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Die Wahrheit · 1934-11-02 · Heft 44 (2.11.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 44 (2.11.1934)
Date
1934-11-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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die österreichischen Juden — mit Rücksicht auf ihre bedingungslose Hingebung an Vaterland und Regierung und ihre erfolgreiche wirtschaftliche Arbeit am Wiederaufbau ihrer Heimat — als gleichberechtigte Staatsbürger auch das Recht haben, zu fordern, daß ihre (Saubensgenossen auf allen Gebieten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens nicht mit einem anderen Maße gemessen werden als die nichtjüdischen Mitbürger. Ist das nicht selbstverständlich? Für jeden, nur nicht für einen Antisemiten. Das angezogene „betont nationale" Blatt zieht ausden Darlegungen S a 1zers, aus der Tatsache, daß die Juden in einzelnen Branchen verhältnismäßig stark vertreten sind, den Schluß, daß ^von der Berechtigung weiterer Forderungen der- Juden keine Rede sein kann". Nichts ist bezeichnender, als daß die demagogisch aufgemachten Auslassungen des Blattes durch alle reichsdeutschen Sender verbreitet wurden. Das sagt alles .... ml Der „Stürmer" in Nöten. Unlängst haben sich Streichers Leibblätter, die „Fränkische Tageszeitung" und der „Stürmer" mit den reichsten Männern der Welt beschäftigt. Man hätte annehmen sollen, daß in diesem Zusammenhang nun wieder einmal die Juden werden herhalten müssen, zumal nach den bisherigen Streicherschen Theorien die .jüdische Weltmacht" von der „jüdischen Geldmacht" herrühre. Nichts von alldem. Hingegen steht schwarz auf weiß folgendes geschrieben: „Jeder, der von den reichsten Männern sprechen hört, denkt zuerst an die Rothschilds.' Aber sämtliche Linien dieser Familie sind nur noch Proletarier unter den Reichsten, kleine Pfuscher, von denen man nicht viel Aufhebens macht..." Man sieht förmlich, wie der Frankenführer das Wort „Proletarier" verzweiflungsvoll auf der Zunge zerstückelt Und spürt, wie sich seine Stirn verdüstert: Gauner, Betrüger! und Hochstapler, wie alle Juden auf Erden. Tun so, als ob sie Geld hätten, lassen ihren Namen gar sprichwörtlich werden. Da träumt man nächtlings, so reich zu werden wie ein Rothschild, und wenn man dann die Liste der 15 reichsten Leute auf der Welt fertiggestellt, ist überhaupt kein Rothschild darunter . . . Nicht nur toeün Rothschild, nicht einmal ein Jude! Der „Stürmer" ist starr. Er schreibt einen spaltenlangen Artikel, zählt jeden (einzelnen Multimilliardärauf — und siehe, es smd lauter Arier. „Von diesen 15 könnte jeder einzelne die Wirtschaftskrise beheben!" — so schreibt er in einer zölligen fetten Schlagzeüe. Sie tun es nicht. Keiner von den fünfzehn macht auch nur die geringsten Anstalten zur Behebung der Krise, des Firankenführers kühne, großzügige Anregung fällt ins Leere — und siehe, es sind lauter Arier, die sich so hundeschnäuzig zeigen. Wäre auch nur e i n Nichtarier darunter — der „Stürmer" wurdevsich den Burschen vornehmen — gegen arische Brüder ist die übliche Form der. Ermunterung noch nicht erlaubt. Der reichste Mann der Welt ist nach Streichers Ansicht der Nizan von Haiderabad in Südindien. Der „Stürmer" flüstert verzückt von vierhundert Luxusautomobilen! Ihm folgt John D. Rockefeiler, „an barem Geld besitzt dieser vertrocknete alte Mann vier Milliarden Mark. Damit kann man schon leben und sich satt essen." Nummer drei: der Maharadscha von Baroda, der des „Stürmers" Nedd vor allen erregt: er hat vierzig Millionen Mark Jahreseinkommen und seine vielen Frauen zu ernähren. Henry Ford hat nach dem „Stürmer" große Verluste gehabt Ihm folgt der amerikanische Staatssekretär Mellon, dann kommt