (Außenminister) der Vereinigten Staaten, Cordeil Hu 11, von Colonel Herbert H. Lehman, Gouverneur des Staates New York. Weiters von den Gouverneuren der Staaten Ohio, Illinois und Oregon, vom Bürgermeister von Cincinnati u. v. a. Alfred M. Cohen, dessen Eltern aus England eingewandert und zu den Pionieren des Staates Ohio gehörten, wurde 1859 dn Cincinnati geboren. Sern Vater, Morton M. Cohen, war eines der ersten Mitglieder der B'ne Briss, Alfred M. Cohen selbst wurde 1890 Mitglied der Jerusalem-Loge in Cincinnati. Er wurde wiederholt in den Vorstand gewählt und nach dem Zusammenschluß der sieben Logen der Stadt mit der Gesamtleitung der Organisation betraut. Mit dem früheren. Präsidenten der Vereinigten Staaten und späteren Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes William H. Taft, der sein Studienkollege an der juristischen Fakultät gewesen war, verband Alfred M. Cohen lebenslängliche Freundschaft Gleichzeitig mit Warren G. Harding, der später Präsident der Vereinigten Staaten wurde, gehörte er dem Senat von Ohio an und war in der Folgezeit ein häufiger Gast Präsident Hardings dm Weißen Haus. Präsident der B'ne Briss ist er seit dem Rücktritt des inzwischen verstorbenen früheren Präsidenten Leopold Kraus i. J. 1925. An der Bildung des gemeinsamen Vertretungsausschusses der B'ne Briss, des American Jewish Committee und des American Jewish Congress, der am 22. Juni 1933 sich in New York konstituierte, hatte Cohen hervorragenden Anteil. Er ist führend in allen großen Wohlfahrts- und Rechtsschutzaktionen. Besonders hoch wird ihm seine Initiative in der Bewegung zur Bekämpfung enier diskriminierenden Behandlung von Juden auf dem Arbeits- und Stellenmarkt angerechnet Bund jüdischer Frontsoldaten. Am 21. v. M. konnte die Bezirksorganisation Landstraße des Bundes die Eröffnung ihres neuen, schönen Heimes feiern. Hierzu hatten sich eine so große Anzahl von Gästen und Mitgliedern des Bundes eingefunden, daß der sehr geräumige Saal sie kaum fassen konnte. Die Bundesleitung mit Herrn Bundesführer Hauptmann v. Friedmann, Bundesführerstellvertreter Stiaßny und dem Obmann des Exekutivkomitees Hauptmann Benedikt an der Spitze, war vollzählig erschienen, ebenso die Leiterinnen der Frauengruppen mit ihren Präsidentinnen, Frau Schwarz-Hiller, Edle v. Yiskor und Frau Preßburg. Ferner bemerkte man unter den Anwesenden Herrn Dr. J. O r n s t e i n, Vertreter der Vaterländischen Front für das Polizeikommissariat Landstraße Herrn Polizeikommissär Dr. Springer, ferner Abgesandte aller jüdischen politischen Organisationen, der Tempelvereine des 3. Bezirkes und vieler Kameradschaftsverbände. Nachdem die Ehrengäste die Front der im Garten des Heimes aufgestellten Fahnenkompagnie, die unter Kommando des Wehrführers des 3. Bezirkes K1 i n g e r stand, abgeschritten hatten, eröffnete Bezirksleiter Bermann die Versammlung mit herzlichen Begrüßungsworten. Sodann hielt der Bezirksrabbiner des 3. Bezirkes, Herr Dr. Kupfer, eine längere Rede, in welcher er die Idee des jüdischen Frontkämpferbundes pries. Es folgte die vom Herrn Oberkantor Weiß und Prof. Kupfer zelebrierte Weihe des neuen Heims", sodann ein Nachruf auf Bundeskanzler Dr. Doli fuß und die gefallenen Kameraden, zu deren Gedenken Dr. Wittlin das Seelenlicht entzündete, während Oberkantor Weiß das El moleh rachamim anstimmte. Bezirksführer Zellnik hielt sodann die Eröffnungsansprache, in welcher er besonders darauf hinwies, daß die ablehnende Haltung gegenüber dem Judentum hauptsächlich auf die Unkenntnis von dessen Geschichte zurückzuführen sei, es daher nötig wäre, sich mit dieser intensiver als bisher zu befassen. Er übergab sodann den Schlüssel des neuen Heimes dem Bundesführer, Herrn Hauptmann v. Friedmann, der diesen entgegennahm, der BOG III viel Glück wünschte und Herrn Ernst Rosenberg, der sich um das Zustandekommen des Heimes besondere Verdienste erworben hatte, den Dank der Bundesleitung aussprach. Es sprachen noch für die Bezirksführer Hauptmann May, für die Bezirksgruppe Landstraße der Vaterländischen Front sehr herzlich Oberstleutnant Täuber, worauf die Versammlung unter den Klängen des Bundesmarsches, der_sie auch eröffnet hatte, geschlossen wurde. Nachmittags vereinigte ein gemütliches Zusammentreffen die Kameraden und ihre Gäste, wobei die Darbietungen der Herren Erwin Engel, Valberg, Oberkantor Weiß, Dr. Teller und Viktor Schlesinger von der Jüdischen Kunststelle, der Gymnastikschule Olga Suschitzky, sowie der aus jüdischen Hochschülern bestehenden Jazzband Feiler vielen Beifall fanden. 70. Geburtstag. Wie wir von geschätzter Seite erfahren, feierte dieser Tage die Vizepräsidentin des Jüdischen Frauenvereines Landstraße, Frau Prof. Agnes M a h 1 e r, ihren 70. Geburtstag. Die Jubilarin war ausdiesem Anlaß Gegenstand einer herzlichen Ehrung der Vorstandsdamen des genannten Vereines, die sich in ihrem Hause vereinigten, um der verehrten Vizepräsidentin Beweise ihrer herzlichen Sympathie zu bekunden.