wieder ein Inder, ein Mohammedaner diesmal: Aga Khan. Vom Zinnkönig Simon Patino aus Bolivien weiß Streicher nicht genau, ob er vor oder hinter Ford rangiert, er ist darob sehr bekümmert, doch läßt er keine böse Ahnung durch den verdächtigen Vornamen aufkommen. Nummer acht aber, dem Japaner Ken Kichi Kagami, der die ganze Welt mit billigen Fahrrädern und Glühbirnen verseucht gibt der „Stürmer" eins aufs Dach, er nennt diesen Burschen, der Deutschlands Industrie derart Konkurrenz macht den „japanischen Rothschild", -obwohl er ein größeres Jahreseinkommen hat-als alle Linien der Rothschilds zusammen. Bei John Pierpont Morgan, der in der „Fränkischen Tageszeitung" aus lauter Druckfehlern besteht, bedauert der Frankenführer, daß ihm Roosevelt noch nicht das schwer belastete Genick gebrochen habe* Der Rüstungsindustrielle Zaharoff wird solide beschimpft. Lord Iveagh, der Schwiegersohn des; Bierkönigs Guinnes, hat sein Geld ehrlich erworben, Lord Derby hat es nur errafft, der Herzog von .Westminster hat dagegen Der Verein zur Aasspeisung für die Bezirke XII—XV sucht für seinen Küdienbetrieb eine vollkommen versierte altein- <3fY**T _ g> » die auch in der stehende «911101111, Speisenverteilung geschult ist. Vorzustellen: im Sekretariat, Wien XV., Herklotzgasse 21, von 16 — 18 Uhr nachmittags. in Grundstücken spekuliert — ein männliches Gewerbe in den Augen des „Stürmer". Den Beschluß machen zwei Monarchea^der von Italien, dem der grantenfiUumj^iy^liwflawkf^ und —.S^ M., der weiland Allerhöchste Kriegsherr, den der Frankenführer schweren-Herzens zu den fünfzehn Reichsten zählen muß, ,i,obwohI er es nicht gerne hört". Engländer, Amerikaner und Inder — die Arischkeit der fünfzehnist mcht zu bezweifeln. Dem Japaner hat der „Stürmer" die Gleichberechtigung der Rasse ausdrücklich attestiert. Und dennoch, und dennoch — sie behalten ihr Geld, sitzen fest auf den metallenen Säcken, statt es auszuschütten und die Wirtschaftsnot zu beheben. Streicher ist durch diese Feststellung offenbar ein wenig durcheinandergeraten, das Ergebnis seiner Forschung paßt nicht in den Rahmen seiner Theorien. Damals am 1. April 1933, dem Tag des Boykotts, schickte er einen Sturm aus Nürnberg nach Frankfurt, um die Rothschilds auszuheben, sie nach Nürnberg vor ihren Richter zu führen... Kein Rothschild fiand sich. Das Bankhaus war seit Jahren geschlossen, der Frankfurter Zweig längst ausgestorben, nur in der antisemitischen Propa- IsraclMistlic M«ltisgcmeiimcl« Züricfm SfellenaiMsdireibiimg Die Stelle des I. Kantors in unserer Gemeinde ist frei. Wir suchen einen Vorbeter für unsere Synagoge mit Orgel, der folgenden Anforderungen entspricht (§ 132 unserer Statuten): 1. ausgezeichnete Stimme, Konservatoriumsausbildung, 2. seminaristisch-pädagogische Schulung, welche zur. Erteilung von Religionsunterricht befähigt Alter nicht über 35 Jahre. Gehalt und Pension nach Vereinbarung. 1 Offerten mit Zeugnisabschriften und Bild, Lebenslauf und Referenzen sind schriftlich zu richten an den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Zürich, Nüschelerstraße 36. Persönliche Bewerbungen durch Besuche sind zwecklos. gandä hätten die Rothschilds noch'auf deutscher '; Erde existiert. Der „Stürmer" hat es schwer. Wenn die;' Juden die Wirtschaftskrise gemacht haben, um den Ariern das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen — und das steht doch fest — dann müßte doch einer •; aus dieser verdammten Rasse unter den fünfzehn! Plutokraten auftauchen als Sieger und Gewinner, j Da das aber nicht der Fall ist, steht der arme Frankenfülirer vor. zwei Alternativen: entweder haben die Juden die Wirtschaftskrise gemacht — wo ist dann ihr Geld geblieben?; oder sie haben die Wirtschaftskrise nicht gemacht, weil sie nicht Geld genug hatten — und mit einer solchen., Theorie, ist überhaupt nichts anzufangen. Wie heißt es so schön im Volksmund? „Dem. Stürmer seine Sorgen und den Rothschilds ahr- Geld . . ." '.• * - . '! Und wieder Ritualmordhetze. Trotz des Abscheus, den die seinerzeiöge Ritualmord-Sondernummer des „Stürmer" in der* gesamten Kulturwelt erregt hat, setzt Julius Strei-" eher, der Gauleiter von Franken und intime Freund des Reichsführers Adolf Hitler, die Ritualmordhetze fort. Die letzte Nummer des von ihm herausgegebenen „Stürmer" behandelt ausführlich und mit reichem Bildmaterial den bekannten Lustmord an einem Knaben in X a n t e n aus dem Jahre 1891.; Er veröffentlicht dabei in Photodruck eine Stelle aus dem „Tikune Hasohar" in hebräischen Lettern- und fügt eine falsche und sinnentstellende „Uebersetzung" bei, die das Bestehen des Ritualmords „beweisen" soll. Streicher fordert die Wiederaufnahme des Xantener Prozesses und erzählt, die Bevölkerung Xantens singe jetzt wieder die anti-" jüdischen Lieder aus der Mordzeit und werde sich nicht beruhigen, bis nicht alle Juden die Gegend des Rheins verlassen haben werden. Dafür werden die Nazis sorgen. Am Abend des 29. Juni 1891 wurde in der Scheune des christlichen Schankwirts Küppersin Xanten die Leiche des fünfjährigen Knaben Johann Hegman mit einer klaffenden Halswunde gefunden.. Unter dem Druck der antisemitischen Presse und. der verhetzten Bevölkerung wurde der S.chäch.-, fer def Xanterier* S"y nago'g'ehsre? meinde Adolf Buschhoff des Ritualmordes angeklagt In dem vor dem Schwurgericht zu Cleve vom 4. bis 14. Juli 1892 verhandelten Tendenzprozeß wurde jedoch bewiesen, daß der Fundort auch der Tatort gewesen sei, das Kind also nicht in Buschhoffs Hause getötet worden sein konnte. Durch die ärztlichen Gutachten wurde festgestellt, daß für die Annahme einer Beiseiteschaffung von Blut auch nicht der geringste Anhaltspunkt vorlag. Buschhoff wurde freigesprochen. Wieder einmal: Friede in der zionistischen Bewegung. In London ist soeben ein sehr bedeutende? SchritW zur Befriedt&'ng der zionistischen Bewegung getan worden. In Fortführung der vor einiger Zeit zwischen Mitgliedern der Exekutive der Zionistischen Weltorganisarion und einigen Führern der Union der Zionisten- Revisionisten begonnenen Verhandlungen haben sich in den letzten Tagen das Mitglied der Zionistischen Exekutive- David Ben Gurion, bekanntlich auch Führer der Histadruth Hapoaiim in Palästina, und der Schöpfer des Revisionismus und Präsident der Union der Zionisten-Revüsionisten Wladimir Jabotinsky zu einer Beratung von Mann zu Mann zusammengefunden. Die Beratungen zwischen den beiden dauerten einen vollen Tag und eine volle Nacht. Als Ergebnis derselben wurde ein Abkommen ausgearbeitet und von Ben Gurion im Namen der Zionistischen Exekutive, von Jabotinsky im Namen der Union der Zionisten- Revisionisten verbindlich unterzeichnet. Das Abkommen enthält Garantie-Bestimmungen gegen Anwendung von Terror und Gewalt im Kampf zwischen den Parteien und für eine friedvolle Zusammenarbeit zwischen den Parteien innerhalb der zionistischen Bewegung-. Andere Punkte des Abkommens betreffen die Vermeidung von Arbeitskonflikten in Palästina durch eine richtige Verteilung der Arbeit unter den einzelnen Gruppen. Die Unterzeichnung des Abkommens zwischen Ben Gurion und Jabotinsky hat in London und — wie. bei der JTA aus verschiedenen Teilen der Welt einheftende Telegramme besagen — unter den Zionisten aller Länder Sensation und zugleich tiefe Befriedigung hervorgerufen; es bleibt aber abzuwarten, ob dieses Abkommen nicht gleich vielen Verträgen unserer Tage — ein Fetzen Papier wird.

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